Han Qin · Der Traum der Roten Kammer: Dreißig neue Kapitel

Zweiundachtzigstes Kapitel## Pao Yü hält zum Schein das Buch Wan Zhang aufgeschlagen; Blaujuwel empfängt im Traum den Pinsel ihres Vaters

Eine eigenständige Fortsetzung von Han Qin, kein wiederentdecktes Manuskript von Cao Xueqin.

Am nächsten Morgen begab sich Pao Yü früh ins äußere Studierzimmer, um sich bei seinem Vater zu melden. Herr Tschong fragte ihn: »Welche Bücher hast du in letzter Zeit studiert?« Pao Yü antwortete rasch: »Die Große Lehre, Maß und Mitte und beide Teile der Gespräche kann ich noch auswendig. Auch den ersten Teil des Mengzi habe ich wiederholt.« »Und den zweiten?« Erst nach einer Weile erwiderte Pao Yü: »Im zweiten bin ich noch nicht ganz sicher.« Herr Tschong lachte kalt. »Schon damals habe ich Li Gui zum Lehrer geschickt und ihm sagen lassen, er solle sich nicht um das Buch der Lieder und alte Prosaschriften bemühen, bloß damit dem Herkommen Genüge geschähe. Das Allerwichtigste sei, dir zunächst die Vier Bücher von Anfang bis Ende zu erklären und dich so lange lernen zu lassen, bis du sie sicher auswendig könntest. Nun sind Jahre vergangen, und noch immer bist du in den Vier Büchern nicht sicher!« Pao Yü wagte nichts zu erwidern. Er wählte nur ein paar Abschnitte aus dem ersten Teil des Mengzi, die er gut beherrschte, und trug sie vor. Da er sich immerhin bereitwillig prüfen ließ, wurde dem Vater etwas wohler. »Nun denn«, sagte er, »von morgen an lernst du draußen im Seitenbau. Das Herumtreiben im Garten hat ein Ende. Wenn ich vom Hof zurück bin und Zeit habe, komme ich dich prüfen.« Er befahl Li Gui, den Seitenbau herzurichten. Pao Yü konnte, so ungern er es auch tat, nur mehrmals mit »Ja« antworten.

So verging mehr als ein halbes Jahr, und der neunte Monat hatte begonnen. Morgens und abends wurde es allmählich kühl. Die meisten Bäume und Pflanzen im Garten waren schon welk und kahl; nur an ein paar Chrysanthemenstauden am Zaun standen noch vereinzelte Blüten.

Eines Tages kam Herr Tschong aus dem äußeren Studierzimmer ins Haus. Er erkundigte sich zuerst bei der Alten Fürstin nach ihrem Befinden und begab sich dann in die Hauptgemächer seiner Frau. Frau Tschong ließ Yuchuan Tee einschenken und schickte die übrigen Dienerinnen aus dem Zimmer; nur Zhou Ruis Frau sollte vor dem Türvorhang warten. Herr Tschong setzte sich auf den warmen Kang unter dem Südfenster. Auf dem niedrigen Tischchen lagen ein Kalender zum Aussuchen glückverheißender Tage und einige rote Blätter, auf denen die Geburtsdaten von Männern und Frauen verzeichnet waren. »Wozu ist das?«, fragte er.

Frau Tschong faltete eines der roten Blätter zusammen. »Pao Yü ist nun auch herangewachsen. Die Mädchen im Garten werden älter, und wenn sie weiterhin alle so miteinander leben, wird man draußen unweigerlich reden. Perle hat mir schon früher zugeredet. ›Der Edle beugt dem vor, was noch nicht geschehen ist‹, sagte sie. Damals dachte ich, sie sähe etwas weit voraus. Inzwischen sollten wir ihm aber wirklich bald eine Braut bestimmen.«

Herr Tschong senkte den Blick und schwieg. Nach einem Schluck Tee fragte er: »An wen denkst du?«

»Natürlich an Pao Tschai, die Tochter meiner Schwester«, sagte Frau Tschong lächelnd. »Sie ist besonnen und kennt die guten Sitten. Wir würden uns innerhalb der Verwandtschaft noch enger verbinden; Herkunft und Charakter sind uns wohlbekannt. Und dann ihr goldenes Schlossamulett: Das hat ihr doch ein Mönch gegeben, mit der Weisung, sie dürfe später nur einen heiraten, der eine Jade besitze. Mit ihr als Schwiegertochter hätten wir einmal der Alten Fürstin eine Freude gemacht, und zum andern könnte sie diese ganze Schar hier unter sich in Zucht halten.« Während sie sprach, beobachtete sie ihren Mann aufmerksam.

Herr Tschong strich sich den Bart und sann eine Weile nach. »Fräulein Pao ist gewiss ein gutes Mädchen. Aber Ruhai hatte nur dieses eine Kind. Nun ist er tot und hat uns, der Familie ihrer Mutter, eine Waise hinterlassen, deren Zukunft durch nichts gesichert ist. Soll ich mich als ihr Onkel darum überhaupt nicht kümmern? Auch ist es nicht erst seit gestern, dass die Alte Fürstin ihre beiden Jadekinder so ins Herz geschlossen hat.«

Frau Tschong ließ ihre Gebetsperlen durch die Finger gleiten und seufzte. »Fräulein Lin ist auch ein gutes Kind. Nur ihre Gesundheit: Alle paar Tage braucht sie Arznei. Dazu nimmt sie sich alles so sehr zu Herzen und wittert hinter jeder Kleinigkeit etwas. Diesen großen Haushalt mit allem, was daran hängt, in ihre Hände zu legen, dabei könnte mir niemals wohl sein.«

Herr Tschong schüttelte den Kopf. »In Ruhais Haus hat es nicht an guter Erziehung gefehlt. Ob einer einen Haushalt zu führen weiß, hängt eben von der Erziehung ab. Wie kann das Wort eines Mönchs maßgebend sein? Selbst die Alte Fürstin hat gesagt, dem Schicksal dieses Kindes entspreche es nicht, früh zu heiraten.« Noch ehe er ausgeredet hatte, hob Zhou Ruis Frau den Vorhang und kam herein, um Kohlen nachzulegen. Er winkte ab. »Das hat keine Eile. Die Alte Fürstin ist krank. Wenn sie wieder ganz gesund ist, können wir in Ruhe darüber sprechen; das ist früh genug.«

Da er so sprach, sammelte Frau Tschong die roten Blätter ein und legte sie in ein Kästchen. Dann brachte sie etwas anderes zur Sprache. Der Kalender lag noch offen auf dem Kangtisch. Nachdem Zhou Ruis Frau die Kohlen nachgelegt hatte, nahm sie beiläufig einen Briefbeschwerer und legte ihn darauf. Herr Tschong trank noch einen Schluck Tee und erkundigte sich nach den Angelegenheiten der auswärtigen Güter.

