Ästhetik · Strahl 10 · Die Schönheit des Selbst
»Ich habe mich geirrt.«
Ein falsch gerufener Name bringt das Urteil zu dem Menschen zurück, der es gefällt hat. Nicht die ganze Welt lag falsch. Auch nicht der ganze Mensch.
Auf der Straße geht jemand, der von hinten einem lange nicht gesehenen Freund ähnelt.
Du rufst seinen Namen. Er dreht sich nicht um. Du rufst noch einmal, etwas lauter.
Er wendet sich zu dir. Er ist es nicht.
»Entschuldigung, ich habe Sie verwechselt.«
Er lächelt kurz und geht weiter. Damit könnte es vorbei sein. Kein großer Schaden, nicht einmal eine besonders feierliche Entschuldigung war nötig. Doch in dieser Sekunde wurde neben der Frage »Wer ist der Mensch da vorn?« noch etwas anderes kurz sichtbar.
Das eben so sichere Urteil war von dir gefällt worden.
Von »Er ist es nicht« zu »Ich habe mich geirrt«
Die beiden Sätze liegen nah beieinander und sagen doch nicht dasselbe.
»Er ist es nicht« korrigiert eine Antwort: Der Mensch vor dir heißt anders, er ist ein Fremder. »Ich habe mich geirrt« bringt diese Korrektur zugleich zurück. Hier hat jemand gesehen und wiedererkannt, und noch eben war er sich seines Erkennens sicher.
Wenn es stimmt, fällt uns das selten auf. Du erkennst deinen Freund auf einen Blick; es wirkt, als hätte die Welt von sich aus seinen Namen genannt. Erst der Irrtum zeigt: Der Name stand nicht auf dem Rücken. Du hast ihn mit dieser Gestalt verbunden.
Dafür braucht im Körper kein geheimnisvolles Etwas zu wohnen, das eigens fürs Urteilen zuständig wäre. Auch müssen wir nicht zuerst entscheiden, was das Selbst eigentlich ist und ob es unverändert bleibt. Der kurze Vorgang genügt für eine klare Unterscheidung: Eine Antwort wird ersetzt; oder der Mensch, der sie gab, erkennt an: »So habe ich eben gesehen.« Das sind nicht ganz dieselben Vorgänge.
Vom Selbst ist hier zunächst nur in diesem schmalen Sinn die Rede.
Es beherrscht nicht alles. Nicht einmal weshalb es eben falsch sah, hatte es vollständig in der Hand. Doch den Satz »Ich habe mich geirrt« kann auch niemand daneben restlos an deiner Stelle aussprechen.
Ein Irrtum hat Gründe und einen Urheber
Warum war es ausgerechnet diese Rückenansicht?
Dein Freund ließ beim Gehen früher die linke Schulter etwas sinken und trug im Winter gern solche Mäntel. Du erinnerst dich an ihn von vor über zehn Jahren und weißt nicht, wie er in letzter Zeit aussah. Außerdem standest du weit entfernt, konntest nur seinen Rücken und nicht das Gesicht sehen.
Der Irrtum entstand nicht aus dem Nichts. In ihn gingen Menschen ein, die du früher gesehen hattest, und der Ort, an dem du jetzt standest.
Ein anderer wäre hier vielleicht einfach weitergegangen. Er kennt den Freund nicht aus der Erinnerung. Hättest du selbst von vorn das Gesicht gesehen, wäre der Name womöglich gar nicht gerufen worden.
Ein Urteil als das eigene anzunehmen erklärt also nicht sämtliche Bedingungen für selbst verursacht. Schlechtes Licht ist wirklich; die vielen Jahre Abstand in der Erinnerung ebenfalls. Wir können diese Gründe benennen und zugleich anerkennen, dass zuletzt dieser Mensch hier den Namen rief.
»Es hat Gründe« löscht »Ich war es« nicht aus. »Ich war es« macht aus sämtlichen Gründen aber auch nicht die Schuld eines einzigen Menschen.
