Non DubitoEssays in the Self-as-an-End Tradition
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Kapitel 57

Wenn die nächste Regel das Problem vergrößert

Chinesischer Text dieses Kapitels

Seidenhandschriften · chinesische Textfassung dieses Kommentars

以正治邦,以奇用兵,以无事取天下。吾何以知其然哉?夫天下多忌讳而民弥贫,人多利器而国家滋昏,民多伎能而奇物滋起,法物滋彰而盗贼多有。是以圣人之言曰:我无为也而民自化,我好静而民自正,我无事而民自富,我欲无欲而民自朴。

Zur Textfassung und Zeichensetzung

Der chinesische Text folgt dem kommentierten Dao De Jing des Autors (《道德经注·君子不器》). Diese Fassung berücksichtigt beide Seidenhandschriften, A und B, sowie editorische Berichtigungen und Ergänzungen; sie gibt keine der beiden Handschriften Zeichen für Zeichen wieder. Die Kapitelnummern folgen der überlieferten Standardfassung, die Satzzeichen dem Kommentar. Beim Wechsel der Lesesprache bleibt der chinesische Wortlaut unverändert.

Den zugrunde liegenden Aufsatz lesen (Englisch / Chinesisch)

I. Ein Fehler, ein Formular, noch ein Fehler

Eine Ausgabe wurde ohne Rücksprache gemacht. Also braucht es künftig eine Genehmigung. Die Genehmigung kommt zu spät, ein Termin wird verpasst. Darauf folgt eine zusätzliche Frist, dann eine Kontrolle, ob die Frist eingehalten wurde. Bald müssen drei Personen erklären, weshalb ein kleiner Einkauf noch immer nicht erledigt ist.

Niemand hat diesen Ablauf unbedingt so gewollt. Jede einzelne Ergänzung hatte einen Grund. Zusammengenommen binden sie aber Aufmerksamkeit, die für die eigentliche Arbeit fehlt. Wer trotzdem vorankommen muss, sucht Abkürzungen. Diese Abkürzungen werden als Beweis gelesen, dass noch strenger kontrolliert werden müsse.

Kapitel 57 hält bei einem solchen Kreislauf an. Es fragt nicht bloß, ob Menschen sich an Regeln halten, sondern auch, was die Regeln mit ihrem Handeln machen. Helfen sie ihnen, eine Aufgabe zu erfüllen? Oder wird die Organisation zunehmend damit beschäftigt, die Folgen ihrer eigenen Eingriffe zu verwalten?

Die Frage ist genauer als die Behauptung, jede Regel mache alles schlimmer. Verbote können vor Gewalt schützen, klare Verfahren Willkür begrenzen. Doch auch eine gut begründete Regel verdient eine spätere Prüfung ihrer Wirkung. Verantwortung zeigt sich nicht nur darin, etwas hinzuzufügen. Manchmal zeigt sie sich darin, eine eigene Maßnahme zurücknehmen oder verändern zu können.

II. Ordnung, Überraschung und das Lassen unnötiger Eingriffe

„以正治邦,以奇用兵,以无事取天下。“ Mit dem Regulären einen Staat ordnen, mit dem Außergewöhnlichen Truppen einsetzen, mit 无事 die Welt erlangen. 正, 奇 und 无事 setzen drei unterschiedliche Handlungsweisen nebeneinander.

正 lässt an Ordnung und verlässliche Maßstäbe denken. 奇 verweist im militärischen Zusammenhang auf das Unerwartete, die Abweichung vom gewöhnlichen Vorgehen. 无事 lenkt den Blick auf das Unterlassen unnötiger Geschäftigkeit und Eingriffe. Aus dieser Gegenüberstellung muss keine universelle Rangfolge entstehen, in der jede Regel niedrig und jede überraschende Maßnahme verwerflich wäre.

取天下 gehört zunächst in die alte Sprache politischer Herrschaft: das Reich gewinnen oder unter sich bringen. Wenn wir darin heute auch die Frage lesen, wie Vertrauen entsteht, ist das eine Anwendung, nicht die wörtliche Ersetzung der Herrschaft durch Beliebtheit.

Eine kleine Arbeitsgruppe braucht Absprachen; eine schwierige Situation braucht vielleicht eine ungewöhnliche Lösung. Beides beantwortet noch nicht die Frage, ob Menschen auf Dauer unter Bedingungen arbeiten können, die sie nicht ständig erschöpfen. Eine taktisch brillante Leitung kann ihre Umgebung durch immer neue Wendungen ebenso verunsichern wie eine starre durch endlose Vorschriften.

Kapitel 29 warnte davor, die Welt mit dem Zugriff auf sie zu verwechseln. Hier lässt sich diese Warnung im Alltag wiederfinden: Eine gemeinsame Sache wird nicht dadurch tragfähiger, dass alle fortwährend die Hand spüren, die sie lenkt. Es braucht eine Ordnung, in der andere handeln können, ohne dass jeder sinnvolle Schritt erst eine persönliche Gunst erfordert.