Kam in diesen Tagen ein Händler zum Palais, um eine Rechnung einzutreiben, so hieß es an der Pforte stets: »Der Herr ist nicht zu Hause. Kommt ein andermal wieder.« Ein junges Dienstmädchen kehrte vom Pfandhaus zurück und zog aus seinem Ärmel nur dreihundert Kupfermünzen. »Eine ganz gute gefütterte Seidenjacke«, klagte es, »und nur dreihundert Münzen haben sie mir darauf gegeben! Dann hieß es noch, das täten sie aus Rücksicht auf unser Haus.« »Bei Hengshu?«, fragte jemand. »Wo denn sonst? Und dabei gehört der Laden doch der Familie unserer Tante!«

Eines Tages wollte Frau Tschong eine gute Ginsengwurzel aus dem Vorrat nehmen lassen, um der Alten Fürstin Arznei zu bereiten. Die Vorratsverwalterin brachte ein altes Papierpäckchen. Darin lagen nur ein paar dünne, dürre, gelbliche Wurzelfasern, eine wie die andere hart wie Reisig. Frau Tschong nahm eine heraus und bog sie ein wenig. »Das ist ja auch schon morsches Holz«, seufzte sie. »Voriges Jahr ging Pao Tschai zum Glück nach Hause und ließ ihren Bruder durch einen Bekannten beim Ginsenghändler gute Ware besorgen. Nun ist sie selbst ausgezogen. Sollen wir sie deswegen schon wieder bemühen?« Die Verwalterin antwortete lächelnd. »Ganz recht, gnädige Frau. In den Läden draußen ist auch vieles aus abgeschnittenen Stücken zusammengesetzt. Danach, wie dick oder dünn die Wurzel ist, kann man nicht gehen.« Frau Tschong sah zu Boden und überlegte. Dann sagte sie: »Nehmt fürs Erste dies hier. Wenn die Alte Fürstin fragt, sagt nur, es sei gut.«

Auch die Familienschule konnte inzwischen nicht mehr betrieben werden. Es fehlte an Geld und an jemandem, der sich tüchtig darum gekümmert hätte. Im Schulzimmer lag eine dicke Staubschicht; die Vertiefungen der Tuschsteine waren weißlich ausgetrocknet. Auf dem Fensterbrett lag ein Stück trockene Tusche, das irgendwer zurückgelassen hatte. Als Pao Yü eines Tages vorbeikam, blieb er stehen und schaute eine Weile hinein. Er dachte an Qin Zhong, dann an Zhineng, wandte sich um und ging in den Garten zurück.

Wieder einmal hatte Pao Yü einen halben Tag im Studierzimmer ausgesessen. Als Herr Tschong ausging, um jemanden zu besuchen, nutzte er die Gelegenheit und eilte geradewegs zum Xiaoxiang-Gehöft. Kuckuck kam ihm entgegen und sagte leise: »Der zweite junge Herr! Das Fräulein hat eben seine Arznei genommen und liegt.« Er trat ein. Blaujuwel trug eine kurze, gefütterte, vorn in der Mitte geschlossene Jacke aus blassblauem Seidendamast mit einem dezent eingewebten Muster einzelner Bambuszweige in Tuschemanier, dazu einen fein gefältelten Rock aus Kesi-Seidenwirkerei in blassem Kiefernblütengrün. Sie lehnte seitlich an einem Wärmegestell und sah noch zarter und schmaler aus als sonst. Auf dem Tisch standen eine halb volle Schale Birnensuppe und ein Arzneischälchen aus grünem Porzellan.

Pao Yü setzte sich leise auf den Bambusstuhl am Fenster. »Geht es dir heute etwas besser? Hast du deine Arznei genommen? Wie viel hast du gegessen?«, fragte er zuerst. Blaujuwel lächelte. »Wieder drei Fragen in einem Atemzug. Du fragst ja häufiger als der Arzt. Du bist doch jetzt ein Mann des Studiums. Da könntest du auch einmal nach etwas Ernsthaftem fragen.« Pao Yü lächelte zurück. »Was ich frage, ist das Ernsthafteste von allem.«

Blaujuwel bemerkte einen Tuschefleck an seinem Ärmel und fragte lächelnd: »Hast du etwa einen halben Tag lang abgeschrieben?« »Abgeschrieben habe ich nichts«, antwortete er lachend. »Nur einen halben Tag dagesessen.« »Und vom halbtägigen Sitzen kommt so viel Tusche an die Hand? Daran sieht man, wie fleißig du gesessen hast.« Kuckuck brachte Tee und presste die Lippen aufeinander, um nicht loszulachen.

Pao Yü zog hastig die Hand in den Ärmel zurück und deutete auf den Tisch. »Hast du in diesen Tagen etwas geschrieben, Schwesterchen?« »Was soll eine Kranke schon schreiben?« Er machte sich daran, ein paar Blätter unter dem Tuschstein hervorzuziehen. Blaujuwel streckte rasch die Hand aus und hielt sie fest. »Das ist noch nicht fertig. Was gibt es da anzusehen?« »Was noch nicht fertig ist, sieht man sich am liebsten an.« »Du verstehst zu wählen!« Sie lächelte, gab ihm die Blätter aber doch nicht. Da eine seiner Hände noch immer im Ärmel steckte, sagte sie lachend: »Wenn du schon zu wählen verstehst, dann wähle auch einmal für mich: Ist dieser Fleck Tusche aus dem Mengzi oder Tusche aus der Großen Lehre?« »Keins von beidem. Sie ist beim Anreiben verspritzt.« »Ach so! Du gibst dir also beim Tuscheanreiben mehr Mühe als beim Lernen. Ich fürchte nur, du hast sämtliche Worte der Weisen auf deinem Ärmel vermerkt. Wenn der zu Hause gewaschen wird, sind sie alle fort. Morgen, wenn dein Vater dich prüft, brauchst du ihm bloß den Ärmel vorzulegen.« Nun konnte Kuckuck das Lachen nicht mehr zurückhalten. Pao Yü wurde rot und streckte nun erst recht die Hand wieder heraus. »Dann seht euch eben satt daran!« »Wer will das schon sehen? Aber wenn deine Tusche an die Stuhldecke kommt, wird man es mir zur Last legen.« Schnell zog er die Hand wieder ein. Jetzt hielt auch Blaujuwel nicht mehr an sich. Sie lachte so heftig, dass sie zu husten begann, hielt sich rasch das Tuch vor den Mund und winkte mit der anderen Hand ab. Als der Husten endlich nachließ, war ihr Gesicht gerötet, und sie lehnte sich wieder an das Wärmegestell.

