Non DubitoEssays in the Self-as-an-End Tradition
← Dazhis Daodejing-Kommentar
Dazhis Daodejing-Kommentar
Kapitel 58

Was der Erfolg noch nicht erzählt

Chinesischer Text dieses Kapitels

Seidenhandschriften · chinesische Textfassung dieses Kommentars

其政闵闵,其民屯屯,其正察察,其邦缺缺。祸,福之所倚;福,祸之所伏,孰知其极?其无正也,正复为奇,善复为妖。人之悉也,其日固久矣。是以方而不割,兼而不刺,直而不绁,光而不曜。

Zur Textfassung und Zeichensetzung

Der chinesische Text folgt dem kommentierten Dao De Jing des Autors (《道德经注·君子不器》). Diese Fassung berücksichtigt beide Seidenhandschriften, A und B, sowie editorische Berichtigungen und Ergänzungen; sie gibt keine der beiden Handschriften Zeichen für Zeichen wieder. Die Kapitelnummern folgen der überlieferten Standardfassung, die Satzzeichen dem Kommentar. Beim Wechsel der Lesesprache bleibt der chinesische Wortlaut unverändert.

Den zugrunde liegenden Aufsatz lesen (Englisch / Chinesisch)

I. Wenn endlich alles zusammenpasst

Das Projekt ist gelungen. Neue Aufträge kommen, frühere Zweifel wirken im Rückblick klein. In der Besprechung werden bereits größere Ziele genannt. Jemand weist darauf hin, dass das Team die gute Zahl mit vielen zusätzlichen Abenden bezahlt hat. Der Hinweis klingt störend, fast undankbar gegenüber dem gemeinsamen Erfolg.

Gerade dann lohnt es sich, ihn zu hören. Nicht weil Freude gefährlich wäre, sondern weil eine erfreuliche Bilanz leicht eine umfassendere Auskunft zu geben scheint, als sie tatsächlich gibt. Sie sagt, was erreicht wurde. Sie sagt nicht von selbst, welche Kräfte verbraucht wurden und ob dieselbe Vorgehensweise noch einmal tragen würde.

Kapitel 58 fragt nach dieser Beweglichkeit der Lage. Im Glück kann sich Unglück verbergen; in einem Rückschlag kann eine Möglichkeit sichtbar werden, die vorher keinen Platz hatte. Das ist keine Pflicht, in jeder Katastrophe einen Segen zu entdecken. Manche Verluste bleiben Verluste. Trauer muss nicht erst eine nützliche Wendung vorweisen, um berechtigt zu sein.

Der Gedanke nimmt der Gegenwart vielmehr ihren Anspruch, die ganze Zukunft bereits erklärt zu haben. Ein guter Augenblick darf gut sein, ohne damit jeden Einwand zu widerlegen. Ein schlimmer Augenblick darf schlimm sein, ohne den ganzen Wert eines Lebens festzulegen.

II. Nicht alles überwachen heißt nicht nichts prüfen

„其政闵闵,其民屯屯,其正察察,其邦缺缺。“ Zurückhaltende, wenig hervortretende Regierung steht einer prüfenden, durchdringenden gegenüber; auf der einen Seite leben die Menschen unbefangener, auf der anderen erscheint das Gemeinwesen beschädigt.

闵闵 lässt sich hier als eine Führung lesen, die nicht jeden Vorgang zum Beweis ihrer eigenen Scharfsicht machen muss. 察察 zeichnet dagegen ein prüfendes Licht, unter dem jede Abweichung sofort festgehalten wird. Menschen beginnen dann, sich für die Kontrolle einzurichten, statt offen über die Arbeit zu sprechen.

Ein Team kann jedes Gespräch dokumentieren und dennoch wenig darüber wissen, warum etwas misslingt. Wer befürchten muss, dass jede Unsicherheit gegen ihn verwendet wird, liefert möglichst tadellose Meldungen. Die Berichte werden glatter, während der Zugang zu den wirklichen Problemen schlechter wird.

Das setzt die Frage aus Kapitel 57 fort: Was bewirken die Mittel der Ordnung? Eine sorgfältige Prüfung von Sicherheit, Finanzen oder Beschwerden ist deshalb nicht bereits jene bedrängende Kontrolle. Sie kann gerade verhindern, dass mächtige Menschen unbeobachtet Schaden anrichten. Wichtig ist, wozu geprüft wird, ob Maßstäbe nachvollziehbar sind und ob Fehler bearbeitet statt zur Demütigung benutzt werden.

Zurückhaltung bedeutet also keine Befreiung von Rechenschaft. Sie lässt den Unterschied bestehen zwischen einer Kontrolle, die Menschen schützt, und einer Überwachung, unter der sie hauptsächlich lernen, sich zu verbergen. Manchmal wirkt gute Führung weniger allwissend, weil sie Unsicherheit aussprechen lässt. Gerade dadurch erfährt sie mehr.

III. Der Zusammenhang von Glück und Gefahr

„祸,福之所倚;福,祸之所伏。“ Unglück ist der Ort, an den sich Glück lehnt; Glück der Ort, an dem Unglück verborgen liegt. Das Bild macht beide nicht gleich. Es nimmt vielmehr ihre Verbindungen ernst.

