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Non Dubito

Ästhetik · Strahl 08 · Die Schönheit der Wahrnehmung

Es wird dunkel, und der Garten erscheint anders

Du hast die blaue Blüte erkannt und brauchst ihre Farbe für nichts mehr. Das Blau bleibt. Was wir empfinden, ist nicht nur eine Mitteilung.

Han Qin ·

Es wird dunkel. Im Garten ist noch kein Licht eingeschaltet.

Das Rot, das tagsüber am stärksten auffiel, ist jetzt schwer zu finden. Die Blumen stehen noch am selben Ort, ihre Blütenblätter haben nicht plötzlich die Farbe gewechselt. Doch sie gehen allmählich im Dunkel dahinter auf. Die bläulichen Blüten daneben scheinen etwas Helligkeit behalten zu haben.

Nach einer Weile lassen sich auch diese Farben kaum noch unterscheiden. Du erkennst den Umriss des Beets, kannst aber nicht mehr wie am Nachmittag auf eine einzelne Blüte zeigen: »Die rote dort.«

Der Garten wurde nicht heimlich ausgewechselt. Auch haben die Augen keinen anderen aus dem Nichts erfunden. Das Licht hat sich geändert, und mit ihm die Weise, wie wir bei unterschiedlicher Beleuchtung sehen. Das Auge gibt das Bild des Tages nicht einfach unverändert mit gleichmäßig heruntergedrehter Helligkeit zurück.

Derselbe Ort zeigt sich uns nun auf eine andere Weise.

Das Auge ist kein vollkommen durchsichtiges Fenster

Bei hellem Licht tragen vor allem die Zapfen zum Farbsehen bei. Wird es dunkler, fällt die Wirkung der Stäbchen stärker ins Gewicht. Unter bestimmten Bedingungen erscheinen blaugrüne Bereiche relativ heller als rote. Diese Verschiebung der Helligkeitsverhältnisse heißt Purkinje-Effekt.

Ein Garten ist aber kein Labor. Die Zusammensetzung des Dämmerlichts verändert sich; auch die Reflexion der Blütenblätter spielt mit. Nicht jede rote Blume verschwindet nach demselben Zeitplan. Es geht weniger darum, dem Garten ein Gesetz aufzusagen, als zu bemerken: Was vor uns erscheint, wird nicht allein von der Blume bestimmt.

Auch diese Augen haben Anteil daran.

Manches Licht können wir sehen, anderes nicht. Einige Unterschiede treten deutlich hervor, andere werden kaum unterscheidbar. Wir haben uns nicht vor der Geburt einen Sinnesapparat ausgesucht und dann entschieden, wie wir die Welt betreten.

Das bedeutet dennoch nicht, die Welt ließe sich beliebig erfinden. Wenn wir nach dem Blumentopf greifen, hält der harte Rand die Hand auf. Eine übersehene Stufe macht nicht von selbst Platz. Nicht alles zu sehen heißt nicht, gar nichts gesehen zu haben.

Das dunkle Rot hat seinen Ort. Es ist keine Farbe, die unsere Stimmung nach Belieben irgendwohin setzt.

Ein Hinweis, und doch mehr als ein Hinweis

Im Alltag haben wir eine Empfindung oft schon verwendet, ehe wir sie genauer betrachten konnten.

Es zischt im Topf: Die Hitze ist zu stark, wir drehen sie herunter. Der Becher ist heiß: schnell abstellen. In der Ferne ruft jemand: Wir drehen uns um. Farben, Klänge, Wärme und Kälte sind keine an das Leben angeheftete Dekoration. Durch sie erreichen uns Unterschiede rechtzeitig, um etwas tun zu können.

Einige Unterschiede betreffen sogar das Weiterleben. Sehen oder nicht sehen, hören oder nicht hören ist bisweilen keine Nebensache. Unsere Sinne haben eine lange Entstehungsgeschichte. Wenn wir im Garten stehen, sehen wir diese Geschichte jedoch nicht unmittelbar vor uns.

