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Non Dubito

Ästhetik · Strahl 07 · Die Schönheit der Fortpflanzung

Die nächste Generation ist keine fertige Miniatur

Ein Volvox-Embryo stülpt sich um. Eine neue Kugel bildet ihre unterschiedlichen Teile erneut aus. Fortsetzung heißt nicht, ein fertiges Muster einfach noch einmal zu drucken.

Han Qin ·

In der grünen Kugel liegen mehrere kleinere Kugeln.

Auf einem einzelnen Foto sieht es nach einem einfachen Vorgang aus: Die große Kugel birgt kleine Kugeln, die wachsen und später ihre noch kleineren Kugeln freigeben. Wie ein bereits ineinandergestecktes Spielzeug, das nur Schicht um Schicht geöffnet werden muss.

Doch wenn wir die Entwicklung weiterverfolgen, zeigt sich etwas, das das Foto nicht erzählt: In einer Phase liegen Innen und Außen verkehrt herum. Die kleine Kugel muss sich umstülpen.

Niemand dreht sie mit einer Pinzette um. Ihre Zellen verändern ihre Form und verschieben im Zusammenwirken die Lage der ganzen Zellschicht. Eine Öffnung weitet sich, ihr Rand stülpt sich nach außen. Was nach innen zeigte, kommt allmählich nach außen.

Die nächste Generation war also nicht die ganze Zeit als verkleinertes Fertigprodukt verborgen. Die Gestalt vor uns muss neu heranwachsen.

In der Kugel tun nicht alle dasselbe

Es geht um eine häufig untersuchte Art, Volvox carteri. Volvox umfasst mehrere Arten. Zellzahlen, Differenzierung und Formen der Umstülpung unterscheiden sich. Der Ablauf dieser einen Art ist kein gemeinsames Drehbuch für die ganze Verwandtschaft.

Im ungeschlechtlichen Lebenszyklus dieser Art trägt die reife Kugel an ihrer Oberfläche viele kleine Körperzellen. Ihre Geißeln tragen zum Schwimmen bei. Weiter innen liegen wenige große Fortpflanzungszellen, die durch eine Reihe von Teilungen die nächste Generation hervorbringen können.

Die großen liegen nicht einfach da und lassen sich bedienen. Die kleinen sind auch keine Arbeiter, denen wir einen Orden verleihen könnten. Es sind unterschiedliche Zellen desselben Lebewesens, mit eigenen Tätigkeiten und Stellen in seiner Entwicklung. Deuten wir diese Stellen als menschliche Gesellschaftsrollen, geht die Geschichte in eine falsche Richtung.

Bemerkenswert ist, dass die Teile nicht zufällig nebeneinanderliegen. Ihre Unterschiede wirken daran mit, dass diese Kugel ein Lebewesen ist. »Viele Zellen haben sich angesammelt« sagt darüber noch zu wenig.

Die nächste Generation entsteht auch nicht bloß dadurch, dass diese Zellansammlung ein weiteres Mal hergestellt wird. Eine Fortpflanzungszelle teilt sich; Zellen werden allmählich verschieden, die Gestalt verändert sich. Schließlich bildet sich erneut eine Kugel mit unterschiedlichen Teilen an unterschiedlichen Stellen.

Was fortgesetzt wird, schließt die Art ein, wie diese Unterschiede zusammenwirken.

Der Augenblick des Umstülpens

In einer Entwicklungsphase ist der Embryo noch so ausgerichtet, dass daraus keine normal schwimmende Kugel werden könnte. Durch die Umstülpung wird jene Seite nach außen gebracht, die später nach außen zeigen soll.

Sehen wir nur das letzte Foto, scheint dieser Schritt kaum stattgefunden zu haben. So sieht eine ausgewachsene Volvox-Kugel eben aus, als wäre das selbstverständlich. Erst die fortlaufende Aufnahme zeigt, welche Veränderungen hinter dieser scheinbaren Selbstverständlichkeit liegen.

