Han Qin · Der Traum der Roten Kammer: Dreißig neue Kapitel
Vierundachtzigstes KapitelGewissenlose Menschen vollbringen gewissenlose Taten;das Mädchen Yuanyang erfüllt zuletzt seinen Schwur.
Nach dem Trauerzug für die Alte Fürstin war ihr Sarg im Tempel der Eisernen Schwelle aufgebahrt worden; nach Ablauf der hundert Tage sollte er in die Heimat überführt werden. Noch waren die siebenmal sieben Trauertage nicht um. Vor der Halle der Herrlichkeit und Freude hingen noch die weißen Vorhänge, doch die Opfergeräte wurden überall schon eines nach dem andern fortgeräumt. Nur vor den Haupträumen der Alten Fürstin hing noch der Trauervorhang; der weiße Filz diesseits und jenseits der Schwelle war unter den vielen Füßen graugelb geworden. Die weißen Laternen unter dem Dachvorsprung waren ins Magazin gebracht worden, und an ihren Bambusrippen sah man noch die frischen Kleisterspuren. Der elfte Monat nahte, und unter den Wandelgängen vor den einzelnen Wohnungen stand überall ein Kohlenbecken weniger als in früheren Jahren. Erst wenige Tage war es her, dass aus dem Palast die vier Schriftzeichen Ihrer Hoheit gekommen waren: »Seid vorsichtig in Wort und Tat.« Herr Tschong hatte sie säuberlich abschreiben und auf den Tisch in seinem äußeren Studierzimmer legen lassen. Oben und unten im ganzen Hause war man unablässig beschäftigt: Der Nachlass wurde aufgenommen, der Personalbestand geprüft, die monatlichen Zuwendungen neu festgesetzt.
Seit dem Tod der Alten Fürstin wohnte Yuanyang noch immer in der Seitenkammer. An diesem Morgen hatte sie vor der alten Liege das Wasser in einer Schale erneuert und dann Gebetsschnur, Brille und Handwärmer einzeln blank gewischt. Kleider hatte sie nie viele besessen; in ihrer Truhe verwahrte sie auch weder Gold noch Silber. Nur neben dem Kopfkissen stand ein altes Nähkästchen. Die wenigen Tische und Schemel im Zimmer waren so blank geputzt, dass man sich darin spiegeln konnte. Als sie am Nachmittag einige alte Kleider der Herrin aus glatter Seide zusammenlegte, hob eine von Frau Xings bei ihrer Heirat mitgebrachten alten Dienerinnen den Vorhang und trat ein. Über das ganze Gesicht lächelnd begann sie: »Warum mühst du dich noch damit ab, mein Fräulein? Solange die Alte Fürstin lebte, standest du bei ihr in höchstem Ansehen. Nun ist sie zwar von uns gegangen, aber der Älteste Herr und seine Frau vergessen dir deine Dienste nicht und wollen dich nicht schlecht behandeln.«
Yuanyang strich nur einen Zipfel des Vorderteils glatt und sagte: »Wenn Ihr etwas zu sagen habt, Mutter, dann sagt es.«
Die Alte setzte sich auf den Fußschemel, schwenkte das blaue Seidentuch in ihrer Hand und sagte lächelnd: »Du darfst mir wirklich nicht böse sein, mein Fräulein, dass ich dir immer wieder in den Ohren liege. Der Älteste Herr wollte zunächst nach drei Tagen eine feste Antwort haben. Nun hat es sich schon so lange hingezogen, dass seine Frau ihm kaum noch etwas zu sagen weiß. Du bist doch ein kluges Mädchen, muss ich da erst deutlich werden? Du bist jetzt weit über zwanzig. Willst du dein Leben lang diese paar leeren Zimmer hüten? Eine gewöhnliche Familie draußen wäre deiner natürlich nicht würdig. Weil der Älteste Herr dich von Grund auf kennt, will er gerade dich erhöhen und zur Nebenfrau nehmen. In der Trauerzeit kann man zwar nichts ausrichten, aber zunächst braucht es ja nur dein festes Wort; wenn die drei Jahre um sind, ziehst du hinüber. Wenn du nur nickst, brauchst du dir um Kleider und Schmuck keine Sorge zu machen. Seine Frau hat auch gesagt, sie wolle dich ganz aufrichtig wie eine Schwester behandeln.«
Yuanyang legte die gefalteten Kleider in die Truhe, schloss den Deckel und sagte: »Wie viele Tage ist die Alte Fürstin denn erst tot?«
Die Alte klatschte lachend in die Hände. »Gerade weil die Alte Fürstin tot ist, musst du beizeiten wissen, wo du bleibst. Tote werden nicht wieder lebendig, und die Lebenden müssen weiterleben. Außerdem hast du deinen damaligen Schwur vor der Alten Fürstin getan. Nun sie nicht mehr da ist, sind auch diese Worte mit dem Wind verweht. Wer wollte sich denn wegen eines im Zorn gesprochenen Wortes sein ganzes Leben lang festlegen?«
Yuanyang ließ das Schloss an der alten Truhe der Herrin einschnappen. Lange sagte sie nichts. Dann erst sprach sie: »Ich weiß Bescheid. Geht nun zurück, Mutter.«
Da Yuanyang nicht aufbrauste, glaubte die Alte erst recht, einen Weg gefunden zu haben, und rückte mit gefälligem Lächeln noch näher. »Wenn du es nicht von Angesicht zu Angesicht sagen magst, kommt die gnädige Frau später selbst. Auch dein Bruder und deine Schwägerin werden von ihr belohnt. Du brauchst nur zu nicken; um alles andere musst du dich nicht kümmern.« Yuanyang antwortete nicht mehr. Mit einem alten Baumwolltuch wischte sie langsam den dünnen Staub vom Truhendeckel. Abgewiesen, schwatzte die Alte noch ein paar Worte, erhob sich schließlich und sagte mit kaltem Lachen: »Meine Botschaft habe ich jedenfalls ausgerichtet. Lass die Leute lieber nicht die Geduld verlieren, mein Fräulein.« Damit hob sie den Vorhang und ging.
