Ästhetik · Strahl 05 · Die Schönheit der Kausalität
Im Holz ist das trockene Jahr geblieben
Jahresringe, Steinstufen und Reparaturspuren lassen Vergangenes gegenwärtig werden. Was wir darin lesen, entschuldigt nicht alles, was dazu geführt hat.
Ein Stück Holz liegt auf dem Tisch, die Schnittfläche uns zugewandt. Jemand betrachtet zuerst die Farbe, jemand fährt mit der Hand darüber. Ein anderer beginnt, die abwechselnd hellen und dunklen Ringe zu zählen.
Beim Zählen hält der Finger an einer besonders schmalen Stelle inne.
Hat eine Zeit schlechten Wachstums diese Form hinterlassen? Vielleicht. Doch ein schmaler Ring erlaubt uns nicht, dem Baum gleich eine Geschichte vom Dürrejahr zuzuschreiben. Art, Standort, Temperatur, Wasser und Störungen müssen berücksichtigt werden. Es können Ringe fehlen oder Veränderungen auftreten, die leicht irrtümlich für je ein Lebensjahr gehalten werden. Jahresringe zu lesen heißt nicht, jeder Linie beliebig eine Vergangenheit beizugeben.
Bemerkenswert ist vielmehr, dass sich Vergangenes manchmal sorgfältig erschließen lässt.
Das Jahr selbst ist nicht hiergeblieben
Wo Wassermangel das Wachstum begrenzt, kann eine Trockenzeit einen schmalen Ring im Holz hinterlassen. Der Baum wächst viele Jahre weiter; außen kommen Schichten hinzu. Das Wetter von damals ist lange vorbei. Der innere Ring ist aber nicht nachträglich breiter geworden, weil später mehr Regen fiel.
Das ist kein Video. Das Holz hat jenen Sommer nicht unverändert gespeichert, sodass wir ihn nur öffnen und wieder abspielen müssten. Es bewahrt das Ergebnis eines beeinflussten Wachstums. Von diesem Ergebnis aus fragen wir nach dem Geschehen.
Deshalb reichen die Hinweise eines einzelnen Baumes oft nicht aus. Forschende vergleichen die Folge breiter und schmaler Ringe vieler Bäume oder Holzstücke, um verlässliche Entsprechungen zu finden. Eine Folge schließt an eine andere nicht bloß an, weil sie ungefähr ähnlich aussieht. Ihre Abfolge muss der Prüfung standhalten.
Die Vergangenheit wird hier nicht von menschlicher Wehmut herbeigerufen. Das, was später noch da ist, ist tatsächlich von ihr beeinflusst worden.
»Es ist vorbei« kann zweierlei heißen. Einmal: Es geschieht nicht mehr, das trockene Jahr ist zu Ende. Ein anderes Mal wird heimlich ergänzt: Also braucht heute niemand mehr davon zu reden. Diesen Zusatz macht das Holz nicht mit. In seiner heutigen Gestalt steckt jenes Jahr noch.
Ein Balken verbindet Jahreszahlen
1929 wurde an einer Fundstelle bei Show Low in Arizona ein Balken ausgegraben. Er erhielt die Forschungsnummer HH-39 und wurde später ein wichtiges Holzstück in der Geschichte der Jahresringforschung.
Douglass und seine Kollegen hatten zuvor bereits unterschiedliche Ringfolgen. Einige ließen sich von lebenden Bäumen aus zurückverfolgen und bestimmten Kalenderjahren zuordnen. Andere stammten aus alten Gebäuden: Ihre zeitliche Ordnung untereinander ließ sich bestimmen, doch der Anschluss an den Kalender fehlte noch. Es war, als könne man zwei Satzstücke lesen, ohne zu wissen, wie sie zusammengehören.
