Wissen, wo Namen enden müssen
Das Kleine, das niemand unterwerfen kann
Dao bleibt ohne Namen. Das unbehauene Holz scheint klein, doch niemand unter dem Himmel kann es zum Untertan machen. Klein ist die noch nicht ausdifferenzierte Ausgangsstelle gegenüber den großen sichtbaren Institutionen. Gerade weil sie noch nicht auf eine Funktion reduziert ist, entzieht sie sich vollständiger Unterordnung. Bewahren Fürsten diese Offenheit, kommen die Dinge von selbst in Beziehung; ohne Befehl entsteht ein eigener Ausgleich.
Sobald Ordnung gestaltet wird, entstehen Namen. Ein neues Merkmal braucht eine Schnittstelle, eine Regel braucht Definition und Ausnahme, eine Rolle weitere Rollen. Namen vermehren sich nicht nur durch schlechte Bürokratie, sondern als strukturelle Folge jeder Ausdifferenzierung. Darum ist „Namen abschaffen“ keine Lösung; auch diese Abschaffung wäre eine neue benannte Ordnung.
Zhizhi: die Grenze der Setzung erkennen
Zu wissen, wo aufzuhören ist, bedeutet nicht, Entwicklung insgesamt anzuhalten. Es heißt, die Stelle zu erkennen, an der zusätzliche Benennung mehr Wartung und Ausschluss erzeugt als wirklichen Gebrauch. Wer diese Grenze kennt, gerät nicht in Gefahr. Ein System darf weiterleben, ohne jede neu auftretende Besonderheit sofort in eine weitere feste Kategorie zu verwandeln.
Dao in der Welt gleicht kleinen Talbächen, die in Flüsse und Meer münden. Die lokale Bewegung wird nicht vernichtet; sie findet einen größeren Zusammenhang, der sie aufnehmen kann. Für Code, Organisationen und persönliche Identitäten gilt dasselbe: Man braucht Formen, aber nicht für jede Form eine weitere Kontrollform. Zhizhi ist die Kunst, Komplexität an ein aufnahmefähiges Ganzes zurückzugeben, bevor das Konstrukt nur noch mit seiner eigenen Verwaltung beschäftigt ist.