Yuanyang hatte nämlich während der vergangenen Jahre die Schlüssel verwaltet und dadurch mehr alte Belege und Rechnungsbücher des Magazins gesehen als die anderen. Von den zwanzig alten Fächern des Shi Daizi, die damals ins Haus gekommen waren, und den heftigen Schlägen, die der Zweite Herr deswegen erhalten hatte, hatte Ping'er ihr unter vier Augen erzählt. Mehrmals waren auch Leute aus den Provinzen nachts durch das Seitentor gekommen, und versiegelte Silberpakete waren in das Studierzimmer des Ältesten Herrn getragen worden; am nächsten Tag hatte ein Schreiben auf seinem Tisch gelegen, das zwischen die Falten eines Sutrenheftes gesteckt und fortgeschickt worden war. So erzählten es sich die Diener heimlich, und auch ihr war es ein paarmal zu Ohren gekommen. Wenn die Alte Fürstin gelegentlich nach den Vorgängen draußen fragte, hatte sie nur das berichtet, was jene gern hörte. Nun die Alte Fürstin tot war, blieben diese Dinge ebenfalls allein bei ihr verwahrt.
Am Abend befahl Frau Tschong, Phönix solle mit Caiming den Nachlass in den Räumen der Alten Fürstin aufnehmen. Phönix hatte noch immer Blutungen; von Ping'er gestützt, setzte sie sich im Vorzimmer nieder. Caiming las von der Liste ab: »Ein Paar Haarnadeln aus Feingold mit dem Zeichen für langes Leben; eine Buddha-Hand aus weißem Jade; zwei Gebetsschnüre aus opakem Bernstein.« Während Phönix zuhörte, ließ sie ein Kästchen öffnen und besah selbst die Siegelstreifen. Weiter unten auf der Liste hielt Caiming kurz inne. »Hier ist noch eine Truhe mit Gold- und Silbergerät. Auf der Liste steht dabei das Zeichen für ›verpfändet‹.« Phönix blickte zum inneren Zimmer hinüber. »Lass diesen Posten vorläufig. Lies weiter.« Gerade besichtigten sie eine Truhe mit alten Kleidern der Herrin aus glatter Seide, als vor dem Hoftor viele Schritte durcheinander zu hören waren. Frau Xing trat mit jener alten Dienerin und zwei verheirateten Dienstfrauen ein.
Als Phönix Frau Xing sah, richtete sie sich nur ein wenig auf. »Was führt Euch um diese Zeit her, gnädige Frau?«
Frau Xing lächelte. »Ich habe Yuanyang etwas zu fragen. Prüfe du nur weiter die Sachen der Alten Fürstin.« Sie ließ Yuanyang sogleich rufen.
Yuanyang kam aus dem inneren Zimmer, noch immer in ihrer alten, schlichten weißen Hanfjacke, mit nur einer silbernen Nadel im Haar. Als Frau Xing sie sah, milderte sich ihr Gesicht ein wenig. Lächelnd sagte sie: »Yuanyang, du bist ein überaus verlässlicher Mensch. Wir alle haben gesehen, wie du der Alten Fürstin all diese Jahre gedient hast. Dem Ältesten Herrn fehlt jetzt jemand in seinen Räumen, der ihn versteht und sich um ihn kümmert. Deine gesetzte Art gefällt ihm; er will dich zur Nebenfrau erheben. Eine solche Ehre erbitten sich viele vergeblich. Du solltest wissen, was gut für dich ist.«
Yuanyang stand eine Weile mit herabhängenden Händen. Dann sagte sie: »Diese Worte, gnädige Frau, verdiene ich wahrhaftig nicht. Ich habe der Alten Fürstin gedient und dabei nie auf etwas anderes gehofft. Auch künftig wünsche ich nur, an einem stillen Ort mein bescheidenes, ordentliches Leben zu führen. Was diese Sache betrifft, so habe ich dazu ganz und gar keine Neigung. Ich bitte Euch, dies dem Ältesten Herrn zu sagen.«
Frau Xing lachte kalt. »Wie töricht du bist! Ein junges Mädchen wie du, auf wen willst du dich denn stützen, nun die Alte Fürstin nicht mehr da ist? Wenn der Älteste Herr dir seine Zuneigung schenkt, ist das ein großes Glück für dich. Stattdessen machst du lauter Schwierigkeiten und stößt die Leute vor den Kopf.«
Yuanyang sagte: »Eure gute Absicht weiß ich zu schätzen, gnädige Frau. Aber die Alte Fürstin ist erst eben gestorben, noch sind die siebenmal sieben Tage nicht um, das ganze Haus trägt Trauer. Wie kann man zu einer solchen Zeit von so etwas sprechen? Wenn Ihr es gestattet, lasst erst die Trauerzeit vorübergehen und mich dann Antwort geben.«
Da Yuanyang ihr immer nur mit Worten auswich, verfinsterte sich Frau Xings Gesicht. Mit kaltem Lachen sagte sie: »Ich werde mit dir nicht länger im Kreis herumreden. Das ist der Wille des Ältesten Herrn, und sein Entschluss steht fest. Zu verhandeln gibt es da nichts. Noch heute gibst du mir eine klare Antwort. Willigst du ein, setzen wir zunächst ein Schriftstück auf, und wenn die Trauerkleider abgelegt sind, ziehst du hinüber. Willigst du nicht ein, dann überlege dir, ob in diesem ganzen Haus künftig noch ein Platz für dich sein wird.«
Phönix hörte dies im Vorzimmer. Ihr Gesicht blieb unbewegt, doch im Herzen war ihr unbehaglich. Mit den Fingern drückte sie nur eine Papierecke der Liste fest.
