Non DubitoEssays in the Self-as-an-End Tradition
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Dazhis Daodejing-Kommentar
Kapitel 80

Wenn das Essen auf dem eigenen Teller wieder schmeckt

Chinesischer Text dieses Kapitels

Seidenhandschriften · chinesische Textfassung dieses Kommentars

小邦寡民:使有什佰之器而毋用,使民重死而远徙。有车舟无所乘之,有甲兵无所陈之,使民复结绳而用之。甘其食,美其服,乐其俗,安其居。邻邦相望,鸡犬相闻,民至老死不相往来。

Zur Textfassung und Zeichensetzung

Der chinesische Text folgt dem kommentierten Dao De Jing des Autors (《道德经注·君子不器》). Diese Fassung berücksichtigt beide Seidenhandschriften, A und B, sowie editorische Berichtigungen und Ergänzungen; sie gibt keine der beiden Handschriften Zeichen für Zeichen wieder. Die Kapitelnummern folgen der überlieferten Standardfassung, die Satzzeichen dem Kommentar. Beim Wechsel der Lesesprache bleibt der chinesische Wortlaut unverändert.

Den zugrunde liegenden Aufsatz lesen (Englisch / Chinesisch)

I. Ein stilles Leben oder eine zu kleine Welt?

Ein kleiner Staat, wenige Menschen. Geräte bleiben unbenutzt, Boote liegen am Ufer, Waffen werden nicht aufgestellt. Aus dem Nachbarort hört man Hunde und Hühner, doch die Menschen besuchen einander bis ins hohe Alter nicht. Wer diese Bilder zum ersten Mal liest, muss sie keineswegs behaglich finden. Eine solche Ruhe kann Geborgenheit bedeuten. Sie kann auch aussehen wie ein Leben, dem man vorsorglich die Türen verschlossen hat.

Dieser Einwand verdient mehr als die Antwort, man habe Laozi eben falsch verstanden. Das achtzigste Kapitel enthält eine rückwärtsgewandte Vorstellung und spricht teilweise aus der Perspektive dessen, der anderen ihre Lebensordnung gibt. Beides verschwindet nicht dadurch, dass wir das Buch gern haben. Zugleich wäre es zu wenig, darin nur die Behauptung zu hören, früher sei alles besser gewesen.

Nach den Kapiteln über Krieg, Abgaben, Machtausübung und bleibenden Groll lässt sich die Szene auch als Gegenfrage lesen: Wozu dienen die großen Unternehmungen, wenn niemand mehr in Ruhe essen, wohnen oder alt werden kann? Muss eine Gesellschaft ihre Lebendigkeit fortwährend durch Ausdehnung beweisen? Müssen Menschen ständig verfügbar sein, damit ein fremder Plan groß genug erscheint?

Ich lese das Kapitel entlang dieser Fragen. Nicht als Bauplan, der sämtliche Errungenschaften der Zivilisation rückgängig machen soll, sondern als Prüfung ihrer Versprechen an einem unscheinbaren Ort: dort, wo jemand nach Hause kommt und seinen Teller auf den Tisch stellt.

II. Was wir können, müssen wir nicht unaufhörlich tun

„使有什佰之器而毋用“ spricht von Geräten oder Mitteln, die vorhanden sind und dennoch nicht eingesetzt werden. Die zugrunde liegende Abhandlung verbindet „什佰“ mit Gruppen von zehn und hundert und erwägt einen militärischen Zusammenhang. Das unterstützt eine kriegskritische Lektüre. Es ist aber eine Deutung, keine zweifelsfrei entschlüsselte Bezeichnung für ein bestimmtes Arsenal; andere Erklärungen der Wendung bleiben möglich.

Auch die folgenden Bilder sollte man nicht unterschiedslos militärisch lesen. Rüstungen und Waffen gehören offensichtlich zum Krieg. Wagen und Boote können dagegen Getreide transportieren, Verwandte zusammenbringen oder Menschen aus einer Gefahr retten. Die alte Vorstellung des Nichtbenutzens zieht engere Grenzen, als eine heutige offene Gesellschaft akzeptieren muss. Eine aktuelle Auslegung darf diese Entfernung nicht einfach überspringen.

