Ästhetik · Strahl 09 · Die Schönheit des Erkennens
Der Ton ist noch nicht da. Du wartest schon auf ihn.
Ein falscher Ton nebenan, eine Apotheke um die Ecke: Erinnerung blickt nicht nur zurück. Sie steckt auch in dem halben Schritt, den wir noch nicht getan haben.
Nebenan übt jemand Klavier. Du räumst am Tisch auf.
Anfangs hörst du nicht besonders hin. Das Stück ist dir vertraut. In deiner Kindheit wurde es oft gespielt, später hast du jahrelang nicht mehr daran gedacht. Satz für Satz kommt die Musik durch die Wand und begleitet, ohne zu stören, deine Handgriffe.
Plötzlich hält die Hand inne.
An diese Stelle gehört doch nicht dieser Ton.
Das Merkwürdige: Der Ton, den du erwartest, ist nicht erklungen. Im Zimmer war ein anderer zu hören. Etwas gar nicht Gespieltes ist trotzdem deutlich genug, den wirklich gespielten Ton unpassend erscheinen zu lassen.
Nebenan wird kurz abgesetzt und der vorige Abschnitt wiederholt. Diesmal kommt die Musik dort an, wo du sie in Erinnerung hast. Du sortierst die Blätter in deiner Hand weiter.
Eine Kleinigkeit. Doch in dem kurzen Halt begegnen sich viele Jahre zuvor und der nächste, noch nicht eingetretene Augenblick.
Kein altes Foto an der Wand
Speichern wir das Stück im Handy, liegt die Datei dort. Ohne Wiedergabe wartet sie nicht von sich aus auf den nächsten Ton. Eine Aufnahme kann eine Aufführung bewahren. Sie dreht sich aber beim Klang eines falschen Tons nicht erstaunt um.
Bei dir geschieht etwas anderes. Etwas früher Gehörtes wirkt heute noch.
Dieses Weiterwirken ist kein unverändert im Kopf aufbewahrtes Tonband. Solltest du das ganze Stück jetzt summen, fehlt dir vielleicht eine Stelle oder ein Abschnitt hat ein anderes Tempo als damals. Selbst beim Ton, dessen du dir ganz sicher bist, könnte der Blick in die Noten zeigen, dass du eine andere Fassung erinnerst.
Sich zu erinnern garantiert nicht, sich richtig zu erinnern.
Das macht den eben erlebten Halt jedoch nicht unwirklich. Eine früher gehörte Gestalt ist mit dir bis in diesen Augenblick gekommen. Erinnern bedeutet nicht, einen unverändert gelagerten Gegenstand aus einem Speicher zu reichen. Wir nehmen etwas erneut auf, erkennen damit, erwarten damit und ordnen es nötigenfalls neu ein.
Wir brauchen deshalb nicht ins andere Extrem zu fallen: Wenn Erinnerung sich verändert, sei gar nichts mehr glaubwürdig. An dem Stück gibt es weiterhin Nachprüfbares; eine vertraute Melodie lässt sich tatsächlich weitersingen. Zwischen »Nicht unverändert« und »Ohne jeden Grund« liegt ein großer Unterschied.
Noch vor der Ecke werden die Schritte langsamer
An einem anderen Ort wird noch deutlicher, wie dieser Zusammenhang nach vorn reicht.
Nach vielen Jahren kommst du in eine Straße zurück, in der du einmal gewohnt hast. Wenige Schritte vor der Ecke gehst du bereits langsamer. Dahinter müsste ein Frühstückslokal liegen, mit einem schmalen Eingang, an dem man morgens Menschen mit Schüsseln ausweichen musste. Noch ehe du heute die Tür siehst, hat dein Körper ihr schon Platz gelassen.
Du biegst ab. Dort ist eine Apotheke.
Vielleicht bist du enttäuscht, vielleicht belustigt: Schon so lange ist es anders, und du wusstest nichts davon. Lassen wir das Gefühl kurz beiseite. Etwas sehr Bestimmtes geschieht: Deine erinnerte Straße reichte bis dorthin, wo die Augen noch nicht waren. Dieser vorgreifende Teil trifft auf die heutige Straße.