Bei schwereren Dingen wird diese Unterscheidung besonders wichtig. Wurde jemand irregeführt, wurde ihm absichtlich etwas verschwiegen, musste er unter Druck rasch entscheiden, sind Verantwortlichkeiten nach den Tatsachen zu unterscheiden. Aus der kleinen Verwechslung auf der Straße folgt nicht, jeder müsse alles Geschehene als eigenen Fehler anerkennen. Erst recht darf ein erzwungenes »Alles war meine Schuld« nicht zum schönen Augenblick eines endlich sichtbar gewordenen Selbst erklärt werden.
Wir betrachten, wie ein Urteil zu seinem Ausgangspunkt zurückkehrt. Wir suchen keinen Menschen, auf den sich alle Vorwürfe laden lassen.
Auch der Fremde schaut
Eine zweite kleine Veränderung geht oft hinter der eigenen Verlegenheit verloren.
Du erkennst das Gesicht des Fremden. Zugleich sieht er dich an. Er hat den falsch gerufenen Namen und den zweiten Ruf gehört, sich umgedreht und wartet auf eine Erklärung.
Eben wolltest du nur herausfinden, wer er ist. Jetzt bemerkst du, dass auch er seine eigene Seite hat. Er steht nicht eigens als ein Bild zum Wiedererkennen auf der Straße. Während du ihn ansiehst, trittst du selbst in sein Blickfeld.
Vielleicht bemerkt er deine Verlegenheit. Vielleicht wundert er sich nur. Ein Lächeln reicht nicht, seine Gedanken auszuschreiben. Selbst »Er hält mich bestimmt für dumm« bleibt ein weiteres Urteil von dir und muss nicht zuverlässiger sein als das vorige.
Die Rückwendung verleiht dir nicht die Fähigkeit, andere zu durchschauen.
Sie macht nur eine oft übersehene Stelle sichtbar: Wer sieht, kann gesehen werden. Wer urteilt, kann zum Gegenstand eines ebenfalls nicht ganz zutreffenden Urteils werden.
Du musst deshalb nicht ständig rätseln, wie du wirkst. Bei jedem Schritt zu kontrollieren, ob andere zufrieden sind, wäre eine neue Beschäftigung, nicht ein klarerer Blick auf dich selbst.
Sich erkennen heißt nicht, sich zu mögen
Du gehst weiter und kommst an einem noch unbeleuchteten Laden vorbei. In der Scheibe erscheint ein eilender Mensch, mit etwas hängenden Schultern und einer Tasche in der Hand. Erst siehst du die Gestalt, dann erkennst du: Das bist du.
Nicht unbedingt hübsch, nicht unbedingt hässlich. Nur ein wenig anders als das gewohnte innere Bild.
Oft stellen wir uns in einem festen Alter vor oder so, wie wir in einem besonders guten Augenblick aussahen. Die Scheibe kümmert das nicht. Sie gibt die heutige Haltung zurück. Die Jahre sind vergangen, ohne deine Zustimmung abzuwarten. Und neue Kleider tauschen nicht zugleich deine Herkunft aus.
Diese Gestalt zu erkennen ist jedoch kein Urteil, du könntest nur so bleiben. Heute hier zu stehen ist das eine; wie du weiterleben wirst, etwas anderes. Die Herkunft anzuerkennen verpflichtet nicht, sie als Befehl zu behandeln.
Auch ein sofortiger Umbau deiner Person ist nicht nötig. Brust heraus, abnehmen, selbstbewusster auftreten, eine bessere Version werden: Vielleicht möchtest du das alles. Doch es muss nicht jeder Begegnung mit dir selbst zuvorkommen und schon ein Zeugnis aushändigen.
Gerade darfst du einfach wissen: dieser Mensch, nicht alle möglichen Menschen. Er kann manches nicht und versteht manches nicht. Er muss sich aber nicht erst zur Allmacht vervollständigen, um ein Selbst zu haben.
