Han Qin · Der Traum der Roten Kammer: Dreißig neue Kapitel
Fünfundachtzigstes KapitelDie kluge Tanchun setzt die Segel zum südlichen Meer; die einsichtige Xichun schneidet ihr Haar ab und weist Xining zurück.
Die Bestattungsfeierlichkeiten für die Alte Fürstin waren kaum vorüber, und noch waren nicht alle Trauervorhänge abgenommen. Tags zuvor war ein Palasteunuch ins Haus gekommen und hatte einige Worte ausgerichtet; schon am nächsten Tag traf das Schreiben des Personalministeriums ein: Auf kaiserlichen Befehl wurde Herr Tschong von der Pflicht zur Trauerzurückgezogenheit entbunden, wieder in den Dienst berufen und zum Abteilungsdirektor im Ministerium für öffentliche Arbeiten befördert. Kaum hatte der Überbringer der frohen Nachricht am Tor seinen Ruf erschallen lassen, da kamen die Verwalter sämtlicher Haushaltungen, warfen sich nieder und überhäuften ihn mit Glückwünschen und Schmeicheleien. Herr Tschong trug schlichte Trauerkleidung und konnte kein Festmahl geben. Er befahl lediglich: »Jeder versehe seine Arbeit wie bisher. Niemand darf diese freudige Nachricht zum Vorwand nehmen, sich ein zusätzliches Trinkgeld auszahlen zu lassen.« Von draußen wurden Glückwunschschreiben um Glückwunschschreiben hereingebracht. Zinnoberrote Besuchskarten häuften sich auf dem Schreibtisch und bedeckten das schlichte Blatt mit den Worten »Seid vorsichtig in Wort und Tat«; nur die beiden Zeichen für »vorsichtig handeln« lagen noch frei.
Frau Tschong ließ Dankgeschenke vorbereiten und stattete mit ihrem Mann dem Fürsten der Nördlichen Ruhe einen Besuch ab. Der Fürst war verhindert und empfing sie nicht; er ließ nur seinen Kanzleivorsteher Herrn Tschong in der Vorderhalle beim Tee Gesellschaft leisten. Dieser bot ihm eigenhändig Tee an, verneigte sich und sagte lächelnd: »Seine Hoheit ist gerade heute unabkömmlich und hat mich eigens beauftragt, Euch hier zu erwarten. Euer Haus hat eben erst einen schweren Trauerfall hinter sich; wir wagen deshalb mit den Förmlichkeiten keinen Aufwand zu treiben. Verzeiht bitte, wenn wir es an etwas fehlen lassen.« Frau Tschong begab sich in die inneren Gemächer, um der Fürstin ihre Aufwartung zu machen. Diese hatte gerade eine Krankheit überstanden und trug eine Hausjacke aus hellblauem europäischen Wollstoff mit dem Muster der ›Freudigen Begegnung‹. Als sie Frau Tschong sah, sagte sie nur: »Im Palast geht in letzter Zeit vieles vor. Gerade wir Verwandten sollten uns jeder für sich recht still verhalten.« Nach einigen Worten lächelte sie plötzlich und sagte: »In diesen beiden Jahren haben uns auch mehrere Familien Mädchen geschickt. Aber unser Fürst hat sie alle so zurückgesandt, wie sie gekommen waren. Zimmer gibt es zwar genug; doch fehlt ihm am Ende jemand, der weiß, wann ihm kalt und wann ihm warm ist.«
Als Frau Tschong dies hörte, berührte der Deckel ihrer Teeschale ganz leise den Rand. Mit gefälligem Lächeln fragte sie: »Seine Hoheit hat wirklich kein einziges behalten?«
Die Fürstin lächelte wieder. »Kein einziges. Vermutlich ist ihm noch keines begegnet, das ihm recht gefällt.« Damit wechselte sie das Gespräch und fragte, ob die Trauerangelegenheiten der Alten Fürstin alle geordnet seien.
Frau Tschong gab auf alles Antwort. Als sie aufblickte, bemerkte sie auf dem Tischchen am Fenster einen gelb glänzenden Gegenstand, etwa einen chinesischen Fuß lang: ein kleines Schiff, vollständig mit Mast und Segel, unten mit Rädern und Achsen versehen. Frau Tschong sah es an, sah noch einmal hin und hielt ihre Teeschale in der Hand, ohne sie an die Lippen zu führen.
Die Fürstin bemerkte ihren versunkenen Blick und sagte lächelnd: »Das ist ein selbstfahrendes Schiff aus dem Abendland. Zieht man es auf, fährt es ein Stück über das Wasser. Unser Fürst hat solche Spielereien von jeher geliebt. Ich habe einen Mann namens Jiang beauftragt, draußen danach zu suchen. Über ein halbes Jahr brauchte es, bis er dieses eine Stück fand. Es war sehr teuer, doch das nahm ich in Kauf; nun warte ich nur auf den Geburtstag des Fürsten, um es ihm zu schenken. Wie ich höre, stammt es aus den zerstreuten Besitztümern jener Familie von damals. Heutzutage kann man solche Dinge selbst für Geld nicht unbedingt bekommen.«
»Wie liebevoll Ihr daran gedacht habt, Fürstin«, sagte Frau Tschong. Sie stellte den Tee hin, wechselte noch einige belanglose Worte und verabschiedete sich.
Wieder zu Hause, fragte Frau Tschong hinter dem zweiten Tor: »Hat der Fürst etwas gesagt?« Herr Tschong antwortete: »Ich habe nur Höflichkeiten mit dem Kanzleivorsteher gewechselt. Zum Abschied richtete er mir im Auftrag des Fürsten aus, draußen gehe jetzt ein scharfer Wind; wir müssten unbedingt vorsichtig handeln.« Dann schwieg er. Nach einer ganzen Weile fragte er: »Und was hat die Fürstin mit dir gesprochen?« Frau Tschong antwortete: »Nur häusliche Dinge.«
In ihrem Zimmer übergab Frau Tschong Yuchuan eine vom Fürstenhaus geschenkte Schachtel Räucherkuchen zum Verwahren und fragte dabei Zhou Ruis Frau: »Verhält sich das Vierte Fräulein in letzter Zeit ruhig? Wohnt Fräulein Miaoyu noch in der Klause des Grünen Gitters?«
Zhou Ruis Frau antwortete: »Ja, gnädige Frau. Das Vierte Fräulein hält den ganzen Tag die Tür geschlossen. Selbst das Essen nimmt Caiping an der Tür entgegen und trägt es hinein. Auch Fräulein Miaoyu kommt nur selten heraus.«
Frau Tschong nickte. »Ich weiß Bescheid. Geh nur.«
Herr Tschong war in sein Studierzimmer zurückgekehrt und hatte sich eben über die eingegangenen Glückwünsche gesetzt, als die Nebenfrau Zhao weinend hereinstürzte. »Nun ist der Herr befördert«, rief sie, »und Pao Yü soll nach dem letzten Willen der Alten Fürstin heiraten. Im ganzen Haus gibt es Freude; nur Huan ist offenbar nicht des Herrn Sohn. Auch er ist nun groß geworden. Hat der Herr auch nur einmal nach seiner Zukunft gefragt? Früher habt Ihr doch gesagt, zwei Mädchen gefielen Euch, eines für Pao Yü und eines für Huan. Wie viele Jahre ist das jetzt her? Nicht einmal den Schatten eines Mädchens haben wir gesehen. Dürfen nur die in den anderen Gemächern Gold und Jade heiraten, und wir beide, Mutter und Sohn, müssen unser Leben lang zurückstehen?«
Herr Tschong fuhr sie an: »Was soll dieser neue Unfug? Die Trauerzeit ist nicht einmal um, und schon kommst du mit solchem Geschrei! Huan will nicht lernen, sondern treibt sich ständig mit allerlei fragwürdigem Gesindel herum. Welche Familie gäbe ihm eine anständige Tochter?«
Die Nebenfrau Zhao weinte. »Wenn er auch nichts taugt, ist er doch Euer Sohn. Soll er etwa, weil er nichts taugt, keine Frau bekommen, damit er erst recht auf Abwege gerät? Da wäre es doch besser, wir beide wären tot, dann hättet Ihr Eure Ruhe!«
Herr Tschong schlug auf den Tisch. »Unverschämtheit! Hinaus mit ihr! Hinaus mit ihr!«
Die Nebenfrau Zhao wollte weiter mit Selbstmord drohen, doch die Diener vor der Tür kamen hastig herein, um sie zu beschwichtigen. Sie konnte sich nur die Tränen abwischen und schluchzte: »Wir sind ja doch überflüssig. Nun die Alte Fürstin tot ist, gibt es erst recht niemanden mehr, der für uns eintritt.« Damit verhüllte sie ihr Gesicht und ging.
