Non DubitoEssays in the Self-as-an-End Tradition
← Dazhis Daodejing-Kommentar
Dazhis Daodejing-Kommentar
Kapitel 63

Bevor wir sagen: Das ist doch leicht

Chinesischer Text dieses Kapitels

Seidenhandschriften · chinesische Textfassung dieses Kommentars

为无为,事无事,味无味,大小多少,报怨以德。图难乎其易也,为大乎其细也。天下之难作于易,天下之大作于细。是以圣人终不为大,故能成其大。夫轻诺必寡信,多易必多难。是以圣人猷难之,故终于无难。

Zur Textfassung und Zeichensetzung

Der chinesische Text folgt dem kommentierten Dao De Jing des Autors (《道德经注·君子不器》). Diese Fassung berücksichtigt beide Seidenhandschriften, A und B, sowie editorische Berichtigungen und Ergänzungen; sie gibt keine der beiden Handschriften Zeichen für Zeichen wieder. Die Kapitelnummern folgen der überlieferten Standardfassung, die Satzzeichen dem Kommentar. Beim Wechsel der Lesesprache bleibt der chinesische Wortlaut unverändert.

Den zugrunde liegenden Aufsatz lesen (Englisch / Chinesisch)

I. Ein zu schnelles Versprechen

Die Aufgabe ist noch nicht ganz erklärt, da fällt schon die Zusage: Kein Problem, bis Freitag ist das erledigt. Alle atmen auf. Jemand plant mit dem Ergebnis weiter, verschiebt eine andere Lösung, gibt die gute Nachricht weiter. Erst am Donnerstag wird sichtbar, dass eine wichtige Voraussetzung fehlt und der aufwendigste Teil noch gar nicht begonnen wurde.

Eine andere Person hätte langsamer zugesagt. Sie hätte nachgefragt, den Umfang geprüft, vielleicht einen Teil verbindlich übernommen und einen anderen offengelassen. Im ersten Augenblick wirkt das weniger souverän. Später zeigt sich, dass gerade diese Zurückhaltung den anderen eine brauchbare Grundlage für ihre Entscheidungen gegeben hat.

„多易必多难“: Wer zu vieles leichtnimmt, bekommt viele Schwierigkeiten. Das dreiundsechzigste Kapitel lobt nicht den Menschen, der überall Probleme sieht. Es fragt, ob wir einer Sache genügend Wirklichkeit zugestehen, bevor wir über sie verfügen. Ein Vorhaben ernst zu nehmen kann leichter machen, was durch die schnelle Behauptung seiner Leichtigkeit erst schwer wird.

Damit endet die in dieser Reihe zusammengestellte Gruppe der Kapitel 55 bis 63. Von der Weichheit des Neugeborenen führt sie zu einer unspektakulären Fähigkeit: vor einer Zusage wirklich hinzusehen.

II. Handeln, ohne die Arbeit zu vermehren

„为无为,事无事,味无味“ verbindet drei scheinbare Widersprüche: handeln im Nichterzwingen, Angelegenheiten ohne zusätzliche Geschäftigkeit besorgen, das Geschmacklose kosten. Sie lassen sich als gemeinsame Frage lesen: Was braucht die Sache, und was fügen wir nur hinzu, damit unsere Beteiligung sichtbar wird?

Zwei Menschen müssten ihre Zuständigkeiten klären. Stattdessen entsteht eine Arbeitsgruppe, dann eine Übersicht der offenen Fragen, schließlich ein Termin zur Abstimmung dieser Übersicht. Nichts davon ist grundsätzlich falsch. Aber das notwendige Gespräch kann unter den Zeichen seiner Vorbereitung verschwinden. Die Organisation der Arbeit wird zur Ersatzhandlung.

„无为“ bedeutet in dieser Anwendung nicht, Verantwortung abzugeben. Es bedeutet, den wirksamen Schritt von der Geschäftigkeit zu unterscheiden. „无事“ hält uns davon ab, für eine Lösung neue Probleme zu erzeugen. Die notwendige Arbeit darf gerade deshalb stattfinden, weil wir nicht alles um sie herum vergrößern.

„味无味“ führt denselben Gedanken in den Alltag. Ein gewöhnliches Essen, eine ruhige Begegnung, ein Abend ohne neue Meldungen müssen nicht durch besondere Reize gerechtfertigt werden. Kapitel 35 sprach vom unscheinbaren Geschmack des Dao. Das Vermindern aus Kapitel 48, die Zurückhaltung aus Kapitel 57 und der kleine Fisch aus Kapitel 60 gehören dazu: Das Feuer bleibt an; nur das unablässige Wenden hört auf.

III. Auf Feindseligkeit antworten, ohne ihr alles zu überlassen

„大小多少,报怨以德“ verbindet die Aufmerksamkeit für Klein und Wenig mit dem Umgang mit Feindseligkeit. „报怨以德“ hat unterschiedliche Auslegungen erfahren. „报“ kann Antworten oder Erwidern bedeuten; man kann den Satz nicht sprachlich darauf beschränken, nur vor einer Verletzung zu handeln.

