Dao weist niemanden wegen seiner Vergangenheit ab
Schatz und Schutz
Dao ist der verborgene Mittelpunkt der zehntausend Dinge: Schatz des guten Menschen und das, wodurch der nicht gute bewahrt wird. Laozi teilt die Welt nicht in würdige Gerettete und endgültig Verworfene. Gerade weil jeder Mensch mehr ist als sein gegenwärtiges Konstrukt, bleibt auch im Fehlenden ein Rest, von dem Veränderung ausgehen kann.
Schöne Worte können Marktwert schaffen, ehrenvolles Verhalten kann gesellschaftlich erhöhen. Doch selbst ein Viergespann und die zeremonielle Präsentation eines Jadebi reichen nicht an das stille Sitzen und Eintreten in Dao heran. Äußere Würde kann einen Menschen auszeichnen; sie kann ihm nicht die offene Quelle seiner Möglichkeit verleihen.
Suchen, finden, nicht aufgeben
Warum ehrten die Alten Dao? Weil der Suchende darin findet und der Schuldige nicht endgültig verworfen wird. Nicht-Verwerfen hebt Verantwortung nicht auf. Folgen, Schutzgrenzen und Wiedergutmachung bleiben nötig. Aber die Tat darf nicht zum metaphysischen Urteil werden, dass aus diesem Menschen nichts anderes mehr entstehen könne.
Darum ist Dao unter dem Himmel kostbar. Seine Kostbarkeit besteht nicht in Exklusivität, sondern in radikaler Zugänglichkeit. Eine hervorbringende Institution fragt beim Scheitern nicht nur, wie sie Gefahr begrenzt, sondern auch, welcher Weg zurück offenbleibt. Gerechtigkeit ohne Zukunft schließt den Menschen in seine Vergangenheit; Dao bewahrt den Rest, aus dem eine andere Handlung noch möglich ist.