Pao Yü hatte nur einen Schluck Tee getrunken und stellte die Tasse wieder hin. »Du weißt nicht, Schwesterchen, wie beklommen mir in den letzten Tagen zumute ist«, sagte er seufzend. »Neulich habe ich von einem Mann aus Vetter Xue Pans Gefolge etwas über Xiangling gehört. Seit seine Frau ins Haus gekommen ist, hetzt sie ihn Tag für Tag gegen das Mädchen auf. Beim kleinsten Anlass wird es geschlagen und beschimpft. Vetter Xue hat auf seine Frau gehört und Xiangling einmal mit dem Türriegel geprügelt. Sogar ihren Namen musste sie ändern. Xiangling darf sie nicht mehr heißen, nun soll es Qiuling sein. Jetzt ist sie zwar bei Schwester Pao Tschai, aber krank ist sie darüber geworden. Ein so stilles, reines Geschöpf, und nun so abgemagert, dass es kaum noch einem Menschen gleicht. Und dann denke ich an die zweite Schwester. Seit sie in die Familie Sun geheiratet hat, leidet sie genauso. Keine von beiden hat einen Ort, wo sie ihr Leid klagen kann. Ich sitze den ganzen Tag hier und kann nicht einer einzigen helfen!« Vor Zorn war er ganz weiß im Gesicht geworden.

Blaujuwel hörte ihn bis zum Ende an, ging jedoch nicht darauf ein. Sie lachte nur kühl. »Wenn du dich hier einen ganzen Tag aufregst, wird man sie bei den Xue deswegen ein einziges Mal weniger beschimpfen? Wenn du dich krank ärgerst, wird man bei den Sun die zweite Schwester nach Hause lassen?« »Sollen wir denn nur mit offenen Augen zusehen?«, rief Pao Yü. Sie senkte den Blick und schwieg, ehe sie sagte: »Ob ihnen zu helfen ist oder nicht, liegt nicht in deiner Hand. Wenn du einen Weg weißt, dann tu etwas. Wenn du keinen weißt und dich bloß selbst krank machst, habe ich am Ende wohl noch einen mehr zu versorgen?«

Pao Yü sagte nichts. Er griff nach der halb vollen Schale Birnensuppe; sie war schon kalt. »Das ist kalt geworden«, sagte er zu Kuckuck. »Bring rasch warme.« Kuckuck antwortete und trug die Schale hinaus. Er sah ein Buch auf dem Tisch liegen und nahm es zur Hand. Es war ein Band des Zhuangzi.

»Du liest das auch, Schwesterchen?«, fragte er lächelnd. »Wenn ich krank bin, kann ich nicht schlafen. Ich habe danach gegriffen, wie es gerade dalag.«

Er blätterte zwei Seiten um und lächelte. »Das habe ich damals auch gelesen.« »Ich weiß, dass du es gelesen hast«, erwiderte Blaujuwel mit einem Lächeln. »Du hast sogar ein Stück daran weitergeschrieben. Blumen wolltest du verbrennen, Moschus in alle Winde streuen und meine Geistesgabe zu Asche machen.« Pao Yü wurde rot. »Das habe ich nach dem Wein hingekritzelt.« Sie lachte kühl. »Für bloßes Gekritzel weißt du es aber noch recht genau.«

Er schwieg und blätterte weiter. Nach einigen Seiten entdeckte er ein paar Zeilen winziger, fliegenkopfgroßer Schrift auf dem Blatt, sauber in Blaujuwels Hand geschrieben. Auf der nächsten Seite stand wieder etwas. »Hier hast du ja auch hineingeschrieben.« Blaujuwel wollte ihm das Buch fortnehmen, aber er wich seitlich aus. »Die Blätter vorhin hast du mir nicht gezeigt«, sagte er lachend. »Dies hier darf ich doch wohl lesen.«

Nun ließ sie ihn gewähren. »Der Wahre Mensch von Nanhua redet immer weiter ins Große hinein«, sagte sie, »bis weit über alle Grenzen. Das ist schon herrlich. Andere schreiben, um Glauben zu finden. Er schreibt und kümmert sich nicht darum, ob man ihm glaubt.«

Pao Yü hörte ihr zu und las dabei die kleinen Schriftzeichen. An einer Stelle blieb sein Blick haften, und er blätterte nicht weiter. Blaujuwel neigte den Kopf, warf einen Blick darauf und ließ ihn in Ruhe.

»Würdest du mir das Buch für ein paar Tage leihen?«, fragte er. »Nimm es nur mit.« Dann lächelte sie. »Bring es zurück, wenn du fertig bist. Und schreib nicht wieder ein Stück daran weiter.«

Am nächsten Morgen hatte Pao Yü im Studierzimmer früh den Mengzi auf den Tisch gelegt und beim Buch Wan Zhang aufgeschlagen. Der Band des Zhuangzi lag darunter; nur ein schmaler blauer Buchrand schaute hervor. Der Seitenbau lag im Schatten. Obwohl es Tag war, brannte an einer Ecke des Tisches eine Lampe mit Pflanzenöl. Herr Tschong trat ein, sah seinen Sohn über den Tisch gebeugt lesen und fragte: »Sitzt das, was du gestern wiederholen solltest?« Pao Yü stand rasch auf und las aus dem Buch: »Wan Zhang fragte: ›Shun ging aufs Feld und weinte klagend zum weiten Himmel empor. Weshalb klagte und weinte er?‹« Dann gab er nach dem alten Kommentar die Erklärung: »Dieser Abschnitt besagt, dass Shun die Liebe seiner Eltern nicht erlangen konnte und deshalb zum Himmel klagte. Mengzi sagt, es seien ›Klage und Sehnsucht‹ gewesen.« Da er einigermaßen flüssig gelesen hatte, blieb Herr Tschong eine Weile stehen und strich sich den Bart. »Was in den Büchern der Weisen steht, muss man im täglichen Umgang und in den Pflichten der menschlichen Beziehungen zu verstehen suchen. Mit dem Auswendiglernen ist es nicht getan. Für morgen wiederholst du den zweiten Teil von Wan Zhang.« Damit legte er die Hände auf den Rücken und ging hinaus.

