Han Qin · Der Traum der Roten Kammer: Dreißig neue Kapitel
Dreiundachtzigstes KapitelLächelnd spricht die ehrwürdige Frau Shi zu ihren Herzenskindern; die stille Hupo überbringt mit einem Satz den letzten Willen
Seit der Herbst ins Rong-Haus eingezogen war, stand es mit der Gesundheit der Alten Fürstin immer schlechter. Anfangs hatte sie, auf Yuanyang gestützt, noch einige Schritte unter dem Wandelgang tun können; später vermochte sie nur noch eine Weile auf dem Kang zu sitzen, und wenige Tage darauf ging auch das nicht mehr. Den ganzen Tag lag sie matt an das große Rückenkissen gelehnt und ruhte mit geschlossenen Augen. Ihr Gesicht glühte immer wieder, doch ihre Handflächen waren kalt, und sie nahm noch weniger Speise und Trank zu sich. »Was möchte die Alte Fürstin denn essen?«, fragte Yuanyang. Die Alte Fürstin seufzte. »In meinem Zustand bringe ich ohnehin nicht mehr viel hinunter. Sag in der Küche, sie sollen nur irgendetwas machen. Meinetwegen allein brauchen sie sich nicht den Kopf zu zerbrechen.« Yuanyangs Augen röteten sich, und rasch wandte sie das Gesicht ab.
Auch Phönix war in diesen Tagen krank; dennoch kam sie täglich morgens und abends einmal, auf Ping'er gestützt. Als sie an diesem Tag sah, wie aus der Küche eine Schale Brei aus grünlichem Rundkornreis gebracht wurde, nahm sie sie eigenhändig entgegen und setzte sich an den Bettrand. Sie schöpfte einen Löffel voll, blies ihn lauwarm und führte ihn der Alten Fürstin an die Lippen. Diese ließ sich zwei Mundvoll geben, dann winkte sie ab und wollte die Schale fortschieben. »Noch einen Bissen, liebe Ahnfrau«, sagte Phönix lächelnd. »Dann könnt Ihr Eure Arznei nehmen.« »Du hast selbst noch keine Farbe im Gesicht und kommst doch, mich zum Essen zu überreden«, sagte die Alte Fürstin. »Heb dir das bisschen Kraft lieber für deine wirklichen Geschäfte auf.« Ohne den Löffel niederzulegen, erwiderte Phönix: »Mein wirkliches Geschäft ist es, unserer Ahnfrau zu dienen.« Die Alte Fürstin nickte lächelnd und nahm schließlich noch einen halben Löffel. Dann schob sie die Schale weg und wollte nichts mehr. Sie sah Phönix an und sagte erst nach einer langen Weile: »Du Äffchen, deine Gesundheit ist auch wichtig. Bei mir sind ja Yuanyang und die anderen. Geh zurück und ruhe dich aus.«
Bald darauf kam der kaiserliche Arzt Wang. Er fühlte den Puls erst am linken, dann am rechten Handgelenk, saß lange vor dem Bett und erhob sich schließlich, um hinauszugehen. Herr Tschong und Jia Lian folgten ihm dicht auf dem Fuß ins äußere Zimmer und fragten ihn nach seinem Befund. Leise sagte der Arzt: »Der von außen eingedrungene Krankheitsreiz ist gewichen; was nun vorliegt, lässt sich mit Arzneien nicht mehr bekämpfen. Die Lebenskraft des Herzens ist erschöpft, die des Magens geschwächt. Sie sollte nur in Ruhe gepflegt werden, und man sollte der Alten Fürstin in allem ihren Willen lassen. Nun bleibt nur noch das ihr bestimmte Maß.« Herr Tschong seufzte. »Dann können wir nur noch tun, was in Menschenkräften steht.« Jia Lian kehrte zurück und sagte mit mühsamem Lächeln: »Seid unbesorgt, Großmutter. Der Arzt sagt, es sei nur ein wenig von der herbstlichen Trockenheit. Sobald das Wetter kühler wird, wird es von selbst besser.« Die Alte Fürstin sah ihn an. »Du brauchst mich nicht mit leeren Worten zu trösten. Ich habe so viele Jahre gelebt; sollte ich da nicht wissen, wie es um mich steht? Ich fürchte, dieses Jahr überstehe ich nicht mehr.« Jia Lian wagte nichts darauf zu erwidern und senkte nur den Kopf. Eine Weile hörte man im Zimmer nichts als das Wasser auf dem Arzneiofen kochen. Yuanyang schob mit der Feuerzange die Kohlen auseinander, Yingwu trug den Spucknapf zum Ausleeren hinaus, und Hupo steckte den Zipfel des Bettvorhangs zurecht. Niemand wagte einen Laut.
