Ästhetik · Strahl 11 · Die Schönheit des Zwecks
Vor dem Druck lässt er das Wort zurückändern
Die flüssigere Übersetzung war nicht falsch. Weshalb greift er noch einmal zum Telefon? Eine eigene Richtung macht einen Menschen nicht unkorrigierbar.
Das Buch geht bald in Druck. Am Nachmittag ruft die Lektorin den Übersetzer an. Auf der letzten Seite möchte sie ein Wort ersetzen.
Das ursprüngliche Wort klingt etwas ungewohnt. Nach der Änderung liest sich der Satz flüssiger und ist inhaltlich stimmig. Sie liest ihm beide Fassungen vor. Er hört zu und sagt: »Gut.«
Mit dem Auflegen wäre die Sache erledigt. Er packt seine Sachen für morgen, setzt sich aber nach einer Weile wieder an den Tisch. Die letzte Seite liegt aufgeschlagen vor ihm. Das flüssigere Wort ist nicht falsch. Trotzdem stockt er, sobald er dort ankommt.
Am Abend ruft er wieder an.
»Können wir das Wort zurückändern?«
Die Lektorin fragt nach dem Grund. Er erklärt etwas und liest den ganzen Absatz noch einmal. An Gründen fehlt es nicht. Nur kann er mit keinem einzigen Satz all die Gründe vom Nachmittag widerlegen. Vielleicht werden die Leser diesen Unterschied tatsächlich nicht beachten.
Aber drei Jahre hat er an diesem Buch übersetzt. An dieser Stelle weiß er, dass er diese Seite noch nicht aus der Hand geben kann.
Nicht noch ein letztes Mal gewinnen
Betrachten wir nur den zweiten Anruf, wirkt er leicht wie jemand, der nicht nachgeben will.
Solche Situationen kennen wir von der Arbeit. Eine Sache wurde abgesprochen. Zu Hause wird jemand immer unzufriedener damit und beginnt den Streit noch einmal. Manchmal geht es gar nicht um das Wort, sondern darum, wer am Ende bestimmt.
Ist es beim Übersetzer ebenso? Sein Beharren allein verdient noch kein Zertifikat mit der Aufschrift »Sich selbst treu«.
Wir müssen weiter zurückschauen. In drei Jahren wurde diese letzte Seite oft geändert. Manche Änderungen kamen von der Lektorin, manche von Freunden, die Missverständnisse bemerkten. Andere entstanden, weil er nach Monaten selbst merkte, wie viel seine frühere Übersetzung bereits festlegte. Erkannte er tatsächlich ein Problem, änderte er den Text. Er beschützte ihn nicht für immer, bloß weil viel eigene Mühe darin steckte.
Auch diesmal bemerkt er erst beim Lesen, dass der neue Satz zwar flüssig ist, aber nicht die Pause trifft, die er immer wieder im Buch gehört hat. Er darf befragt werden und muss das Original prüfen. Stützt es sein Wort nicht, entschuldigt »Das ist meine Entscheidung« keine Fehlübersetzung.
Wir sehen also mehr als einen Menschen, der nicht weicht. Er hat nicht aufgehört hinzusehen. Er kann ändern und hat die ganze Zeit geändert. Sein gegenwärtiges Beharren ist gerade innerhalb dieser Änderungen gewachsen.
Es soll ihn nicht für die Zukunft unkorrigierbar machen.
Eine Richtung ist nicht immer ein Zeitplan
Wir fragen Menschen gern: »Was ist dein Ziel?«
Dieses Jahr fertig übersetzen, nächstes Jahr veröffentlichen, so viele Exemplare verkaufen, solche Besprechungen bekommen. All das lässt sich planen und besitzt praktisches Gewicht. Nichts davon sagt ihm unmittelbar, welches Wort auf der letzten Seite stehen soll.
Manchmal zeigt eine eigene Richtung sich zuerst als »So geht es noch nicht«. Der Mensch kann den künftigen Endpunkt vielleicht nicht benennen und weiß trotzdem, dass er nicht einfach abgeben kann. Nicht jemand daneben treibt ihn an. Das Buch selbst hat in seinem Lesen eine Stelle hinterlassen, über die er noch nicht hinwegkommt.
Ein anderer könnte dasselbe Buch ohne Stocken zu Ende lesen. Derselbe Satz bringt nicht jeden zu einem zweiten Anruf. Die Richtung kommt aus dem Buch und daraus, wie dieser Mensch all die Jahre gelesen und Sprache gehört hat. Erst hier, bei ihm, entsteht diese Antwort.
Sie ist nicht willkürlich. Doch auch das Buch erteilt keinen Befehl. Die Seite greift nicht für ihn zum Hörer. Die Lektorin darf anderer Meinung sein, den Lesern mag es gleichgültig bleiben. Er selbst muss entscheiden, ob er diese zusätzliche Mühe auf sich nimmt.
Das Eigene muss nicht vollständig selbst erfunden sein.
Seine Sprache hat er gelernt. In seinem Ohr sind Lehrer und viele Menschen, deren Texte er gelesen hat. Müsste er alles von anderen Hinterlassene entfernen, bevor er von etwas Eigenem sprechen dürfte, bliebe vielleicht kein aussprechbarer Satz. Die Frage ist nicht, ob es eine Herkunft gibt, sondern ob er heute selbst unterscheidet, wenn er etwas anderes hört.
Wenn niemand Beifall spendet
Denken wir die Geschichte ein wenig weiter.
Das Buch erscheint und wird kein Verkaufserfolg. Auch schreibt kein Leser eigens, jenes letzte Wort habe das ganze Buch gerettet. Vielleicht hatte die Lektorin mit ihrer damaligen Einschätzung der Leser völlig recht.
