Ästhetik · Strahl 06 · Die Schönheit der Biologie
Es verändert sich ständig und fällt doch nicht auseinander
Ein kleines Stäbchen unter dem Mikroskop: Wie bleibt es ein Lebewesen? Eine ruhige Gestalt muss nicht bedeuten, dass nichts geschieht.
Die Mikroskopaufnahme wird vergrößert. Ein kleines Stäbchen erscheint auf dem Bildschirm. Es hat keinen Gesichtsausdruck und tut nichts für die Kamera. Auf den ersten Blick könnte man meinen, hier gebe es wenig zu sehen.
Es ist eine Spalthefe mit dem wissenschaftlichen Namen Schizosaccharomyces pombe. Im Zeitraffer sehen wir, wie sie an den Enden länger wird. In der Teilungsphase bildet sich in der Mitte eine Scheidewand. Schließlich trennen sich zwei Zellen voneinander.
Halten wir das Bild unterwegs an, bleibt nur ein Stäbchen. Lassen wir die Zeit weiterlaufen, erkennen wir, dass es nicht einfach dort abgelegt wurde und stillliegt. Es nimmt Stoffe aus seiner Umgebung auf, betreibt Stoffwechsel, wächst und hält seine Grenze aufrecht. So besteht es als lebende Zelle weiter.
Es behält seine Gestalt nicht deshalb, weil in ihm nichts geschieht.
Ruhe kann viel Arbeit bedeuten
Eine andere Art des Bewahrens kennen wir gut. Einen Gegenstand sorgfältig wegstellen, wenig berühren und schädliche Bedingungen fernhalten. Wenn wir ihn nächstes Jahr hervorholen, soll er möglichst noch aussehen wie jetzt.
Eine Zelle kann so nicht leben. Ihren Austausch anzuhalten heißt nicht, endlich ihre ursprüngliche Form gesichert zu haben. Hören die lebensnotwendigen Vorgänge auf, mag die Form eine Weile bleiben. Sie bedeutet dann aber nicht mehr dasselbe.
Bei einem Baum ist es ähnlich. Vom Fenster aus scheint er einfach immer dazustehen und nichts zu tun. Doch Blätter, Zweige und Wurzeln wachsen und verändern sich zu verschiedenen Zeiten. Stoffe werden aufgenommen, umgewandelt und transportiert. Nicht alle Teile werden nach derselben Uhr ersetzt; erst recht wird nicht an einem bestimmten Tag das ganze Material auf einmal ausgetauscht. Sein Fortbestehen wird von vielen verschieden schnellen Vorgängen gemeinsam getragen.
Damit ist »Er ist immer noch derselbe« weniger einfach, als es klang.
Bewahren muss nicht heißen, die ursprüngliche Portion Material zu versiegeln. Manches muss sich unablässig verändern, um weiterzubestehen. Die Ruhe vor unseren Augen kann gerade die Gestalt sein, in der viele Vorgänge zusammenhalten.
Wer nur »Das Leben ist so widerstandsfähig« hört, übersieht etwas. Widerstandsfähigkeit lässt an Kampf, Sieg und überstandene Schwierigkeiten denken. Hier braucht es nicht einmal zuvor eine Katastrophe. Schon eine Zelle, die unter geeigneten Bedingungen ganz gewöhnlich lebt, leistet all das.
In der Mitte erscheint eine Linie
Die Aufnahme läuft weiter. Die Scheidewand entsteht, die Trennung wird abgeschlossen. Aus der einen Zelle sind zwei geworden.
Niemand hat sie von außen mit einem Messer zerschnitten und die Teile anschließend neu zusammengesetzt. Wachstum, Verteilung des inneren Materials und Bildung der Grenzen geschehen im Tätigsein der Zelle. Die beiden neuen Zellen sind auch keine Bruchstücke, die erst jemand zurechtmachen müsste. Sie können weiterwachsen und in die nächsten Zyklen eintreten.
