Non DubitoEssays in the Self-as-an-End Tradition
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Dazhis Daodejing-Kommentar
Kapitel 50

Das Leben nicht mit seiner Bewachung verwechseln

Chinesischer Text dieses Kapitels

Seidenhandschriften · chinesische Textfassung dieses Kommentars

出生入死。生之徒十有三,死之徒十有三,而人之生动皆之死地之十有三,夫何故也?以其生生也。盖闻善执生者,陵行不遇兕虎,入军不被甲兵。兕无所揣其角,虎无所措其爪,兵无所容其刃,夫何故也?以其无死地焉。

Zur Textfassung und Zeichensetzung

Der chinesische Text folgt dem kommentierten Dao De Jing des Autors (《道德经注·君子不器》). Diese Fassung berücksichtigt beide Seidenhandschriften, A und B, sowie editorische Berichtigungen und Ergänzungen; sie gibt keine der beiden Handschriften Zeichen für Zeichen wieder. Die Kapitelnummern folgen der überlieferten Standardfassung, die Satzzeichen dem Kommentar. Beim Wechsel der Lesesprache bleibt der chinesische Wortlaut unverändert.

Den zugrunde liegenden Aufsatz lesen (Englisch / Chinesisch)

I. Wofür sollte diese Vorsorge Zeit schaffen?

Am Anfang steht ein guter Wunsch: den eigenen Körper ernst nehmen, für die Zukunft sorgen, nichts Wichtiges übersehen. Dann wächst die Zahl der Regeln. Noch ein Hinweis zur Gesundheit, noch ein Messwert, noch ein Produkt, das jemand empfohlen hat. Eine Mahlzeit ist nicht mehr einfach eine Mahlzeit, sondern eine Entscheidung, bei der man etwas versäumen könnte.

Bei der Arbeit geschieht etwas Ähnliches. Um Fehler zu vermeiden, muss jede Sache noch einmal durch die eigenen Hände. Um keine Gelegenheit zu verpassen, wird jede zusätzliche Aufgabe angenommen. Die Zukunft soll sicherer werden; dafür steht heute immer weniger freie Zeit zur Verfügung.

Kapitel 50 stellt mich vor dieses Paradox: Kann eine Weise, das Leben zu schützen, gerade das Leben aufzehren, dem sie dienen soll? Die Frage richtet sich nicht gegen den Wunsch zu leben. Sie fragt nach seinen Mitteln.

Wer sich stark absichert, hat vielleicht bereits etwas verloren oder lebt ohne verlässlichen Rückhalt. Ein leichtfertiges „Entspann dich“ hilft dann wenig. Interessanter ist: Welche dieser Anstrengungen trägt wirklich? Welche hält nur eine Sorge in Bewegung? Und welche müsste nicht länger allein getragen werden, wenn geeignete Unterstützung erreichbar wäre?

II. Die Zahlen teilen uns kein Schicksal zu

„出生入死。“ Ins Leben treten, in den Tod eingehen. Vor diesem Hintergrund folgen drei Wendungen mit 十有三: die Gefährten des Lebens, die Gefährten des Todes und die Menschen, deren Bewegung sie an den Ort des Todes führt.

Was 十有三 bedeutet, war bereits unter alten Kommentatoren umstritten. Wang Bi erläutert es als drei Teile von zehn. Heshanggong liest dreizehn und verbindet die Zahl mit neun Körperöffnungen und vier Gelenkbereichen. Das sind verschiedene Auslegungen des Textes, keine modernen Bevölkerungsdaten und keine hier bestätigte medizinische Systematik. Wang Bi, Heshanggong.

Auch wer „drei von zehn“ folgt, erhält damit keine Einteilung in dreißig Prozent angeborene Langlebigkeit, dreißig Prozent unveränderlich schlechtes Schicksal und dreißig Prozent selbst verursachten Untergang. Ebenso wenig entsteht durch Subtraktion eine letzte Elite von zehn Prozent, der nichts mehr zustoßen kann. Der Text ist keine Tabelle, in der Leser ihre Lebensdauer suchen sollen.

Mich beschäftigt die Bewegung in der dritten Formulierung. Ein Mensch möchte leben und handelt doch auf eine Weise, die seine Lebensmöglichkeiten vermindert. Das muss keine feste Menschensorte sein. Es kann eine Lage bezeichnen, in die derselbe Mensch gerät, der gestern noch rechtzeitig eine Pause gemacht hat.