Wachstum stellen wir uns leicht als Änderung der Größe vor. Der kleine Baum wird groß, das Kind passt nicht mehr in seine Kleidung vom letzten Jahr. Entwicklung bedeutet aber auch, dass sich zuvor nicht unterschiedene Teile differenzieren, Anordnungen entstehen und Tätigkeiten an bestimmten Stellen fortgesetzt werden.

An der Umstülpung von Volvox wird das besonders greifbar. Keine schon richtige Form wird gleichmäßig aufgeblasen. Der Embryo durchläuft eine noch nicht fertige Gestalt und verändert sie durch die Tätigkeiten seiner Zellen.

Forschende können genauer fragen: Welche Zellen verändern wie ihre Form? Wie sind sie verbunden? Welcher Fehler an welcher Stelle würde die Umstülpung behindern? Genaueres Wissen zerlegt die Szene nicht zu etwas Unansehnlichem. Im Gegenteil: Wir erkennen besser, dass nicht ein pauschales »Wunder des Lebens« alles für uns erklärt.

Die Veränderung besitzt einen bestimmten Verlauf. Wir können anhalten und erneut schauen; andere können ihn prüfen. Es braucht keinen Kommentar von uns: »Um zu überleben, hat es sich endlich mutig umgedreht.«

Fortsetzung bedeutet nicht, das ursprüngliche Individuum sei nicht gestorben

Ist die nächste Generation herangewachsen, verlässt sie die Mutterkugel und beginnt ihr eigenes Leben. Die zurückbleibenden Körperzellen der Mutterkugel altern und sterben anschließend.

Beide Vorgänge gehören zum selben Lebenszyklus. Wir dürfen sie jedoch nicht zu »Eigentlich ist es gar nicht gestorben« zusammenziehen. Dieses ursprüngliche Leben endet. Weiter bestehen neue Individuen.

Ebenso wenig macht der Fortbestand der nächsten Generation den Tod wünschenswert oder verpflichtet die übrigen Zellen, sich für Nachkommen aufzubrauchen. Damit legten wir Zwecke und Pflichten in eine Beobachtung hinein und täten anschließend so, als hätte die Natur selbst gesprochen.

Dieser Strahl will den Tod nicht preisen. Er betrachtet etwas anderes: Das einzelne Lebewesen ist endlich, doch seine Weise lebendiger Organisation kann sich neu ausbilden. Sie wird nicht stückweise aus dem alten Körper ausgebaut und anderswo zusammengesetzt. Mit der Entwicklung einer Zelle beginnt auch der Zusammenhang neu, in dem verschiedene Teile miteinander tätig werden.

»Mit einer Zelle beginnen« gehört zur Besonderheit dieses Beispiels und definiert nicht sämtliche Fortpflanzung. Es gibt auch Stecklinge, Knospung und andere Wege. Eine neue Generation muss zudem nicht stets aus geschlechtlicher Fortpflanzung hervorgehen. Dieser Volvox-Zyklus benötigt keine Verbindung zweier Elternorganismen.

Den Geltungsbereich zu benennen nimmt dem Vorgang nichts von seiner Schönheit. Wir müssen nicht in einem Atemzug alles Leben erklären, um diesen einen Zyklus ernsthaft anzusehen.

Unterschiede nicht vorschnell zu Ende erklären

Auch Individuen derselben Volvox-Art stimmen in Zellzahl, Größe und Entwicklungszeiten nicht unbedingt vollständig überein. Dass »identische Fotokopien« kein gutes Bild ist, heißt jedoch nicht, wir kennten bereits die letzte Ursache jedes Unterschieds.

Ernährung, Licht, Vererbung und Entwicklungsprozesse können zu Unterschieden beitragen. Dass manche Ursachen heute nicht ausreichend gemessen wurden, bedeutet auch nicht, sie seien für immer unerklärbar.

Der Aufsatz schlägt eine weitergehende Lesart vor: An den Unterschieden, die bei der Fortsetzung von Leben entstehen, lässt sich nicht alles erschöpfend auf äußere Bedingungen zurückführen. Darin sieht er ein Entstehen, das nicht bloß eine alte Gestalt nachdruckt. Er zieht aber zugleich eine Grenze: Unterschiede zu beobachten beweist noch nicht, dass gerade sie jener nicht erschöpfend erklärbare Anteil sind. Diese Deutung muss sich weiterhin empirischen Fragen stellen.

