Non DubitoEssays in the Self-as-an-End Tradition
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Dazhis Daodejing-Kommentar
Kapitel 48

Was wir nicht mehr mittragen müssen

Chinesischer Text dieses Kapitels

Seidenhandschriften · chinesische Textfassung dieses Kommentars

为学者日益,闻道者日损,损之又损,以至于无为。无为而无不为,将欲取天下也恒无事,及其有事也又不足以取天下矣。

Zur Textfassung und Zeichensetzung

Der chinesische Text folgt dem kommentierten Dao De Jing des Autors (《道德经注·君子不器》). Diese Fassung berücksichtigt beide Seidenhandschriften, A und B, sowie editorische Berichtigungen und Ergänzungen; sie gibt keine der beiden Handschriften Zeichen für Zeichen wieder. Die Kapitelnummern folgen der überlieferten Standardfassung, die Satzzeichen dem Kommentar. Beim Wechsel der Lesesprache bleibt der chinesische Wortlaut unverändert.

Den zugrunde liegenden Aufsatz lesen (Englisch / Chinesisch)

I. Wachstum als verlängerte Liste

Ein Lebenslauf soll länger werden. Eine Fähigkeit kommt hinzu, ein Projekt, ein Abschluss, eine neue Rolle. Wir lernen, unsere Entwicklung als wachsende Liste zu erzählen: Das konnte ich früher nicht, das habe ich inzwischen erreicht, das wird als Nächstes dazukommen.

Vieles daran stimmt. Ein Handwerk lernt sich nicht durch das Weglassen seiner Übungen. Wer eine Sprache erwirbt, gewinnt tatsächlich Möglichkeiten. Wissen, Erfahrung und Kontakte können Türen öffnen, die vorher verschlossen waren. Doch neben diesen Fähigkeiten sammelt sich häufig eine zweite, weniger sichtbare Ausstattung: Vorstellungen davon, wie jemand mit unseren Fähigkeiten jederzeit erscheinen muss.

Nun genügt es nicht mehr, etwas zu wissen. Man muss der Mensch sein, der es schon immer gewusst hat. Es genügt nicht, Verantwortung zu übernehmen. Niemand darf bemerken, dass man Unterstützung braucht. Zur eigentlichen Arbeit ist die Pflege einer Darstellung hinzugekommen.

Kapitel 48 stellt der Bewegung des Hinzufügens eine andere gegenüber: „为学者日益,闻道者日损。“ Wer lernt, vermehrt täglich; wer das Dao hört, vermindert täglich. Das Kapitel lässt mich fragen, was eine Entwicklung gewinnen könnte, die nicht nur mehr Fähigkeiten erwirbt, sondern auch unnötige Last ablegt. Nicht weniger Mensch werden. Weniger mittragen müssen, um Mensch sein und handeln zu können.

II. Lernen und Hören

为学 bezeichnet das Lernen. Es wäre zu bequem, dem Wort von vornherein nur Eitelkeit zuzuschreiben, damit die andere Seite des Gegensatzes leicht gewinnt. Auch Wang Bis alte Erläuterung bringt Lernen mit dem Fortschreiten in Fähigkeit und Übung zusammen. Wang Bis Kommentar.

Der Gegensatz betrifft zwei Richtungen. Im Lernen kommt etwas hinzu: ein Verfahren, eine Unterscheidung, eine Erfahrung. Im Hören des Dao kann etwas zurücktreten: die fertige Erwartung, der Zwang zur Behauptung, die Vorstellung, jede Lage müsse in mein vorhandenes Schema passen. Beide Bewegungen können in derselben Person stattfinden.

Diese Reihe folgt 闻道, „das Dao hören“, statt dem verbreiteten 为道. Das Hören betont für unsere Lektüre die Bereitschaft, etwas an sich herankommen zu lassen. Daraus muss kein Vorwurf an die andere Fassung werden, als meine „das Dao verfolgen“ notwendig Besitzgier. Entscheidend ist hier die Beziehung zur Sache: Will ich etwas nur noch als meinen Erwerb registrieren, oder darf es meine Art zu sehen verändern?