Wenn du künftig an die Ecke denkst, muss das Frühstückslokal nicht verschwinden. Es kann den Platz »Früher gab es dort eines« behalten. Die Apotheke gehört zur Gegenwart, das alte Lokal zur Vergangenheit. Eine Änderung löscht nicht einfach ein Bild. Sie weist beiden einen neuen Platz zu.
Beim nächsten Besuch werden die Schritte womöglich aus Gewohnheit wieder langsam. Du wirst aber nicht verlangen, dass aus der Apotheke erst wieder das Frühstückslokal wird, bevor du die Straße als wirklich anerkennst.
Daran sehen wir auch, dass eine Erwartung nicht immer eine ausdrücklich formulierte Vorhersage ist. Manchmal wird nur der Schritt langsamer, die Hand greift zum gewohnten Schalter, oder ein halber Melodiebogen genügt, um die Fortsetzung zu kennen.
Die Vergangenheit ist nicht ausschließlich in der Vergangenheit geblieben. Sie wirkt daran mit, wie wir dem nächsten Augenblick entgegengehen.
Wenn es nicht passt: Welche Seite wird geändert?
Zwischen der Straßenecke und dem falschen Ton besteht ein Unterschied.
Die Apotheke steht dort. Haben wir nachgesehen und wissen, dass das Geschäft wirklich gewechselt hat, müssen wir unsere Erwartung an die Straße ändern. Beim Klavierspiel nebenan müssen wir hingegen nicht jeden erinnerten Ton ändern, wenn sich die Noten prüfen lassen und die spielende Person zurückgeht und korrigiert.
Bei einer Abweichung kann die Erinnerung falsch sein, die gegenwärtige Aufführung einen Fehler enthalten oder eine andere Fassung vorliegen. »So bin ich es gewohnt« reicht nicht, um die Welt schuldig zu sprechen. Ebenso wenig müssen wir wegen jeder Abweichung die gesamte Vergangenheit verwerfen.
Wir müssen zurückgehen, prüfen, genau hören und vergleichen.
Dieses Hin und Her verdient den Blick: Das Erinnerte greift voraus; die Erwartung kann auch unerfüllt bleiben. Dann führt sie uns zurück zum Erinnerten, um zu entscheiden, was bleibt und was sich ändert.
Manche Sätze wirken vorhersagekräftig, können aber jedes Ereignis so auslegen, als hätten sie es längst getroffen. »Am Ende wird sich immer etwas ändern« kann kaum falsch werden, sagt aber nicht, auf welchen Ton wir gerade warten.
Was wirklich vorausgeht, hat eine Gestalt, zu der etwas nicht passen kann. Gerade die Überraschung lässt diese ursprüngliche Gestalt hervortreten.
Die Schönheit hier ist deshalb auch kein Preis für den richtigen Tipp. Vor der Apotheke lag die Erwartung falsch, und das Hin und Her bleibt trotzdem erkennbar. Sagten wir nur »Was das Gedächtnis alles kann!«, verlören wir gerade den interessantesten Teil: Es greift vor, stößt an und kehrt zurück, um neu zu ordnen.
Ganz vertraut und doch nicht aufgebraucht
Bei einem vertrauten Lied müssen wir meist nicht Ton für Ton das ganze Stück innerlich abspielen. Sobald der Anfang da ist, lässt sich fortsetzen; auch eine Unterbrechungsstelle wird erkannt. Vertraut ist uns ein Weg, dem wir folgen können. Nicht in jeder Sekunde müssen all seine Töne schon gegenwärtig sein.
Diese Vertrautheit hat kein Rätsel mehr, muss aber nicht langweilig sein. Du kannst das Lied von Anfang bis Ende singen, ohne gerade eine Schwierigkeit zu meistern oder dich gegenüber dem letzten Mal besonders zu verbessern. Ein vollständiger Durchgang hat schon für sich etwas Hörenswertes.
Ein anderes Mal scheint die Musik gleich zum Abschluss zu kommen und tut es doch nicht. Sie weicht aus und geht etwas weiter. Der erwartete Ruhepunkt bleibt offen. Die erklingenden Töne gehen voran, und mit ihnen verändert sich das Warten.
