Non DubitoEssays in the Self-as-an-End Tradition
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Dazhis Daodejing-Kommentar
Kapitel 48

Subtrahieren ist schwieriger als addieren

Zwei Bewegungsrichtungen

Wer Gelehrsamkeit betreibt, fügt täglich hinzu; wer Dao hört, vermindert täglich. Das ist kein Angriff auf Lernen. Wei xue bezeichnet eine Praxis, in der Wissen als Bestand und Identität angehäuft wird: mehr Begriffe, Zertifikate, Methoden und Beweise dafür, wer man ist. Dao-Praxis fragt umgekehrt, welche dieser Schichten inzwischen die unmittelbare Begegnung mit der Sache verhindert.

Verminderung ist aktiv und präzise wie ein chirurgischer Schnitt. Man entfernt nicht Fähigkeiten, sondern den Anspruch, von ihnen vollständig definiert und legitimiert zu werden. Unter einem Schild erscheint oft ein weiteres: hinter „Experte“ das Bedürfnis, unangreifbar zu sein, dahinter die Angst, ohne Leistung keinen Platz zu haben. Darum vermindert man weiter und weiter.

Bis zum Nicht-Erzwingen

Die Bewegung gelangt zum Wuwei. Das heißt nicht, dass am Ende nichts getan wird. Ohne die Zusatzarbeit der Selbstbestätigung kann die eigentliche Tätigkeit vollständiger geschehen; deshalb bleibt beim Nicht-Erzwingen nichts ungetan. Der Könner antwortet der Situation, statt zugleich sein Könnerbild zu verteidigen.

Wer die Welt ergreifen will, muss ohne ständig neue Angelegenheit bleiben; sobald er eine Sache aus ihr macht, reicht er nicht mehr aus, sie zu ergreifen. Der politische Satz führt die persönliche Übung weiter: Totaler Besitz erzeugt unendliche Verwaltung. In einer Kultur der Addition ist Subtraktion schwerer, weil sie nicht im Lebenslauf glänzt. Doch gerade das abgelegte Konstrukt gibt Aufmerksamkeit und Handlungsraum zurück.