Herr Tschong saß lange da, nahm ein Glückwunschschreiben auf und legte es wieder hin. Plötzlich stieß er einen tiefen Seufzer aus und fragte den Diener neben sich: »Wie alt ist Huan dieses Jahr?«
Der Diener antwortete: »Nach der üblichen Alterszählung schon fünfzehn.«
Herr Tschong sagte nichts. Am Abend erwähnte er in den Gemächern seiner Frau den Auftritt der Nebenfrau Zhao. Frau Tschong sagte: »Sie führt sich zwar närrisch auf, aber in diesem Punkt hat sie nicht völlig unrecht. Nur ist Huan von solcher Art, dass ein Mädchen aus einem gewöhnlichen Haus ihn wohl kaum im Zaum halten könnte.«
Herr Tschong sagte: »Als die Alte Fürstin noch lebte, sprach sie oft mit mir von der Großmutter jener Miaoyu in der Klause des Grünen Gitters. Die beiden waren seit Jahrzehnten befreundet. Schon bevor sie heirateten, liebte die eine Lu’an-Tee, die andere Laojunmei, die ›Brauen des Alten Meisters‹. Alle paar Tage trafen sie sich zum Tee und stritten endlos darüber, welche der beiden Sorten die bessere sei. Schließlich schrieb jede ein Gedicht, um den Vorrang auszutragen. Das der Alten Fürstin galt dem Laojunmei.« Langsam trug er vor:
Taubenetzte Lebensbrauen klären die Flut;
such nicht am kalten Fenster Bitterkeit und Strenge.
Dem weißen Haar vertreibt er vor dem Becher fette Kost,
ein klarer Wind im Ärmel löst die alten Leiden.
Nicht taugt er wildem Sinn, der kaltem Reif sich widersetzt;
doch nährt er in der prächtigen Halle die große Harmonie.
Der kalte Lu’an quält sich nur vergebens selbst;
wie oft führt Menschenleben wohl durch solche Herbheit?
Als er geendet hatte, fuhr er fort: »Ihre alte Freundin wollte nicht nachgeben und antwortete mit einem Gedicht auf den Lu’an-Tee.«
Nach Regen zieht der Teeduft ins bestickte Frauengemach;
bei jedem Wiedersehen lieben wir den Wettstreit der Gedichte.
Im Becher entfaltet zartes Laub sein frisches Grün,
am Kessel schlingt sich leichter Rauch um den Bambusbach.
Wir lachen: Süße und Fülle ermüden doch den Mund;
und preisen müßig, wie uns herber Tee bezaubert.
Fragt morgen jemand, welche sich zuerst geschlagen gab:
Wir lachen nur und gehen Hand in Hand den schmalen Pfad.
Als er die Verse zu Ende gesprochen hatte, schwieg man im Zimmer eine Weile. Frau Tschong nahm einen Schluck Tee. »Von diesen beiden wollte offenbar keine der anderen weichen.«
Herr Tschong sagte: »Die Alte Fürstin erzählte, ihre Freundin sei zeitlebens eigenständig und unbeugsam gewesen und früh gestorben. Nachdem Miaoyus Großmutter tot war, starben auch ihre Eltern kurz nacheinander. Miaoyu blieb ganz allein zurück, widmete sich dem religiösen Leben, ohne ihr Haar abzulegen, und wurde schließlich in die Hauptstadt verschlagen. Um dieser alten Freundschaft willen hatte die Alte Fürstin sie damals eigentlich ganz ins Haus aufnehmen wollen; doch dann kam so vieles dazwischen, dass nichts daraus wurde. Nun die Alte Fürstin tot ist, fehlt auch Miaoyu in diesem Haus jeder Rückhalt. Diesen unerfüllten Wunsch will ich der Alten Fürstin erfüllen und Miaoyu Huan zur rechtmäßigen Frau geben. Damit erfülle ich erstens den alten Wunsch der Alten Fürstin, mache zweitens dem ewigen Gezeter aus den anderen Gemächern ein Ende und erhöhe drittens eine verlassene Waise. Wenn Huan jemanden wie sie hat, der ihn im Zaum hält, bessert er sich vielleicht auch ein wenig.«
Frau Tschong überlegte und sagte: »Sie übt sich zwar mit ungeschorenem Haar im religiösen Leben, ist aber doch ein Mädchen aus gutem Hause. Ich fürchte nur, sie ist zu stolz und wird nicht wollen.«
Herr Tschong sagte: »Lass zunächst jemanden fragen. Man muss ihr ausdrücklich sagen: als rechtmäßige Frau, nicht anders.«
Am nächsten Tag schickte man eine ältere Dienstfrau mit zwei Sorten Naschwerk zum Tee in die Klause. Sie hielt ihren Auftrag für eine unerhört glückliche Botschaft. Beim Eintreten sah sie Miaoyu gerade die Hände waschen und begann über das ganze Gesicht zu lächeln. »Mein Fräulein, welch großes Glück! Unser Herr und unsere gnädige Frau bedenken, dass Ihr allein und ohne Rückhalt seid und dass die Alte Fürstin Euch einst hochgeschätzt hat. Nun möchten sie Euch ganz in die eigene Familie aufnehmen und mit dem Dritten Herrn Huan verheiraten. Seid unbesorgt: als rechtmäßiges Ehepaar, nicht als Nebenfrau. Wenn künftig das ganze Haus für Euch sorgt, ist das nicht viel besser, als diese kalte Klause zu hüten?«
Von Miaoyus Händen fielen Wassertropfen, einer nach dem andern, in das Kupferbecken. Sie blickte nicht auf.