Als Yuanyang dies hörte, schoss ihr die Röte ins Gesicht, vom Halsansatz bis hinter die Ohren. Eine Weile stand sie mit gesenktem Kopf. Dann hob sie ihn plötzlich und sagte zu Frau Xing: »Erlaubt mir, etwas zu holen, gnädige Frau.« Frau Xing meinte, sie wolle ein Zeichen ihres Einverständnisses holen, und hinderte sie nicht. Yuanyang wandte sich in die Seitenkammer, öffnete das Nähkästchen neben dem Kopfkissen und nahm, von den anderen unbemerkt, etwas heraus, das sie im Ärmel verbarg. Dann kam sie wieder ins Zimmer, sah Frau Xing und die versammelten alten Dienstfrauen unverwandt an und begann zu schimpfen:
»Ihr glaubt wohl, kaum hat die Alte Fürstin den letzten Atemzug getan, bin ich, Yuanyang, ein Stück totes Fleisch auf eurem Hackbrett, das ihr gemeinen Ausgeburten nach Pfund und Lot abwiegen könnt? Geh zurück und sag es deinem alten Schweinehund, der schon halb im Grab steckt, und du, du verfluchte Hure, die du nichts kannst, als deinem alten Mann die Kupplerin zu machen! Was für Herrschaften wollt ihr sein? Um ein paar lumpiger alter Fächer willen habt ihr den Shi Daizi um Haus und Hof gebracht, und sein Leben ist dabei auch draufgegangen! Das weiß jeder in diesem Haus, nur ihr tut, als wäre nichts gewesen! Von den Sachen, die bei euch in den Zimmern stehen, welche ist denn nicht mit Menschenblut bezahlt? Und nachts legt ihr euch schlafen, ohne zu fürchten, dass die Rachegeister eure Hundeleben holen! Noch hängt die Trauer um die Alte Fürstin an der Tür, und ihr kommt schon mit so etwas! Wo gibt es denn das, dass einer sich zuerst eine Nebenfrau nimmt, kaum dass seine Mutter gestorben ist, und sie obendrein noch ein Schriftstück aufsetzen und warten lässt? Gibt es solche Sitten auf der Welt? Was ich damals einmal gesagt habe, sage ich jetzt noch einmal: Ich heirate unter keinen Umständen. Als die Alte Fürstin lebte, galt dieses Wort, und nun sie nicht mehr da ist, gilt es noch immer. Der alte Kerl ließ mir damals durch meinen Bruder sagen, auch wenn ich in den Himmel flöge, käme ich nicht aus seiner Hand; nur wenn ich stürbe oder mein Leben lang keinen Mann nähme, wollte er sich mir geschlagen geben. Ihr meint wohl, nun die Alte Fürstin tot ist, müsste ich brav hingehen und die Nebenfrau dieses gewissenlosen Hurenbalgs werden? Pisst doch erst einmal hin und seht euch darin an!«
Alle im Zimmer waren wie erstarrt. Frau Xing wurde abwechselnd rot und weiß. Sie wollte sprechen, doch dieser Schwall von Schmähungen verschlug ihr die Worte. Phönix saß im Vorzimmer und hörte jedes Wort deutlich; mit einer Hand an der Tischkante richtete sie sich mühsam auf. Yuanyang hielt nicht inne, sondern schalt weiter:
»Du bist seine rechtmäßige Frau. Statt ihn zur Besinnung zu bringen, kommst du her und zwingst uns Mägde für ihn! Wenn der Herr draußen Menschen zugrunde richtet, tut ihr, als hättet ihr nichts gehört; sage ich aber einmal Nein, dann kenne ich angeblich die Sitten nicht. Sind eure Sitten etwa nur dazu da, die zu unterdrücken, die niemanden hinter sich haben?«
Dabei löste sie mit der linken Hand das Haar und zog mit der rechten eine vom Schleifen dunkel gewordene Schere aus dem Ärmel. Es war dieselbe Schere, die sie damals bei ihrem Schwur vor der Alten Fürstin gebraucht hatte; um den Griff war noch ein Stück vergilbter alter Faden gewickelt. Alle glaubten, sie wolle sich wieder das Haar abschneiden. Mehrere alte Dienstfrauen streckten die Hände aus und riefen nur: »Nicht doch, Fräulein!«, doch keine wagte näher zu treten. Yuanyangs Stimme wurde dagegen allmählich leiser und tiefer. Wort für Wort sprach sie ganz deutlich:
»Unbefleckt bin ich, Yuanyang, auf diese Welt gekommen, und unbefleckt will ich heute aus ihr gehen! Ihr Tiere in Menschenhaut, tobt euch nur weiter auf der Welt aus! Liebe Ahnfrau, ich komme, um bei Euch zu sein!«
Noch war das letzte Wort nicht verklungen, da drehte sich ihr Handgelenk mit einem Ruck, und die Schere stieß ihr in die Kehle. Blut spritzte hervor und traf ein altes, blassmalvenfarbenes Gewand der Herrin aus glatter Seide. Es lag noch über dem Rand des Kangs; Yuanyang hatte es eben erst gefaltet. Nun breitete sich auf dem Vorderteil ein dunkelroter Fleck aus.