HH-39 half, die beiden Folgen zu verbinden. Dadurch ließ sich das Alter von Bauhölzern vieler Fundstellen bestimmen. Eine Grenze bleibt jedoch: Das Jahr, in dem Holz entstand oder gefällt wurde, ist nicht immer das Baujahr eines Gebäudes. Altes Holz kann erneut verwendet worden sein; äußere Schichten können fehlen. Datierungen müssen aus Material und Zusammenhang beurteilt werden. Eine schöne Geschichte kann diese Arbeit den Forschenden nicht abnehmen.
Auch ohne den Zauber einer schlagartigen Rätsellösung lohnt sich der Blick auf diesen Balken.
Er kennt keine Archäologie und hat nicht beabsichtigt, für spätere Menschen Geschichte aufzuzeichnen. Er ist gewachsen, wurde verbaut und blieb später an jenem Ort zurück. In seiner Maserung erkannten Forschende überprüfbare Beziehungen zwischen verschiedenen Zeiten.
Vergangenes geschieht dadurch nicht noch einmal. Es ist aber auch nicht mehr nur ein vages »Vor langer Zeit«. In etwas, das sich heute noch anfassen lässt, hat es einen erkennbaren Platz.
Steinstufen brauchen keinen berühmten Besitzer
Ähnliches lässt sich vor einer alten Steintreppe wahrnehmen.
In der Mitte liegen die Stufen tiefer als an den Seiten. Die Menschen, die darübergingen, hatten verschiedene Ziele. Einer eilte hinein, eine andere wartete am Eingang. Niemand war eigens damit beauftragt, dem Stein seine heutige Form zu geben. Auch Wetter und Material können Abnutzung verursachen. Nicht jede Vertiefung lässt sich ohne Prüfung auf Füße zurückführen. Wo wir aber Spuren langen Begehens erkennen, bleiben die vielen einzelnen Wege gemeinsam sichtbar.
Die Namen der meisten Menschen kennen wir nicht einmal. Die Stufen müssen nicht erst nachweislich von einer Berühmtheit betreten worden sein, um einen längeren Blick zu verdienen.
Manchmal verstellt ein kostspieliges Hinweisschild sogar den Blick. Wir prüfen eifrig, welcher Meister hier gewohnt hat und wie viel der Gegenstand wert ist, und sehen nicht mehr, wie die Vertiefung im Stein verläuft. Ruhm gehört durchaus zur Geschichte. Doch er nimmt uns die Wahrnehmung der Form selbst nicht ab.
Daraus folgt auch nicht, Altes sei immer besser als Neues. Ein frisch gefertigter Stuhl kann ausgezeichnete Linien haben. Einen alten Stuhl beleuchtet vielleicht bloß unsere eingeübte Nostalgie. Hohes Alter lässt Schönheit nicht von selbst entstehen.
Eine Herkunft wahrzunehmen ist etwas anderes als eine Vorliebe für das Alte.
Spuren können Verletzung nicht entschuldigen
Vor Ruinen oder Orten erlittenen Unrechts wird diese Unterscheidung noch wichtiger.
Wo eine Mauer abbricht oder wie eine Spur an einem Gegenstand verläuft, kann genaues Hinschauen verdienen. Es zu sehen heißt jedoch nicht, die Gewalt zu billigen, die es hervorgebracht hat. Ebenso wenig dürfen wir zu einem verletzten Menschen sagen: »Sieh nur, auch das hat dich zu dem gemacht, der du heute bist.«
Dass etwas geblieben ist, macht sein Geschehen nicht wünschenswert. Dass es zum heutigen Leben gehört, bedeutet nicht, jemand hätte es damals ertragen sollen.
Gerade hier darf Schönheit nicht für andere entscheiden. Ob etwas repariert, wie es bewahrt und von wem darüber erzählt wird, berührt Leben und Rechte von Menschen. Der Satz »Unbeschädigt wäre es weniger schön« entscheidet das nicht. Wir können die Herkunft einer Verletzung erkennen und dennoch wünschen, sie wäre nie geschehen. Wir können Zeugnisse sorgfältig erhalten, ohne fremdes Leid zu unserem Anschauungsmaterial zu machen.