Am Fest des Doppelten Neunten war der Himmel klar, und beim morgendlichen Erwachen fühlte sich die Alte Fürstin auf einmal etwas kräftiger. Sie ließ sich von Yuanyang das Haar kämmen und befahl, ihre oft getragene Jacke aus Yidouzhu-Schaffell mit blaugrünem Kreppseidenbezug zu holen und ihr anzulegen. Frau Tschong riet ihr: »Bleibt doch lieber im Zimmer sitzen, Alte Fürstin. Draußen weht ein starker Wind.« Die Alte Fürstin lächelte. »Der Doppelte Neunte ist der Tag der Alten. Seit ich krank bin, hat die ganze Familie mit mir ein langes Gesicht gemacht. Heute wollen wir wenigstens einen Tag beisammensein. Was morgen wird, besprechen wir morgen. Wer weiß, ob ich dieses Fest noch einmal erlebe.« Die anderen mussten mit einstimmen und lächeln. Bald wurde eine kleine offene Sänfte mit einem Bambussitz herbeigetragen und mit einem Polster aus weißem Wieselfell ausgelegt. Yuanyang und Hupo halfen der Alten Fürstin von beiden Seiten hinein. Li Wan mit Jia Lan, Pao Yü und Blaujuwel, Pao Tschai und Tanchun, Xiangyun und die anderen gingen hinterher. Pao Yü wollte neben der Sänfte gehen und sie stützen. »Du brauchst mich nicht zu stützen«, sagte die Alte Fürstin lächelnd. »Pass lieber auf, dass du nicht selbst stolperst und ich mir dann um dich Sorgen machen muss.«
So zog die Gesellschaft am Qinfang-Pavillon vorüber. In früheren Jahren war um diese Zeit der Duft der Osmanthusblüten durch mehrere Höfe gedrungen, und unter den Wandelgängen hatten Chrysanthemen dicht an dicht gestanden. Nun kümmerte sich kaum noch jemand um die Blumen und Bäume im Garten. An den Gräben häufte sich das welke Laub; so viel man auch kehrte, es nahm kein Ende. Von einigen Rosenlauben waren nur die kahlen Ranken geblieben, die bei jedem Windstoß raschelten. Vor dem Dorf im Reisduft lagen die Reisähren umgeknickt; unter dem Pavillon des Lotosduftes neigten sich schief die verwelkten Lotusblätter, und auf dem Wasser trieben ein paar Fetzen Wasserlinsen. Die Alte Fürstin sah sich unterwegs alles an und ließ erst am Pavillon des Lotosduftes halten. Man hatte dort schon zwei Tische mit leichten Speisen und Getränken bereitgestellt: nur Chrysanthemenwein, Kuchen und einige Teller mit Früchten. Die Alte Fürstin betrachtete die Tafel und sagte lächelnd: »In früheren Jahren standen um diese Zeit doch schon die Krabben hier.« Yuanyang erwiderte rasch mit einem Lächeln: »Ihr habt doch selbst gesagt, Alte Fürstin, sie seien zwar köstlich, aber nichts Zuträgliches.« Die Alte Fürstin lachte ebenfalls. »Da hältst du mir meine eigenen Worte vor!« Sie hieß die Mädchen nur näher bei sich sitzen und sagte dann lächelnd: »Am Ufer sind noch ein paar Fische. Warum angelt ihr sie nicht heraus, zum Vergnügen?« Die älteren Dienerinnen brachten einige kurze Angelruten. Pao Yü griff als Erster nach einer. Kaum bewegte sich der Schwimmer, zog er eilig an, doch der Haken hatte sich in einer Steinritze verfangen. Die Rute schlug gegen den blaugrauen Stein und brach mit einem Knacken entzwei. Auch der Haken war verschwunden, niemand wusste wohin.
Alle lachten. »Der Fisch hat Glück gehabt«, sagte Xiangyun lachend. »Er ist dem Zweiten Herrn Pao nicht an den Haken gegangen, sondern hat ihm zuerst die Rute zerbrochen.« Auch die Alte Fürstin lachte ein paarmal. »Schon als kleines Kind hat er alles kaputtgemacht, was er in die Hand bekam. Heute wissen sogar die Fische, dass sie ihm ausweichen müssen.« Sie lachte noch, doch ihr Lachen wurde allmählich leiser. Eine Weile blickte sie über das Wasser, strich sich mit der Hand über die Schläfe, hob dann den Kopf und betrachtete einige der Türme und Pavillons im Garten. Plötzlich sagte sie: »Seit ich durch das Tor dieses Hauses kam, sind nun, alles zusammengenommen, über fünfzig Jahre vergangen.« Alle verstummten. »Als ich hierherkam, lebte der alte Herzog noch«, fuhr sie fort. »Auch die Menschen seiner Generation taten manche Torheit. Aber ein Kleidungsstück trugen sie jahrelang; nur zum Neujahr und zu den Festen ließen sie etwas Neues machen. Sie wussten immerhin noch zu sparen. Nun ist dieses schöne Haus unter meinen Händen von Tag zu Tag mehr heruntergekommen.« Hier hielt sie inne; ihre Stimme wurde leiser. »In letzter Zeit sehe ich sie oft im Traum. Sie stehen nur da und sehen mich an, ohne ein Wort zu sagen. Ich schäme mich, vor sie zu treten.« Sie lachte selbst einmal kurz auf. »Wozu rede ich davon? Die Ahnen und die ehrwürdigen Bodhisattvas werden schon alles fügen. Komm, Yuanyang, schenk mir Wein ein.«
Alle lächelten mit ihr. Einige konnten sich nicht halten und wandten sich ab, um heimlich ihre Tränen fortzuwischen. Pao Yü hielt noch die halbe Angelrute in der Hand und strich immerfort über die Bruchstelle. Blaujuwel zog der Alten Fürstin nur die herabgerutschte Ecke des Fellpolsters zurecht und sagte kein Wort. Als die kleine Tafel aufgehoben wurde, halfen alle der Alten Fürstin wieder in die Sänfte. Sie drehte sich noch einmal nach dem Pavillon des Lotosduftes um und sagte nur: »Gehen wir alle zurück. Der Wind ist kühl geworden.«
Einige Tage nach dem Doppelten Neunten hatten die Kräfte der Alten Fürstin wieder nachgelassen. An diesem Abend schickte sie Yuanyang und die anderen hinaus, damit sie sich etwas ausruhten, und behielt nur Hupo bei sich. Hupo saß neben dem Fußschemel und klopfte ihr sanft die Beine. Plötzlich fragte die Alte Fürstin: »Wie viele Jahre bist du nun bei mir?« »Sieben Jahre, Alte Fürstin.« »Sieben Jahre. Das ist auch nicht wenig. Du bist ein stilles Kind. Ich habe etwas zu sagen, das nur du ausrichten sollst.« Hupo kniete rasch nieder. »Die Alte Fürstin möge befehlen.« Lange sah die Alte Fürstin zum Dach ihres Bettvorhangs hinauf, ehe sie sagte: »Als Min klein war, weinte sie noch leichter als unser Lin-Mädchen. Am Tag ihrer Hochzeit, ehe sie in die Brautsänfte stieg, kam sie noch einmal zurück und umarmte mich. Später wurde sie krank und starb, und ich konnte sie nicht einmal ein letztes Mal sehen.« Hier verstummte sie; dann sagte sie ganz leise: »Meine Tochter ist tot. Ihre Tochter ist mein Herzblut. Mein Ein und Alles muss stets mit meinem Herzblut vereint sein.« Hupo hörte ihr tief zu Boden geneigt zu. Die Alte Fürstin fuhr fort: »Wenn ich die Augen geschlossen habe, richte das dem Herrn aus. Nur diese Worte. Füge nichts hinzu und lass nichts weg.« »Ja«, sagte Hupo. Die Alte Fürstin schloss die Augen und sprach nicht mehr. Hupo setzte sich wieder an den Fußschemel. Als sie sah, dass eine Hand der Alten Fürstin außerhalb der Decke lag, schob sie sie behutsam darunter.