Einige der alten Dienstfrauen im Zimmer wollten zunächst die Schere an sich reißen und die Wunde zudrücken, doch vor Schreck wussten sie schließlich weder ein noch aus. Frau Xing wich zur Tür hinaus und rief immer nur, man solle rasch den Arzt holen. Draußen hörte Ping'er den Aufruhr; vor Entsetzen wurde ihr Gesicht ganz weiß. Sie stürzte hinein und versuchte die Wunde zuzuhalten, doch auch sie vermochte nichts mehr. Phönix stand in der Tür; die Liste in ihrer Hand fiel zu Boden. Als der Arzt kam, hatte Yuanyang längst den letzten Atemzug getan. In seinem eigenen Hof hörte Jia She den Bericht. Er schleuderte die Teeschale, die er in der Hand hielt, heftig zu Boden und sagte voller Hass: »Dieses verdammte undankbare Geschöpf! Nimmt sich das Leben, nur um mich in den Schmutz zu ziehen!« Die Porzellanscherben sprangen über den Boden, der Tee ergoss sich auf den Filz. Yanhong stand daneben und wagte keinen Laut. Eilig hockte sie sich nieder und sammelte die Scherben eine nach der andern in ihr Taschentuch. Jia She schimpfte noch eine Weile, wollte dann aber nichts mehr davon hören und befahl nur: »Draußen darf nichts herumgeredet werden. Wenn jemand fragt, sagt, Yuanyang habe schon immer an plötzlichen Krankheitsanfällen gelitten; die Trauer habe sie zu sehr geschwächt, und diesmal habe man ihr nicht helfen können.« Frau Xing war aschfahl. Sie ließ den Leichnam notdürftig für den Sarg herrichten und ging dann mit den alten Dienstfrauen eilends fort.
Einige Mägde, die früher mit ihr ein Zimmer geteilt hatten, kamen, um sie umzukleiden, und suchten aus der Truhe jene blassmalvenfarbene gefütterte Jacke aus gemusterter Seide hervor. Ihre rechte Hand hielt noch eine Ecke des glattseidenen Gewands am Kangrand umklammert; erst nach langem Bemühen ließ sich der Griff lösen. Keine wagte laut zu weinen. Nur in ihren Kehlen schluchzte es. Obwohl verboten worden war, von Yuanyangs Tod zu sprechen, ließ er sich doch nicht verheimlichen. Nach kaum zwei Tagen wusste im Stillen das ganze Haus davon. Nur offen anzusprechen wagte es niemand; und wenn man unter sich darauf kam, schüttelte man bloß den Kopf und seufzte. Auch von Yuanyangs Schmähreden drang etwas an Pao Yüs Ohr. Als er es hörte, blieb er lange wie erstarrt und sagte dann zu sich selbst: »Wie viel können ein paar Fächer schon wert sein?« Sheyue blickte zu ihm auf und konnte sich ebenfalls einen Seufzer nicht versagen.
Erst als drinnen alles erledigt und der Leichnam hinausgetragen war, wandte Phönix den Kopf ab. Ping'er stützte sie auf dem langsamen Weg in ihre Zimmer. Unterwegs hielt Phönix nur den Kopf gesenkt. Erst als sie durch das Hoftor gegangen waren, sagte sie: »Ruizhu im östlichen Haus wurde damals doch immerhin mit den Ehren einer Enkelin im Dengxian-Pavillon aufgebahrt.« Ping'er wagte nichts darauf zu sagen.
Wenige Tage nach Yuanyangs Tod wurden die Gegenstände aus den Haupträumen der Alten Fürstin nach und nach ins Inventar eingetragen. Was ins Magazin gehörte, kam ins Magazin; was sich auf die einzelnen Wohnungen verteilen ließ, wurde verteilt. Nur ein paar alte Kleider blieben übrig, die niemand anrühren mochte. Jedes Mal, wenn die Diener ein Stück heraustrugen, machte Caiming im Verzeichnis einen Strich. War eine Seite vollgeschrieben, blätterte Caiming um und schrieb weiter.