Li Gui begleitete ihn. Pao Yü blieb noch eine Weile stehen. Als niemand mehr vor der Tür zu sehen war, schloss er behutsam den Mengzi, schob ihn zur Seite und zog darunter den Band mit den Inneren Kapiteln des Zhuangzi hervor. Er schlug die Stelle auf: »Im dunklen Nordmeer lebt ein Fisch, Kun genannt«, hielt mit einem Finger die Buchecke nieder und las weiter.

Oben im Haus war von Pao Yüs Heirat zwar gesprochen, aber noch nichts entschieden worden. Dennoch hatte das Gerücht längst die unteren Ränge erreicht. Ein paar ältere Dienerinnen, die gerade nichts zu tun hatten, saßen zum Ausruhen windgeschützt an der weiß verputzten Mauer beim Qinfang-Pavillon. Die eine schälte Wassernüsse, die andere nähte Schuhsohlen, und dabei plauderten sie über dies und jenes, über diesen und jenen. Neben ihren Füßen häuften sich die Nussschalen. Die Frau mit den Schuhsohlen strich zweimal mit der Nadel durch das Haar an ihrer Schläfe; der Hanffaden schnitt weiße Rillen in ihre Finger. Allmählich kam das Gespräch auf Pao Yüs Heirat. Die Frau mit den Wassernüssen schob die Schalen neben ihrem Fuß beiseite und lachte. »Als ich neulich oben die Zimmer aufräumte, dachte ich, mit unserem zweiten jungen Herrn wird es wohl bald so weit sein.« Die andere drehte ihre Schuhsohle um. »Das will ich meinen. Als wir unser Monatsgeld holten, habe ich auch gehört, wie nach den Geburtsdaten gefragt wurde.« Eine dritte sagte: »Amitabha! Ich habe dagegen gehört, der Herr denke an eine andere, weil sie ihm so leidtue, ganz ohne Vater und Mutter. Wer das sein soll, darüber wage ich nichts zu behaupten.« Eine sagte dies, eine andere das, und bald hatten sie drei oder vier verschiedene Geschichten zusammen. »Meiner Ansicht nach ist es doch Fräulein Lin«, meinte die eine. »Vor zwei Jahren hat unsere Tante selbst im Xiaoxiang-Gehöft gesagt, sie wolle Fräulein Lin mit dem zweiten jungen Herrn zusammenbringen. Vor einem ganzen Zimmer voller Leute hat sie es gesagt.« »Was weißt du denn! Unsere Tante hat gescherzt. Ich habe gehört, die Familie Xue wolle hier einziehen, um die Hochzeit auszurichten.« »Alles Gerede«, sagte wieder eine andere. »Mit keiner von beiden ist etwas ausgemacht. Damit wollen sie den zweiten jungen Herrn bloß beim Lernen halten.« »Lernen? Wenn ihr mich fragt, gibt es in diesem Haus nur noch einen, der wirklich lernt: den jungen Herrn Lan im Dorf im Reisduft. Noch ehe es hell ist, hört man ihn aufsagen.« »So ist es. Das vierte Fräulein hat es gut. Den ganzen Tag zeichnet sie an ihrem Gartenbild. Seit über einem Jahr malt sie daran, und wie es heißt, ist sie gerade erst zur Hälfte fertig.«

Die einfältige Große kam kichernd mit einer Fasanenfeder heran, die sie gefunden hatte, drängte sich zwischen die Frauen und hörte ein paar Worte mit. Dann klatschte sie in die Hände und lachte. »Der zweite junge Herr Pao kriegt eine Frau! Fräulein Lin heiratet er, und Fräulein Pao auch, beide auf einmal!« Eine der Frauen schob sie mit der Hand aus dem Kreis und schalt lachend: »Mach, dass du weiterkommst! Voriges Jahr hast du hinter den Felsen etwas aufgelesen, und dann mussten sie den ganzen Garten durchsuchen. War das nicht genug? Wen der zweite junge Herr heiratet, wirst du hier jedenfalls nicht bestimmen.« Die anderen lachten noch lauter. Das Mädchen ging mit seiner Feder weiter und rief unterwegs: »Nein, nein, nur eine!« Fragte jemand, welche es denn sei, so konnte es keine rechte Antwort geben.

An jenem Tag saß Blaujuwel am Fenster und blätterte in einem Buch. Sie hörte draußen undeutlich die Stimmen der Frauen, konnte aber nichts Genaues verstehen. Auf dem kleinen Tisch lag ein bergförmiger Pinselhalter, auf dem zwei oder drei Pinsel ruhten. Unter dem Briefbeschwerer steckten ein paar halb beschriebene Gedichtblätter. Xueyan kam mit heißem Wasser von draußen zurück. Als sie eintrat, war ihr eine gewisse Verlegenheit anzusehen. Blaujuwel hielt sie an. »Was hast du gehört? Sag es nur.« Xueyan senkte den Blick. »Ein paar Frauen schwatzen draußen. Sie sagen, die gnädige Frau wolle über eine Heirat für den zweiten jungen Herrn verhandeln. Sie reden, als wäre alles wahr.« Blaujuwel hielt gerade einen Pinsel in der Hand, um ein paar Zeichen zu schreiben. Bei diesen Worten stockte die Spitze auf dem Papier, und ein Tuschetropfen breitete sich zu einem Fleck aus. Sie legte den Pinsel auf den Halter. »Alles aus der Luft gegriffen. Was hörst du ihnen zu?« Kuckuck sah es, löste nur eine Mandarinenspalte aus der Schale und reichte sie ihr. Blaujuwel schüttelte den Kopf. Sie wolle nichts essen.