Eine Expertin hört eine Beschreibung, die nicht zu ihrer Erfahrung passt. Ihr Wissen erlaubt ihr, die Schwierigkeit zu erkennen. Dieselbe Erfahrung könnte sie aber auch dazu verleiten, die Beschreibung abzuweisen. Das tägliche Vermindern bestünde nicht darin, ihr Fachwissen zu verlieren. Sie müsste einen anderen Zusatz loslassen: „Was ich nicht kenne, kann nicht vorkommen.“

So setzt sich Kapitel 47 fort. Tiefer verstehen heißt nicht immer, ein weiteres Stück auf den Stapel zu legen. Manchmal muss eine Erklärung, die den Blick inzwischen verstellt, beiseitegeräumt werden, damit vorhandenes Wissen wieder arbeiten kann.

III. Vermindern ist eine genaue Arbeit

Etwas loszulassen kann schwerer sein, als noch etwas zu erwerben. Nicht weil Lernen leicht wäre, sondern weil eine Gewohnheit mit der eigenen Lebensgeschichte verwachsen sein kann. Ein Titel bezeichnet dann nicht nur eine Tätigkeit. Er schützt vor der Frage, wer man ohne die ständige Anerkennung dieses Titels sein dürfte.

Die alte Überzeugung „Ich darf keine Schwäche zeigen“ hat vielleicht einmal geholfen, eine schwierige Umgebung auszuhalten. Später verhindert sie, rechtzeitig Hilfe zu holen. Sie einfach zu beschimpfen wäre ebenso grob wie sie unverändert zu bewahren. Es braucht Unterscheidung: Was hat mich daran geschützt? Was kostet es mich heute? Welche andere Stütze brauche ich, wenn ich einen Teil davon aufgebe?

Die Arbeit erinnert eher an den genauen Gebrauch eines Skalpells als an einen groben Schnitt. Gute Chirurgie entfernt nicht wahllos, sondern unterscheidet, bewahrt und versorgt. Als Bild für die Selbstprüfung taugt diese Genauigkeit besser als Härte gegen sich selbst. Wir sollen weder Personsein noch Gewissen, Verpflichtungen oder schützende Grenzen herausschneiden.

Praktisch kann die Arbeit klein beginnen. In einer Sitzung einmal sagen: „Diesen Punkt muss ich prüfen.“ Einen Fehler berichtigen, ohne zunächst drei Gründe zu liefern, warum er eigentlich keiner war. Ein Amt abgeben, dessen Pflege mehr Kraft verbraucht als die Sache, der es dienen sollte.

Kapitel 33 spricht von der Stärke im Umgang mit sich selbst. Hier könnte sie bedeuten, eine vertraute Verteidigung nicht sofort wieder aufzubauen. Man wird dadurch nicht schlagartig frei von allen Prägungen. Aber eine konkrete Last kann leichter werden, und die dabei gewonnene Aufmerksamkeit steht wieder dem Leben zur Verfügung.

IV. Noch einmal weniger

„损之又损,以至于无为。“ Vermindern und wieder vermindern, bis zum Wuwei. Die Wiederholung ist wichtig. Ein erkanntes Muster verschwindet nicht unbedingt, weil wir einen überzeugenden Satz darüber gefunden haben.

Man beschließt, nicht mehr als unfehlbarer Fachmann aufzutreten. Einige Wochen gelingt es. Dann kommt eine neue Person ins Team, stellt eine unbequeme Frage, und schon ist die alte Eile zurück: sofort antworten, keine Unsicherheit zeigen. Die Arbeit beginnt erneut, nun an einem anderen Anlass.

Auch das Loslassen selbst kann eine Rolle werden. Wer unbedingt der gelassenste Mensch im Raum sein möchte, hat der Selbstdarstellung nur einen neuen Inhalt gegeben. Darum ist „wieder vermindern“ hilfreicher als die Vorstellung einer einmaligen großen Reinigung. Es erlaubt, auch die nächste Verwicklung zu bemerken, ohne die vorherige Mühe für wertlos zu erklären.

Wuwei lese ich hier als ein Handeln, das weniger von solchen Zusatzaufgaben besetzt ist. Es muss nicht bei jeder Gelegenheit beweisen, was für ein Mensch der Handelnde ist. Die Aufmerksamkeit kann sich an dem orientieren, was ansteht.