Am folgenden Tag ließ die Alte Fürstin Wenguan rufen. Diese hatte sich bereits in schlichte Alltagskleider umgezogen und warf sich, als sie eintrat, zunächst vor dem Bett nieder. Die Alte Fürstin rief sie näher zu sich, nahm ihre Hand und betrachtete sie lange und genau. Sie begann: »Dein Aussehen …«, kam aber nicht weiter und hieß Yuanyang ein kleines Kästchen vom Schrank holen. Es war aus altem Zitanholz, ohne jede Verzierung; selbst die Öse für das Schloss war schon blank gescheuert. Die Alte Fürstin gab Wenguan das Kästchen. »Nimm es und bewahre es gut für dich auf. Wenn ich nicht mehr da bin, suche dir draußen selbst etwas, womit du deinen Lebensunterhalt verdienen kannst.« Sie tätschelte Wenguans Hand zweimal. »Du bist ein kluges Kind. Mit deinem Gesicht siehst du meiner Min recht ähnlich.« Dann sagte sie noch: »Gib künftig gut auf dich acht. Stirb nicht so jung wie sie.« Wieder versagte ihr die Stimme. Wenguan hielt das Kästchen mit beiden Händen, kniete auf dem Boden und senkte nur den Kopf bis zur Erde. Erst als die Alte Fürstin wieder ruhig atmete, zog sie sich zurück, das Kästchen an sich gedrückt. Yuanyang verschloss nur den Schrank und behielt den Schlüssel bei sich.
Einen Tag später spürte die Alte Fürstin, wie ihre Kräfte weiter schwanden, und ließ Herrn Tschong, Frau Tschong, Frau Xing, Li Wan, Phönix und die anderen an ihr Bett kommen. Pao Yü und die Mädchen warteten ebenfalls vor dem Türvorhang. Zuerst ließ sie Feicui zu Xiangyun treten. »Du gehst mit unserem Yün-Mädchen und leistest Cuilü Gesellschaft. Unser Yün-Mädchen ist von unbekümmerter Art und denkt vielleicht nicht an jede Kleinigkeit. Gib an meiner Statt etwas auf sie acht.« Xiangyun kniete eilig nieder. »Ihr könnt doch niemanden entbehren, liebe Ahnfrau. Ich will sie nicht mitnehmen.« Die Alte Fürstin lächelte. »Habe ich denn hier zu wenig Leute? Nimm sie nur mit.« Dann ließ sie Zhenzhu und Boli zu Baoqin treten. »Wenn Qin künftig wieder mit dem Schiff nach Süden fährt, geht ihr beide mit ihr. Das Leben an Bord ist nicht wie zu Hause. Seid in allem vorsichtig.« Unter Tränen versprach Baoqin es. Nun wandte sich die Alte Fürstin an Herrn Tschong und Frau Tschong und trug ihnen ausdrücklich auf: »Pao Yüs große Angelegenheit sollt ihr bald in Ordnung bringen. Wartet nicht auf mich. Und wenn mir etwas zustößt, dürft ihr euch nicht an die Trauervorschriften klammern und darüber seine wichtige Sache versäumen.« Alle hörten mit gesenkten Händen zu. Herr Tschong verneigte sich und sagte Ja.
Die Alte Fürstin schloss die Augen und ruhte sich eine Weile aus. Dann sagte sie zu Herrn Tschong: »Ihr braucht nicht drei Jahre zu warten. Richtet es innerhalb der ersten hundert Tage aus.« Niemand wagte etwas darauf zu erwidern. Frau Tschong sah Herrn Tschong an und senkte dann den Kopf.