Was sich trotzdem mitnehmen lässt, ist eine Unterscheidung zwischen Fähigkeit und Einsatzpflicht. Eine Armee muss ihren Wert nicht durch fortlaufende Kriege belegen. Ein Unternehmen muss vorhandenes Kapital nicht in jede denkbare Expansion stecken. Ein Team muss seine Leistungsfähigkeit nicht dadurch nachweisen, dass es immer noch einen Auftrag annimmt und die Nächte seiner Mitglieder gleich mit verplant.

Etwas unterlassen zu können ist nicht dasselbe wie unfähig zu sein. Ebenso wenig ist Kleinheit von sich aus ein Schutz: Auch ein kleines Land kann angegriffen werden. Erstrebenswert wäre nicht Schwäche als solche, sondern die Freiheit, Wachstum nicht zum obersten Zweck jedes Lebensbereichs zu machen. Wie gut sich an einem Ort leben lässt, steht nicht vollständig in der Bilanz seiner Siege.

III. Menschen sind nicht das Verbrauchsmaterial großer Vorhaben

Unsere Textfassung lautet „使民重死而远徙“. In der verbreiteten Überlieferung steht häufig „重死而不远徙“, mit einer Verneinung vor dem Fortziehen. Dieses kleine Zeichen verändert die Richtung des Satzes erheblich. Deshalb ist die hier gewählte Fassung als solche zu benennen; sie darf nicht stellvertretend für einen in allen Seidenhandschriften identischen Wortlaut ausgegeben werden.

„重死“ lässt sich zunächst als ein Ernstnehmen des Todes verstehen: nicht leichtfertig das eigene Leben aufs Spiel setzen. Der Versuch, vom Wort „重身“ für Schwangerschaft auf einen besonderen Sinn von „重死“ zu schließen, trägt sprachlich nicht. Ein gemeinsames Schriftzeichen beweist diese Bedeutung nicht. Der damit verbundene Wunsch bleibt dennoch verständlich: Kinder sollen aufwachsen und Menschen alt werden dürfen, ohne dass eine fremde Auseinandersetzung ihr Leben vorzeitig aufbraucht.

Das ist eine ethische Weiterführung, keine gelöste Worterklärung. Sie fragt, ob ein Mensch mehr sein darf als eine verfügbare Zahl. Wer sein Leben achtet, kann sich auch zum Fortgehen entschließen. Eine Flucht vor Krieg ist nicht schon deshalb feige, weil sie den Erwartungen derer widerspricht, die andere zum Ausharren auffordern.

Doch weder Gehen noch Bleiben ist immer eine freie Wahl. Geld, Gesundheit, Angehörige, Grenzen und fehlende Transportwege können jemanden festhalten. Aus sicherer Entfernung darf man deshalb weder den Zurückgebliebenen mangelnden Lebenswillen vorwerfen noch die Fortziehenden als Verräter behandeln. Menschen brauchen Schutz dort, wo sie sind, und gangbare Auswege, wenn sie gehen wollen. Ihr Leben sollte nicht als Beweismittel für die Loyalität zu einem fremden Plan dienen.

IV. Weniger Knoten bedeutet nicht weniger Bildung

„使民复结绳而用之“ ruft das alte Bild der Knotenschnüre auf. Hier ist die Rückwendung nicht wegzuerklären. Ebenso wenig klingt „die Menschen dazu bringen“ von selbst nach frei gewähltem modernem Minimalismus. Wer daraus heute einen Gedanken der Entlastung gewinnt, trifft eine interpretierende Auswahl. Das ist möglich, solange man die Auswahl nicht als bloße Übersetzung ausgibt.

Für mich liegt ihr Wert nicht im Verzicht auf Schrift, Schulen oder technische Kenntnisse. Er liegt in einer Frage an die Dinge, die einmal geschaffen wurden, um uns Arbeit abzunehmen: Wann verlangen sie schließlich mehr Lebenszeit, als sie freisetzen? Ein brauchbares Übergabeformular kann verhindern, dass etwas vergessen wird. Fünf nahezu identische Formulare können dazu führen, dass niemand mehr Zeit für die eigentliche Übergabe hat.