Doch das ursprüngliche Individuum lebt nicht einfach in jeder von beiden vollständig ein zweites Mal. Fortgesetzt wird eine Weise lebendiger Tätigkeit. Nicht ein unveränderlicher Name hat auf einmal zwei Plätze erhalten.
Schauen wir nach innen, gehen Stoffe ein und aus, während die Zelle sich erhält. Schauen wir auf die Fortsetzung, nehmen neue Zellen solche Tätigkeiten auf. Zweimal stellt sich dieselbe Frage: Das Material hat sich verändert. Wie ist die bisherige Tätigkeit dabei nicht einfach auseinandergefallen?
Daraus folgt nicht, jedes Lebewesen müsse sich fortpflanzen, um als lebend gelten zu dürfen. Damit würde eine beobachtbare Beziehung des Lebens heimlich zum Bewertungsmaßstab für Einzelne. Wir verfolgen hier lediglich die Aufnahme und betrachten, wie Erhaltung und Fortsetzung in ihr zusammenhängen.
Wir müssen ihr auch kein Streben nach Ewigkeit oder die Bereitschaft zuschreiben, sich für Nachkommen zu opfern. Solche Motive liefert die Aufnahme nicht. Wachstum, Trennung und weiteres Wachstum bieten bereits genug, das sich anzusehen lohnt.
»Es selbst« ist kein kleiner Mensch im Inneren
An dieser Stelle klingt das Wort »selbst« leicht allzu menschlich.
Als wohnte in der Zelle ein noch kleinerer Herr, der den nächsten Schritt kennt, Knöpfe drückt und die Maschinen arbeiten lässt. So hätten wir, um Leben zu erklären, einen unsichtbaren Verwalter des Lebens hinzuerfunden.
Diesen Verwalter brauchen wir nicht. Stoffwechsel, Wachstum, Regulation und Teilung sind gerade die Vorgänge, die wir untersuchen. Zu wissen, wie sie stattfinden, vertreibt nicht das Leben.
Umgekehrt beweist eine derzeit ungenaue Vorhersage der nächsten Zellveränderung weder Freiheit noch Subjektsein. Ungenaue Messungen, unzulängliche Modelle und unberücksichtigte Bedingungen können dafür viele Gründe liefern. Selbst wenn zwei ähnlich aussehende Zellen unterschiedlich reagieren, entscheidet dieser Unterschied allein die Frage nicht.
Der Aufsatz entwickelt eine stärkere Deutung: Was ein Lebewesen erhält und weitergibt, lässt sich durch äußere Bedingungen nicht ohne Verlust vollständig beschreiben. Diesen Anteil, den keine äußere Beschreibung restlos übernehmen kann, rückt er in die Mitte biologischer Schönheit.
Das ist eine philosophische Behauptung, für die der Text einsteht. Es ist kein weiteres Organ, das das Mikroskop bereits aufgenommen hätte. Wir können ihr beim Hinsehen folgen; zugleich muss sie für weitere Fragen offenbleiben. Versteckte der Essay diese Behauptung hinter »Die Wissenschaft hat bewiesen«, würde er sich eine Autorität ausleihen, die ihm nicht zusteht.
Eine Zelle bei ihrer Selbsterhaltung zu beobachten und zu beweisen, dass eine äußere Erklärung sie niemals erschöpfen kann, bleiben also zwei Dinge. Das Erste gibt dem Nachdenken einen konkreten Ort. Es liefert das Zweite nicht automatisch mit.
Ein hübsches Aussehen ist nicht der einzige Zugang
Manche Lebewesen gewinnen uns schnell für sich: weiches Fell, Blätter, die sich uns entgegenstrecken, ein neugierig wirkendes kleines Tier. Kaum sehen wir sie, sind Gefühle schon da.