Da sie keine Antwort erhielt, trat die Frau noch einen Schritt näher und sagte lächelnd: »Ihr wisst es wohl noch nicht, mein Fräulein: Das ist eine Gnade unseres Herrn Abteilungsdirektors. Zwar ist der Dritte Herr Huan einige Jahre jünger, aber sagt man draußen nicht: ›Ist die Frau fünf Jahre älter, sorgt sie besser als eine Mutter‹? Wenn Ihr ihm diese paar Jahre voraushabt, könnt Ihr ihn später auch besser lenken.«
Noch ehe sie ausgeredet hatte, hatte sich Miaoyus Gesichtsfarbe schon verändert. Mit einem kalten Lachen legte sie das Handtuch auf den Beckenrand, erhob sich, ohne die Frau eines Blickes zu würdigen, hob den weichen Vorhang aus blauem Baumwollstoff und verschwand im inneren Zimmer. Der Vorhang fiel zurück. Sie kam nicht wieder heraus.
Die Frau wartete noch eine Weile. Als sie drinnen nur den Türriegel hörte, zog sie sich beschämt zurück. Vor der Klause brummelte sie auf dem ganzen Heimweg: »Diese junge Dame weiß wahrhaftig ihr Glück nicht zu fassen. Selbst die rechtmäßige Frau eines jungen Herrn von hohem Adel will sie nicht werden. Wartet sie etwa darauf, dass der Himmelskönig und Jadekaiser persönlich um sie wirbt?«
Als Herr Tschong ihren Bericht hörte, machte er ein unfreundliches Gesicht und sagte nur: »Lassen wir es.« Frau Tschong befahl, die beiden zurückgebrachten Teegaben wegzuräumen.
Einige Tage später hatte kalter nächtlicher Regen die Bambusblätter vor dem Fenster des Xiaoxiang-Gehöfts frischgrün gewaschen. Blaujuwel ging es etwas besser. Früh am Morgen ließ sie Xueyan im Räuchergefäß Adlerholz aus Java anzünden und setzte sich ans Fenster, um ihre Qin-Zither zu versuchen. Kuckuck legte ihr eilig ein weiches Kissen aus Fuchsflankenfell in den Rücken und sagte lächelnd: »Kaum geht es dir etwas besser, fängst du schon wieder damit an. Gib acht, dass du dich nicht erschöpfst.«
Blaujuwel lächelte. »Die Qin will mich gewiss nicht erschöpfen. Ich leihe mir nur ein wenig Zerstreuung von ihr.«
Sie stimmte eine Weile die Saiten. Fremde waren nicht im Zimmer; Kuckuck kochte im Vorraum die Arznei, und Xueyan ordnete unter dem Wandelgang die Blumenzweige. Drinnen und draußen waren nur die Herrin und ihre beiden Dienerinnen. Zuerst spielte Blaujuwel das ›Lied der üppigen Orchidee‹. Ihre Finger bewegten sich zunächst sehr langsam, und der Klang war wie ein leiser Wind durch ein leeres Tal. Nach einigen wiederkehrenden Wendungen vertiefte sich der Sinn der Orchidee; auch ohne Antwort entfaltete sich ein eigener, reiner Duft. Noch war das Stück nicht zu Ende, als draußen vor dem Fenster jemand aus dem Stegreif einen Vierzeiler sprach:
Im leeren Tal wartet die stille Orchidee nicht auf den Frühling;
bei kaltem Tau und schwerem Reif bewahrt sie ihren Geist.
Was braucht es einen Menschen, der den Sinn des Duftes kennt?
Vor Wind und unter Mond ist sie ein Stück des Wahren.
Als Kuckuck den Vorhang hob und nachsah, stand dort Miaoyu, nur von einer kleinen Dienerin begleitet. Sie trug einen schlichten, blassblauen Umhang; am Rand ihrer Schuhe hafteten ein paar Flecken feuchten Lehms. Blaujuwel ließ sie sogleich hereinbitten. Miaoyu setzte sich seitlich an den Zithertisch und hörte den Schluss des Stückes an. Zunächst sprach sie nicht von der Orchidee, sondern vom Spiel. »Du spielst dieses Stück lockerer als früher.«
Blaujuwel lächelte. »Die Saiten sind alt, und ich bin träge geworden.«
»Gerade die freien Stellen sind schön«, sagte Miaoyu. Kuckuck brachte Tee herein. Als sie sah, dass die Saiten noch immer leise zitterten, wagte sie nicht weiterzufragen, stellte den Tee ab und ging. Blaujuwel lächelte. »Schnee von Pflaumenblüten habe ich hier nicht. Du musst mit diesem Tee vorliebnehmen.« Miaoyu sagte: »Heute reden wir nicht vom Wasser.«
Auch Blaujuwel sagte nichts weiter, sondern ließ ihre Hände in ›Hohe Berge, fließendes Wasser‹ übergehen. Bald stiegen tausend Klafter hohe Felswände auf, bald stürzten Quellen in die Schlucht. Miaoyu klopfte mit einem Finger leise an ihre Teeschale und summte dem Klang folgend vor sich hin. Als sie mitten darin war, ging der Sinn der Melodie von den hohen Bergen ins fließende Wasser über; immer weiter strömte das Wasser, immer weniger fand es einen Ort zum Verweilen. Miaoyus Finger auf der Teeschale hielt inne.
Blaujuwel dämpfte die Saiten und lächelte. »Hat man es gefunden, braucht man nichts zu sagen. Hat man es nicht gefunden, braucht man auch nichts zu sagen.«
Darauf sprach Miaoyu aus dem Stegreif einen Vierzeiler:
Der Gipfel ist nicht hoch, damit ein anderer ihn schätze;
das Wasser reicht so weit, wie es sein Weg dahinträgt.
Heut findet sich an den Saiten jemand, der sie würdigt;
die einsame Paulownie brauchte nie Gong und Shang.
Blaujuwel sah sie an. »Das klingt, als sprächest du von dir selbst.«
Miaoyu hob nur ihre Teeschale und nahm einen Schluck.
Nach einer Weile wechselte Blaujuwel zu ›Wasser und Wolken über Xiao und Xiang‹. Eben als die Qin erklang, verwirrte draußen der Wind die Bambusschatten vor dem Fenster. Anfangs war es, als verschwömmen Wasser und Dunst ineinander; im weiteren Verlauf entstand allmählich das Bild eines einsamen Bootes und eines fernen Ufers. An einer Stelle stimmte Miaoyu mit Versen ein:
Wolken und Wasser von Xiao und Xiang bedrücken das Herz;
ein Ruder treibt dahin: zu welcher Furt?
Verwundere dich nicht, wenn aus den Saiten dir mein Bild erscheint:
am Himmelsrand sind wir beide noch nicht heimgekehrt.