Die Gespräche des Konfuzius, 14.34, enthalten dazu eine andere Stimme: Feindseligkeit mit Geradheit beantworten, Güte mit Güte. Der Vergleich ist fruchtbar, ohne dass wir eine historische direkte Antwort auf Laozi behaupten müssen. Er hält die Frage wach, wie eine Antwort gerecht bleiben kann.

Diese Auslegung legt einen besonderen Akzent auf den frühen Moment. Einen Fehler benennen heißt nicht, den Menschen zusätzlich zu demütigen. Eine Forderung ablehnen heißt nicht, den Fordernden für wertlos zu erklären. Wir können manche Feindseligkeit vermeiden, die erst durch unseren Wunsch entsteht, neben dem Problem auch die Person zu besiegen.

Wo Schaden bereits geschieht, reicht Vorbeugung allerdings nicht. Nicht anzugreifen schützt niemanden zuverlässig vor Angriffen. Sich wehren, Hilfe suchen, Verantwortung einfordern oder gehen kann eine angemessene Antwort sein. Die Verantwortung für Gewalt wird nicht dadurch auf Betroffene übertragen, dass wir über Besonnenheit sprechen.

Auch die Bilder aus Kapitel 50, 55, 56 und 60 verleihen keine Unverletzlichkeit. Ihr tragfähiger Zusammenhang ist bescheidener: keine unnötige Gefahr und keine zusätzliche Feindschaft herstellen. Das Verhalten eines anderen soll nicht automatisch bestimmen, was für ein Mensch wir in unserer Antwort werden. Gerechtigkeit muss dabei nicht dem Frieden des äußeren Anscheins geopfert werden.

IV. Das Schwierige hat manchmal eine kleine Gestalt

„图难乎其易也,为大乎其细也“: Das Schwierige dort angehen, wo es noch leicht ist; das Große dort beginnen, wo es noch klein ist. Ein Fehler im Programm lässt sich vielleicht mit einer begrenzten Änderung beheben. Wird er von mehreren weiteren Teilen vorausgesetzt, kann dieselbe Korrektur später einen ganzen Betrieb unterbrechen.

Ein Missverständnis im Team hat eine ähnliche Entwicklungsmöglichkeit. Am Anfang streiten zwei Menschen darüber, wer eine Aufgabe übernehmen sollte. Monate später streiten sie darüber, ob auf den anderen überhaupt Verlass ist. Die sachliche Unklarheit hat Geschichten über Charakter und Absicht angesammelt. Ein frühes Gespräch hätte nicht sicher alles gelöst, aber weniger auf einmal tragen müssen.

Von der anderen Seite betrachtet braucht jedes große Vorhaben eine Stelle, an der die Hand ansetzen kann. Wer ein Buch schreiben will, muss heute einen Gedanken verständlich machen. Wer ein Team aufbauen will, muss heute eine Verantwortung klären. Die Größe des Ziels erledigt diese Arbeit nicht stellvertretend.

Nicht jedes Unglück hat ein rechtzeitig erkennbares kleines Vorzeichen. Nicht jeder Misserfolg beweist mangelnde Aufmerksamkeit, und sorgfältige Einzelarbeit garantiert keinen Erfolg. Entscheidend ist, mit dem Erkennbaren vernünftig umzugehen: Was wir schon sehen und bearbeiten können, nicht allein deshalb verschieben, weil es noch nicht dramatisch aussieht. Für das Unvorhersehbare brauchen wir Spielraum, nicht nachträgliche Schuldgewissheit.

V. Die Sache muss nicht unsere Größe beweisen

„是以圣人终不为大,故能成其大“: Die weise Person macht sich nicht fortwährend groß und kann gerade dadurch Großes zustande bringen. Der Satz lässt sich zugleich auf die Arbeit im Kleinen und auf das Selbstbild beziehen.

Wer bei jedem Vorhaben beweisen muss, eine bedeutende Person zu sein, bekommt zusätzliche Aufgaben. Kleine Fehler dürfen nicht sichtbar werden. Unauffällige Arbeiten erscheinen unter der eigenen Würde. Fragen an weniger erfahrene Menschen drohen die Rangordnung zu beschädigen. Während man das eigene Bild schützt, bleibt für die Sache immer weniger Aufmerksamkeit übrig.

Kapitel 34 beschrieb eine Größe, die sich nicht selbst als Größe einsetzt. Kapitel 62 unterschied Wert von äußerer Ehrenstellung. Hier wird daraus eine Arbeitsweise: den nötigen Schritt tun, auch wenn er keine eindrucksvolle Rolle anbietet.

Das verlangt keine Geringschätzung der eigenen Fähigkeiten. Man darf etwas können, es benennen und sich über ein Ergebnis freuen. Die Frage ist, was geschieht, wenn eine unerfahrene Person einen übersehenen Fehler entdeckt. Schützen wir das Vorhaben oder die Behauptung, uns könne nichts entgehen? Ein Selbstbild, das für einen Augenblick zur Seite treten kann, schafft oft genau den Raum, in dem die Arbeit weitergeht.