An diesem Tag ließ Frau Tschong Yingwu zu sich rufen. »Die Sachen aus den Räumen der Alten Fürstin sind nun alle aufgenommen. Du brauchst die leeren Zimmer nicht länger zu hüten.« Sie befahl Yuchuan, ein kleines Kästchen zu bringen und ihr zu geben, und fuhr fort: »Hier sind ein paar Liang Silber und zwei Schmuckstücke darin, auch deine Urkunde liegt dabei. Nimm es und geh hinaus. Such dir einen ordentlichen Mann und richte dir dein Leben ein.«
Yingwu kniete sogleich nieder, nahm das Kästchen mit beiden Händen entgegen und berührte mit der Stirn den Boden, ohne etwas zu sagen. Frau Tschong fragte noch: »Hast du irgendwohin zu gehen?« Yingwu hielt den Kopf gesenkt und nickte nur leicht. Da sagte Frau Tschong: »Morgen lasse ich den Torwächtern sagen, dass sie dich hinauslassen.«
Am nächsten Morgen war der Himmel noch trüb; unter dem Dachvorsprung lag eine dünne Reifschicht. Yingwu trug eine schon etwas abgetragene, wattierte Jacke aus blauem Baumwollstoff. Mit einem Bündel über der Schulter und dem Kästchen an der Brust ging sie durch das westliche Seitentor hinaus. Der Diener am Tor prüfte die Urkunde, öffnete und ließ sie gehen. Hinter ihr schloss sich das Seitentor wieder.
Lassen wir das Rong-Haus nun beiseite. Bei der Familie Xue erschienen neuerdings dreimal am Tag Gläubiger. Auf dem Tisch im Pförtnerhaus lagen einige Mahnschreiben, deren Ränder vom Anfassen schon weich geworden waren. Sobald der Pförtner Schritte hörte, zog er die Tür bis auf einen Spalt zu. Die einen kamen mit einem Rechnungsbuch im Ärmel, die anderen mit alten Schuldscheinen in der Hand. Sie warteten eine Weile unten an den Stufen und mussten schließlich unverrichteter Dinge wieder gehen. An diesem Tag hatte Xue Pan auswärts Geld beim Spiel verloren und kam verdrossen heim. Kaum war er eingetreten, hörte er hinten schon wieder Jingui und Baochan wegen ein wenig Geld für Schminke und Puder poltern und Gegenstände umherwerfen. Sie hörten gar nicht mehr auf. Vom Lärm bekam er Kopfschmerzen und flüchtete sich in Tante Xues Zimmer. Dort brannte das Kohlenbecken nur schwach. Tante Xue und Pao Tschai saßen bei Lampenlicht über ihren Näharbeiten. Pao Tschai hielt den Kopf gesenkt und nähte an einem schlichten weißen Trauerüberwurf; Reihe um Reihe lagen die feinen Stiche dicht beieinander.
Xue Pan ließ sich plumpsend nieder, nahm den kalten Tee vom Tisch und trank einen kräftigen Schluck. Als er sah, wie Pao Tschai unentwegt weiternähte, sagte er missmutig: »Du hast wohl noch Muße für so etwas, Schwester. Draußen wird längst überall erzählt: Pao Yü soll dieses kränkliche Ding mit Namen Lin heiraten. Und der Pao Yü selbst ist auch zu nichts zu gebrauchen. All die Jahre hast du dir umsonst Gedanken um ihn gemacht, und dein goldenes Schloss hast du auch umsonst getragen. Schlag dir das lieber gleich aus dem Kopf. Für dich ist da längst nichts mehr zu holen.«
Die Nadel in Pao Tschais Hand hielt inne. Ihr Kopf blieb gesenkt, die Spitze schwebte über dem Trauerüberwurf, nur um Haaresbreite vom Stoff entfernt. Erst nach einer langen Weile wandte sie langsam den Kopf. »Was redest du da für Unsinn?«
Tante Xue hörte es neben ihr. Zornig schlug sie auf den Kang und schalt: »Wie viel gelbe Brühe hast du schon wieder gesoffen, dass du hier solches Hundegebell von dir gibst! Hast du etwa in den Angelegenheiten deiner Schwester herumzureden? Mach, dass du hinauskommst!« Vom Wein ermutigt, brummte Xue Pan noch ein paar Worte und ging dann verlegen hinaus.
Pao Tschai blieb sitzen. Sie zog die Nadel heraus, faltete den Trauerüberwurf und legte ihn beiseite. »Auf diesem Stoff ist ein kleiner Fettfleck. Nehmen wir einen anderen.« Dann stand sie auf, verabschiedete sich von Tante Xue und ging in ihre Zimmer zurück.