In dieser Nacht hustete Blaujuwel etwas heftiger als sonst; ein Hustenstoß jagte den andern. Xueyan und Kuckuck fuhren erschrocken auf und warfen sich etwas über. Die eine brachte warmes Wasser, die andere strich ihr den Rücken. Blaujuwel trank eine halbe Schale. Als der Husten etwas nachließ, sagte sie: »Geht schlafen. Ihr müsst nicht beide bei mir wachen.« Kuckuck breitete eine kleine Matratze vor dem Bett aus und lächelte. »Ich bin ohnehin nicht müde. Xueyan schläft zuerst und löst mich nach der dritten Nachtwache ab.« Xueyan ordnete gerade die Arzneipäckchen und sagte rasch: »Du wachst in der ersten Nachthälfte, Schwester, ich in der zweiten. Dann nicken wir morgen wenigstens nicht beide zugleich ein.« Blaujuwel hörte die beiden reden und winkte nur mit der Hand ab. In dieser Nacht kochte Xueyan die Arznei im äußeren Zimmer; abwechselnd wachten die beiden bis zum Morgen. Am nächsten Tag waren Blaujuwels Wangen noch röter, ihre Stimme aber leiser. Frau Tschong schickte ein junges Dienstmädchen. »Die gnädige Frau lässt fragen, wie Fräulein Lin vergangene Nacht gehustet hat.« Kuckuck antwortete nur hinter dem Vorhang: »Das Fräulein hat sich ein wenig erkältet und die Arznei schon genommen. Die Alte Fürstin darf deswegen auf keinen Fall beunruhigt werden.«

Noch eine Nacht verging, in der Blaujuwel keinen ruhigen Schlaf fand. Xueyan sah, dass das kleine bronzene Räuchergefäß auf dem Tisch erkaltet war, und gab eine Prise Rautenpulver hinein. »Vielleicht schläft das Fräulein ruhiger, wenn wir etwas Duft anzünden.« Zuerst stieg der Rauch als gerader, dünner Faden auf. Erst unter der Lampe zerfloss er zu einem feinen Nebel.

Halb auf ihr Kissen gestützt betrachtete Blaujuwel den bläulichen Rauchfaden. Während sie so vor sich hindämmerte, kam ihr plötzlich etwas von früher in den Sinn. Es war damals an der Brücke über die Qinfang-Schleuse gewesen, unter den Pfirsichblüten. Sie und Pao Yü hatten die Köpfe aneinandergelegt und gemeinsam in der Geschichte einer Begegnung gelesen. Auch Yingying in dem Buch hatte so im Mondschein Räucherwerk angezündet. »Sie hatte immerhin ihre Hongniang«, seufzte Blaujuwel im Stillen. Sie sah dem dünner werdenden Rauch nach. Das Tuch in ihrer Hand lockerte sich, und ohne zu wissen, wann, hatte sie die Augen geschlossen.

Im Halbschlaf war ihr, als gelangte sie an einen Ort. Es war nicht das Xiaoxiang-Gehöft und auch nicht dieses Palais; eher glich es ihrem alten Elternhaus in Yangzhou. Im Hof standen ein paar grüne Bambusstauden, unter dem Wandelgang ein Schreibtisch. Dahinter saß aufrecht ein Mann in einem nicht mehr neuen, aloeholzbraunen langen Gewand aus Huzhou-Seide mit überkreuztem Kragen. Um die Hüften trug er einen breiten Gürtel aus blauer Seide, auf dem Kopf eine Dongpo-Kappe aus schwarzer Seidengaze. Sein Gesicht war schmal und klar geschnitten, an den Schläfen nicht ein einziges weißes Haar. Es war ihr Vater, Lin Ruhai, noch ganz so, wie sie ihn als kleines Mädchen gesehen hatte.

Es war die Begebenheit aus jenem Jahr. Damals hatte der Lehrer sie im Dichten von Liedversen unterwiesen und ihr die Weise »Rot getupfte Lippen« vorgegeben. Das Thema hieß »Auf ein Mädchen beim Lotospflücken«. Blaujuwel hatte ein Lied vollendet und war mit dem Blatt in beiden Händen geradewegs ins Studierzimmer ihres Vaters gegangen.

Rasch trat sie vor, rief »Vater!« und reichte ihm das Blatt. Lin Ruhai nahm es entgegen und las am Fenster:

Zart gepudert, frisch geschmückt,
das lotosfadenfeine Hemd im Winde weich.
Die erste Abendkühle kommt;
verabredet zum Spiel am Lotosteich.

Ein Ruderschlag, ein leichtes Boot,
Schatten schwanken wirr mit den Lotosblüten.
Spät wendet sich der Blick zurück:
Lotosblüten, hell und dunkel;
nur müßigen Kummer trägt das Boot nach Haus.

Als er zu Ende gelesen hatte, fragte er: »Dieses Lied hast du selbst geschrieben?« »Ja. Nur an einer Stelle bin ich mir nicht sicher.« Sie zeigte auf die betreffende Zeile. »Hier könnte ›mit den Lotosblüten‹ stehen; ›den Lotosblüten folgend‹ ginge auch. Ich kann mich nicht entscheiden. Wähle du eines für mich, Vater.«

Lin Ruhai betrachtete das Blatt eine Weile. Von keiner der beiden Wendungen sagte er, sie sei gut oder nicht gut. Er schob ihr nur das Papier wieder vor die Hand, drehte den Duan-Tuschstein auf dem Tisch behutsam um eine halbe Wendung, sodass die Tuschevertiefung zu ihr wies, nahm einen kleinen Pinsel vom Halter und legte ihn neben das Blatt. Dann zog er die Hand zurück und sagte lächelnd: »Es ist dein Lied. Entscheide du.«

»Und wenn ich mich falsch entscheide?«, fragte Blaujuwel rasch. Lin Ruhai sah sie an und strich ihr nur sanft über den Kopf. Er sagte nichts.

Draußen löste sich unvermittelt ein sehr großer Wassertropfen von einem Bananenblatt und fiel vor die Stufen. Doch kein Laut war zu hören. Blaujuwel sah das Blatt Papier an, den Tuschstein, den Pinsel, dann blickte sie zu ihrem Vater auf. Er lächelte noch immer und schob nur den Pinsel ein wenig näher zu ihr. Sie verharrte. Nach einer Weile streckte sie langsam die Hand danach aus. Kaum hatten ihre Finger den Schaft berührt, wurde die Lampe auf dem Tisch plötzlich dunkel. »Vater!«, rief sie hastig.