So verändert sich die Frage. Nicht: Zu welcher Schicksalsgruppe gehöre ich? Sondern: Wohin führt mich das, was ich gerade tue? Die erste Frage verleitet zum Etikett. Die zweite lässt eine Handlung prüfen. Krankheit und Lebensdauer sind deshalb kein Urteil über die Weisheit eines Menschen; sie hängen auch von Bedingungen ab, die nicht in seiner Hand liegen.

III. Wenn die Sicherung zur Last wird

„夫何故也?以其生生也。“ Warum geschieht dies? Wegen ihres 生生, ihres Bemühens um das Leben. Die Sorge um Erhaltung und Bereicherung des Lebens wird zum Gegenstand der Prüfung. In dieser Lektüre interessiert mich das Bemühen, das immer weiter erhöht wird, ohne noch nach seiner Wirkung zu fragen.

Gesundheit zu beachten und notwendige Versorgung in Anspruch zu nehmen gehört zur Fürsorge. Etwas anderes ist, jede ungeprüfte Empfehlung aus dem Netz als neue Pflicht zu übernehmen. Dann kann das Suchen nach Sicherheit mehr Aufgaben erzeugen, als es Orientierung gibt. Unklare Gesundheitsfragen verdienen geeignete fachliche Hilfe, nicht eine immer längere Sammlung von Ratschlägen, deren Nutzen für die eigene Lage ungeklärt bleibt.

Kontrolle hat eine ähnliche Dynamik. Ein Verantwortlicher glaubt, nur selbst nachgeprüfte Arbeit sei zuverlässig. Er nimmt immer mehr an sich, während die anderen immer weniger entscheiden dürfen. Bald ist er unentbehrlich geworden — für einen Ablauf, den er nur unter dauernder Überlastung aufrechterhalten kann. Der Wunsch, Fehler auszuschließen, hat ein neues Risiko geschaffen.

Beim Verfolgen von Chancen fällt der eigene Körper leicht aus der Rechnung. Das neue Projekt ist interessant, das alte darf nicht enden, beim nächsten Treffen könnte sich ein wichtiger Kontakt ergeben. Eine freie Stunde sieht dagegen nach keiner Gelegenheit aus. Die Chancen können wirklich gut sein; die Möglichkeit, sie gleichzeitig zu tragen, bleibt begrenzt. Kapitel 46 fragt nach Genug. Hier erhält diese Frage einen leiblichen Sinn: Bleibt noch jemand übrig, der das versprochene Leben tatsächlich genießen kann?

Auch Vorräte und Absicherung brauchen ein Maß, das zu den Umständen passt. Wer in unsicheren Verhältnissen lebt, braucht womöglich mehr Schutz, nicht weniger. Aber jede zusätzliche Vorkehrung lässt sich dennoch daraufhin ansehen, ob sie Gefahr vermindert oder lediglich eine weitere Runde des Besorgtseins verlangt. Dies zu erkennen soll entlasten. Es soll der Sorge nicht noch den Vorwurf hinzufügen, man sorge sich falsch.

IV. Nicht jede vermeidbare Gefahr braucht einen Helden

„盖闻善执生者,陵行不遇兕虎,入军不被甲兵。“ Von dem, der das Leben gut bewahrt, heißt es: Über Land begegnet er nicht Nashorn und Tiger, im Heer treffen ihn keine Waffen. Ein starkes, idealisiertes Bild — als fände die Gefahr keinen Zugang zu ihm.

Für den Alltag möchte ich daraus eine bescheidenere Aufmerksamkeit gewinnen: nicht nur auf die Rettung im letzten Augenblick zu schauen, sondern auf Entscheidungen, die eine Rettung weniger nötig machen. Es gibt Vorsicht, die niemand bemerkt, weil durch sie gerade keine dramatische Szene entsteht.

Vor einem Weg die Bedingungen prüfen. Bei einer Aufgabe Spielraum vorsehen. Vor einer Zusammenarbeit besprechen, wer wofür verantwortlich ist. Solche Handlungen wirken weniger eindrucksvoll als ein Mensch, der später alles im Alleingang rettet. Vielleicht haben sie aber dafür gesorgt, dass die anderen gar nicht erst an den Rand geraten.