Wenige Tage später kam ein alter Geschäftsgehilfe, der früher mit Xue Pan nach Süden gereist war, mit einem kleinen Päckchen Räucherkuchen zu ihm. »Im Süden steigen die Preise für Räucherwaren dreimal am Tag. Ein Händler braucht dringend Silber und will seine Ware billig losschlagen. Kauft man jetzt den ganzen Posten und verkauft ihn weiter, hat man ein Mehrfaches als Gewinn.« Xue Pan nahm einen Kuchen zwischen die Finger, drückte mit dem Fingernagel hinein und hielt ihn unter die Nase, um daran zu riechen. Über das ganze Gesicht strahlend schlug er den Räucherkuchen auf den Tisch. »Das ist es! Wenn ich damit reich werde, brauche ich mir kein Geschwätz mehr anzuhören!« Sogleich wollte er dieses Geschäft mit Duft- und Arzneiwaren allein auf eigene Rechnung machen. Tante Xue fragte: »Willst du auch das Geld nehmen, von dem wir hier leben müssen?« Xue Pan lachte. »Wenn das Geschäft erst gelungen ist, brauchen wir uns um den Lebensunterhalt nicht mehr zu sorgen!« Tante Xue und Pao Tschai versuchten ihn immer wieder abzuhalten. Auch Zhang Dehui aus dem Pfandhaus kam, um ihm zuzureden: »Junger Herr, wenn die Preise dreimal am Tag steigen können, können sie auch dreimal am Tag fallen. Als ich früher mit Euch nach Süden reiste, waren von zehn Warenposten, die jemand so eilig losschlagen wollte, neun eine Falle. Ihr habt noch nie einen so großen Posten in der Hand gehabt. Fangt lieber mit weniger an.« Doch sein Entschluss stand fest, und er hörte auf niemanden. Er sammelte alles Silber zusammen, das im Hause vorhanden war, ließ den Buchhalter einen Vertrag aufsetzen und setzte alles dafür ein.
Nun wieder zu Jia Lian. Seit er Phönix an jenem Tag mit seinen Worten auf die Probe gestellt hatte, stellte er heimlich Nachforschungen über die damaligen Vorgänge um die Zweite Schwester an. Zuerst schickte er Xing'er aus, den Verbleib des damaligen kaiserlichen Arztes Hu zu erfragen. Xing'er suchte mehrere alte Apotheken auf und berichtete bei seiner Rückkehr: »Ich habe überall gefragt. Der kaiserliche Arzt Hu geriet schon vor Jahren in Schwierigkeiten, packte seine Sachen und floh mit Frau und Kindern aus der Hauptstadt. Manche sagen, er sei in den Süden zurückgekehrt, andere, er sei irgendwo in den Provinzen an einer Krankheit gestorben. Sicher weiß es keiner.« Am nächsten Tag begegnete Jia Lian Shanjie in der Durchgangshalle. Kaum hatte er »Bleib stehen!« gerufen, tat sie, als hätte sie nichts gehört, wandte sich um und schlüpfte in Frau Xings Hof. Jia Lian folgte ihr bis ans Hoftor, doch die alte Torhüterin sagte nur: »Shanjie ist nicht hier.« Er konnte die Leute nicht finden und nichts aus ihnen herausbekommen. So schrieb er heimlich Hu Junrongs und Shanjies Namen sowie die jener Dienstfrauen, die Qiutong bedienten, auf ein dünnes Blatt Papier und faltete es mit dem unvollständigen Rezept des kaiserlichen Arztes Hu zusammen.
In diesen Tagen kam Xiangyun, die bald heiraten sollte, zunächst zum Abschied ins Haus Jia. Sie war dem jungen Herrn der Familie Wei, Wei Ruolan, versprochen, und der Hochzeitstag stand bereits fest. Wegen des erst kürzlich eingetretenen Todes der Alten Fürstin hatte die Familie Shi zwar eine Verschiebung erwogen; doch da die Familie Wei den glückverheißenden Tag schon lange bestimmt hatte, blieb es trotz mehrfacher Verhandlungen beim alten Termin. Weil noch Trauerzeit war, trug Xiangyun nur eine halbneue kurze gefütterte Jacke aus blauem Satin. Im Haar hatte sie keinen farbenfrohen Schmuck, sondern nur einen Knoten, durch den eine schlichte silberne Nadel gesteckt war. Blaujuwel, Pao Tschai, Baoqin und Xiuyan waren alle im Xiaoxiang-Gehöft versammelt, um Abschied von ihr zu nehmen. Vor den Stufen lag eine dünne Schicht Bambusblätter. Kaum waren sie zusammengefegt, trug der Wind sie wieder unter den Vorhang. Im Zimmer brannte kein Räucherwerk; nur auf einem kleinen Ofen aus rotem Ton wurde eine Kanne Tee warm gehalten. Die Mädchen saßen darum und unterhielten sich lange. Der Tee wurde kalt und wurde nachgefüllt, wurde nachgefüllt und wieder kalt.