Ein Leseressay darf diese Grenze nicht überspringen. Sonst würden wir von einer Entwicklungsaufnahme unversehens zum Satz »Jede kleine Kugel besitzt ein menschliches Selbst« gelangen. Diesen Weg hat die Aufnahme nicht für uns zurückgelegt.

Umgekehrt wird nicht jeder untersuchbare und erklärbare Vorgang zu einer kalten Wiederholung. Wie etwas entsteht und ob uns eine Erklärung gefällt, sind zwei verschiedene Fragen.

Wir können zunächst dabei bleiben: Dass dieselbe lebendige Organisation wieder entsteht, erspart ihr nicht den Prozess und liefert nicht einfach schon das fertige Ende.

Die neuen Kugeln schwimmen davon

Am leichtesten fesselt uns beim Schauen die Bewegung während des Umstülpens. Doch auch danach, wenn in den neuen Kugeln alles seinen Platz gefunden hat und sie ruhig schwimmen, lohnt sich der Blick.

Im Werden liegt eine eigene Spannung, in der entstandenen Gestalt eine eigene Vollständigkeit. Unsere Augen müssen nicht für immer dem nächsten Unfertigen hinterherlaufen, als hätte Leben uns nach dem Heranwachsen nichts mehr zu geben.

Ob dies die effizienteste Organisation ist und welche Arbeitsteilung erfolgreicher wäre, ist eine andere Frage. Wer im menschlichen Leben welche Aufgaben übernehmen soll, entscheiden erst recht keine grünen Kugeln. Die Stelle einer Zelle in der Entwicklung ist kein Posten, den ein Mensch nicht verlassen dürfte. Die Schönheit der Fortpflanzung liefert auch keinen Grund, von irgendjemandem Kinder zu verlangen.

Die Aufnahme darf hier enden. Sie muss uns nicht sogleich das Elternsein oder die Einrichtung einer Gesellschaft lehren.

Zuletzt verlassen einige kleine Kugeln ihren bisherigen Ort. Wir erkennen, was sie sind. Doch das ursprüngliche Individuum hat nicht bloß den Platz gewechselt.

Die Fortsetzung ist wirklich. Dieses neue Mal ist es auch.

Quellen und weiterführende Lektüre

Die deutschen Leseressays sind eigenständig nach den vollständigen veröffentlichten chinesischen Manuskripten geschrieben. Die schon vorhandene englische Fassung ist ebenfalls unabhängig verfasst; vereinfachtes und traditionelles Chinesisch enthalten die vollständigen Texte. Die Essays sind keine technischen Vollübersetzungen der wissenschaftlichen Aufsätze. Jede Folge behält ihren eigenen vollständigen Hinweis zu erfundenen Beispielszenen, nachprüfbaren Sachverhalten und Grenzen der Deutung sowie sämtliche Quellenlinks. Die SAE-Aufsätze sind auf Englisch und Chinesisch zugänglich. Die getrennte Sammlung mit Kunstbetrachtungen besitzt eine deutsche Ausgabe; tägliche Entdeckungen und der ältere Essay über den Tod des Künstlers liegen auf Englisch und in vereinfachtem Chinesisch vor. Die hier angebotenen Links zu diesen beiden Bereichen führen zur englischen Lektüre.

Zum Essay und seiner Grundlage

Geschrieben auf Grundlage des Aufsatzes »Die Schönheit der Fortpflanzung«. Das Beispiel beschränkt sich auf den ungeschlechtlichen Zyklus von Volvox carteri; Entwicklung und Umstülpung folgen den genannten Forschungsarbeiten. Die Beobachtungsszene bezieht sich auf keine bestimmte Aufnahme. Unterschiede zwischen Individuen zu beobachten beweist nicht schon philosophische Unerschöpflichkeit. Aus der Arbeitsteilung von Zellen werden hier keine menschlichen Familienrollen, Geschlechterrollen oder Fortpflanzungspflichten begründet.