VI. Sorgfalt ohne Daueranspannung

„夫轻诺必寡信,多易必多难“ verbindet leichtfertiges Versprechen mit schwindender Verlässlichkeit. Ein Versprechen betrifft nicht nur den Ruf dessen, der es ausspricht. Andere ordnen ihr Handeln danach. Eine unbegründete Zusage nimmt ihnen Informationen, die sie für ihre eigene Planung gebraucht hätten.

Man kann verbindlich sein, ohne Gewissheit vorzutäuschen: Diesen Teil kann ich zusagen; bei jenem hängt es noch von einer Rückmeldung ab. Sobald sich etwas ändert, melde ich mich. Solche Sätze klingen weniger glänzend als eine umfassende Garantie, behandeln das Gegenüber aber als jemanden, der mit der Wirklichkeit umgehen darf.

Die gewählte Fassung schreibt „猷难之“ an der Stelle, die häufig als „犹难之“ erscheint: Die weise Person betrachtet die Schwierigkeit ernsthaft und gelangt so schließlich zum „无难“, zum Ausbleiben der Schwierigkeit. Die Pointe ist nicht, dass sorgfältige Menschen niemals überrascht werden. Sie erzeugen weniger vermeidbare Schwierigkeiten durch ihre eigene Leichtfertigkeit.

Sorgfalt ist auch nicht Perfektionismus. Wer erst anfangen darf, wenn jede Ungewissheit beseitigt ist, kann sich durch Vorbereitung genauso lähmen wie durch Leichtsinn. Ein angemessener Anfang, Zwischenprüfungen und rechtzeitige Korrekturen tragen oft weiter als endlose Sorge. Die Sache erhält ihr Gewicht und bleibt dennoch klein genug, dass man den nächsten Schritt tun kann.

VII. Eine wirkliche Bewegung statt eines neuen Programms

Vielleicht braucht es nach diesem Kapitel keinen neuen Vorsatzkatalog. Eine liegengebliebene Kleinigkeit genügt. Ist sie wirklich unwichtig, oder wurde sie nur immer wieder von etwas Lauterem verdrängt? Eine kurze Nachricht, eine Korrektur, ein Gespräch könnte heute noch überschaubar sein.

Auch eine bereits gegebene Zusage lässt sich ehrlich ansehen. Wird sie unhaltbar, ist frühes Bescheidsagen meist verlässlicher als ein größeres Ersatzversprechen am letzten Tag. Vertrauen verlangt nicht, dass Pläne niemals geändert werden. Es verlangt, andere nicht unnötig lange auf einer Grundlage handeln zu lassen, die wir selbst bereits für falsch halten.

In einem Streit können zwei Anliegen getrennt werden: das Problem lösen und den anderen beschämen. Das erste mag dringend sein. Das zweite muss nicht mit erledigt werden. Einen Angriff weniger hinzuzufügen kann den Raum für eine klare Grenze vergrößern, statt ihn zu verkleinern.

Schließlich darf das Gewöhnliche wieder Gewicht bekommen. Heute muss keine große Tat geschehen, damit ein klarer Absatz, eine geklärte Aufgabe oder ein aufmerksam gegessenes Abendessen wirklich zählt. „味无味“ heißt auch, bei einer Sache anwesend sein zu können, bevor sie außergewöhnlich geworden ist.

VIII. Von der Weichheit zur Verlässlichkeit

Die neun Kapitel dieser Lesegruppe bilden eine redaktionelle Ordnung der Reihe, keinen nachgewiesenen Bauplan des antiken Autors. Dennoch lässt sich ein Zusammenhang hören. Kapitel 55 begann bei der Weichheit und Lebendigkeit des Kindes, 56 bei einem Urteil, das nicht vollständig durch Nähe, Nutzen und Rang beherrscht wird.

Kapitel 57 untersuchte die Last übermäßigen Eingreifens; 58 die Veränderlichkeit von Glück und Unglück; 59 die Pflege der Grundlagen, von denen unser Handeln lebt. In 60 wurde Fürsorge von ständigem Herumwenden unterschieden. 61 verlangte Zurückhaltung von der stärkeren Seite, 62 hielt die Möglichkeit der Veränderung offen.

Hier mündet dieser Weg in Verlässlichkeit. Kraft kann darin liegen, etwas nicht sofort festzulegen, einen kleinen Vorgang nicht zu übergehen, den eigenen Rang nicht in jede Aufgabe hineinzutragen. Keines dieser Dinge verspricht ein Leben ohne Mühe. Zusammen können sie die Mühe vermindern, die wir unserer Lage selbst hinzufügen.

Wenn das nächste „Kein Problem“ schon auf der Zunge liegt, genügt vielleicht eine kleine Unterbrechung. Erst noch eine Frage. Erst ein Blick auf die Bedingungen. Ernsthaftigkeit braucht keinen lauten Beginn. Man erkennt sie oft daran, dass andere sich auf das leise Gesagte verlassen können.


Ausführliche Anmerkungen und Textvergleiche: Abhandlung VII, Zenodo-Ausgabe. Frühere Abhandlungen: I, II, III, IV, V, VI.