Ein Unternehmen kann durch eine sehr erfolgreiche Methode dazu verleitet werden, nicht mehr nach ihren Grenzen zu fragen. Derselbe Erfolg, der ihm Möglichkeiten eröffnet, erzeugt dann eine Gewohnheit der Selbstbestätigung. Die Gefahr steckt nicht geheimnisvoll in jedem guten Ergebnis. Sie kann in der Art entstehen, wie dieses Ergebnis weiterverwendet wird.

Eine persönliche Niederlage kann umgekehrt eine übersehene Frage freilegen. Vielleicht wird erkennbar, dass ein verfolgtes Ziel hauptsächlich fremden Erwartungen gedient hat. Vielleicht wird Unterstützung angenommen, die vorher aus Stolz zurückgewiesen wurde. Die neue Möglichkeit macht den Verlust nicht rückwirkend notwendig oder gut.

Auch entsteht sie nicht aus jeder Not von selbst. Wer einen Menschen in einer schweren Lage begleitet, muss ihm keine verborgene Chance erklären. Nahrung, Sicherheit, Gesellschaft oder Zeit zum Trauern können zunächst das Entscheidende sein. Erst die betroffene Person kann, wenn überhaupt, sagen, welche neue Richtung daraus hervorgeht.

Für einen glücklichen Augenblick folgt daraus Aufmerksamkeit ohne Misstrauen gegen die Freude. Für einen schwierigen Augenblick folgt Offenheit ohne den Zwang zur Zuversicht. In beiden Fällen bleibt eine Frage erlaubt: Was sehe ich noch nicht, weil die gegenwärtige Lage schon einen so starken Namen bekommen hat?

IV. Auch ein gutes Prinzip braucht Rückmeldung

„孰知其极?其无正也,正复为奇,善复为妖。“ Wer kennt den äußersten Verlauf? Das als regulär Geltende kann in das Absonderliche umschlagen, das Gute eine unheimliche Gestalt annehmen.

Es wäre zu einfach, daraus eine mechanische Regel zu machen: Alles Gute wird zwangsläufig böse, sobald es stark genug ist. Gemeint sein kann eine konkretere Gefahr. Eine gute Absicht wird von ihren Folgen abgetrennt und verlangt nun gerade wegen ihrer behaupteten Güte unbedingten Gehorsam.

„Ich will, dass du selbstständig wirst“ ist zunächst ein fürsorglicher Wunsch. Wenn daraus folgt, dass Hilfe unter allen Umständen verweigert werden muss, arbeitet das Prinzip gegen die Person, der es dienen sollte. Umgekehrt kann „Ich schütze dich“ zur Begründung werden, einem erwachsenen Menschen jede eigene Entscheidung abzunehmen.

Auch eine Organisation kann Transparenz so verwirklichen, dass niemand mehr einen geschützten Raum zum Überlegen besitzt. Nicht die Nachvollziehbarkeit ist damit widerlegt. Ihre Anwendung muss sich nur wieder fragen lassen, wessen Freiheit und Sicherheit sie fördern sollte.

Der Text verlangt deshalb nicht, Recht und Unrecht ununterscheidbar zu machen. Ein klares Verbot von Gewalt verliert seinen Sinn nicht, weil gute Ideen missbraucht werden können. Die Aufgabe besteht darin, Prinzipien an ihren Gründen und Wirkungen zu messen, statt ihre Namen als Schutz gegen jede Rückfrage einzusetzen.

V. Eine schwierige Textstelle und eine dauernde Aufmerksamkeit

Die hier verwendete Fassung lautet anschließend: „人之悉也,其日固久矣。“ Der Kommentar dieser Reihe verbindet 悉, das gründliche Erfassen, mit einer Haltung, die durch Einsicht beständiger werden kann. Das ist seine gewählte Lesart, keine unbestrittene Aussage sämtlicher Überlieferungen; insbesondere wird 固 dadurch nicht einfach zum Wörterbuchwort für „erst dann können“.

Die verbreitete Fassung „人之迷,其日固久“ beklagt dagegen die lange Verwirrung der Menschen. Auch die späteren Ausdrücke unterscheiden sich: Hier stehen 兼 und 绁, andernorts 廉 und 肆. Wang Bis überlieferter Text und Kommentar machen diese andere Linie sichtbar. Die Unterschiede dürfen bleiben, während wir der hier gewählten folgen.

Als Lebensgedanke interessiert mich die Verbindung von Einsicht und fortgesetzter Aufmerksamkeit. Wer einmal erlebt hat, wie eine hilfreiche Maßnahme schädlich wurde, kann bei der nächsten genauer fragen. Das garantiert weder langes Leben noch dauernden Erfolg. Es kann jedoch eine Gewohnheit schaffen, die Rückmeldungen nicht erst nach einem Zusammenbruch zulässt.