Xiangyun ergriff lächelnd Blaujuwels Hand. »Schwester Lin, wenn ich jetzt gehe, weiß ich nicht, wann wir uns wiedersehen. Pflege dich nur gut und lass es dir an nichts fehlen.« Sie befühlte die Hand noch einmal. »Warum ist sie schon wieder so kalt? Nimmst du noch deine Arznei?« Blaujuwel lächelte. »Jeden Tag. Nicht eine Schale wird mir erspart.« Nach einer Weile sagte sie lächelnd zu Xiangyun: »Du bist ein beherzter Mensch. Wenn du dort bist, nimm dir nicht alles so schwer. Du bist stärker als ich.« Während sie dies sagte, röteten sich ihre Augen, doch sie hielt die Tränen zurück und fügte hinzu: »Bleiben wir nur alle wohlauf.«
Baoqin sagte daneben lächelnd: »Schwester Yün kommt heute zum Abschied und fragt als Erstes nach der Arznei. Wenn du weiterfragst, bringt Kuckuck gleich das Rezept und bittet dich, dein Handzeichen darunterzusetzen.« Alle lachten ein wenig, dann wurde es wieder still. Xiuyan holte ein Paar selbstgenähte Schuhe hervor und gab sie Xiangyun. »Trag sie auf dem Weg. Die Stiche sind etwas grob, aber sie halten.« Xiangyun nahm sie, hielt sie gleich an ihre Füße und sagte lachend: »Sie passen genau. Wenn ich sie durchgelaufen habe, komme ich wieder und bitte um neue.« Auch Pao Tschai schenkte ihr etwas, ein Nähbeutelchen aus schlichtem Brokat, und sagte lächelnd: »Wenn du in ein fremdes Haus kommst, brauchst du nicht bei allem gleich die Erste zu sein, die es tut. Und wenn du abends nähst, sitz nicht wieder bis in die dritte Nachtwache hinein. So zupackend du bist, musst du dir doch auch ein wenig Kraft aufsparen.« Xiangyun sah Pao Tschai an und lächelte. »Diese Worte merke ich mir, Schwester Pao.«
Während sie so sprachen, kam Pao Yü in voller Trauerkleidung herein und blieb neben dem Vorhang stehen. Xiangyun sagte sogleich: »Warum kommst du nicht herein, Zweiter Bruder?« Pao Yü antwortete: »Redet nur weiter. Ich will dich verabschieden.« Er trat ins Zimmer und verbeugte sich mit gefalteten Händen ganz förmlich vor ihr. Xiangyun wollte ihn schon auslachen, doch als sie sah, dass er den Kopf nicht hob, nahm sie rasch ihr Lächeln zurück und erwiderte seine Verbeugung. »Bleib wohlauf, Zweiter Bruder.« Pao Yü sagte nur: »Du auch.«
Phönix lag nach einem erneuten Anfall von Blutungen im Bett und konnte nicht aufstehen. Sie ließ nur durch Ping'er ein Paar alte goldene Armreifen schicken, damit Xiangyun sie zu ihrer Aussteuer in die Truhe lege. Zugleich ließ sie sich entschuldigen: Ihr Befinden werde immer schlechter, sie ertrage keinen Trubel und könne deshalb nicht kommen. Xiangyun nahm die Armreifen sogleich an. »Sag deiner Herrin, sie soll sich nur auskurieren. Wer wollte ihr deswegen einen Verstoß gegen die Höflichkeit vorwerfen?«
Sie sprachen weiter, bis die Sonne schon weit im Westen stand. Weil Xiangyun fürchtete, die Leute aus dem Hause Shi müssten auf sie warten, stand sie schließlich auf und nahm Abschied. Blaujuwel wollte sie hinausbegleiten, begann aber zu husten, sobald sie aufgestanden war. Xiangyun drückte sie rasch wieder auf ihren Sitz. »Bleib hier. Wenn es dir besser geht, komme ich wieder und lasse dir keine Ruhe. Dann gehen wir wieder zum Aojing-Pavillon und dichten abwechselnd Vers um Vers.« Blaujuwel sagte: »Vergiss mir diese Worte nur nicht.« Xiangyun versprach es, trat vor den Vorhang und konnte sich doch noch nicht losreißen. Als sie zurückblickte, sah sie Pao Tschai die Arzneischale näher an Blaujuwel heranrücken. Baoqin und Xiuyan standen unter dem Fenster, Pao Yü wieder neben dem Vorhang. Da ließ sie den Vorhang fallen.
Am Hochzeitstag selbst befand sich die Familie Jia noch in Trauer und nahm an keinen Freudenfeiern teil. Kein Einziger ging zum Festmahl; nur ein Verwalter wurde mit einem bescheidenen Geschenk geschickt. Später ließ die Familie Shi ausrichten, auch der Wagen, mit dem die Familie Wei die Braut abholte, sei nicht üppig mit Rot geschmückt gewesen; nur um die Deichsel habe man einen dunkelroten Seidenstreifen gebunden. Cuilü und Feicui gingen mit der Sänfte, in der die Aussteuer getragen wurde.
Um dieselbe Zeit nahm auch die Heirat von Xing Xiuyan und Xue Ke feste Gestalt an. Die Alte Fürstin hatte sie damals selbst verabredet, doch wegen all der dazwischengekommenen Angelegenheiten waren die Schriftstücke noch nicht förmlich ausgetauscht worden. Erst jetzt tauschte man die Zettel mit den Geburtsdaten verbindlich aus; den Hochzeitstag wagte man jedoch noch nicht festzusetzen. Beide Seiten nahmen auf den Trauerfall im Rong-Haus Rücksicht. Es gab keinerlei Aufwand; man lud nur den Heiratsvermittler zu einem Essen. Bei Tisch sagte Tante Xue: »Diese Verbindung hat ja die Alte Fürstin gestiftet. Damals sagte sie noch lachend: ›Nun habe ich heute wieder etwas zustande gebracht. Wie viel Vermittlerlohn wird mir das wohl einbringen?‹« Ihre Augen röteten sich, und sie sagte nichts mehr.