Tanchun stand gerade am Fußende des Bettes. Plötzlich streckte die Alte Fürstin die Hand aus. »Drittes Mädchen, komm her.« Tanchun trat eilig vor und kniete neben dem Bett nieder. Die Alte Fürstin umfasste ihre Hand, doch sie hatte kaum noch Kraft. Nur ganz leise sagte sie: »Du bist eine, die standhalten kann.« Mit gesenktem Blick antwortete Tanchun »Ja«, und die Hand, mit der sie die der Alten Fürstin hielt, zitterte leicht. Die Alte Fürstin hielt sie noch eine Weile fest und ließ sie dann los. Li Wan schob Jia Lan nach vorn. Er vollzog seine Verbeugungen bis zur Erde ganz nach Vorschrift. Die Alte Fürstin zog ihn zu sich auf den Fußschemel, strich ihm über den Kopf und sagte: »Ehre deine Mutter und sei gut zu ihr. All diese Jahre hat deine Mutter über dir gewacht.« Jia Lans Tränen fielen auf seinen Rock. Er brachte nur ein Wort der Zustimmung heraus.
Dann ließ sie Yuanyang einen alten Schlüsselbund holen und im inneren Zimmer eine Truhe aus Kampferholz öffnen. Darin lag ihr Privatbesitz, den sie seit ihrem Einzug als junge Schwiegertochter angesammelt hatte: Silberbarren, alte Schmuckstücke und auch einige Besitzurkunden für Felder. Sie ließ Papier und Pinsel bringen und teilte alles den einzelnen Familienzweigen zu. Herr Tschong erhielt einige Päckchen Silber, die er für die täglichen Ausgaben zurücklegen sollte; Frau Xing und Frau Tschong bekamen jede ihren Anteil, Li Wan und Jia Lan ein eigenes kleines Kästchen. Als die Reihe an Phönix kam, sagte die Alte Fürstin: »Diesen Anteil bewahrst du gut für dich selbst auf. Lian darf keine einzige Münze davon anrühren.« Phönix kniete vor dem Bett und sagte unter Tränen lächelnd: »Behaltet es doch für Euch, liebe Ahnfrau. An diesem bisschen fehlt es mir noch nicht.« »Wenn ich sage, du sollst es nehmen, dann nimm es. Du hast diese Jahre hindurch für das Haus gesorgt; viel wird dir selbst dabei nicht geblieben sein.« Phönix’ Augen wurden rot, und sie nahm den Anteil mit beiden Händen entgegen. Als Herr Tschong sah, dass die Truhe schon mehr als halb geleert war, sagte er hastig: »Behalte doch etwas zurück, Mutter. Es werden noch viele Tage kommen, an denen du Geld brauchst.« Die Alte Fürstin sah ihn an. »Bei den Angelegenheiten draußen sollst du nicht immer nur an den schönen Schein denken.« Herr Tschong wagte nichts mehr zu sagen. »Wofür brauche ich noch Geld?«, fuhr sie fort. »Das alles habe ich für euch gespart. Es war ohnehin Zeit, es zu verteilen, damit ich nicht mehr darüber nachzugrübeln brauche, solange es hier liegt.« Sie ließ die Truhe schließen und sagte weiter nichts. Als Yuanyang die Schlüssel wegräumte, sah sie unter dem Kopfkissen noch einen kleinen Beutel und fragte: »Für wen ist der bestimmt?« »Den behältst du«, sagte die Alte Fürstin. Die Tränen strömten Yuanyang über das Gesicht, und sie legte ihn wieder unter das Kissen.
In dieser Nacht, nach der zweiten Nachtwache, wurde der Atem der Alten Fürstin immer kürzer. Alle hatten sich im Zimmer versammelt. Phönix stand, von Ping'er gestützt, am Fußende des Bettes; Pao Yü und Blaujuwel knieten jeder an einer Seite. Die Alte Fürstin öffnete die Augen, sah die Anwesenden der Reihe nach an und blickte dann zum Fenster. Yuanyang hob den Vorhang eilig einen Spaltbreit an. Draußen fiel das klare, weiße Mondlicht unter dem Wandelgang auf einen Topf mit schon fast verblühten Chrysanthemen. »Steht nicht alle so dicht um mich«, sagte die Alte Fürstin. »Ich bekomme keine Luft.« Eilig traten sie etwas zurück. Pao Yü rückte auf den Knien näher, nahm ihre Hand und rief: »Liebe Ahnfrau!« Die Alte Fürstin sah ihn an, ließ dann jedoch den Blick hinüber zu Blaujuwel gleiten, die auf der anderen Seite kniete. Ihre Lippen bewegten sich leicht, als wollte sie etwas sagen. Erst nach einer langen Weile zog sie Pao Yüs Hand an sich und sagte: »Ihr zwei seid von klein auf miteinander aufgewachsen.« Sie ruhte einen Augenblick und fuhr fort: »Vertragt euch auch künftig.« Sie wollte noch mehr sagen, konnte aber nicht mehr.
Während sie so nach Atem rang, überzog plötzlich eine Röte ihr Gesicht, und sie sah aus, als gehe es ihr besser. Herr Tschong hörte im äußeren Zimmer die Bewegung und kam herein. Ein Blick genügte ihm, um zu erkennen, dass dies nur das letzte Aufflackern war. Eilig ließ er Ginsengsuppe bringen. Man führte sie der Alten Fürstin an die Lippen, doch ihre Kiefer waren bereits fest geschlossen, und man konnte ihr nichts einflößen. Sie hielt die Augen eine Weile geschlossen, öffnete sie dann noch einmal und ließ den Blick langsam durch das ganze Zimmer wandern. Ihre Augen waren immer noch klar. Nachdem sie sich umgesehen hatte, erschien allmählich der Hauch eines Lächelns auf ihren Lippen; ihre Brust aber hob und senkte sich nicht mehr. So war sie lächelnd dahingegangen.