Das muss kein Fehler sein. Ein Werk kann die Erfüllung einer bereits aufgebauten Erwartung absichtlich hinauszögern. Ob es gut klingt, ist eigens zu beurteilen. Überraschung allein ist auch noch kein Können.
Dein Gefühl, hier müsse die Musik nun enden, kann zudem aus langjähriger Erfahrung mit einer bestimmten Musik stammen. Wer mit anderer Musik aufgewachsen ist, wartet vielleicht nicht an derselben Stelle. Die Gewohnheit im eigenen Ohr darf nicht unmittelbar zur Regel der ganzen Welt umbenannt werden.
Dennoch können wir über dasselbe Geschehen sprechen. Wir müssen nicht denselben Ton erwarten, um das Entstehen einer Erwartung zu verstehen. Zeigst du mir, wo dein Warten beginnt, höre ich vielleicht zum ersten Mal, weshalb diese Stelle für dich Spannung besitzt.
Nicht dieselbe Antwort wird erzwungen. Wir legen die selbst gegangenen Wege offen, damit ein anderer ein Stück mitgehen kann.
Hinter der Wand wird es still
Die übende Person schließt den Klavierdeckel. Du räumst weiter auf. Eine Lebensweisheit hast du nicht gewonnen; auch musst du dich nicht sofort deiner Kindheit zuwenden.
Das Lied muss keine Sehnsucht nach früher wecken. Du magst jene Zeit sogar nicht gemocht haben und erinnerst dich doch an den Gang der Musik. Zurückkehren zu wollen ist etwas anderes als das Fortwirken der Vergangenheit.
Vielleicht summst du wenig später ein paar Takte, diesmal ohne Führung von nebenan. Vergangener Klang bekommt wieder eine Fortsetzung. Die nächste Phrase ist noch nicht gesungen; dein Mund wartet schon auf sie.
Erinnerung schaut nicht nur zurück. Manchmal steckt sie in dem halben Schritt, den wir noch nicht getan haben.
Wie das Ich, das all die Jahre hörte und wartete, zu dem heutigen Menschen geworden ist, kann die nächste Frage sein.
Jetzt können wir zunächst diese Phrase zu Ende hören. Sie ist noch nicht angekommen. Du hast ihr schon einen Platz gelassen.
Quellen und weiterführende Lektüre
Die deutschen Leseressays sind eigenständig nach den vollständigen veröffentlichten chinesischen Manuskripten geschrieben. Die schon vorhandene englische Fassung ist ebenfalls unabhängig verfasst; vereinfachtes und traditionelles Chinesisch enthalten die vollständigen Texte. Die Essays sind keine technischen Vollübersetzungen der wissenschaftlichen Aufsätze. Jede Folge behält ihren eigenen vollständigen Hinweis zu erfundenen Beispielszenen, nachprüfbaren Sachverhalten und Grenzen der Deutung sowie sämtliche Quellenlinks. Die SAE-Aufsätze sind auf Englisch und Chinesisch zugänglich. Die getrennte Sammlung mit Kunstbetrachtungen besitzt eine deutsche Ausgabe; tägliche Entdeckungen und der ältere Essay über den Tod des Künstlers liegen auf Englisch und in vereinfachtem Chinesisch vor. Die hier angebotenen Links zu diesen beiden Bereichen führen zur englischen Lektüre.
Zum Essay und seiner Grundlage
Geschrieben auf Grundlage des Aufsatzes »Die Schönheit des Erkennens«; die dortigen Klavier- und Straßeneckenszenen werden weiter ausgeführt. Personen und Handlungen sind Beispiele. Es wird kein wirkliches Stück und kein bestimmter Musiker beurteilt. Dass Erinnerung sich neu zusammensetzt, macht nicht jede Erinnerung unzuverlässig. Erlernte musikalische Erwartungen sind keine allgemeinen Musikgesetze. Eine Abweichung kann zur Änderung oder nach Prüfung zur Beibehaltung einer Erinnerung führen. Die experimentelle Geschichte und die Erörterung Augustins bleiben dem ausführlicheren Aufsatz vorbehalten.