Kapitel 44 sprach vom Genug und vom rechtzeitigen Anhalten. Kapitel 55 fragte, wann die Steigerung von Kraft ihre eigenen Voraussetzungen verbraucht. Hier wird derselbe Spielraum zum Merkmal des Urteilens: Eine Überzeugung darf fest sein und trotzdem erfahren, dass ihre gegenwärtige Anwendung geändert werden muss.

Beständigkeit wäre dann nicht das endlose Wiederholen derselben Antwort. Sie läge in der Treue zu einer prüfenden Aufmerksamkeit, die auch den eigenen Erfolg nicht von jeder Untersuchung ausnimmt.

VI. Haltung behalten, ohne sie zur Waffe zu machen

Die vier Schlussformeln lauten: „方而不割,兼而不刺,直而不绁,光而不曜。“ Kantig, ohne zu schneiden; umfassend, ohne zu stechen; gerade, ohne zu fesseln; leuchtend, ohne zu blenden.

方而不割 lässt Prinzipien bestehen. Ein Mensch kann wissen, was er nicht mittragen wird, ohne jede Abweichung des anderen als Anlass zur Geringschätzung zu benutzen. Die Grenze darf deutlich sein. Ein notwendiges Nein ist nicht schon eine Verletzung, nur weil es jemanden enttäuscht.

兼而不刺 wird hier als Fähigkeit gelesen, Verschiedenes aufzunehmen, ohne darin einen versteckten Stachel zu lassen. Man kann jemanden einbeziehen und ihn dennoch bei jeder Gelegenheit daran erinnern, wie großzügig man dabei sei. Dann ist die Aufnahme mit einer Rangordnung versetzt, aus der der andere nicht herauskommt.

直而不绁 richtet die Aufmerksamkeit auf Aufrichtigkeit, die nicht bindet. „Ich sage eben die Wahrheit“ kann ein Vorwand sein, unnötig grausam zu sprechen oder die eigene Sicht für unangreifbar zu erklären. Ehrlichkeit muss einen Schaden benennen können. Sie braucht dazu nicht das Recht, über das ganze Leben des Angesprochenen zu verfügen.

光而不曜 schließlich bewahrt das Licht und mäßigt seine Blendung. Können soll erkennbar machen, nicht nur bewundert werden. Das schließt unmittelbar an Kapitel 56 an. Eine genaue Erklärung kann jemandem die Arbeit erleichtern; dieselbe Kenntnis kann aber auch dazu benutzt werden, ihn vor anderen kleinzumachen.

Die vier Sätze fordern kein gefälliges Wesen ohne Grenzen. Sie fragen, ob die eigene Kraft noch der Sache und dem Zusammenleben dient oder inzwischen einen unnötigen zusätzlichen Schaden hervorbringt. Das lässt scharfe Kritik zu — und verlangt gerade deshalb, ihre Richtung sorgfältig zu wählen.

VII. Sich freuen und trotzdem weitersehen

Wenn gerade vieles gelingt, muss man nicht aufhören, sich zu freuen. Man kann jedoch einen Menschen hören, dessen Erfahrung nicht in die gute Bilanz passt. Was kostet der Erfolg? Welche Verpflichtung entsteht daraus? Welche Möglichkeit zur Erholung oder Korrektur sollte jetzt gesichert werden, solange noch Spielraum da ist?

Wenn vieles misslingt, muss daraus kein optimistischer Lehrsatz gepresst werden. Vielleicht ist zunächst eine konkrete Hilfe wichtiger als eine neue Deutung. Später kann gefragt werden, welcher nächste Schritt noch möglich ist. Dass nicht das ganze Leben durch diesen Ausgang entschieden ist, ist eine andere, vorsichtigere Hoffnung als die Behauptung, alles werde sich als Glück erweisen.

Eine dritte Prüfung gilt einer Stärke, auf die man zu Recht stolz ist. Benutze ich meine Prinzipien, um klarer zu entscheiden, oder um Menschen abzuurteilen? Ermöglicht meine Offenheit Zugehörigkeit, oder lässt sie andere Dankbarkeit abarbeiten? Klärt meine Geradheit etwas, oder engt sie die Antwort des anderen ein? Hilft mein Können, oder soll es vor allem blenden?

Zurück in der Besprechung vom Anfang: Die gute Zahl darf an der Wand stehen bleiben. Auch der Einwand über die vielen zusätzlichen Abende darf ausgesprochen werden. Vielleicht wird der nächste Auftrag anders geplant. Vielleicht fällt das Wachstum kleiner aus, damit das Erreichte nicht seine eigenen Voraussetzungen aufbraucht.

Das Glück wird dadurch nicht geleugnet. Es wird genauer betrachtet. Wir müssen einem guten Augenblick nicht die ganze Zukunft glauben, um ihn genießen zu können. Und wir müssen einem schlimmen Augenblick nicht erlauben, sie vollständig zu verschließen.


Ausführlicher Kommentar und Textentscheidungen: Aufsatz 7 online und auf Zenodo. Frühere Teile: Aufsatz 1, Aufsatz 2, Aufsatz 3, Aufsatz 4, Aufsatz 5, Aufsatz 6.