Yuanyang stand wie erstarrt vor dem Bett und warf sich plötzlich auf dessen Rand. Frau Tschong rief weinend: »Alte Dame, wie konntet Ihr uns nur verlassen!« Alle sanken zugleich auf die Knie. Phönix schwankte, und Ping'er fing sie hastig in ihren Armen auf. Blaujuwel presste nur die Stirn an den Bettrand und gab keinen Laut von sich. Erst als die älteren Dienerinnen, die draußen warteten, die Bewegung drinnen hörten, gingen sie nach allen Seiten auseinander, um die Todesnachricht zu überbringen.
Gegen Tagesanbruch legte Herr Tschong die Trauerkleider an und saß allein im äußeren Studierzimmer. In der Hand hielt er ein Buch, doch lange Zeit hatte er keine Seite umgewandt. Hupo kam herein, kniete nieder und verbeugte sich bis zur Erde. »Die Alte Fürstin hat mir noch vertrauliche Worte aufgetragen, die ich dem Herrn ausrichten soll.« Herr Tschong hob den Kopf und sah sie an. Hupo sprach: »Meine Tochter ist tot. Ihre Tochter ist mein Herzblut. Mein Ein und Alles muss stets mit meinem Herzblut vereint sein.« Dann senkte sie den Kopf. Herrn Tschong entglitt das Buch; es fiel unter den Tisch, doch er hob es nicht auf. Er blieb nur sitzen und sagte erst nach einer langen Weile: »Ich weiß Bescheid.« Hupo verbeugte sich noch einmal bis zur Erde, stand auf und ging hinaus. Im Zimmer der Alten Fürstin wischte sie deren Brille, Gebetsperlen, Schlüssel, Kamm und feinen Läusekamm, die sie täglich gebraucht hatte, Stück für Stück sauber und legte alles ordentlich hin. Dann wickelte sie zwei eigene Kleidungsstücke zu einem kleinen Bündel zusammen, nahm es in die Arme und ging ihrer Wege. Als Yuanyang von der Totenwache zurückkam, sah sie, dass das schmale Bett ganz sauber aufgeräumt und die Matratze zusammengelegt an die Seite gestellt war. Sie blieb einen Augenblick stehen und ging dann wieder zur Totenbahre zurück.
Mit dem Tod der Alten Fürstin waren ihre wenigen Zimmer leer geworden. Die Einrichtung rührte vorerst niemand an. Nur Yingwu ging täglich hinein, um Staub zu wischen und nach dem Rechten zu sehen; das Teegeschirr und die Ziergegenstände standen noch wie in alten Tagen.
Das Begräbnis der Alten Fürstin musste selbstverständlich nach dem gewohnten Brauch ausgerichtet werden. Vor der Halle der Herrlichkeit und Freude errichtete man einen ungeschmückten Baldachin; drinnen und draußen hingen überall weiße Tücher, und an den Toren ersetzte man die Laternen durch Trauerlaternen. Die ewige Lampe vor der Totenbahre erhielt zweimal am Tag frisches Öl; in den Lampen der einzelnen Familienzweige brannte abends jedoch überall ein Binsendocht weniger. Für die Opfergaben aus Papier, die Zelte zum Rezitieren der heiligen Schriften, die Trommler und die Bewirtung gab es alte Vorschriften. Fehlte auch nur eines, so würden die Leute reden. Aber sobald irgendwo eine Hand nach Geld ausgestreckt wurde, hieß es in der Rechnungsstube, es sei kein Silber da. Einige alte Trauerlaternen unter dem Torvorbau wurden neu mit weißem Papier bespannt; bereits zwei Rippen der Gestelle hatten sich gelockert. Die weißen Vorhänge reichten nicht aus, und so nähte man alte, schlichte Stoffbahnen aus dem Lager aneinander, mit ungleich langen Stichen. Auf der Liste der Papieropfer fehlte nichts: Sänften und Pferde, Türme und Speicher. Der Verwalter ging sie von oben bis unten durch und strich alles, woran sich sparen ließ. Doch auch der verbleibende Betrag lag noch ein gutes Stück über dem vorhandenen Bargeld. Die Gerüste hatte man auf Kredit beschafft, und die Leute vom Sargträgergeschäft verlangten zuerst eine Anzahlung.