Das ist keine letzte, vollkommen unverstellte Identität, die unter allen Beziehungen fertig auf uns wartet. Auch ein freieres Leben bleibt geprägt, lernend und verletzlich. Der Unterschied ist bescheidener und brauchbarer: Nicht jede Prägung muss jede nächste Handlung regieren.

V. Die Arbeit und ihre zweite Bühne

„无为而无不为。“ Wuwei, und nichts bleibt außerhalb des Handelns. Die große Formulierung lenkt auf eine weiter werdende Antwortfähigkeit. Sie verspricht keine Allmacht. Nicht alles gelingt, nur weil jemand bescheiden arbeitet; Können, Mittel, andere Menschen und Zufälle wirken weiterhin mit.

Dennoch lässt sich eine sehr reale Entlastung beschreiben. Stellen Sie sich vor, Sie sollen ein Problem erklären. Ein Teil Ihrer Aufmerksamkeit gilt dem Problem, ein anderer Teil beobachtet Sie selbst: Klinge ich klug? Verrät diese Nachfrage eine Lücke? Wird eine einfache Antwort meiner Stellung gerecht?

Diese zweite Bühne verlangt Regie. Man formuliert umständlicher, verzögert eine nötige Frage, hält eine schlechte Erklärung länger fest. Vielleicht dient der zusätzliche Aufwand am Ende weniger der Lösung als der Vermeidung eines kurzen Augenblicks der Unsicherheit.

Wird diese Pflicht schwächer, kann Professionalität deutlicher werden. Die Fachperson fragt rechtzeitig nach, prüft einen Widerspruch und wählt die verständliche Darstellung. Sie darf ihre Leistung kennen und dafür Anerkennung erwarten. Nur muss nicht jeder einzelne Handgriff gleichzeitig eine Reklame für sie sein.

Auch der Wunsch, unbedingt vorn zu bleiben, kann Aufmerksamkeit binden. Eine Kollegin schlägt etwas Nützliches vor, doch wir hören darin zuerst eine Bedrohung unserer Stellung. Lassen wir diesen kleinen Wettbewerb los, können wir ihren Vorschlag prüfen und verwenden. Das garantiert keinen Sieg. Es verhindert aber, dass wir eine Verbesserung ausschlagen, nur weil sie von jemand anderem kommt.

Das verbindet sich mit Kapitel 37: Nicht jedes Gelingen muss aus möglichst vielen sichtbaren Eingriffen bestehen. Manchmal wird eine Arbeit dadurch besser, dass eine überflüssige Aufgabe entfällt — die Aufgabe, währenddessen ununterbrochen als besonders fähig zu erscheinen. Die frei werdende Kraft kann in das fließen, wofür Fähigkeit überhaupt gebraucht wird.

VI. Nicht festhalten müssen heißt nicht heimlich besitzen

Der Schluss vergrößert den Maßstab: „将欲取天下也恒无事,及其有事也又不足以取天下矣。“ Wer die Welt übernehmen will, soll beständig von unnötiger Geschäftigkeit absehen; sobald er sie damit überzieht, reicht es nicht mehr, sie zu übernehmen.

取天下 besitzt einen politischen Horizont. Mit Kapitel 29 lässt sich darin die Warnung hören, ein Gemeinwesen wie einen Gegenstand zu behandeln, den man durch genügend Eingriffe in den Griff bekommt. Menschen haben eigene Bedürfnisse, Kenntnisse und Zwecke. Eine Ordnung muss mit ihnen arbeiten können.

Zurückhaltung ersetzt dabei keine Institutionen. Versorgung, Schutz, nachvollziehbare Regeln und verantwortliche Entscheidungen brauchen Arbeit. Entfallen soll die Unruhe, die allein daraus entsteht, dass eine Macht jede selbstständige Regung als Verlust ihrer Größe erlebt. Weniger Herrschaftsgeste kann mehr verlässliches Regieren ermöglichen.

Dasselbe Motiv findet sich in kleineren Beziehungen. Wer Nähe mit dauernder Kontrolle sichern will, kann die Freiwilligkeit beschädigen, die diese Nähe trägt. Lockerer zu lassen macht den anderen aber nicht auf raffinierte Weise zu unserem Besitz. Er bleibt frei, auch zu gehen. Der Sinn der Veränderung liegt in einer weniger bedrängenden Beziehung, nicht in einer versteckten Erfolgsstrategie.