Dabei entscheidet nicht die Zahl der gestrichenen Felder darüber, ob eine Vereinfachung gut ist. Sicherheitsprotokolle, Lohnnachweise und dokumentierte Ansprüche schützen Menschen. Wer sie abschafft, kann gerade denjenigen die Belege nehmen, die sich sonst kaum Gehör verschaffen. Entlastung muss daran geprüft werden, wessen Arbeit leichter und wessen Not unsichtbarer wird.

Auch nicht jede Komplexität entspringt dem Krieg oder einer Herrschsucht. Krankenhäuser, öffentlicher Verkehr und Katastrophenhilfe benötigen Wissen und aufwendige Abstimmung. Die Frage lautet daher nicht, wie wir alles Schwierige loswerden. Sie lautet, ob eine bestimmte Schwierigkeit noch einem menschlichen Bedarf dient oder ob Menschen inzwischen hauptsächlich dazu da sind, ihren Fortbestand zu rechtfertigen.

V. Was mit dem eigenen Abendessen geschehen kann

„甘其食,美其服,乐其俗,安其居“ bringt die Aufmerksamkeit zum Essen, zur Kleidung, zu vertrauten Lebensformen und zum Wohnen zurück. Das sind keine bloßen Symbole. Eine Mahlzeit soll schmecken, Kleidung soll gefallen, man soll sich in seinen Gewohnheiten nicht ständig verachtet fühlen und an einem Ort wohnen können, an dem sich der Körper nicht dauernd auf Gefahr einstellen muss.

Manchmal geht ein Teil dieser Zufriedenheit auf erstaunlich unspektakuläre Weise verloren. Eben war das Abendessen noch gut. Dann zeigt das Telefon, wo jemand anders heute gespeist hat, und der eigene Teller sieht plötzlich wie eine zweitklassige Lösung aus. Die Wohnung war gestern angenehm; nach einer Reihe makelloser Bilder scheint sie nur noch aus Mängeln zu bestehen. Weder das Essen noch die Wohnung haben sich in diesen Minuten verändert. Verändert hat sich der Maßstab, unter dem wir sie betrachten.

Nicht jeder Mangel ist allerdings ein Vergleichseffekt. Zu wenig Nahrung bleibt zu wenig Nahrung. Eine undichte oder unsichere Wohnung wird nicht bewohnbar, weil jemand Bescheidenheit empfiehlt. Diskriminierung und ungerechte Behandlung lassen sich ebenfalls nicht in eine schlechte Einstellung der Betroffenen umdeuten. Ein Kapitel über friedliches Wohnen widerspräche sich selbst, wenn es dazu benutzt würde, berechtigte Klagen zum Schweigen zu bringen.

Wir können zweierlei zugleich tun: das heutige Essen genießen und für bessere Bedingungen morgen eintreten. Wer etwas verändern will, muss nicht vorher alles Gegenwärtige entwerten. Wer etwas Vorhandenes schätzt, gibt damit seinen Anspruch auf Verbesserung nicht auf. Gerade dieses Nebeneinander macht aus Genügsamkeit eine bewohnbare Möglichkeit statt einer strengen Vorschrift.

VI. Nähe verleiht kein Verfügungsrecht

Der letzte Satz schildert Nachbarorte in Sicht- und Hörweite, deren Bewohner einander dennoch nicht besuchen. Wörtlich ist das tatsächlich eine Welt sehr geringen Austauschs. „不相往来“ bedeutet nicht einfach nur, sich nicht einzumischen. Wer daraus ein heutiges Nachbarschaftsideal entwickelt, muss also selbst entscheiden, was er übernimmt und was nicht.

Ich möchte weder Freundschaft noch Handel, gegenseitige Hilfe oder Besuche aufgeben. Interessant ist vielmehr, ob Nähe möglich bleibt, ohne daraus eine Zuständigkeit für das ganze Leben des anderen abzuleiten. Dass ich weiß, wann mein Nachbar heimkommt, berechtigt mich nicht, seine Tagesordnung zu bestimmen. Dass mir die Kinder einer Familie vertraut sind, macht mich nicht zum letzten Richter über ihre Zukunft.