Blaujuwel sagte: »Den Namen Xiaoxiang hätte ich eigentlich nicht für mich allein beanspruchen dürfen.«
Miaoyu sagte: »Ein Ort trägt von sich aus niemandes Namen. Hast du dort gewohnt, liegt eine Schicht deiner eigenen Wolken und Wasser darüber.«
Blaujuwel antwortete nicht, sondern spielte ›Frühlingswandern‹. Das Stück hatte einen leichten, munteren Rhythmus. Kaum war die Hälfte erreicht, da wechselte Xueyan unter dem Wandelgang eine Blumenvase aus; dabei geriet eine Narzisse darin leise ins Schwanken. Unter Blaujuwels Fingern kam plötzlich ein wenig vom Frühlingsglanz früherer Tage hinzu. Miaoyu antwortete wiederum mit einem Vierzeiler:
Unter den Blüten ist das alte Buch noch nicht zu Ende umgeblättert;
heimlich eilt die Zeit dem Klang des Wassers nach.
Sag nicht, der Frühling sei vergangen und nirgends mehr zu finden:
noch steht ein Mensch im Wandelgang, im Licht der Abendsonne.
Als Blaujuwel dies hörte, wurden ihre Finger einen Augenblick langsamer; dennoch spielte sie das Stück zu Ende.
Zuletzt spielte sie ›Freude von Göttern und Menschen‹. Der Klang dieses Stückes war weit und offen. Die ersten Wendungen erklangen rein und hoch, dann war es allmählich, als wehe ein langer Wind aus den Bergklüften hervor. Miaoyu hatte mit geschlossenen Augen zugehört. An einer der höchsten Stellen öffnete sie sie plötzlich und sprach:
Mag das Tor zum Staub sich schließen, der Himmel kennt kein Schloss;
der reine Klang strömt fort und wartet nicht aufs Ohr.
Ein Ton tritt aus der Bergkluft, niemand kann ihn lenken;
auch den Abendwolken hat er sich niemals ergeben.
Blaujuwel sagte: »Nicht jedes Tor wird von anderen geschlossen.«
Miaoyu sah sie an. Eine Weile schwiegen beide.
Nachdem Miaoyu ihre Teeschale halb geleert hatte, fragte sie: »Kommt der Zweite Herr Pao in letzter Zeit noch oft hierher?«
Blaujuwel sagte: »Er kommt oft.«
Miaoyu sagte »Ach«, stellte die Teeschale hin und sprach erst nach einer Weile wieder: »Ich werde in einiger Zeit fortgehen.«
»Wohin?«, fragte Blaujuwel.
»Nach Süden«, sagte Miaoyu.
Blaujuwel griff nach den Wirbeln der Qin, stimmte sie neu und begann das ›Lied vom Gedenken an die Weisen‹. Diesmal setzte der Klang tief ein, als wären die Alten fortgegangen und ihre Schritte noch in der leeren Halle zu hören. Miaoyu saß aufrecht und lauschte. In der Mitte des Stückes sagte sie: »Dieses Lied ist ein wenig zu traurig.« Sie streckte die Hand aus und legte zwei Finger leicht auf die schwingenden Saiten.
Blaujuwel hielt nicht inne. Sie ließ die Finger der anderen dort ruhen, und unter ihren Händen sank der letzte Ton herab. Auch der Weihrauch im Räuchergefäß war gerade ganz verglommen.
Als Miaoyu aufbrach, begleitete Blaujuwel sie nur bis zur Zimmertür. Miaoyu sagte: »Draußen ist es nass. Komm nicht heraus.« Blaujuwel hielt sich am Türrahmen fest und sah zu, wie sie die Bambusbrücke überquerte. Erst dann wandte sie sich um und setzte sich wieder.
Beim Verlassen des Gartens begegnete Miaoyu gerade Zhou Ruis Frau, die zwei verheiratete Dienerinnen zum Hof der Roten Freude führte. Sie trugen Vorhänge und Stoffstücke auf den Händen, und im Gehen sagte Zhou Ruis Frau: »Der Herr und die gnädige Frau haben befohlen, die Haupträume herzurichten. Auch die Zettel mit den Geburtsdaten sind schon herausgesucht. Jetzt fehlt nur noch der festgesetzte Tag.« Miaoyu blieb stehen, hörte ein paar Worte und ging weiter. Ihre kleine Dienerin fragte, was denn los sei, doch sie antwortete nicht.
Der Tag für Pao Yüs Hochzeit ließ sich indessen immer noch nicht festsetzen. So verging der letzte Wintermonat, und im Nu war auch der erste Monat des neuen Jahres vorüber und der zweite schon angebrochen. Eines Tages kam Mingyan von draußen zurück und vertraute Pao Yü leise an: »Das Haus des Fürsten von Nan’an hat einen kaiserlichen Befehl erhalten. Es soll eine junge Dame in die fernen Grenzlande am Meer verheiraten, um mit den fremden Völkern Frieden zu schließen. Die Fürstinmutter kann es nicht übers Herz bringen, ihre leibliche Tochter dreitausend Li weit fortzuschicken. Deshalb will sie eine Adoptivtochter annehmen, die an ihrer Stelle als Tochter des Fürstenhauses ausziehen soll.« Pao Yü verstand den Sinn nicht und begab sich ins Xiaoxiang-Gehöft, um Blaujuwel zu sagen: »Man könnte vor Zorn sterben! So etwas Widersinniges! Wenn eine Tochter zur Friedensheirat ausziehen soll, hat das Fürstenhaus doch eine eigene. Wie kann man da einfach die Tochter anderer Leute annehmen, damit sie an ihrer Stelle fortgeht?« Blaujuwel saß ans Fenster gelehnt und ordnete Bücher. Sie sagte nur: »Du findest nur diese Annahme widersinnig. Aber wer möchte schon seine eigene Tochter dreitausend Li weit wegschicken?« Pao Yü erstarrte und wusste nichts zu erwidern.