Jemand möchte an einer solchen Stätte nur trauern. Weil er nicht die Linien bewundert, hat er nicht etwa versäumt, das Wesentliche zu sehen. Hier wartet kein ästhetischer Prüfungsbogen, den alle ausfüllen müssten.
Selbst an einem gewöhnlichen alten Gegenstand muss eine Reparatur die Vergangenheit nicht auslöschen. Ein eingesetztes Stück kann ein späteres Kapitel sichtbar machen: Er war beschädigt, und jemand wollte ihn nicht wegwerfen. Entscheidend ist nicht allein, ob repariert wurde, sondern welche Herkunft wir tatsächlich erkennen und ob wir unsere Einbildung hineindrängen.
Das Holz auf dem Tisch
Noch einmal auf das Holz zu schauen kann den Blick langsamer machen.
Wir müssen nicht sofort ein erstaunliches Alter zählen oder jedem Ring Frost, Regen und Entbehrung zuordnen. Zunächst lässt sich unterscheiden: Was stammt vom Wachstum, was vom späteren Sägen? Wo tragen die Anhaltspunkte, und wo braucht es zum Vergleich ein weiteres Holzstück?
Wissen wir wenig, dürfen wir wenig sagen. Sorgfältig zu schauen verpflichtet uns nicht, sein ganzes Leben zu erzählen.
Die hier gemeinte Schönheit ist nicht bloß Trauer darüber, dass Zeit vergeht. Bliebe nur »Alles geht vorüber«, würden Jahresringe, Stufen und alte Briefe zur Dekoration desselben Satzes. Bemerkenswert ist gerade ihr verschiedenes Bewahren: wie dieses Jahr das Wachstum beeinflusste, wie jene Schritte die Abnutzung mitverursachten, wie dieser Brief mit Falten und Poststempel bis heute gelangte.
Ein Ding besteht damit nicht nur aus seinem gegenwärtigen Umriss. Es hat eine Herkunft, die nicht vollständig davon abhängt, welche Geschichte wir ihm erzählen.
Der Mensch am Tisch zieht die Hand zurück. Der schmale Ring ist noch da. Außen liegen viele weitere, breite und schmale.
Spätere gute Jahre haben ihn nicht vertrieben. Auch mit ihm ist aber noch nicht alles über das weitere Leben des Baumes gesagt.
Quellen und weiterführende Lektüre
Die deutschen Leseressays sind eigenständig nach den vollständigen veröffentlichten chinesischen Manuskripten geschrieben. Die schon vorhandene englische Fassung ist ebenfalls unabhängig verfasst; vereinfachtes und traditionelles Chinesisch enthalten die vollständigen Texte. Die Essays sind keine technischen Vollübersetzungen der wissenschaftlichen Aufsätze. Jede Folge behält ihren eigenen vollständigen Hinweis zu erfundenen Beispielszenen, nachprüfbaren Sachverhalten und Grenzen der Deutung sowie sämtliche Quellenlinks. Die SAE-Aufsätze sind auf Englisch und Chinesisch zugänglich. Die getrennte Sammlung mit Kunstbetrachtungen besitzt eine deutsche Ausgabe; tägliche Entdeckungen und der ältere Essay über den Tod des Künstlers liegen auf Englisch und in vereinfachtem Chinesisch vor. Die hier angebotenen Links zu diesen beiden Bereichen führen zur englischen Lektüre.
Zum Essay und seiner Grundlage
Geschrieben auf Grundlage des Aufsatzes »Die Schönheit der Kausalität«. Die Szenen am Tisch und an den Steinstufen sind Beispiele, keine eigenen Erlebnisse des Autors. Für die Klimadeutung von Jahresringen wird die NOAA herangezogen, für die Datierungsgeschichte von HH-39 das Laboratory of Tree-Ring Research der University of Arizona. Ein schmaler Ring bedeutet nicht automatisch ein Dürrejahr. Das Alter eines Holzes ist ebenso wenig automatisch das Alter des Gebäudes.