Wird jener Abend dadurch lächerlich?
Messen wir allein an der späteren Zahl der Zustimmenden, ob sein Beharren wirklich sein eigenes war, entscheidet noch immer fremdes Nicken für ihn. Es ist nur ein paar Monate später eingetroffen.
Das adelt keinen Misserfolg und rät nicht, umso verbissener weiterzumachen, je weniger Menschen sich interessieren. Zeit, Lebensführung und die Arbeit anderer haben wirkliche Kosten. Jedes Projekt darf neu besprochen oder angehalten werden. Nur müssen wir das Ergebnis eines Werks und die Art, wie jemand eine Richtung als seine eigene annimmt, auseinanderhalten.
Ebenso wenig ist Anstrengung ein Beleg.
Jemand wird wegen einer Sache unruhig, kommt immer wieder darauf zurück und empfindet sich als unfähig aufzuhören. Vielleicht steht er gar nicht hinter dem, was er tut, und möchte davon frei werden. »Ich kann nicht loslassen« erlaubt uns nicht, Gefangensein sofort als Berufung zu verklären. Aus einem Satz wird hier kein Urteil über die körperliche oder seelische Verfassung eines Menschen abgeleitet.
Beim Übersetzer betrachten wir einen anderen Zusammenhang. Er hat den Unterschied gesehen, erkennt ihn an und will für ihn sprechen. Und sollte er später etwas bisher Übersehenes erkennen, kann er weiter neu überlegen.
Das ist keine Prüfung, die ein wahres Ich nachweist. Außenstehende können sich irren, er selbst ebenfalls. Wir fragen nur genauer nach, damit nicht jede Weigerung, den eigenen Weg zu ändern, gleich als eigene Richtung gilt.
Das zurückgeänderte Wort
Die Lektorin setzt sein Wort schließlich wieder ein. Am nächsten Tag wird die Datei weitergeschickt.
Ein Siegesgefühl muss es dabei nicht geben. Sie ist vielleicht nicht überzeugt, er nicht plötzlich glücklich. Nur kann er die Seite endlich durchlesen, ohne sie immer wieder zurückzuholen.
Manchmal wird eine Richtung im Zögern sichtbar. Das Telefon liegt da; ob die Hand danach greift, ist noch offen. Manchmal ist die Richtung längst ruhig in die Tätigkeit eingegangen: eine Zeile zu Ende korrigieren, ein Werkzeug wegräumen. Nicht jeder Handgriff zieht die Prüfung nach sich, ob das wirklich das Eigene ist.
Ruhe muss nicht oberflächlicher sein als Zögern. Ein Leben braucht keinen ständigen Kampf, um als der eigene Weg zu gelten.
Doch damit ist noch nicht für alle Beteiligten alles gesagt.
Die Lektorin schätzt flüssige Sprache nicht notwendig nur wegen des Marktes. Vielleicht hat auch sie oft gelesen und findet aufrichtig, die Leser sollten ungehindert durch die letzte Seite gelangen, ohne an einem Wort hängen zu bleiben. Dass sie diesmal nachgibt, macht ihre Sicht nicht zu einer beliebig wegwerfbaren Meinung.
Sein Wort hat der Übersetzer bewahrt. Kann er die Lektorin noch sehen?
Sagte er: »Weil ich davon nicht loskomme, musst auch du es wichtig finden; weil es mein Weg ist, musst du mir immer Platz machen«, würde die eben erst erkannte Richtung zur Forderung gegen einen anderen Menschen.
Das eigene Beharren zieht diese Grenze nicht automatisch für uns.
Das fragt der nächste Essay: Ich weiß, warum ich so nicht schreiben kann. Daraus folgt aber nicht, dass ich für dich entscheiden darf, wie du schreiben sollst.
Das Buch bleibt auf dem Tisch. Auf der letzten Seite steht das Wort. Es muss nicht erst das Wort aller werden, damit diese Seite wirklich die ist, die er aus der Hand gegeben hat.
Quellen und weiterführende Lektüre
Die deutschen Leseressays sind eigenständig nach den vollständigen veröffentlichten chinesischen Manuskripten geschrieben. Die schon vorhandene englische Fassung ist ebenfalls unabhängig verfasst; vereinfachtes und traditionelles Chinesisch enthalten die vollständigen Texte. Die Essays sind keine technischen Vollübersetzungen der wissenschaftlichen Aufsätze. Jede Folge behält ihren eigenen vollständigen Hinweis zu erfundenen Beispielszenen, nachprüfbaren Sachverhalten und Grenzen der Deutung sowie sämtliche Quellenlinks. Die SAE-Aufsätze sind auf Englisch und Chinesisch zugänglich. Die getrennte Sammlung mit Kunstbetrachtungen besitzt eine deutsche Ausgabe; tägliche Entdeckungen und der ältere Essay über den Tod des Künstlers liegen auf Englisch und in vereinfachtem Chinesisch vor. Die hier angebotenen Links zu diesen beiden Bereichen führen zur englischen Lektüre.
Zum Essay und seiner Grundlage
Geschrieben auf Grundlage des Aufsatzes »Die Schönheit des Zwecks«. Die dortige Szene zwischen Übersetzer und Lektorin wird weiter ausgeführt. Personen, Gespräche und Veröffentlichungsergebnis sind Beispiele und beziehen sich auf keine wirkliche Übersetzung. Welches konkrete Wort richtiger wäre, entscheidet der Essay nicht. Beharren ist nicht automatisch eine eigene Richtung; Leiden, Erfolg und fremdes Lob beweisen sie ebenso wenig. Aus »Nicht loslassen können« wird keine Diagnose abgeleitet. Sich selbst treu zu bleiben entschuldigt weder Fehlübersetzung noch Herrschaft über andere.