Zwei Tage hatte Phönix sich geschont; am dritten raffte sie sich mühsam auf. Ping'er redete ihr zu: »Ruht doch noch zwei Tage, gnädige Frau. Draußen sind ja der Zweite Herr und Frau Lin.« »Damals, bei den Angelegenheiten im östlichen Haus, war ich jeden Morgen um halb sieben dort, um die Anwesenheit der Leute festzustellen«, erwiderte Phönix. »Und jetzt, wo es um unsere eigene Ahnfrau geht, soll ich liegen bleiben?« Sie ließ sich ins äußere Zimmer helfen, um die Geschäfte zu führen. Da sie nicht lange aufrecht sitzen konnte, legte man ihr eine Matratze auf den Kang und brachte die Rechnungsbücher stapelweise herbei. Mehrmals am Tag musste sie alles durchrechnen. Als Erstes fragte sie Ping'er: »Habt ihr schon jemanden zu Großmutter Lius Familie geschickt, um es auszurichten?« »Noch nicht.« »Dann schickt jemanden. Als die Alte Fürstin noch lebte, hörte sie ihr am allerliebsten zu.« Eine der Frauen aus der Küche wischte sich beide Hände am Vorderteil ihres Rocks ab und berichtete: »Dieses Jahr hat es Heuschrecken gegeben. Guter Reis hat zwar seinen Preis, aber zu kaufen ist keiner. Nicht nur feiner Reis fehlt; gestern habe ich mir wegen zwei Jin Fleisch noch eine Schelte vom Metzger anhören müssen. Wenn so viele Trauergäste kommen, woher sollen wir dann all das Gemüse, die Hühner und Enten nehmen?« Phönix sagte: »Schätzt zuerst die Zahl der Leute richtig ab. Für die eigentlichen Gäste eine Tafel, für ihre Begleiter eine Tafel. Es darf nicht vorkommen, dass nur drei Leute an einem Tisch sitzen und dennoch eine volle Tafel berechnet wird. Zwei Gemüsegerichte mehr, zwei Fleischgerichte weniger. Die Alte Fürstin hasste die Verschwendung, als sie noch lebte.« Die Frau sagte zu und ging. Nun trat auch ein Schreiber aus der äußeren Rechnungsstube mit einem Stapel Briefe ein. »Die Pachtgelder von den Gütern lassen sich nicht eintreiben. Ich bin von Haus zu Haus gegangen; überall hieß es nur, das Jahr sei schlecht gewesen. Ein alter Mann konnte mir nichts weiter antworten als: ›Es ist nicht so, dass wir nicht zahlen wollen. Die Felder geben nichts her.‹ Bargeld habe ich keines gesehen, dafür einen ganzen Ärmel voller Gesuche um Aufschub eingesammelt.« Er überreichte die Schreiben. Die meisten waren auf grobem Strohpapier, nur wenige auf rotem Briefpapier. Phönix hörte ihn an, ließ die Briefe nach den Gutsverwaltern ordnen, nahm den Rotpinsel zur Hand und versah einen nach dem anderen mit einem Zeichen. Neben dem Kang brannte nur ein kleines Kohlenbecken. Mit der linken Hand hielt Phönix das Verzeichnis der Trauertafeln fest. Manche Briefe waren an der verschlossenen Kante weiß gescheuert, andere hatten Schmutz an den Ecken. Blatt für Blatt ausgebreitet, bedeckten sie beinahe den halben Kang. Doch davon sei nicht weiter gesprochen.
Darauf ließ sie sich von Ping'er zu Frau Xing führen, um Silber zusammenzubringen. Frau Xing saß auf dem Kang und hielt einen Handwärmer. Lächelnd sagte sie: »Für die Angelegenheit der Alten Fürstin müssen selbstverständlich alle ihr Möglichstes tun. Nur muss auch der Älteste Herr seine Opfergaben bereitstellen, und unser Haushalt kann wirklich nicht so viel erübrigen. Du führst nun schon seit Jahren dieses Haus. Solltest du da nicht einmal für ein Begräbnis vorgesorgt haben?« Phönix antwortete: »Was ich zurückgelegt hatte, ist längst hier und dort vorgeschossen worden. Jetzt geht es nicht um mein Ansehen allein, sondern um das des ganzen Hauses.« »Wenn es um das ganze Haus geht, dann sollen der Herr und seine Gemahlin entscheiden«, sagte Frau Xing. »Wie viel kann eine Frau wie ich schon haben?« Phönix saß noch eine Weile da und musste sich schließlich von Ping'er zurückführen lassen. An der Tür wandte sie sich noch einmal um. »Wenn Ihr fünfhundert Liang habt, gnädige Frau, leiht mir vorerst dreihundert. Nach der Feier zum siebenten Tag rechnen wir ab.« Frau Xing lächelte. »Ich lasse einmal nachsehen.« Am folgenden Tag kamen nur fünfzig Liang, und auf dem Umschlag standen obendrein die Worte »Trauergabe«. Phönix sah ihn an und schwieg lange. Ping'er konnte nicht an sich halten. »Als die gnädige Frau im vorigen Jahr die zweihundert Liang haben wollte, habt Ihr doch sogar Euren goldenen Halsreif verpfändet, um sie zusammenzubringen.« Phönix ließ Caiming den Betrag nur ins Buch eintragen.
Schließlich sprach Herr Tschong ein Machtwort und befahl Jia Lian, ein Verzeichnis der wertvollen Gegenstände des Hauses anzulegen: Was sich verpfänden ließ, sollte verpfändet, was sich verkaufen ließ, verkauft werden. Jia Lian und Lin Zhixiao prüften zwei Tage lang alles durch. Auf ihrer Liste standen lauter einstige Prunkstücke: Turmaline, Katzenaugensteine, bauchige Yuhuchun-Vasen aus den Ru-Brennöfen und dergleichen. Als man aber die Lagerräume öffnete, fand man von mehreren Altertümern nur noch die leeren Kästen vor. Die Dienerschaft wurde befragt, doch niemand wollte etwas wissen. Ein Abgesandter des Pfandhauses Hengshu berichtete mit gesenkten Händen: »Unser Schätzer sagt, in letzter Zeit hätten die Dienstleute Eures Hauses unaufhörlich Haarnadeln, Schmuck und Gefäße zum Pfand gebracht. Im Laden lagert nun schon so viel unverkäufliche Ware, dass wir wirklich keine große Summe mehr für weitere Stücke aufbringen können.« Herrn Tschong blieb nichts anderes übrig. Er ließ einige Rollen mit Gemälden und Kalligraphien von Tang Yin und Dong Qichang aus dem Familienbesitz durch einen Bekannten an wohlhabende Haushalte in der Stadt verkaufen. Auch die wertvolleren Wagen, Pferde, Tische und Beistelltische ließ er von Lin Zhixiao zum Gemüsemarkttor bringen und dort zum Verkauf aufstellen. Morgens schrieb man einen Preis an; bis Mittag ließ man schon ein Zehntel davon nach, und als die Sonne sich nach Westen neigte, gab man die Sachen schließlich zum halben Preis her. Schaulustige gab es viele, Käufer wenige. Lin Zhixiao kam zurück und berichtete: »Die Käufer drücken den Preis bis aufs Äußerste. Sie wollen nicht das Geringste mehr drauflegen.« Herr Tschong fragte, wie viel der Verkauf eingebracht habe. Lin Zhixiao nannte ihm eine Summe, und Herr Tschong nahm den Pinsel und trug sie auf der Liste ein.