Wer hätte gedacht, dass wenige Tage darauf die Fürstinmutter von Nan’an persönlich vorsprechen würde? Frau Tschong eilte mit Li Wan, Tanchun und den anderen in die Hauptgemächer, um sie zu empfangen. Die Fürstinmutter nahm Tanchuns Hand und betrachtete sie eingehend. »Damals, zum Geburtstag eurer Alten Fürstin, hat man von den jungen Damen des Hauses nur dich zu mir herausgerufen. Das habe ich mir gemerkt. Heute geht es um eine Angelegenheit in weiter Ferne, von der ich dir zuerst selbst erzählen will.« Sie erklärte von Anfang bis Ende die Friedensheirat und die Annahme einer Tochter und fuhr fort: »Diese Reise führt über hohe Berge und weites Wasser. Das ist etwas anderes, als in der Hauptstadt zu bleiben. Dem Rang nach wirst du meine Adoptivtochter; alle Förmlichkeiten werden genauso gehalten wie für eine leibliche Tochter des Fürstenhauses. Wenn du nicht willst, lassen wir es heute dabei bewenden, und ich suche in einer anderen Familie.«
Frau Tschong wollte eben den Mund öffnen, doch Tanchun kam ihr zuvor. »Wenn ich diejenige sein kann, die geht, so bitte ich Euch, Fürstinmutter, alles zu bestimmen.«
Die Fürstinmutter sah sie eine Weile an. »Willst du es dir nicht noch einmal überlegen?«
Tanchun sagte: »Ich habe es mir überlegt. Ich bitte nur darum, dass Shishu mit mir kommen darf. Sonst braucht man mir nicht viel mitzugeben.«
Die Fürstinmutter nickte. »Gutes Kind. Alles soll sein, wie du es möchtest.«
Sie befahl ferner dem Kanzleivorsteher, der sie begleitet hatte, Herrn Tschong im äußeren Studierzimmer aufzusuchen und ihm den kaiserlichen Auftrag zu erläutern. Nachdem Herr Tschong ihn angehört hatte, sagte er erst nach langem Schweigen: »Da es auf kaiserlichen Befehl geschieht und meine Tochter selbst eingewilligt hat, bitte ich die Fürstinmutter, alles zu bestimmen.«
Noch am selben Tag wurde die Annahme der Tochter besiegelt und der sechsundzwanzigste Tag des zweiten Monats zur Abreise gewählt. In jenem Jahr fiel Qingming, das Fest der Hellen Klarheit, gerade auf diesen Tag. Auch das Ritenministerium drängte, sodass dem Haus nur gut zwanzig Tage zur Vorbereitung blieben. Alle waren damit beschäftigt, Tanchuns Kleider und Aussteuer herzurichten. Sie selbst holte zunächst einige kleine Rechnungsbücher hervor, die aus der Zeit ihrer Gartenverwaltung stammten, übergab sie Li Wan und sagte: »Hier sind noch ein paar Pachtabrechnungen offen, darunter die Bambuspflanzung der alten Mutter Zhu und das Reisfeld der alten Mutter Tian. Auch zwei Gärtnerfamilien haben noch Lohn zu bekommen. Im Garten braucht man jetzt nicht mehr so viele Leute. Was sich begleichen lässt, sollte beglichen werden. Lasst sie nicht vergebens ihre Wege machen.«
Dann nahm sie einen Bund kleiner Schlüssel heraus, gab ihn Cuimo und sagte: »Was in meinem Zimmer zurückbleibt, mögen die jungen Damen unter sich verteilen. Die paar Liang, die die Nebenfrau Zhao jeden Monat bekommt, sollen ihr weiter wie bisher ausgezahlt werden. Man braucht sie nicht zu kürzen, weil ich fort bin.«
Cuimo nahm die Schlüssel. »Das braucht Ihr mir nicht eigens aufzutragen, mein Fräulein.«
Tanchun sah sie an, nahm dann noch das von der Nebenfrau Zhao gewöhnlich gebrauchte Arzneirezept hervor und legte es unter die Schlüssel. Shishu strich indessen immer mehr vom Reisegepäck zusammen, bis nur vier Truhen blieben. Eine davon enthielt freilich die kalligraphischen Vorlagen, nach denen das Fräulein zu üben pflegte, und mehrere Reibsteine. Zwei ältere Frauen, die ursprünglich zur Begleitung bestimmt waren, hatten von den Gefahren des Seewegs gehört und weinten heimlich, weil sie nicht mitwollten. Als Shishu davon erfuhr, ließ sie die beiden hereinrufen und sagte: »Das Fräulein verlangt nicht, dass ihr euer Leben verkauft. Wer Angst hat, mag zurückgehen; das Reisegeld bekommt ihr trotzdem. Wenn aber eine von euch erst beim Einschiffen Krankheit vorschützt und alles aufhält, soll sie sich nicht beklagen, wenn ich sie vor allen bloßstelle.« Sie gab jeder einige Liang Silber und ersetzte sie durch zwei verheiratete Dienstfrauen, die mitfahren wollten.
Am Tag vor der Abreise ging Tanchun von Wohnung zu Wohnung, um Abschied zu nehmen. Als sie zur Nebenfrau Zhao kam, heulte diese, dass Himmel und Erde erschüttert wurden, packte Tanchun am Ärmel und schrie nur noch lauter: »Ein gesundes, unversehrtes Mädchen nehmen sie, um es statt der Fürstentochter in diese dreitausend Li entfernte Feuergrube zu werfen! Warum ist mein Los nur so bitter!« Nachdem sie eine Weile geweint hatte, trocknete sie plötzlich die Tränen, rückte näher und flüsterte: »Jetzt gehörst du dem Namen nach zum Fürstenhaus und stehst zehnmal höher in Ehren als früher. Diesmal fliegst du wirklich auf einen hohen Zweig. Huan ist nun einmal dein Bruder von derselben Mutter. Wenn du drüben erst Fuß gefasst hast, vergiss nicht, ihm ein wenig aufzuhelfen.« Tanchun legte nur ein Päckchen Silber auf den Kang. »Hebt das auf, Tante. Für Bruder Huan ist der Herr zuständig.«
Die Nebenfrau Zhao hielt ihren Ärmel fest. »Wenn du jetzt fortgehst, wann kommst du wieder?«
Tanchun lachte kalt. »Für das Schiff gibt es eine Zeit der Rückkehr. Für den Menschen nicht unbedingt.«
Die Nebenfrau Zhao war bestürzt. Einen Augenblick blieb ihr der Atem weg, und stumm liefen ihr die Tränen herab. Tanchun zog ihren Ärmel behutsam frei, wandte sich um und ging.