Man kann im Krankheitsfall Essen vorbeibringen, sich mit der Betreuung abwechseln und gern an derselben Tür klingeln. Entscheidend ist, ob ein Nein möglich bleibt. Darf jemand für sich sein, ohne dadurch als undankbar zu gelten? Kann er Hilfe annehmen, ohne anschließend seine übrigen Entscheidungen abgeben zu müssen?

Das ist eine moderne Fortführung des alten Bildes, nicht sein einzig richtiger Wortsinn. Sie lässt die Stimmen über den Zaun gelangen und die Unterstützung gleich mit. Aber nicht das ganze Leben wird deshalb zum Gemeinschaftseigentum. Vertrautheit kann einen Raum eröffnen; sie muss ihn nicht vollständig besetzen.

VII. Ein kleines Stück Alltag zurückgewinnen

Nach diesem Kapitel muss niemand umgehend aufs Land ziehen. Vielleicht reicht zunächst eine Frage an den nächsten Kauf oder Plan: Brauche ich das tatsächlich, oder möchte ich vor allem nicht zurückzubleiben scheinen? Möchte ich dieses Vorhaben verwirklichen, oder fürchte ich nur, bei einer Begegnung keine eindrucksvolle Antwort auf die Frage nach meinem Leben zu haben?

In einer Arbeitsgruppe lässt sich ähnlich fragen, wem eine neue Initiative helfen soll. Löst sie ein erkennbares Problem, oder machen wir sie hauptsächlich, weil andere Gruppen bereits damit werben? Manchmal hält ein begründetes Nein Personal und Aufmerksamkeit für etwas wirklich Wichtiges frei. Sicherheit, faire Behandlung und öffentliche Verantwortung dürfen dabei nicht unter dem wohlklingenden Titel der Einfachheit verschwinden.

In einer Beziehung kann Hilfe mit einer Frage beginnen: „Wäre das für dich nützlich?“ Die Frage bleibt nur dann eine Frage, wenn die Antwort etwas ändern darf. Dass jemand eine andere Lösung bevorzugt, ist weder eine Niederlage noch der Beweis, dass er unsere Zuneigung nicht verstanden hat.

Wo die Grundbedingungen fehlen, ist es ebenso angemessen, Unterstützung zu suchen und Ansprüche geltend zu machen. Einfachheit braucht genügend Mittel zum Leben. Sie sollte keinen Mangel adeln, den Betroffene nicht gewählt haben. Zu einem bewohnbaren Ort gehört auch die Möglichkeit zu sagen, dass dort etwas nicht stimmt und verändert werden muss.

VIII. Wo die großen Gedanken ankommen sollen

Kapitel 31 stellte den Krieg nicht nur unter das Vorzeichen des Sieges. Kapitel 69 widersprach dem leichten Entschluss, andere zu restlos verfügbaren Feinden zu machen. Kapitel 57 und Kapitel 65 fragten auf unterschiedliche Weise, wann Regieren und Wissen die Leben anderer übermäßig einrichten.

Hier erreichen diese Fragen den Tisch, die Haustür und die Geräusche aus der Nachbarschaft. Eine Gesellschaft braucht nicht nur überzeugende Fernziele. Sie muss sich auch daran messen lassen, ob Menschen in ihrem gegenwärtigen Leben Platz finden, ohne fortwährend als Material für diese Ziele behandelt zu werden.

Das letzte Kapitel unserer Lektüre wird die Frage an den Einzelnen zurückgeben. Wir können nicht jede Ordnung augenblicklich verändern. Aber wir können prüfen, ob unsere Worte, unsere Arbeit und unsere Hilfe anderen mehr Möglichkeiten lassen — oder vor allem beweisen sollen, dass wir besser wissen, wie sie zu leben haben.


Ausführliche Auslegung und Textvergleiche: Abhandlung IX, auch im Zenodo-Archiv. Frühere Abhandlungen: I, II, III, IV, V, VI, VII, VIII.