Xueyan hörte einen Laut vom Bett und eilte herein. »Fräulein, wacht auf! Habt Ihr einen bösen Traum?« Blaujuwel öffnete die Augen. Das Räucherwerk war ausgebrannt, das Mondlicht bis in den Winkel des Fensters gewandert. Ihre eigene Hand lag noch ausgestreckt außerhalb der Decke; die Handfläche war leer. Lange lag sie wie erstarrt. Erst dann rollten ihr unversehens Tränen über das Gesicht, ohne dass sie einen Laut von sich gab. Xueyan steckte ihr die Decke fest und bemerkte nun, wie nass es am Kissen war. Sie wollte das Kissentuch wechseln. Blaujuwel hielt es mit der Hand fest. »Es wird bald hell. Lass nur.«

Blaujuwel blieb reglos liegen. Sie dachte nur immer wieder an das eine Blatt Papier, den einen Tuschstein, den einen Pinsel und an alles, was im Traum damit geschehen war. Das Fenster begann sich allmählich aufzuhellen.

An diesem Tag saß Phönix in ihrem Zimmer und erledigte die Haushaltsgeschäfte. Einige mit Verwaltungsaufgaben betraute Dienerfrauen standen vor ihr und legten Rechnung ab. Auf dem Kangtisch lag ein Rechenbrett; unten in der Kohlenpfanne brannten kleine Flämmchen. Die Arzneikosten der Alten Fürstin waren stark gestiegen, und von einigen Gütern standen die Pachten noch aus. Deshalb ließ Phönix Caiming die Ausgaben der einzelnen Haushaltungen Posten für Posten vorlesen. Eine für die Küche zuständige Dienerfrau berichtete, Reis und Mehl seien in den letzten Monaten teurer geworden; über zwanzig Tael seien hinzugekommen. Phönix lachte kalt. »Der Reis ist teurer. Frisst das Brennholz etwa auch Reis, um groß zu werden? Vorigen Monat hast du achtundzwanzig Tael für Brennholz angeschrieben, diesmal sechsundvierzig. Sag mir einmal, in wessen Bauch diese achtzehn Tael verbrannt sind.« Die Frau wurde rot und setzte rasch ein Lächeln auf. »Die gnädige Frau möge bedenken, für die Arznei der Alten Fürstin brennt das Feuer wirklich Tag und Nacht.« »Drauflos gelogen!«, fuhr Phönix sie an. »Die Kohlen zum Arzneikochen stehen eigens in der Rechnung der Arzneikammer. Du rechnest sie auf beiden Seiten an! Caiming, kreise den Posten ein. Morgen soll ihr Mann zum Abgleich kommen.«

Caiming hatte eben mit dem Pinsel einen Kreis gezogen, als Phönix plötzlich eine Hand auf den Rand des Kangs stützte und sich leicht in der Hüfte krümmte. Ping'er sah, wie bleich sie wurde, und trat hastig zu ihr. »Was fehlt der gnädigen Frau?« Phönix schüttelte den Kopf und fragte abermals scharf: »Ist noch etwas?« Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, krampften sich ihre Finger in das Kangpolster und zogen mehrere Falten hinein. Ping'er senkte den Blick auf den Rocksaum; ihr Gesicht veränderte sich. Erst nach einer Weile sagte Phönix ganz leise: »Hilf mir hinein.«

Ping'er sah, dass es schlimm stand. Sie schickte die Dienerfrauen rasch fort und half Phönix ins innere Gemach und aufs Bett. Dann ließ sie nach dem Arzt schicken und holte alte Tücher, um sie ihr unterzulegen. Phönix lag mit geschlossenen Augen da und holte einige Male keuchend Luft. Als sie draußen leises Tuscheln hörte, öffnete sie die Augen. »Das darf nicht bis zur Alten Fürstin dringen. Sagt nur, ich hätte mich erkältet.« Bald kam der Arzt. Durch den Bettvorhang von ihr getrennt, fühlte er ihren Puls, sann eine Weile nach und sagte: »Das sind die Anzeichen des sogenannten ›Einsturzes des Blutberges‹, einer heftigen Blutung. Das ist nicht erst in ein oder zwei Tagen entstanden. Sie braucht Ruhe. Geistige Anstrengung und Aufregung muss sie vor allem meiden.« Kopfschüttelnd stellte er ein Rezept aus und ging.

Als Ping'er den Arzt hinausbegleitet hatte und zurückkam, hatte Phönix sich schon wieder hochgestemmt. »Bleibt doch liegen, gnädige Frau«, sagte sie rasch. »Wo ist das Rechnungsbuch von eben? Wenn die Küchenfrau sieht, dass ich liege, wird sie morgen aus den achtzehn Tael noch achtunddreißig machen.« Caiming musste das Buch hereinbringen. An ein großes Kissen gelehnt, eine Hand gegen den Unterleib gepresst, blätterte Phönix mit der anderen darin. Die Mengen an Seidenstoffen stimmten nicht. Sie befahl, die Namen der Empfänger gesondert abzuschreiben, und fuhr fort: »Zuerst gebt das Geld für die Arzneien in den Gemächern der Alten Fürstin und für die Kranken im Garten aus. Das Monatsgeld wartet drei Tage. Wer sich herausnimmt, in diesen drei Tagen auch nur eine Kupfermünze zusätzlich einzubehalten, kommt mit seiner Rechnung zu mir.« Sie redete noch lange. Ihre Stimme wurde immer leiser, doch sie wollte das Buch nicht schließen. Ping'er konnte es nicht mehr mit ansehen, trat vor und nahm es ihr aus der Hand. »Was wollt Ihr jetzt noch Rechnungen ansehen, gnädige Frau! Der Arzt hat eben erst gesagt, nichts sei schlimmer als Anstrengung. Wenn Euch an uns etwas liegt, ruht Euch doch wenigstens ein wenig aus. Das Buch läuft nicht davon. Morgen lese ich Euch jeden einzelnen Posten vor.« Phönix hatte nicht die Kraft, es ihr wieder zu entreißen. Sie sagte nur: »Vermerk genau, wo die Ecken umgeknickt sind, damit niemand die Seiten austauscht.« Dann fügte sie leise hinzu: »Die Kiste mit den goldenen und silbernen Gerätschaften der Alten Fürstin, die wir voriges Jahr außer Haus verpfändet haben, ist noch immer nicht ausgelöst. Merk dir diesen Posten für mich, damit er nicht irgendwie vergessen wird.« Ping'er versprach es. Erst zur dritten Nachtwache kamen sie zur Ruhe.