III. Vier Warnungen vor der Wirkung der eigenen Mittel

„吾何以知其然哉?“ Woher weiß ich, dass es so ist? Die Antwort entfaltet vier Gegensätze: „天下多忌讳而民弥贫,人多利器而国家滋昏,民多伎能而奇物滋起,法物滋彰而盗贼多有。“

Viele Tabus, zunehmende Armut: Verbote können so dicht und widersprüchlich werden, dass normale Arbeit kaum noch möglich ist. Dann kostet die bloße Erlaubnis zu handeln mehr Mühe als das Handeln selbst. Gemeint sein kann eine verarmende Überregulierung, nicht der Nachweis, dass jede Schutzbestimmung verarmen lässt.

Viele 利器, wachsende Unübersichtlichkeit: Der Ausdruck kann scharfe Waffen und nützliche, machtvolle Werkzeuge bezeichnen. Wang Bi bezieht ihn weit auf Mittel des eigenen Vorteils. In unserer Anwendung wäre zu fragen, ob ein neues Instrument die gemeinsame Aufgabe erleichtert oder nur neue Möglichkeiten eröffnet, sich gegen andere durchzusetzen.

Viele 伎能, immer neue 奇物: Können und ausgeklügelte Fertigkeiten lassen ungewöhnliche Dinge entstehen. Die Warnung richtet sich hier auf die Verselbstständigung von Raffinesse. Ein immer komplizierterer Bericht kann Schwächen verdecken, statt sie zu beheben. Daraus folgt keine Verurteilung von Handwerk, Wissenschaft oder technischem Lernen.

Schließlich 法物 und die Zunahme der Diebe: Je demonstrativer Regeln und Ordnungsmittel hervortreten, desto mehr Umgehung kann sich bilden, wenn Lasten, Anreize und Möglichkeiten ungünstig verteilt sind. Das Verbot des Diebstahls erzeugt nicht schon dadurch Diebstahl, dass es ihn benennt. Eine Ordnung kann jedoch das regelgerechte Handeln so schwer machen oder Regelverstöße so ungleich belohnen, dass sie ihre eigenen Ziele untergräbt.

Im Unternehmen wird dann mehr Arbeit in die Absicherung gegen Vorschriften gesteckt als in gute Ergebnisse. Auf einer Plattform lernen Nutzer vor allem, unverständliche Beschränkungen zu umgehen. In einer Familie kann ein undurchschaubares Netz von Verboten das Verheimlichen fördern. Die vier Sätze sind ein Anlass zur Prüfung solcher Zusammenhänge, kein Ersatz für sie.

IV. Vier Möglichkeiten, anderen wieder Raum zu geben

Der Weise sagt: „我无为也而民自化,我好静而民自正,我无事而民自富,我欲无欲而民自朴。“ Ich handle nicht erzwingend, und die Menschen wandeln sich selbst; ich schätze Ruhe, und sie finden selbst eine rechte Ordnung; ich betreibe keine unnötigen Geschäfte, und sie werden selbst wohlhabend; ich wünsche das Nichtbegehren, und sie finden zur Schlichtheit.

Das wiederholte 自 ist wichtig. Die Menschen sind nicht bloß das Material, an dem der Herrschende seine Wirkung vorführt. Sie besitzen eigene Fähigkeiten, Beziehungen und Gründe zu handeln. Seine Zurückhaltung soll deren Wirken ermöglichen.

In einem Team kann das heißen: Richtung, Zuständigkeiten und Ressourcen klären, dann Entscheidungen tatsächlich dort lassen, wo das nötige Wissen liegt. Wer Verantwortung abgibt, aber jede Einzelheit nachträglich umstößt, gibt nur die Belastung ab.

In einer Familie kann die Ruhe darin bestehen, nicht jeden Versuch sofort zu verbessern. Verlässliche Versorgung und sichere Grenzen bleiben; innerhalb dieses Rahmens darf ein Kind herausfinden, wie etwas geht. Ruhe ist die Kontinuität des Rückhalts, nicht die Abwesenheit von Erwachsenen.

Eine Plattform kann eine gute technische Grundlage, verständliche Verfahren und wirksamen Schutz bereitstellen, statt jedes Verhalten durch undurchsichtige Sonderregeln steuern zu wollen. Dazu gehören erreichbare Beschwerdewege und der Schutz vor Übergriffen. Ein Raum, in dem nur die Stärksten ungehindert handeln können, ist nicht schon frei.

