Die Kraft des Säuglings
Weich und doch schwer zu lösen
Wer De in Fülle trägt, gleicht einem Neugeborenen. Giftige Tiere stechen es nicht, Raubtiere greifen es nicht, Vögel schlagen es nicht; die Knochen sind weich, die Muskeln schwach, doch der Griff ist fest. Laozi beschreibt keinen magischen Schutz. Der Säugling hat noch keine Position im Feld erwachsener Aggression eingenommen und seine Kraft noch nicht in gegeneinander arbeitende Absichten zerteilt.
Er kennt die Vereinigung der Geschlechter nicht und besitzt dennoch volle Lebenskraft; er schreit den ganzen Tag, ohne heiser zu werden, weil sein Atem nicht durch Selbstdarstellung zusätzlich verspannt ist. Das Bild idealisiert keine Hilflosigkeit. Es trennt Kraft von sichtbarer Härte: Die weichste Phase des Lebens kann eine außergewöhnlich geschlossene Vitalität besitzen.
Harmonie ist Beständigkeit
Diese innere Übereinstimmung heißt he; he kennen heißt die Beständigkeit erkennen. Wer das Leben darüber hinaus künstlich „bereichern“ will, wer den Atem mit dem Willen zwingt, nennt dies zwar Stärke, führt es aber schon in Verhärtung. Das Lebendige wird alt, sobald Wachstum zur gewaltsamen Maximierung eines Zustands wird.
Zu sehr leben zu wollen ist daher nicht glückverheißend. Die Säuglingskraft entsteht nicht aus einem Optimierungsprogramm, sondern aus fehlender Spaltung zwischen Lebensvorgang und dem Ich, das ihn besitzen will. Für Erwachsene bleibt nicht die Rückkehr zur Unmündigkeit, sondern eine konkrete Frage: Welche Kraft würde frei, wenn ich aufhörte, jede Kraftanstrengung zugleich als Beweis meiner Stärke zu verwalten?