Diese Anwendung erschöpft das Bild nicht und verspricht keine Unverletzlichkeit. Wege sind nicht vollständig vorhersehbar; Menschen im Krieg können sich Gefahren oft nicht aussuchen. Glück, Ressourcen und das Verhalten anderer wirken mit. Wer verletzt wurde, wird dadurch nicht nachträglich als unklug entlarvt.

„善执生“, das gute Bewahren des Lebens, bleibt gerade ohne eine solche Garantie sinnvoll. Vermeidbare Risiken zu vermindern lohnt sich. Nötiger Mut zur Rettung, zum Schutz oder zum Widerstand wird dadurch nicht töricht. Es geht um den Unterschied zwischen einer Gefahr, die wir für einen wichtigen Zweck tragen müssen, und einer, in die wir nur gehen, um unsere Härte zu beweisen.

V. Die Mauer und der Platz zum Zurücktreten

Das Bild wird weitergeführt: „兕无所揣其角,虎无所措其爪,兵无所容其刃。“ Das Nashorn findet keinen Ort für sein Horn, der Tiger keinen für seine Krallen, die Waffe keinen für ihre Schneide. Die Antwort lautet: „以其无死地焉。“ Weil es für ihn keinen Ort des Todes gibt.

Ich lese daraus eine Frage an die Gestaltung unseres Lebens: Bringen wir uns unnötig in eine Lage, in der ein einziger ungünstiger Verlauf jeden Spielraum nimmt? Das ist eine praktische Übertragung der zugespitzten Bilder. Sie beweist nicht, der Mensch im Text habe lediglich im Voraus gewusst, auf welchem Weg der Tiger steht, und deshalb den anderen gewählt.

Eine verwandte Vorstellung kennen wir von der gefährdeten Mauer. Der geläufige Spruch „Ein Edler stellt sich nicht unter eine einsturzgefährdete Mauer“ ist eine spätere vertraute Umschreibung. Bei Mengzi lautet die Stelle genau: „是故知命者,不立乎巖牆之下“ — wer das Schicksal versteht, stellt sich nicht unter die bedrohliche Mauer. Mengzi, Jin Xin, erster Teil.

Im Umgang mit Geld kann dieses Bild die Frage anregen, was ein ungünstiger Verlauf anrichten würde. Das Beispiel des Hebels ist hier keine Anlageempfehlung: Eine Konstruktion kann Verluste so verstärken, dass ein einzelner Rückschlag die Möglichkeit nimmt, sich später noch anzupassen. Nicht erst die Geschicklichkeit beim Ausstieg zählt, sondern auch die Belastung, die man vorher eingegangen ist.

In Beziehungen lohnt es, wiederkehrende Drohungen, Demütigungen oder erzwungene Zugeständnisse ernst zu nehmen, statt jede Aufmerksamkeit erst in die Reparatur nach dem nächsten Streit zu stecken. Eine Gefahr zu erkennen heißt allerdings noch nicht, sie allein verlassen zu können. Verlässliche Unterstützung und Schutzmöglichkeiten gehören ebenso zu dieser Frage wie die eigene Entscheidung.

Wer ein Unternehmen führt, kann prüfen, ob alle Zusagen an einem einzigen Ergebnis hängen, das nicht scheitern darf. Eine anpassbare Planung wirkt vielleicht weniger kühn. Sie kann aber verhindern, dass jede Schwierigkeit sofort zur Existenzkrise wird. Nicht jedes Risiko lässt sich vermeiden; es lässt sich dennoch unterscheiden, welches den weiteren Handlungsspielraum vollständig aufs Spiel setzt.

Und es gibt Menschen, deren Alltag bereits unter der gefährdeten Mauer stattfindet: in unsicherer Arbeit, schlechten Wohnverhältnissen, Gewalt oder Krieg. Ihnen zuzurufen, sie sollten klüger stehen, reicht nicht. Wohnraum, Arbeitsschutz und erreichbare Hilfe sind gemeinsame Aufgaben. Die Frage nach dem Leben wäre unvollständig, wenn sie nur die Vorsicht derer betrachtete, die ohnehin einen Ausgang haben.