Auch Xue Kes Vater war zu Lebzeiten ein Kaufmann mit kaiserlichem Auftrag gewesen und hatte Waren für den Hof beschafft. Was er hinterlassen hatte, waren jedoch nur einige Zimmer und ein Hof. Xue Ke bewahrte dieses kleine Erbe und betrieb mit wenig Kapital einen bescheidenen Handel; die Einnahmen reichten oft nicht für die täglichen Ausgaben. Xiuyan wohnte weiterhin im Garten und war noch immer dünn gekleidet, obwohl es schon kühl wurde. Pao Tschai ließ ihr häufig durch Ying'er Kleider und Reisvorräte bringen, ohne dass Außenstehende davon erfahren sollten. Ying'er ging stets erst nach dem Anzünden der Lampen, wenn es still geworden war. Um den Reissack wurde ein Bündeltuch gelegt; traf sie jemanden, sagte sie nur, sie bringe Nähzeug. Sie stellte die Sachen ab und kehrte gleich zurück.
An diesem Tag kam Xue Ke zu Tante Xue, um ihr etwas zu berichten. Pao Tschai fragte ihn nach dem Gang seiner Geschäfte. Xue Ke rückte seine Teeschale ein wenig zur Seite, ehe er sagte: »Ich nehme nur für andere Duft- und Arzneiwaren und allerlei Kleinigkeiten mit und verdiene ein paar Münzen für den Transport.« Er hielt inne und fügte hinzu: »Von den paar Zimmern, die mein Vater hinterlassen hat, habe ich schon die Hälfte vermietet. So geht es immerhin.« Pao Tschai sagte: »Mein Onkel beschaffte für den kaiserlichen Hof Waren und wollte sein Leben lang keinen Kupferling zu viel nehmen. Er sagte, wer einen Auftrag erfülle, müsse dabei redlich bleiben. Das ist wirklich selten. Aber du bist noch jung. Neben deinen Geschäften solltest du dir auch ein paar ordentliche Bücher zum Lesen vornehmen. Wenn sich dir später eine Möglichkeit zum Eintritt in den Staatsdienst böte, wäre das immer noch besser, als dich nur an diesen kleinen Erwerb zu halten.« Xue Ke hörte zu und dachte eine Weile nach. Dann sagte er: »Du hast recht, Schwester. Ich habe sogar eines hier, nur ist es nicht vollständig.« Er zog ein Buch aus dem Ärmel und legte es auf den Tisch. Pao Tschai sah, dass es eine unvollständige Ausgabe der Frühlings- und Herbstannalen war, und ließ Ying'er eine vollständige heraussuchen. Xue Ke blieb noch eine Weile sitzen und ging dann. Im Hof brannte in einem Räuchergefäß noch eine Duftprobe, ein Muster aus dem Geschäft, das Xue Pan soeben an sich gezogen hatte. Der Rest war in zwei oder drei kleine Päckchen aufgeteilt; auf ihnen standen Gewicht und Preis, und die Tusche war noch frisch. Nahe am Gefäß roch es noch süß; aus etwas größerer Entfernung drang ein leichter Brandgeruch durch.
Herr Tschong beauftragte unterdessen Frau Tschong, Pao Yüs Heirat vorzubereiten, denn die Alte Fürstin hatte es auf dem Sterbebett verfügt. Frau Tschong sagte: »Mitten in der Trauerzeit? Ich fürchte, draußen wird man darüber reden.« Herr Tschong antwortete: »Den Riten mag es nicht ganz entsprechen. Doch die Alte Fürstin hat vor ihrem Tod in Gegenwart aller gesagt, man dürfe sich nicht so an die Trauervorschriften klammern, dass die Heirat darüber versäumt werde. Da es der letzte Wille einer Älteren ist, müssen wir wohl nach den Umständen verfahren. Zunächst werden die Geburtsdaten ausgetauscht; den Tag wählen wir noch innerhalb dieser hundert Tage. Für das Gerede der Müßiggänger draußen stehe ich selbst ein.« Frau Tschong willigte ein und ließ Zhou Ruis Frau Pao Yüs Geburtsdaten noch einmal sauber auf ein neues Blatt schreiben. Außerdem befahl sie, einen der Haupträume herzurichten. Dann fragte sie: »Und auf der Seite des Mädchens?« Herr Tschong sagte: »Was das Mädchen betrifft, so habe ich meine eigenen Pläne.« Mehr sagte er nicht.
Zuletzt wurde auch das alte Nähkästchen ins Inventar aufgenommen. Die Schere darin war gereinigt und wieder an ihren alten Platz gelegt worden. Niemand mochte sie an sich nehmen. Die Tür des Magazins wurde verschlossen und der Schlüssel Frau Tschong übergeben. Mit welchem Hause das Blatt mit den Geburtsdaten nun am Ende zusammengeführt werden sollte, das wird im nächsten Kapitel erzählt.