Als Frau Tschong am nächsten Tag von Phönix' Erkrankung hörte, schickte sie Yuchuan mit einem Päckchen Arzneizutaten zu ihr. Bei Yuchuans Rückkehr saß Frau Tschong auf dem Kang und suchte einige alte Schmuckstücke aus. Sie sah, dass die Hände des Mädchens ganz rot vor Kälte waren, und fragte: »Warum hast du keinen Muff?« »Ich war beim Hinausgehen in Eile und habe ihn vergessen«, antwortete Yuchuan lächelnd und reichte ihr Tee. Frau Tschong deutete auf die Schmuckstücke. »Nimm diese Sachen an dich und gib sie morgen heimlich Zhou Ruis Frau. Sie soll sie draußen versetzen lassen, damit wir etwas mehr Geld für die Arzneien der Alten Fürstin haben. Die Alte Fürstin darf nichts davon wissen.« Yuchuan bejahte.

Als Frau Tschong die Tasse entgegennahm, fiel ihr in dem Kästchen ein alter Armreif auf. Sie hob ihn heraus. »Den kannst du haben und tragen. Ursprünglich war es ein Paar. Einzeln ist er nun auch zu nichts nütze.« Yuchuan sah ihn an, streckte jedoch die Hand nicht aus und sagte nur lächelnd: »Behaltet ihn, gnädige Frau. Die Arzneihändler drängen jetzt auf ihr Silber. Auch alte Sachen lassen sich zu Geld machen.« Frau Tschongs Hand hielt inne. »Das ist etwas für junge Mädchen. Was kann er schon wert sein?« Yuchuan senkte nur den Kopf und goss Wasser nach. »Meine Hände sind grob. Bei der Arbeit würde ich ihn bloß anstoßen und zerbrechen.« Frau Tschong legte den Reif in das Kästchen zurück, schloss den Deckel und fragte: »Was sagt man bei Phönix?« »Fräulein Ping sagt, der Arzt habe Ruhe verordnet, aber die gnädige Frau sehe noch immer die Rechnungen durch.« Frau Tschong seufzte und hieß sie nur, den Vorhang herunterzulassen.

Als Yuchuan zum Vorhang ging, war der Deckel des Kästchens nicht ganz eingerastet; darin war ein Armreif zu sehen. Beim Umdrehen bemerkte sie es, ging hin und drückte den Deckel leise zu. Lassen wir es dabei.

Seit Siqi im Vorjahr aus dem Park der Augenweide gejagt worden war, lebte sie wieder zu Hause. Ihre Großmutter mütterlicherseits hatte einst zu den Dienern gehört, die mit der älteren gnädigen Frau bei deren Heirat ins Haus gekommen waren. Jetzt war es auch mit ihr bergab gegangen. Die Eltern sahen, dass Siqi erwachsen war, und fürchteten zudem, die alte Geschichte könnte sich herumsprechen und Gerede geben. Sie berieten sich mehrmals. »Bleibt sie hier«, sagte der Vater, »gibt sie den Leuten früher oder später doch nur etwas zu reden. Suchen wir ihr lieber bald einen Mann und schaffen sie aus dem Haus, dann haben wir alle unsere Ruhe.« Durch eine Heiratsvermittlerin fand er einen verwitweten Pelzhändler von über vierzig Jahren, mit zwei Kindern aus erster Ehe. Die Mutter schloss die Tür ab und gab den Schlüssel der Schwiegertochter. »Pass mir gut auf sie auf! Wenn der Tag kommt, wird sie notfalls gefesselt in die Brautsänfte gesetzt. Lässt du sie noch einmal etwas anstellen, habe ich vollends mein Gesicht verloren.« Das alte Messingschloss an der Tür war dasselbe, mit dem die Familie früher ihren Reisschrank verschlossen hatte.

Lianhua hatte früher in den Gemächern des zweiten Fräuleins gedient und war häufig für Siqi in die Küche gelaufen, um dies und das zu verlangen. Später hatte man sie aus dem Dienst entlassen. Nun verdiente sie ihren Unterhalt in einem Laden für eingelegtes Gemüse am Westmarkt, wo sie für den Besitzer den Stand betreute. An diesem Tag hörte sie von einer älteren Frau, die Nadeln und Faden einkaufen war, Siqi solle einen Witwer heiraten. Die Schnur, an der sie gerade Münzen abzählte, hielt in ihrer Hand inne. Die Frau lachte. »Was macht es, wenn er über vierzig ist? Er hat ein Haus und Land. Viel besser als unsereiner.« »Da habt Ihr recht, Mütterchen«, sagte Lianhua, senkte den Kopf und zählte weiter ihr Geld. Als die Frau gegangen war, bat sie nebenan jemanden, nach dem Stand zu sehen, und ging hinaus.

Zuerst bat sie einen Mann vom Markt, der einen Maultierwagen fuhr, sich umzuhören. Zwei Tage später brachte er Nachricht. »In einer Papierwerkstatt außerhalb der Südstadt gibt es einen, der die Rechnungen abschreibt. Er ist erst vorigen Herbst gekommen. Fragt man ihn nach seinem Familiennamen, will er nicht mit der Wahrheit heraus. Alter und Aussehen würden aber passen.« Gegen Einbruch der Dunkelheit suchte Lianhua die Werkstatt auf. Sie stand eine Weile vor der Tür, ehe sie hineinrief. Von drinnen war das Stampfen des Papierbreis zu hören, Schlag um Schlag. An der Wand trockneten Schöpfsiebe; fuhr der Wind darüber, raschelten sie eine Weile. Nach kurzem Warten kam Pan You'an heraus. Er trug eine alte wattierte Jacke und war im Gesicht viel schmaler als früher. Als er sie erkannte, wich er einen halben Schritt zurück. »Wie hast du mich hier gefunden?«

»Siqi soll heiraten«, sagte Lianhua.