Wir sehen nur das, was hier bei uns ankommt. Nicht alles erscheint. Was erscheint, sind aber auch keine Signale ohne Bezug: Dort ist eine Blume, hier eine Stufe.

Ist die Aufgabe erledigt, geht die Empfindung nicht mit ihr auf null zurück.

Du weißt bereits, dass es die blaue Blüte ist. Du musst sie nicht mehr über die Farbe finden und willst sie auch nicht pflücken, um etwas damit zu schmücken. Das Blau bleibt: dunkler nahe den Blättern, zarter am Rand, leicht bewegt im Abendwind. Auch ohne eine weitere Frage für dich zu beantworten, verliert es nichts von seiner Gestalt.

Hier liegt ein kleines Verweilen.

Damit wird die Blume nicht für nutzlos erklärt. Auch wird niemand wegen übertriebener Zweckorientierung getadelt, der eben noch den Weg suchte. Nur muss sie gerade nicht sofort etwas melden. Was von ihr bei uns erscheint, muss sich nicht gleich in die nächste Aufgabe verwandeln.

Auch Unangenehmes lässt sich klar wahrnehmen

Ein solches Verweilen klingt leicht wie eine Entspannungsmethode: nach Feierabend Blumen betrachten und die Stimmung verbessern.

Natürlich darf man das. Es ist aber ein möglicher Gewinn des Blumenschauens, nicht dessen ganzer Sinn.

Stellen wir uns ein eisengraues Meer vor. Der Himmel hängt tief, auf dem Wasser liegen keine gefälligen hellen Farben. Wind streicht hörbar zwischen den Stäben des Geländers hindurch. Du magst diesen Nachmittag vielleicht nicht und fühlst dich nicht unbedingt entspannter als zuvor. Trotzdem kannst du deutlich sehen, wie das Grau von nah nach fern reicht, wie eine Wellenkuppe kurz aufleuchtet und das Licht wieder zurücknimmt.

»Es gefällt mir nicht« und »Es gibt nichts zu sehen« sagen nicht dasselbe.

Umgekehrt kann eine kalte Hand in der Wärme so angenehm auftauen, dass man fast seufzen möchte. Du kannst dich schlicht wohlfühlen, ohne zu beachten, wie sich die Wärme von den Fingerspitzen ausbreitet. Dieses Wohlgefühl ist nicht falsch und muss nicht abgewertet werden. Nur entscheidet es allein noch nicht, ob du die hier gemeinte Schönheit wahrgenommen hast.

In diesem Gedankengang ist Schönheit kein anderer Name für gute Laune. Es geht darum, dass das Empfundene eine deutlich erkennbare Gestalt gewinnt und wir es diesmal nicht nur als Hinweis auf etwas zu Erledigendes benutzen.

Niemand soll dafür schrille Töne oder Schmerzen ertragen, um Geschmack zu beweisen. Ist es zu laut, kannst du ausschalten. Ist der Wind zu kalt, darfst du ins Haus. Keine Schönheit kann bestimmen, dass du bleiben musst.

Es muss sich nicht weiter verändern, um einen Blick zu verdienen

Du kommst aus dem beleuchteten Zimmer in den Garten zurück. Anfangs fließt das Dunkel fast zusammen. Nach einer Weile unterscheiden sich die hellen Steine am Weg, Baumstämme und Stuhllehnen. Dunkelanpassung braucht Zeit. Wie viel wir sehen, hängt auch vom Licht und der einzelnen Person ab. Nicht mit einer bestimmten Minute tritt auf einmal alles gemeinsam hervor.

Dieses allmähliche Erscheinen kann fesseln. Da steht ja noch ein Stuhl. Was eben wie ein Loch aussah, bekommt langsam Tiefe.

Doch wenn wir es erkannt haben, müssen wir nicht sofort das nächste Wunder suchen.