Aus dem Zimmer der Nebenfrau Zhao begab sich Tanchun ins Xiaoxiang-Gehöft, um sich von Blaujuwel zu verabschieden. Diese zwang sich aufzustehen, um sie zu empfangen. Lange saßen die beiden einander gegenüber. Tanchun sagte lächelnd: »Schwester Lin, schone dich.« Blaujuwel antwortete: »Ich bin nicht ohne Verständnis. Auf diese Weise fortzugehen ist noch besser, als hierzubleiben.« Tanchun sagte: »Wie es um dieses ganze Haus steht, sehe ich klar. Wenn der Baum zu fallen droht, muss, wer aus eigener Kraft gehen kann, rechtzeitig selbst den ersten Schritt tun.« Blaujuwel schwieg lange. Ihre Augen wurden feucht. Schließlich sagte sie: »Auch ich verstehe ein wenig, was du meinst. Doch habe ich immer das Gefühl, du siehst tiefer als ich.« Tanchun lächelte schwach. »Manches brauchst du gar nicht so deutlich zu sehen, Schwester. Ich dagegen habe von unten hinaufgesehen. Dass ich klar sehe, kommt auch daher, dass mir nichts anderes übrigblieb.« Darauf wusste Blaujuwel im Augenblick nichts zu erwidern. Tanchun erhob sich. »Mehr ist nicht zu sagen. Pflege dich gut, Schwester. Das ist wichtiger als alles andere.«
Am Qingming-Tag war der Himmel leicht bedeckt. Tanchun legte zuerst ein schlichtes Gewand mit unauffälligem Webmuster an und betrat den Ahnentempel. Vor den Tafeln der Ahnen hing dichter Weihrauch. Von der obersten Tafel an warf sie sich vor jeder einzelnen bis hinunter zur letzten nieder und vollzog diese Reihe dreimal. Als sie aufstand, haftete etwas Staub vom Kniekissen an ihrer Stirn; Tränen standen nicht in ihren Augen. Herr Tschong wartete vor dem Tempel. Als sie herauskam, sagte er nur: »Sei dort drüben in allen Dingen vorsichtig.«
Tanchun sank hastig auf beide Knie, berührte mit der Stirn den Boden und bejahte. Dann erst erwiderte sie: »Vater, die vier Schriftzeichen Ihrer Hoheit sind wichtig.«
Herr Tschong stieß seinen Stock auf die Steinstufe. »Ich weiß.«
Tanchun stand auf und stieg sogleich in den Wagen. Auf dem Weg zur Anlegestelle ließen südlich der Stadt ein paar Kinder auf einem freien Platz Drachen steigen. Ein großer, leuchtend roter Schmetterling flog eben besonders hoch, als ein Seitenwind seine Schnur zerriss. Schwankend trieb er zum Flussufer hinab. Tanchun hob den Wagenvorhang einen schmalen Spalt und sah ihm nach. Der Drachen strich über das Wagendach hinweg und flog zum Ufer. »Was seht Ihr an, Fräulein?«, fragte Shishu. Tanchun ließ den Vorhang fallen. »Nichts.«
An der Anlegestelle lag das Amtsschiff mitten im Strom; zwischen ihm und dem Ufer verkehrte ein kleines Boot. Ein Fährmann rief über das Wasser: »Die Herrschaften aus dem großen Haus, hierher!« Dabei stakte er das Boot an das steinerne Ufer. Das zeremonielle Gefolge des Fürstenhauses war nicht sehr zahlreich; der Wind rollte die Fahnen und Banner ein. Ein scharfer Wind ging über den Fluss. Welle um Welle stürzte gegen die Ufersteine und zerbrach zu einer Schicht weißen Schaums. Herr und Frau Tschong, Li Wan, Pao Yü, Pao Tschai und die anderen begleiteten Tanchun bis zum Ufer. Die Nebenfrau Zhao war nicht gekommen; sie hatte nur Cuimo mit einem Duftbeutel aus gemustertem Satin geschickt, auf dem eine Elster auf einen Pflaumenzweig stieg. Cuimo reichte ihn Tanchun. »Bei der Nebenfrau Zhao bin ja ich.«
Tanchun nahm ihn entgegen und band ihn an eine Ecke der Truhe, ohne ein Wort der Weisung hinzuzufügen.
Shishu sah, dass die beiden kurzfristig eingesetzten Dienstfrauen noch am Ufer zögerten, und sagte eilig: »Das Schiff fährt gleich ab. Wer mitwill, steige ein; wer nicht will, nehme sein Reisegeld und gehe zurück.« Da erst folgten die beiden. Als Tanchun über das Laufbrett schritt, rief Pao Yü: »Dritte Schwester!« Ohne im Schritt innezuhalten, sagte Tanchun nur: »Geh zurück, Zweiter Bruder.«
Pao Yü wollte noch näher treten, doch schon bat der Kanzleivorsteher des Fürstenhauses Tanchun in die Kajüte. Sie ging jedoch nicht hinein, sondern blieb am Bug stehen. Das Tau wurde gelöst, das kleine Boot vom steinernen Ufer abgestoßen, und unter seinem Bauch klang der Fluss dumpf auf. Die Trauergewänder der Zurückgebliebenen verschmolzen allmählich zu einem einzigen weißen Schatten.
Erst als das kleine Boot am Amtsschiff anlegte und Tanchun an Bord gegangen war, betrat sie die Kajüte und setzte sich. Shishu spürte den kalten Luftzug darin, öffnete rasch eine Truhe und holte den großen scharlachroten Umhang aus feinem Wolltuch hervor, um ihn ihr umzulegen. Tanchun schüttelte den Kopf. »Lass ihn eingepackt.« Sie hieß Shishu Papier und Pinsel holen und schrieb schweigend in der Kajüte ein Gedicht nieder. Als sie fertig war, las sie es sich einmal leise vor:
In der Herbsteskühle hoffte ich, den Himmelsstrom herabzuziehen;
umsonst erhob ich eine einzle Hand, die Dämonenschar zu ordnen.
Ich wusste früh: Der innere Hof zerstört sich selbst zuerst;
was lässt sich tun, wenn schon der große Bau sich neigt?
Heut kam vom Kaiserhof die Botschaft wie ein Wind:
in Brautgewändern ziehe ich zum Friedensbund über ferne Wellen.
Die Schar der Blumen drängt sich weinend um mich, klagt die ferne Hochzeit,
sagt, ich werde haltlos treiben, in die Netze fallen.
Sie wissen nicht: Das rote Adelstor ist mir ein ausgetretner Schuh;
bevor das Staubnetz über mir zusammenstürzt, befreie ich mich selbst!
Einst zog die Fürstin Ming durch das Wildganstor,
wandte ihr Pferd im gelben Sand, den Han-Palast im Rücken.
Ich setze heute meine Segel zum südlichen Meer;
lieber verlasse ich den Ahnenschrein und quere Welle auf Welle.
Klagt nicht, dass giftige Dünste, Wind und Wogen jene Lande bedrohen:
es ist dort besser als in Zhaoyang, unter all den Geisterfratzen.
Ich nutze jetzt dies Spiel der Friedensheirat,
durchschneide ganz das blutbeweinte Seil von Rong und Ning.
Nicht weine ich um mich, weil ich die Heimat lasse;
mein Herz zerreißt um die im selben Wald, die noch den Netzen harren.
Zurückgeblickt: Über dem Reich verdunkeln sich die Feuerzeichen;
von hundert Jahren Glocken und Bronzekesseln ist die Hälfte schon verzehrt.
Die Mahnung aus dem Phönixedikt klingt mir noch in den Ohren;
»Seid vorsichtig in Wort und Tat«: Und doch ward Zeit vertan.
Die Schwestern schlafen noch in ihren Seidenvorhängen;
morgen kommt die Beschlagnahme, und das Blut wird Flüsse bilden!
Wie kläglich, dass verdorrte Knochen nur die Namenslisten füllen;
wie traurig, dass die schönen Antlitze den Wogen des Verderbens harren.
Aus großem Traum sind nur wir wenigen aufgeschreckt;
ich leihe mir ein Floß, fahr übers Meer und lasse das goldene Nest.
Durch langen Wind und Wellenbruch hisse ich mein wolkenhohes Segel;
das Meer ist weit, der Himmel offen, abgerissen jedes Netz.
Ob Ehre, ob Schmach diesem Leib: Nicht andre sollen es verleihen;
den kleinen Raum des eignen Herzens hüte ich selbst.
Von nun an bin ich kein Vogel mehr im goldenen Käfig;
zehntausend Li unter weitem Himmel: mögen Wind und Wellen kommen!