Die Spalthefe hat es nicht so leicht. Ohne ihren Namen könnte die Aufnahme sogar eintönig erscheinen. Sie braucht aber auch kein nachgereichtes Eintrittsticket mit der Aufschrift »Eigentlich ist sie für Menschen sehr nützlich«.
Biologen können an ihr den Zellzyklus erforschen. Hersteller können nach dem Ertrag eines Mikroorganismus fragen. Beides hat sein Gewicht. Dieser Essay bleibt an einer etwas anderen Stelle: Er fragt nicht zuerst, was das Lebewesen für uns leistet, sondern betrachtet, wie es als dieses Lebewesen weiterbesteht.
Die Mechanismen zu verstehen hilft. Viele Vorgänge sind in ein paar Einzelbildern gar nicht unmittelbar zu erkennen. Um sie auseinanderzuhalten, brauchen wir Experimente und langfristige Forschung. Schönheit verlangt nicht, dass wir etwas zu sehen vorgeben, das die Kamera nicht zeigt. Zu wissen, was aus der Aufnahme und was aus Forschung stammt, gibt dem eigenen Blick vielmehr Halt.
Dann gibt es manchmal einen Augenblick, in dem kein neues Wissen hinzukommt. Wir wissen längst von Zellteilung und kennen die Begriffe. Diesmal beantworten wir aber keine Prüfungsfrage und berechnen keinen Ertrag. Wir schauen nur, wie die Grenze sich bildet.
Sowohl die noch nicht getrennte als auch die eben geteilte Zelle können einen solchen Blick verdienen. Die erste ist nicht höherwertig, weil noch etwas aussteht; die zweite ist nicht langweilig, weil der Schritt vollendet ist. Eine lebendige Tätigkeit hat diesen Teil abgeschlossen, zwei neue Zellen können selbständig fortfahren. Auch in dieser Beständigkeit lässt sich etwas sehen.
Es darf auch ohne besondere Rührung bleiben. Du schaust die Aufnahme zu Ende, schaltest den Bildschirm aus und machst etwas anderes. Niemand muss vor einem winzigen Stäbchen angestrengt Ehrfurcht hervorbringen.
Vielleicht hältst du nur beim nächsten Satz »Es steht einfach da und tut nichts« einen Augenblick inne.
Dort geschah die ganze Zeit etwas. Es ist nicht deshalb noch da, weil die Welt es vergessen hätte.
Quellen und weiterführende Lektüre
Die deutschen Leseressays sind eigenständig nach den vollständigen veröffentlichten chinesischen Manuskripten geschrieben. Die schon vorhandene englische Fassung ist ebenfalls unabhängig verfasst; vereinfachtes und traditionelles Chinesisch enthalten die vollständigen Texte. Die Essays sind keine technischen Vollübersetzungen der wissenschaftlichen Aufsätze. Jede Folge behält ihren eigenen vollständigen Hinweis zu erfundenen Beispielszenen, nachprüfbaren Sachverhalten und Grenzen der Deutung sowie sämtliche Quellenlinks. Die SAE-Aufsätze sind auf Englisch und Chinesisch zugänglich. Die getrennte Sammlung mit Kunstbetrachtungen besitzt eine deutsche Ausgabe; tägliche Entdeckungen und der ältere Essay über den Tod des Künstlers liegen auf Englisch und in vereinfachtem Chinesisch vor. Die hier angebotenen Links zu diesen beiden Bereichen führen zur englischen Lektüre.
Zum Essay und seiner Grundlage
Geschrieben auf Grundlage des Aufsatzes »Die Schönheit der Biologie«. Wachstum und Teilung der Spalthefe folgen dem Übersichtsartikel in Genetics. Die beschriebene Betrachtung ist eine allgemeine Beobachtungsszene, kein Bericht über eine bestimmte Videoaufnahme. Der Text unterscheidet beobachtbare Erhaltung und Teilung ausdrücklich von der philosophischen Behauptung des Aufsatzes, eine äußere Erklärung könne Leben nicht erschöpfen.