Pan You'an zog die Tür halb zu. »Wann?«

»Am achtzehnten dieses Monats, heißt es. Ein Witwer von über vierzig.« Dann setzte Lianhua hinzu: »Du kennst doch ihr Temperament. Damals, wegen einer Schale gedämpfter Eier, war doch ich es, die sie in der Küche verlangte. Sie hat uns mitgenommen und in der Küche der Liu alles durcheinandergewühlt und auf den Boden geworfen. Nun soll sie einen Witwer heiraten. Glaubst du, das lässt sie sich gefallen?«

Pan You'an fragte nichts mehr. Er sah nur hinunter und zupfte seinen Ärmel zurecht. Zweimal zupfte er daran; glatt wurde er nicht. Als Lianhua ihn so sah, wurde sie ungeduldig. »Ich hätte gar nicht kommen sollen. Tu, als wäre ich nicht hier gewesen, und ich tue, als hätte ich dich nicht gesehen.«

»So meine ich es nicht«, sagte er hastig. »Nur bitte, bitte, sag zu Hause niemandem, dass ich hier bin. Es ist dunkel geworden, der Weg ist nicht gut zu gehen. Mach dich rasch auf den Heimweg.« Nach gut zehn Schritten blickte Lianhua zurück. Er stand noch immer in der Tür und hielt einen alten Duftbeutel in der Hand. Siqi hatte ihm den Beutel damals gegeben. Es waren zwei gewesen, ein zusammengehöriges Paar. Bei jener Durchsuchung war anderes gefunden worden; nur diese beiden nicht, weil er sie bei sich getragen hatte.

Über das, was in den folgenden Tagen geschah, gelangten nur vereinzelte Berichte nach draußen. Es hieß, Siqi sei in der Nacht vor dem Eintreffen der Hochzeitsleute durch das hintere Fenster und über die Mauer gestiegen. Andere sagten, sie sei vor Tagesanbruch durch die Seitenpforte gegangen. Pan You'an habe schon vor der Stadt auf sie gewartet, hieß es; nach einer anderen Erzählung hatte er jemanden geschickt, um sie zu holen.

Am nächsten Morgen rief Siqis Mutter nach ihr und bekam keine Antwort. Sie schickte die Schwiegertochter hinein, um nachzusehen. Die kam ganz aufgeregt wieder heraus. »Sie ist nicht drin!« Die Mutter schlug sich weinend auf die Schenkel und schimpfte: »Nicht einmal auf einen Menschen kannst du aufpassen! Voriges Jahr diese schamlose Geschichte im Garten, dann haben sie sie nach Hause gejagt. Mein Gesicht hatte ich schon völlig verloren. Und jetzt läuft sie noch fort! Wie soll ich mich überhaupt noch unter Menschen zeigen?« Auch die Schwiegertochter wurde laut. »Ich habe sie doch nicht gehen lassen! Warum hältst du dich nur an mich?« Siqis Vater hörte es draußen, kam herein und fuhr sie an: »Schreit nur immer weiter! Ihr fürchtet wohl, die Nachbarn könnten es nicht erfahren!« Die Mutter weinte. »Wenn die Leute kommen und sie abholen wollen, was soll ich ihnen sagen?« Der Vater schalt noch ein paarmal, und die Schwiegertochter rechtfertigte sich weiter. Den ganzen Morgen ging es so. Am Ende schickten sie doch nur eine ältere Frau heimlich zum Hause Kia, um Bescheid zu geben.

Der Verwalter hörte es an und sagte: »Gut, wir wissen es. Die Alte Fürstin ist krank, und die zweite junge Frau liegt auch. Wer kann sich jetzt noch darum kümmern?« Er schrieb die Nachricht auf einen Papierfetzen und schob ihn unter ein paar alte Rechnungsbücher. Als man später wieder darin blätterte, wusste niemand mehr, wohin der Zettel geraten war.

Zwei Tage später ging Lianhua gegen Abend nochmals vor die Südstadt. Die Tür der Papierwerkstatt stand weit offen. Drinnen türmten sich Papierstapel in verschiedener Höhe; der Tisch war mit abgeschnittenen Rändern bedeckt. Der Geruch feuchten Papiers schlug ihr entgegen. Zwei Männer waren gerade beim Sortieren. Als sie eintrat, fragte der eine: »Suchst du den Schreiber? Der hat vor ein paar Tagen aufgehört. Sein Bettzeug hat er auch mitgenommen. Wohin er wollte, hat er nicht gesagt.« Lianhua spuckte aus. »Wer sucht denn den! Zwei Schnüre Kupfergeld schuldet er unserem Laden für Würzpaste. Aber sich davonzumachen, das versteht er!« Darauf fragte sie: »Gibt es hier in der Nähe ein leeres Zimmer zu mieten?« »Willst du herziehen?« »Ich frage für jemand anderen. Es kann ruhig klein sein, wenn nur die Miete billig ist.« Der zweite Mann sagte: »Nebenan steht eines zur Straße hin leer. Frag den Hauseigentümer.« »Zur Straße ist noch besser«, sagte Lianhua. Sie ließ sich den Eingang genau beschreiben, bedankte sich und ging nebenan nachsehen. Erst danach kehrte sie zum Westmarkt zurück.

In dieser Nacht wurden im Rong-Haus überall früh die Türen geschlossen. Im äußeren Studierzimmer brannte vor Pao Yü eine Lampe mit Pflanzenöl. Unter ihrem Licht lag der Mengzi aufgeschlagen, und seine Buchecke hielt den Zhuangzi nieder. Herr Tschong war heute nicht zum Prüfen gekommen. Pao Yü hatte die Bücher auch nicht vertauscht, sondern war so sitzen geblieben. Er zog den Zhuangzi hervor, blätterte zwei Seiten um und schloss ihn wieder.

Er stand auf und blickte zum Fenster hinaus. Hier und da waren noch Fenster hell; jenseits mehrerer Hofmauern, näher oder ferner, war jedes nur ein Lichtpunkt. Was die Menschen unter den Lampen taten, ließ sich nicht erkennen. Pao Yü schloss das Fenster, kehrte zurück und setzte sich. Der Band des Zhuangzi lag noch immer unter dem Mengzi.

Wer Näheres wissen will, höre, was im nächsten Kapitel erzählt wird.

Zu dieser Ausgabe

Die Namen knüpfen, soweit durch die Projektbelege gestützt, an die deutsche Lesertradition um Franz Kuhn an. Die Fortsetzung selbst wird ungekürzt aus Han Qins chinesischem Text übersetzt; Dialoge, Verse und Ungewissheiten bleiben erhalten.