Nach dem Lesen faltete sie das Blatt zweimal und schob es ganz unten in die Truhe. Erst als Shishu später die Truhe ordnete, sah sie auf dem schlichten Papier die Worte ›Lied vom Abschied aus den Netzen auf dem südlichen Meer‹.
Das Schiff entfernte sich immer weiter, der Wind füllte schon die Segel. Tanchun blickte noch einmal zum nördlichen Ufer. Im Norden der Stadt stieg ein dünner Streifen bläulichen Rauchs empor, als hätte man in jener Klause gerade das erste Räucherstäbchen des Morgens angezündet. Sie sah es, fragte aber nicht, wer dort sei.
Die Angehörigen des Hauses Jia kehrten von der Anlegestelle zurück. Pao Yü sprach unterwegs kein Wort. Kaum war er durch das Gartentor getreten, hörte er von einem Diener, das Amtsschiff sei bereits hinter der Flussbiegung verschwunden und nicht mehr zu sehen. Da setzte er sich neben eine Säule des Wandelgangs, die Tränen liefen ihm unaufhörlich herab, und er sagte: »Nun die Dritte Schwester fort ist, liegen Himmel und Meer zwischen uns. Schwester Lin ist krank, und die Zweite Schwester ist in eine solche Familie geraten. Eine nach der anderen gehen uns die Schwestern verloren. Wie soll man so weiterleben?«
Pao Tschai stand neben ihm und wartete, bis sein Weinen ein wenig nachließ. Erst dann fragte sie: »Hat das Dritte Fräulein beim Besteigen des Bootes zurückgeblickt?«
Pao Yü stutzte. »Nein.«
Pao Tschai sagte nichts mehr, sondern reichte ihm nur das Tuch aus ihrer Hand. Pao Yü nahm es und wandte das Gesicht zum Garten. Der Aprikosenbaum hatte noch nicht alle Blüten verloren; zwischen den Zweigen waren schon einige neue Blätter hervorgekommen. Chunyan richtete gerade mit zwei kleinen Dienerinnen ein umgestürztes Rosenspalier auf. Kaum war die Schnur festgebunden, lockerte sie sich unter einem Windstoß wieder.
Am Tag nach der Abfahrt von Tanchuns Schiff schickte das Haus des Fürsten von Xining zunächst seinen Kanzleivorsteher ins Ning-Haus. Er richtete aus, man wolle das Vierte Fräulein als Adoptivtochter annehmen und sie an einem noch zu wählenden Tag ins Fürstenhaus holen. Jia Zhen sagte auf der Stelle zu. Erst danach traf ein amtliches Schreiben des Fürstenhauses im Rong-Haus ein, worauf Frau Tschong jemanden in Xichuns Hof schickte, um die Nachricht auszurichten. Als die alte Dienstfrau das Hoftor erreichte, saß Caiping vor der Tür; zu ihren Füßen stand ein Becken kalten Wassers.
Die Frau sagte: »Melde es rasch dem Fräulein! Das Schreiben mit der großen Glücksbotschaft aus dem Fürstenhaus ist da.«
Caiping antwortete nicht. Sie zog nur den Vorhang vor der Tür sorgsam zu.
Caiping hatte nämlich schon vorher am Tor gehört, dass das Schreiben aus dem Fürstenhaus eingetroffen war, und die Nachricht sogleich nach Hause getragen. Die Dienstfrau wurde des Wartens überdrüssig und drückte gegen die Tür. Sie war von innen verriegelt. Drinnen hörte man nur ein »Schnapp, schnapp«, einen Laut nach dem andern, sehr langsam, sehr gleichmäßig. Die Frau rief draußen einige Male, doch von innen kam keine Antwort.
Als Frau Tschong persönlich kam, stand die Tür einen Spalt offen. Auf dem Boden lag ein Streifen schwarzseidigen Haars. Xichun saß mit dem Rücken zum Fenster; mehr als die Hälfte ihres Haars war schon abgeschnitten. Die kleine Schere hielt sie noch in der Hand, und Schnitt um Schnitt fuhr sie fort, ohne innezuhalten. Auf dem Toilettentisch stand das alte Kästchen für Haarschmuck offen; darin lagen zwei Blüten aus geraffter Gaze, deren Stoff bereits vergilbt war. Frau Tschong blieb eine Weile stehen und sagte dann: »Viertes Mädchen, wenn du etwas zu sagen hast, lass uns in Ruhe reden.«
Drinnen blieb alles still. Frau Tschong konnte nur das amtliche Schreiben wieder mitnehmen und zurückgehen. Caiping saß noch immer vor der Tür. Bis die Lampen angezündet wurden, gab sie keinen Laut von sich.
Zwei Tage später kam Miaoyu, nur von jener kleinen Dienerin begleitet, vor Xichuns Hof. Caiping stand eilig auf. Noch ehe sie etwas sagen konnte, wurde die Tür von innen geöffnet.
Xichun stand in der Tür. Das kurze Haar, das die Schere übriggelassen hatte, war mit einem schlichten Band zusammengefasst. Als sie Miaoyu sah, wechselte sie keine Höflichkeiten, sondern trat nur zur Seite, um sie einzulassen. Im Zimmer war es viel leerer als früher. An der Wand lehnte die Bildrolle mit der Ansicht des Gartens, an der sie seit Jahren malte, ohne fertig zu werden; sie war halb aufgerollt. Die niedrigen Mauern um die Klause des Grünen Gitters waren erst mit wenigen Strichen angelegt; unter den Pflaumenblüten stand schwach der Umriss eines Menschen. Miaoyus Blick verweilte einen Augenblick darauf, doch sie sagte nichts. Auf dem kleinen Tisch am Fenster stand ein Go-Spiel, noch immer dieselbe unvollendete Partie, die sie früher liegen gelassen hatten. Die beiden setzten sich einander gegenüber und spielten von dieser Stellung aus weiter. Caiping brachte Tee. Miaoyu sah die Schale an, rührte sie aber schließlich doch nicht an. Xichun drängte sie auch nicht.
Nach gut einem Dutzend Zügen gab Xichun eine zusammenhängende Gruppe in der linken Ecke preis. Miaoyu hielt inne. »Diese Gruppe ließe sich noch retten.«
Xichun sagte: »Wozu sie retten?«
Miaoyu hielt lange einen Stein in der Hand. Dann setzte sie ihn anderswo und sagte: »Mein Leben lang habe ich nichts weniger ertragen als das Wort ›Schmutz‹. Vor einigen Tagen kam jemand zu mir. Kaum durch die Tür, hieß es schon, meine Klause sei kalt und einsam; zuletzt machte man auch noch mein Alter zum Gerede. Selbst an Orte wie die deinen und die meinen kommen jetzt Menschen, um über unser ganzes Leben zu bestimmen. Was sich meiden lässt, soll man frühzeitig meiden. Nur so bleibt man rein.«
Xichun gab keine Antwort. Sie sah auf Miaoyus Haar und sagte: »Euer Haar, Fräulein, habt Ihr immerhin behalten.«
Miaoyu sagte: »Mit ungeschorenem Haar den Weg zu üben ist im Grunde dasselbe.«
Xichun sagte: »Nicht dasselbe.«
Kein dritter Satz folgte. Sie spielten die halbe Partie zu Ende. Wer gewonnen und wer verloren hatte, konnte Caiping, die danebenstand, nicht erkennen. Miaoyu erhob sich zum Gehen, und Xichun begleitete sie zur Tür. Miaoyu sah das kurz geschnittene Haar an ihren Schläfen an. »Du hast einen reinen Schnitt gemacht.«
Xichun sagte: »Ich habe es nicht geschnitten, um Reinheit vorzuzeigen.«
Die kleine Dienerin wollte das Spiel wegräumen. Miaoyu wandte sich um. »Lasst es stehen.« Damit ging sie.