Vollständigkeit meint hier weder Fehlerlosigkeit noch endlich erlangte Güte. Auch ein moralisch durchschnittlicher Mensch kann sich irren, zurückblicken und sein eigenes Urteil sehen. Ein bewundernswerter Mensch sieht sich nicht jedes Mal klar.
Diese Stelle wahrzunehmen erlaubt nicht, den Rest eines Lebens vorab gutzusprechen. Niemandem schulden wir ein uneingeschränktes Lob.
Ein Satz, der noch nicht fertig ist
Manchmal erfolgt die Rückwendung langsamer als auf der Straße.
Zwei Menschen streiten. Mitten im Gespräch verstummt einer. Er möchte seinen bisherigen Satz fortsetzen, erinnert sich aber an das Beispiel des anderen: Es verhält sich tatsächlich nicht so, wie er behauptet hat. Er sucht neue Worte und überlegt zugleich, ob er seinen Satz weiter verteidigt oder zugibt, nicht alles gesehen zu haben.
Von außen ist vielleicht nicht erkennbar, was diese Pause bedeutet. Schweigen hat viele Gründe. Ein gesenkter Kopf erlaubt nicht das Urteil, jemand sei zur Einsicht gekommen. Erlebst du selbst diese Pause, erkennst du aber oft den kleinen Umschlag: Das immer nach außen gerichtete »Du liegst falsch« hat sich ein wenig zurückgewandt.
Danach kann eine Antwort vorerst ausbleiben. Zu wissen, dass der vorige Satz nicht stimmte, erklärt noch nicht die eigene Ungeduld. Erst recht folgt daraus keine endgültige Selbsterkenntnis.
Das Selbst muss sich nicht jedes Mal zu einem klaren Bild schließen. Manchmal lockert sich gerade dieses Bild, und dadurch können wir fragen, was der urteilende Mensch eigentlich mitbringt.
Zurück auf der Straße: Der Fremde ist längst weitergegangen. Auch du bist durch die Kleinigkeit nicht plötzlich ein anderer Mensch geworden.
Nur ist in jenem Satz ein leicht auszulassender Platz geblieben.
Nicht: »Die Welt hat sich geirrt.« Auch nicht unbedingt: »An mir als Mensch ist alles falsch.«
Ich war es, der sich eben geirrt hat.
Quellen und weiterführende Lektüre
Die deutschen Leseressays sind eigenständig nach den vollständigen veröffentlichten chinesischen Manuskripten geschrieben. Die schon vorhandene englische Fassung ist ebenfalls unabhängig verfasst; vereinfachtes und traditionelles Chinesisch enthalten die vollständigen Texte. Die Essays sind keine technischen Vollübersetzungen der wissenschaftlichen Aufsätze. Jede Folge behält ihren eigenen vollständigen Hinweis zu erfundenen Beispielszenen, nachprüfbaren Sachverhalten und Grenzen der Deutung sowie sämtliche Quellenlinks. Die SAE-Aufsätze sind auf Englisch und Chinesisch zugänglich. Die getrennte Sammlung mit Kunstbetrachtungen besitzt eine deutsche Ausgabe; tägliche Entdeckungen und der ältere Essay über den Tod des Künstlers liegen auf Englisch und in vereinfachtem Chinesisch vor. Die hier angebotenen Links zu diesen beiden Bereichen führen zur englischen Lektüre.
Zum Essay und seiner Grundlage
Geschrieben auf Grundlage des Aufsatzes »Die Schönheit des Selbst«. Verwechslung und Wiedererkennen im Schaufenster werden weiter ausgeführt; Personen, Gespräche und Streit sind Beispiele. Selbst meint hier im kleinsten Sinn die Rückkehr des Urteils zu seinem Urheber, nicht Tugend, Scham oder eine unveränderliche Substanz. Das eigene Urteil anzuerkennen bedeutet nicht, sämtliche kausale Verantwortung allein zu tragen, und schließt erzwungene Schuldbekenntnisse nicht ein. Auch Deutungen von Schweigen oder Lächeln können falsch sein.