Es kamen weit weniger Beamtenfamilien zur Beileidsbezeugung als früher. Zwar waren auch vor dem Tor des Rong-Hauses Opferstätten am Weg aufgestellt, doch an der Straßenecke blieb eine große Fläche leer. Noch immer waren dort die Löcher zu sehen, in die andere Häuser früher die Tannenstangen ihrer Opferzelte gesetzt hatten. Zwei junge Diener hielten am Tor Wache und nahmen die Besuchskarten entgegen. Einer sagte: »Nur diese paar Familien? Als die Gemahlin des jungen Herrn Rong aus dem östlichen Haus zu Grabe getragen wurde, standen allein von den Fürstenhäusern vier Opferzelte da.« Der andere erwiderte: »Was weißt du denn! Heutzutage haben viele am Hof etwas auf sich geladen. Gleich mehrere Familien sitzen bereits in Haft und werden verhört. Und wer nichts auf sich geladen hat, hält auch die Tore geschlossen und sieht erst einmal, woher der Wind weht. Ist der Familie Zhen nicht schon der Besitz eingezogen worden?« Kaum war Xiangyun in die Trauerhalle getreten, warf sie sich vor dem Sarg nieder und weinte, bis ihr die Sinne schwanden. Cuilü und Feicui trugen sie eilig beiseite. Als sie wieder zu sich kam, wollte sie sich erneut aufrichten und hinüber. Blaujuwel trug nur Weiß und hielt Tag für Tag Wache vor der Totenbahre. Wenn sie erschöpft war, setzte sie sich eine Weile an einen Pfeiler gelehnt nieder. Kuckuck redete ihr zu: »Fräulein, geht doch zurück und ruht Euch etwas aus. Hier sind ja Leute, die Wache halten.« Blaujuwel schüttelte nur den Kopf. Sie kniete auf dem Binsenkissen, sah zur ewigen Lampe vor der Totenbahre und sagte nur einmal: »Großmutter.«
Mitten in den Trauerfeierlichkeiten kam eilig ein junger Diener vom Tor herein und meldete: »Herr Xia aus dem Palast hat einen Eunuchen geschickt. Er sagt, Ihre Hoheit sei erkrankt.« Frau Tschong und Herr Tschong empfingen ihn sogleich in der vorderen Halle. »Dürfen wir in den Palast kommen, um nach dem Befinden Ihrer Hoheit zu fragen?«, erkundigten sie sich. »Nein«, sagte der Eunuch. Auf ihre Frage, wie schwer die Krankheit sei, antwortete er nur: »Über die Angelegenheiten da drinnen wagen wir nicht viele Worte zu machen.« Dennoch ging er nicht sogleich. Er trank Tee und seufzte: »Im Palast sind die Ausgaben neuerdings überall gewaltig. Für alle, die dort Dienst tun, von oben bis unten, ist es schwer.« Da das Haus kaum noch Bargeld hatte, ließ man nur ein Päckchen Silber zusammentragen, legte noch zwei kleine Goldbarren dazu und reichte es ihm unter dem Teetablett. Der Eunuch ließ es in seinem Ärmel verschwinden und wog es kurz in der Hand. Erst dann sagte er leise: »Ihre Hoheit hat noch ein Wort, das ich dem Haus ausrichten soll.« Herr Tschong fragte hastig, was sie sagen lasse. Der Eunuch antwortete: »Seid vorsichtig in Wort und Tat.« Darauf erhob er sich und verabschiedete sich. Herr Tschong geleitete ihn bis an den Fuß der Treppe. Als er sich umwandte, sah er nur die weißen Trauervorhänge im ganzen Hof mit dem Wind auf und nieder gehen. Frau Tschong stand unter dem Trauervorhang und hielt noch immer das Blatt in der Hand, auf dem sie eben das zusammengebrachte Silber verzeichnet hatten.
Obwohl Phönix krank war, gingen die Rechnungen für die Trauerfeierlichkeiten weiterhin täglich durch ihre Hände. Eines Tages kam Jia Lian von draußen zurück und sah sie auf dem Kang liegen und die Zahl der Trauertafeln nachprüfen. Er setzte sich. »Für solche Dinge sind doch Ping'er und Caiming da. Warum zerbrichst du dir noch den Kopf?« Phönix lächelte. »Wenn ich nicht hinsehe, werden mir morgen aus hundert Tafeln hundertfünfzig.« Jia Lian lachte kalt. »Du bist ja immer diejenige, die alles am besten durchschaut. Nur eines durchschaue ich nicht: Als die Zweite Schwester damals die Arznei des kaiserlichen Arztes Hu nahm, verlor sie ihr Kind. Was ist danach in ihren Zimmern eigentlich noch alles geschehen?« Phönix’ Hand hielt beim Umblättern inne. »Der Arzt hat die Arznei verschrieben. Was fragst du mich?« Jia Lian fuhr fort: »Shanjie, die damals bei der Zweiten Schwester war, geht mir seit zwei Jahren aus dem Weg, sobald sie mich sieht. War sie früher nicht diejenige, die sich am liebsten immer um mich herumdrängte?« Phönix schlug die Buchseite um. »Woher soll ich das wissen? Das ist alles nur Gerede der Leute da unten.«
Jia Lian starrte sie eine Weile an. Dann erhob er sich. »Wenn du, wie du sagst, nichts davon weißt, woher weißt du dann, dass es nur Gerede der Leute da unten ist?« Damit hob er den Türvorhang und ging hinaus.