Hier die Lehne, dort der Stein: Auch die bereits hervorgetretene Gestalt dieses Augenblicks verdient Aufmerksamkeit. Sehen braucht nicht ständig Nachschub an Neuem. Sonst wäre unsere Aufmerksamkeit nur eine weitere Form von Appetit auf Reize.

Manchmal braucht es dafür nicht einmal die Augen. Die Hand liegt auf glatt geriebenem Stein: kühl, hart, mit einer flachen Mulde. Du prüfst nicht seine Tragfähigkeit, sondern lässt die Finger langsam darübergehen. Was das Auge nicht liefern kann, erreicht der Tastsinn auf seinem eigenen Weg.

Der Weg eines anderen kann wieder anders verlaufen. Jemand unterscheidet deine zwei Farben nicht, jemand hört den tiefen Ton nicht. Eine vermeintlich vollständige Ausstattung mit Standardsinnen ist keine Eintrittsbedingung. Wir können miteinander sprechen, ohne alle zur Meldung derselben Empfindung zu nötigen. Wir bitten den anderen vielmehr: Zeig uns, wie es bei dir erscheint.

Ein Name kann beim Sehen helfen und auch zu früh damit Schluss machen. Wer den Purkinje-Effekt kennt, weiß im Garten vielleicht besser, worauf zu achten ist. Oder er sagt nur: »Ach, das kenne ich«, und schaut nicht weiter.

Das Wissen ist nicht falsch. Nur hat der Name uns das Sehen hier nicht abgenommen.

Später geht das Licht an. Weißes Licht fällt auf das Beet, und die eben fast verschwundenen Farben erscheinen noch einmal anders. Der Garten hat damit nicht endlich seine einzig richtige Fassung geliefert.

Du kannst hineingehen oder etwas länger stehen bleiben. Falls du bleibst, musst du nicht darauf warten, dass die Blume dir eine Lebensweisheit mitteilt.

Das kleine Stück Blau hat den Garten nicht vollständig erklärt. Es wird aber auch nicht weniger blau, weil es das nicht getan hat.

Quellen und weiterführende Lektüre

Die deutschen Leseressays sind eigenständig nach den vollständigen veröffentlichten chinesischen Manuskripten geschrieben. Die schon vorhandene englische Fassung ist ebenfalls unabhängig verfasst; vereinfachtes und traditionelles Chinesisch enthalten die vollständigen Texte. Die Essays sind keine technischen Vollübersetzungen der wissenschaftlichen Aufsätze. Jede Folge behält ihren eigenen vollständigen Hinweis zu erfundenen Beispielszenen, nachprüfbaren Sachverhalten und Grenzen der Deutung sowie sämtliche Quellenlinks. Die SAE-Aufsätze sind auf Englisch und Chinesisch zugänglich. Die getrennte Sammlung mit Kunstbetrachtungen besitzt eine deutsche Ausgabe; tägliche Entdeckungen und der ältere Essay über den Tod des Künstlers liegen auf Englisch und in vereinfachtem Chinesisch vor. Die hier angebotenen Links zu diesen beiden Bereichen führen zur englischen Lektüre.

Zum Essay und seiner Grundlage

Geschrieben auf Grundlage des Aufsatzes »Die Schönheit der Wahrnehmung«. Garten, Meeresufer und Steinfläche sind Beispielszenen, keine eigenen Erlebnisse des Autors. Der Purkinje-Effekt betrifft Veränderungen der relativen Helligkeit bei unterschiedlicher Beleuchtung. Dämmerlicht, Reflexion der Gegenstände und Beobachtungsbedingungen wirken am wirklichen Erscheinungsbild des Gartens mit. Stäbchen und Zapfen werden nicht so beschrieben, als lösten sie sich zu einem festen Zeitpunkt vollständig ab. Die Unterscheidung von Schönheit und angenehmem Empfinden ist die philosophische Auffassung des Essays, keine durch das Sehexperiment unmittelbar bewiesene Folgerung.