Bei einem Produkt zeigt sich der Unterschied zwischen Dienst und Festhalten besonders deutlich. Ein Nutzer kann bleiben, weil das Produkt zuverlässig hilft und der Anbieter gut zuhört. Er kann auch bleiben, weil der Ausstieg umständlich gemacht wurde. Beide Fälle mögen kurzfristig dieselbe Zahl liefern; sie bezeichnen nicht dieselbe Beziehung. Die Qualität zu verbessern ist Arbeit. Menschen unnötig zu binden erzeugt weitere Arbeit und weiteres Misstrauen.

Auch ein Ruf lässt sich überpflegen. Wer ständig zeigen muss, wie zuverlässig er ist, hat weniger Zeit, Zusagen einzuhalten. Eine sachliche Darstellung der eigenen Arbeit kann nötig sein; öffentliche Anerkennung ist trotzdem nicht vollständig herstellbar. Solide Arbeit lohnt sich nicht erst, wenn ihr der gewünschte Ruf garantiert folgt.

So wird aus „nicht greifen“ keine neue Technik des Erwerbens. Es wird die Bereitschaft, das eigene Tun an einem guten Verhältnis zur Sache und zu den Beteiligten zu messen, nicht ausschließlich daran, wie viel davon am Ende als eigener Besitz erscheint.

VII. Eine Last auswählen

In einer Zeit der langen Listen kann man mit einer kleinen Gegenfrage beginnen: Was muss ich nicht zusätzlich zu dieser Aufgabe noch sein? Vielleicht müssen Sie eine verständliche Erklärung geben, aber nicht als die Person gelten, die nie etwas nachlesen muss. Vielleicht müssen Sie ein Kind unterstützen, aber nicht beweisen, dass jede seiner Entscheidungen Ihre Erziehung bestätigt.

Beim Lernen lohnt eine doppelte Prüfung. Welche Fähigkeit möchte ich wirklich erwerben? Und welche Vorstellung hängt unnötig daran — etwa, ein neuer Abschluss müsse endlich jeden Zweifel an meinem Wert beenden? Die Fähigkeit verdient Übung. Die Zusatzforderung darf geprüft und gegebenenfalls abgelegt werden.

Beim Arbeiten beobachten Sie einen Moment, in dem die Darstellung Ihrer Kompetenz mit der Aufgabe konkurriert. Versuchen Sie eine konkrete andere Handlung: früher fragen, knapper erklären, einen Fehler ohne Vorrede berichtigen. So wird Vermindern nicht zur Weltanschauung über den eigenen Charakter, sondern zu einer erfahrbaren Änderung.

Beim Festhalten fragen Sie, was das Gegenüber tatsächlich braucht. Ein Kunde braucht vielleicht eine gute Auskunft statt einer weiteren Bindungsmaßnahme. Ein Freund braucht vielleicht ein ehrliches Gespräch statt der nächsten Bestätigung Ihrer Unentbehrlichkeit. Was bleibt, wenn Sie den Zwang, sich durch diese Beziehung zu beweisen, ein Stück zurücknehmen?

Es wird nicht nichts bleiben. Fähigkeiten, Wünsche, Verantwortung und Geschichte bleiben. Auch Mühe bleibt. Aber die Mühe kann genauer werden. Man muss weniger Kraft darauf verwenden, eine Beschreibung seiner selbst zu bewachen, und hat mehr für das übrig, was dieser Beschreibung überhaupt erst Gehalt geben könnte.

Vermindern und wieder vermindern: nicht bis Sie verschwinden, sondern bis zwischen Ihnen und der nächsten wirklichen Aufgabe etwas weniger unnötiger Aufwand steht. Vielleicht ist das eine Form von Leichtigkeit, die nicht aus weniger Leben entsteht, sondern aus weniger Gepäck beim Leben.


Ausführlicher Kommentar und Textentscheidungen: Aufsatz 6 online und auf Zenodo. Frühere Teile: Aufsatz 1, Aufsatz 2, Aufsatz 3, Aufsatz 4, Aufsatz 5.