Jeden Morgen trug Chunyan einen Holzeimer vom Hof der Roten Freude bis zum Hengwu-Hof und goss die Pflanzen am Weg. Von den Blumen und Gehölzen, die einst im Verzeichnis gestanden hatten, waren inzwischen drei oder vier von zehn verdorrt. Als sie einen spät blühenden Zierapfel sah, den der Wind umgeknickt hatte, hockte sie sich hin, häufelte Erde um ihn und zog ein paar Strohschnüre ringsum, damit niemand ihn zertrat.
An einem anderen Tag brachte Cuilü Festgeschenke von Xiangyun. Da das Haus Jia noch Trauer trug, konnte Xiangyun nicht gut selbst kommen. Ihre Gaben bestanden lediglich aus einigen Meeresdelikatessen, zwei Ballen schlichter Seide und einer Schachtel frisch im Hause Wei zubereiteten Kuchens. Die kleinen Dienerinnen im Hof hatten solche Meerestiere noch nie gesehen. Sie umringten Cuilü und fragten sie dieses und jenes. Eines davon hatte Stacheln auf der Schale; niemand wusste, wie es hieß. Ein Mädchen zeigte darauf und fragte: »Ist das ein Fisch oder eine Frucht? Warum hat es überall Stacheln?« Eine andere berührte es mit dem Finger, zog ihn gleich zurück und sagte: »Was es ist, mag sein, wie es will. Dass es sticht, steht jedenfalls fest.« Eine dritte lachte: »Probier es nur zuerst. Aber wenn du dir den Mund zerstichst, schieb die Schuld nicht auf Schwester Cuilü!« Alle lachten, und die Stimmen drangen bis in Phönix’ Zimmer.
Phönix hatte gerade eine halbe Schale Arznei getrunken. Als sie draußen das Lachen hörte, stützte sie sich auf den Bettrand und wollte sich aufsetzen. Ping'er fing sie eilig auf. »Rührt Euch nicht, gnädige Frau. Cuilü bringt nur Geschenke. Nachher lasse ich sie hereinkommen und Euch ihre Aufwartung machen.«
Phönix war erst halb aufgerichtet, als ihr schwarz vor Augen wurde und sie wieder aufs Kissen sank. »Wer verlangt denn, dass sie sich vor mir niederwirft?«, sagte sie. »Bring mir die Geschenkliste, damit ich sie ansehe. Wir dürfen den Leuten nicht zu wenig zurückgeben.«
»Alles ist schon vorbereitet«, sagte Ping'er. Phönix fragte weiter: »Erinnerst du dich noch an die paar, die damals mit mir herkamen?« Ping'er sagte nur: »Ich erinnere mich«, und sprach nicht weiter.
Nebenan lachte eine kleine Dienerin hell auf. Phönix öffnete die Augen und lauschte. »Sag ihnen, sie sollen draußen weiterlachen. Sie müssen aufpassen, dass sie die gnädige Frau nicht stören.«
Kaum hatte sie dies gesagt, ließ Ping'er hastig den Bettvorhang herunter und befahl Feng'er, frisches heißes Wasser zu holen. Auf dem Fensterbrett lagen in zwei Bambussieben ausgebreitet noch die nicht ausgeschütteten Arzneirückstände.
Bald darauf ging Ping'er hinaus, um nach dem Rechten zu sehen. Phönix blieb allein im Zimmer. Durch das Fenster hörte sie Cuilü beim Abschied noch im Gehen sagen: »Das Fräulein hat ausdrücklich befohlen: Erst wenn diese Gaben der Zweiten gnädigen Frau eigenhändig übergeben sind, ist mein Auftrag erfüllt.« Phönix lag reglos. Ihre Hand tastete über die Decke, fand das halbe Stück alten Tuches, das man ausgewechselt hatte, umklammerte es eine Weile und ließ es wieder los.
An diesem Abend bekam Phönix Fieber und sank benommen in Schlaf. Da sah sie Frau Qin von jenseits des Vorhangs eintreten, von derselben klaren Schönheit wie früher. Nicht einmal ein Grashalm hing an ihrem Gewand, und auch in den Händen trug sie nichts. Phönix wollte sich aufsetzen, doch Frau Qin blieb nur vor dem Bett stehen und sagte: »Die Schicksalsfrist muss enden.« Dann wandte sie sich ab und ging. Als Phönix die Augen öffnete, hatte sich am Docht der Lampe vor dem Bettvorhang ein langer verkohlter Kopf gebildet. Ping'er schlief, über den Fußschemel gebeugt; noch immer hielt sie ein halbes Stück blutbefleckten alten Tuches in der Hand. Phönix sah sie eine Weile an, ohne sie zu rufen.
Am nächsten Tag kam Jia Lian herein und blieb vor dem Bett stehen, um sie anzusehen. Phönix schickte Ping'er hinaus und sagte dann: »Wenn du etwas zu sagen hast, sag es.«
Jia Lian sagte: »Ich habe nichts zu sagen.«
Phönix lachte kalt. »Wenn du nichts zu sagen hast, warum stehst du dann hier?«
Jia Lian blieb noch eine Weile stehen, wandte sich dann ab und ging hinaus. Er setzte sich im Vorzimmer nieder und nahm ein Buch in die Hand, schlug es aber nicht auf. Er drehte es nur hin und her, die Finger fest um den Buchrücken geklammert, und lauschte auf die Geräusche von drinnen. Phönix nahm die Arzneischale neben dem Bett, führte sie an die Lippen und stellte sie wieder ab. Als Ping'er am Nachmittag Reisbrei brachte, aß sie nur einen Löffel voll. Als Jia Lian erneut hereinkam, fragte auch er nichts. Ebenso wenig begann Phönix ein Gespräch; sie befahl nur Caiming, die alten Rechnungsbücher an ihr Kopfkissen zu bringen. Nachdem sie zwei Seiten umgeblättert hatte, fiel ihr der mit roter Farbe getränkte Pinsel aus den Fingern auf die Decke und hinterließ einen roten Punkt. Ping'er wollte rasch ein Tuch holen, um ihn wegzuwischen, doch Phönix schüttelte den Kopf und blätterte weiter in den Rechnungen. Was sich später in diesem Rechnungsbuch noch entdecken ließ, wird erst das nächste Kapitel erzählen.