VI. Zwei Arten, das Leben ernst zu nehmen

Nun lassen sich zwei Haltungen gegenüberstellen, ohne daraus zwei feste Klassen von Menschen zu machen. Beide wollen leben. Sie unterscheiden sich darin, wie sie mit der verbleibenden Unsicherheit umgehen.

Die eine fordert immer neue Nachweise absoluter Sicherheit. Jede offene Frage verlangt mehr Kontrolle, jede mögliche Einbuße einen festeren Griff. Schließlich füllen die Schutzmaßnahmen den ganzen Tag aus; für den Menschen, den sie schützen sollten, bleibt kaum noch ein unbewachter Augenblick.

Die andere bearbeitet die erkennbaren Gefahren und lässt zugleich Platz zum Leben. Arbeit wird geplant, aber auch Ruhe. Ein ungünstiger Verlauf wird bedacht, ohne jeden Tag zu seiner Generalprobe zu machen. Hilfe gehört zum Plan; allein auszuhalten ist nicht das einzige erlaubte Zeichen von Stärke.

Die zweite Haltung schätzt das Leben nicht geringer. Sie prüft genauer, ob ein zusätzlicher Schutz noch dient. Wem hilft diese neue Kontrolle? Was kostet sie? Was würde geschehen, wenn ein Teil der Verantwortung verlässlich geteilt werden könnte?

Kapitel 44 sprach von Genug und Anhalten. Hier sind das keine Rezepte für garantierte Langlebigkeit, sondern Möglichkeiten, dem Alltag Spielraum zu lassen. Kapitel 46 warnte vor dem unbedingten Habenmüssen. Auch „Ich muss immer sicher sein“ kann zu einem Ziel werden, das keine erneute Prüfung mehr zulässt.

Manchmal bedeutet Selbstbewahrung, weiterzuarbeiten. Manchmal bedeutet sie, nicht auf dieselbe Weise weiterarbeiten zu können. Beides verlangt Urteilskraft. Kein einziges äußeres Bild — weder kämpferische Härte noch demonstrative Gelassenheit — kann sie uns abnehmen.

VII. Damit Schutz wieder dem Leben dient

Zwei Fragen lassen sich aus diesem Kapitel mitnehmen. Die erste: Gibt es eine Maßnahme zu meinem Wohl, unter der mein Leben inzwischen immer enger wird? Eine Arbeitsmenge, die nicht sinken darf; tägliche Anforderungen, die sich endlos vermehren; die Gewohnheit, alles allein lösen zu müssen. Wählen Sie eine davon und fragen Sie nach ihrem ursprünglichen Zweck. Trägt sie noch dazu bei? Gibt es eine passendere Weise oder jemanden, mit dem die Last geteilt werden kann?

Die zweite: Gibt es ein bereits erkennbares Risiko, das ich mit „Darum kümmere ich mich dann“ vertage? Nicht die ganze Zukunft soll ausgerechnet werden. Aber eine unklare Verantwortung lässt sich vielleicht früher ansprechen, eine Reserve an Zeit einplanen, Unterstützung vor der Krise suchen. Einen Weg zur Anpassung offenzuhalten ist oft vernünftiger, als auf die eigene Fähigkeit zur nächsten Rettungsaktion zu setzen.

Auch danach kann das Leben schwierig bleiben. Ein Kapitel zu verstehen schafft keinen Anspruch auf Gesundheit oder Glück. Doch eine unnötige Erschöpfung weniger und eine erreichbare Hilfe mehr haben einen eigenen Wert, ohne dass sie Unverwundbarkeit versprechen müssten.

Kehren wir zu dem Menschen zurück, der seinen ganzen Tag mit der Bewachung des Lebens verbringt. Vielleicht braucht er nicht noch einen Sieg seiner Willenskraft. Vielleicht braucht es eine Mahlzeit, die nicht optimiert wird, eine Pause, die ihren Nutzen nicht beweisen muss, eine Bitte um Hilfe, die nicht als Niederlage zählt.

Das Leben gut zu bewahren heißt nicht, ihm jeden Schritt vorzuschreiben. Es heißt auch, bei aller Sorge die Tür nicht zu vergessen, durch die das Leben wieder hereinkommen kann.


Ausführlicher Kommentar und Textentscheidungen: Aufsatz 6 online und auf Zenodo. Frühere Teile: Aufsatz 1, Aufsatz 2, Aufsatz 3, Aufsatz 4, Aufsatz 5.