Bei den Verantwortlichen schließlich fragt 欲无欲 nach der Richtung des eigenen Begehrens. Niemand muss buchstäblich nichts mehr wollen. Doch wer selbst ständig mehr Rang, Beifall und Sonderrechte beansprucht, setzt Maßstäbe, die keine Rede über Bescheidenheit zurücknehmen kann.

Keiner dieser Schritte garantiert automatisch Wohlstand oder gutes Verhalten. Schutzbedürftige Menschen benötigen mitunter einen aktiveren Eingriff. Der gemeinsame Gedanke ist, unnötigen Druck abzubauen und tragende Bedingungen ernst zu nehmen. Das schließt an die sinnvolle Subtraktion aus Kapitel 48 und das Nähren ohne Besitzanspruch aus Kapitel 51 an.

V. Ein Ich, das nicht in jedem Ergebnis vorkommen muss

Vor den vier Sätzen steht 吾, in ihnen jeweils 我. Man kann diesen Wechsel als literarische Verschiebung hören: von der fragenden Stimme zur Selbstaussage des Weisen. Die beiden Pronomen beweisen aber nicht, dass das klassische Chinesisch hier zwei verschiedene psychologische Arten des Selbst unterscheidet.

Die interessante Veränderung liegt im Inhalt. Das wiederholte „Ich“ kündigt nicht vier neue Wege an, wie die Leitung ihre Bedeutung vergrößern wird. Es nennt vier Arten, den eigenen Zugriff zu begrenzen. Ein Ich bleibt vorhanden und übernimmt Verantwortung; es macht sich nicht zum alleinigen Mittelpunkt jeder Entwicklung.

Eine Führungskraft kann allerdings auch daraus eine Inszenierung machen: Seht, wie klug ich nicht eingreife. Dann wird jedes selbstständige Ergebnis der anderen erneut zum Beleg ihrer Überlegenheit. Die Form ist leiser, der Besitzanspruch bleibt derselbe.

Ob das Ich wirklich Platz lässt, zeigt sich eher an einem ungeplanten Erfolg oder einem begründeten Widerspruch. Darf jemand etwas gut machen, das nicht auf die Idee des Vorgesetzten zurückgeht? Darf eine Regel kritisiert werden, ohne dass die Kritik als mangelnde Loyalität zählt? Darf die verantwortliche Person sagen, dass andere mehr wussten?

Selbstbewusstsein braucht dann nicht zu verschwinden. Es wird belastbarer, weil es nicht an jeder Einzelheit seine Berechtigung beweisen muss. Der Maßstab ist weniger, wie oft die Leitung sichtbar wird, als was Menschen in ihrer Gegenwart selbstständig und sicher tun können.

VI. Eine Regel prüfen, nicht wahllos alle streichen

Für einen Anfang genügt eine Vorschrift, über die sich regelmäßig Schwierigkeiten sammeln. Welches Problem sollte sie lösen? Tut sie das noch? Wer trägt den Aufwand, und wer kann sich leicht entziehen? Die Menschen, die täglich damit arbeiten, sollten bei dieser Prüfung vorkommen.

Vielleicht muss die Regel bleiben, aber verständlicher werden. Vielleicht fehlt eine Ausnahme oder ein Beschwerdeweg. Vielleicht kann sie entfallen, weil der ursprüngliche Anlass nicht mehr besteht. Entscheidend ist die Wirkung, nicht die Freude an möglichst vielen oder möglichst wenigen Regeln.

Danach lohnt der Blick auf die Unterstützung. Sind Informationen verfügbar, Zeit und Mittel vorhanden, Verantwortungen erkennbar? Können Menschen widersprechen und eine unzumutbare Lage verlassen? Bloß zu sagen, man vertraue ihnen, ersetzt diese Bedingungen nicht. Eine schlechte Ordnung lässt sich nicht allein dadurch verbessern, dass ihre Leitung seltener erscheint.

Schließlich kommt das eigene Beispiel in den Blick. Belohne ich die sachliche Lösung oder den ständigen Nachweis von Einsatz? Fordere ich Ruhe und sende zugleich jeden Abend neue dringende Aufgaben? Ein anderer Rhythmus an der Spitze kann helfen, wenn er sich in tatsächlichen Entscheidungen niederschlägt.

Der kleine Einkauf vom Anfang braucht am Ende vielleicht noch immer eine Freigabe. Nur muss er nicht mehr drei Menschen dazu bringen, einen halben Tag lang die Verzögerung der Freigabe zu erklären. Gute Ordnung wäre dann nicht verschwunden. Sie wäre wieder bei ihrer Aufgabe angekommen: verlässliches Handeln ermöglichen, statt sich selbst immer mehr Arbeit zu beschaffen.


Ausführlicher Kommentar und Textentscheidungen: Aufsatz 7 online und auf Zenodo. Frühere Teile: Aufsatz 1, Aufsatz 2, Aufsatz 3, Aufsatz 4, Aufsatz 5, Aufsatz 6.