Nach dem Sieg trauern
Keine hohe Kunst des Tötens
Waffen sind Geräte des Unheils, von den Wesen verabscheut; wer ein Verlangen nach Dao hat, nimmt in ihnen keine Wohnung. Laozi entwirft keine Rangordnung eleganter und grober Kriegsführung. Auch strategisch brillante Gewalt bleibt an die Tatsache gebunden, dass Menschen getötet werden. Deshalb trägt der Edle gewöhnlich die geehrte linke Position, im Krieg aber die rechte Position des Unglücks.
Wenn Gewalt unvermeidlich geworden ist, gilt schnelles, scharfes Beenden als das Höchste. Das ist keine Bewunderung des Angriffs, sondern eine zeitliche Begrenzung: nicht verlängern, nicht aus dem Ausnahmezustand eine Institution und aus dem Töten eine Karriere machen. Vor allem darf Krieg nicht schön genannt werden. Wer ihn ästhetisiert, liebt das Töten – auch wenn er statt Leichen nur von Ruhm, Präzision und historischer Größe spricht.
Der Feldherr an der Stelle der Trauer
Laozi begründet die rechte Position mit dem alten Trauerritual. Der oberste Feldherr steht dort, wo bei einer Beerdigung die Trauer ihren Rang hat. Sind viele Menschen getötet, soll man sie mit Schmerz beweinen; ist die Schlacht gewonnen, soll man den Sieg nach dem Ritus einer Bestattung behandeln.
Diese Sätze dürfen nicht zu einer Metapher für bescheidene Geschäftskonkurrenz verharmlost werden. Sie sprechen von wirklichen Waffen und wirklichen Toten. Ihre Aktualität liegt gerade in der Weigerung, Distanzsprache den menschlichen Preis verdecken zu lassen. Eine Gemeinschaft mag in eine Lage geraten, in der sie sich verteidigen muss. Aber sobald sie den Sieg feiert, als sei der Tod des anderen ein Fest, hat die notwendige Grenze der Gewalt bereits einer neuen Gewaltordnung Platz gemacht.