Sie war allein im Zimmer. Phönix blieb nur sitzen. Den Rotpinsel hatte sie abgelegt und griff auch nicht danach. Eine Hand lag auf dem Rechnungsbuch, und in die Papierecke hatte sie tatsächlich einen Knick gedrückt.
Lange saß sie so da, ehe sie das Rechnungsbuch schloss. Kaum hatte sie es geschlossen, öffnete sie es wieder, blätterte zu der vorigen Seite zurück und strich die Ecke glatt. Dann saß sie erneut reglos da. Als Ping'er im äußeren Zimmer hörte, dass drinnen kein Laut mehr war, kam sie nachsehen. Phönix hatte beide Hände auf das Buch gelegt und blickte auf die Lampe. Ping'er wollte etwas sagen, doch Phönix kam ihr zuvor. »Sag Caiming, er soll die Liste der Trauertafeln für morgen noch einmal nachprüfen.« Ping'er sagte zu. Darauf erhob sich Phönix aus eigener Kraft und ging, am Rand des Kangs entlanggestützt, ins innere Zimmer. Nach zwei Schritten blieb sie stehen und sagte noch: »Die Lampe braucht ihr nicht auszublasen. Lasst sie brennen.«
Pao Yü hatte unterdessen gesehen, dass die Zahl der Diener im äußeren Studierzimmer und im Garten verringert worden war, und ließ einige der Leute, die ihm unmittelbar dienten, zu sich rufen. Li Gui, Chuyao, Saohong und die anderen stellten sich in einer Reihe auf; keiner sagte ein Wort. Pao Yü legte einige Päckchen Silber auf den Tisch, holte dann auch seinen alten Tuschreibstein, zwei Fächer und einige Fächeranhänger hervor und legte alles zusammen. »Es steht mit unserem Haus nicht mehr wie früher«, sagte er, »und ich brauche auch nicht mehr so viele Leute um mich. Wer zu Hause unterkommen kann, soll zurückgehen. Wer keine Bleibe hat, soll dieses bisschen Silber und die Sachen nehmen und sich in Ruhe nach einer Stelle umsehen.« Li Gui sagte hastig: »Wie soll der Zweite Herr denn ganz ohne Leute auskommen?« »Mingyan bleibt ja. Außerdem sitze ich jetzt doch nur noch im Studierzimmer. Wozu brauche ich so viele?« Chuyao und die anderen, die ein Zuhause hatten, zu dem sie zurückkehren konnten, nahmen mit gesenktem Kopf ihren Anteil entgegen. Saohong schniefte und fragte: »Dürfen wir später noch hereinkommen und nach dem Zweiten Herrn sehen?« »Wenn es sich einrichten lässt, kommt nur vorbei.« Als Letzter nahm Li Gui das Silberpäckchen entgegen. »Seit Ihr klein wart, bin ich bei Euch gewesen, Zweiter Herr. Wenn Ihr es nun so sagt, muss ich wohl gehen. Gebt in allem gut auf Euch acht.« Pao Yü nickte. »Grüße zu Hause deine Mutter von mir.« Alle verbeugten sich bis zur Erde und zogen sich einer nach dem anderen zurück. Mingyan stand an der Tür. Als er sah, dass sie alle fort waren, sagte er lachend: »Dann will ich auch meinen Anteil haben.« Pao Yü schalt ihn lachend: »Wie kann einer, der bleibt, auch noch etwas haben wollen? Es gibt künftig noch ein paar Wege, die du für mich laufen musst.« Mingyan sagte zu und räumte dabei die übrigen Silberpäckchen vom Tisch.
Was nun Jia She betraf, so war die Alte Fürstin kaum gestorben, als er Frau Xing schon zwei-, dreimal am Tag drängte und immer nur fragte, ob es in der Sache mit Yuanyang endlich eine feste Antwort gebe. Eines Tages ließ er Frau Xing zu sich rufen. »Mit dem Mädchen Yuanyang wollen wir nun, da die Alte Fürstin nicht mehr da ist, möglichst bald alles erledigen.« Frau Xing erwiderte mit gefälligem Lächeln: »Aber wir richten doch gerade das Begräbnis aus.« Jia She lachte kalt. »Wie lange soll dieses Begräbnis denn noch dauern?« Frau Xing wagte nichts mehr zu sagen und zog sich zurück. Vor der Tür warteten noch zwei junge Diener auf Bescheid. Einer trat eilig auf sie zu und fragte: »Gnädige Frau, was sollen wir dem Herrn ausrichten?« Frau Xing runzelte die Stirn und sagte nur: »Sagt dem Herrn, das Mädchen bleibt noch immer hartnäckig.« Am selben Abend schickte Jia She wiederum jemanden, um zu drängen. Er ließ nur sagen, binnen drei Tagen müsse eine endgültige Antwort da sein.
Ein Zugwind fuhr durch die Tür der Trauerhalle, und der Schirm der ewigen Lampe neigte sich zur Seite. Yuanyang richtete ihn mit der Hand wieder gerade und kniete erneut nieder, um Opferpapier zu verbrennen. Wie die Sache mit Jia She, der Yuanyang bedrängte, weiterging, wird erst das nächste Kapitel erzählen.
Wahrlich:
Kaum schwand die Wolke mütterlicher Güte, fror jede Blüte;
kaum war die Lebenskerze niedergebrannt, lag Dunkel über allen Höfen.