Han Qin · Der Traum der Roten Kammer: Dreißig neue Kapitel

Einundachtzigstes KapitelDer vernarrte junge Herr erbittet Gunst zum Abschied seiner langjährigen DienerinnenPerle nimmt unter Tränen Abschied von den Gefährtinnen

Eine eigenständige Fortsetzung von Han Qin, kein wiederentdecktes Manuskript von Cao Xueqin.

Seit Yingchun zu den Sun zurückgekehrt war, blieben die Fenster auf der Insel der Purpurwassernüsse Tag für Tag geschlossen. Nur zwei, drei alte Frauen hielten dort noch Nachtwache. Nun war das Neujahrsfest vorüber, doch das Wetter blieb kalt. Auf dem ganzen Weg zum Pavillon des Lotosduftes steckten die verwelkten Lotosblätter und dürren Stängel im Eis, und niemand zog sie heraus.

An diesem Tag ging Pao Yü zu Frau Tschong, um ihr seine Aufwartung zu machen. Gerade war eine Dienerin aus dem Hause Sun eingetroffen. Sie war um die vierzig, trug eine schon etwas abgetragene Überjacke aus dunkelblauem Baumwollstoff und eine kupferne Haarnadel. Nachdem sie sich niedergeworfen und auch Pao Yü begrüßt hatte, blieb sie unten im Zimmer stehen, hob hastig das kleine Bündel in ihren Händen empor und sagte lächelnd: »Unsere junge Herrin lässt der gnädigen Frau dies bringen. Zwei Paar Strümpfe, die sie selbst genäht hat.«

Frau Tschong ließ das Bündel entgegennehmen und fragte: »Geht es eurer jungen Herrin gut?«

Die Frau senkte den Kopf, rieb sich die Augen und sagte: »Es geht.«

Frau Tschong hob ihre Teeschale und stellte sie wieder hin. »Und ist sie bei guter Gesundheit?«

»Es geht«, sagte die Frau. Nach einer Weile fügte sie hinzu: »Die junge Herrin lässt auch fragen, ob die Spielsteine auf der Insel der Purpurwassernüsse im Garten noch an ihrem alten Platz sind.«

Frau Tschong ließ eben eine alte Gebetskette aus Riesenmuschel und Koralle durch die Finger gleiten. Bei diesen Worten hielt ihre Hand inne. Nach längerem Schweigen sagte sie: »Richte eurer jungen Herrin aus, dass die Steine gut verwahrt sind. Nicht ein einziger fehlt.« Dann ließ sie Nähzeug, Tee und Naschwerk holen und der Frau mitgeben, mit der bloßen Bemerkung, dies sei ein Geschenk der gnädigen Frau. Die Dienerin bedankte sich immer wieder und zog sich zurück. Zhou Ruis Frau begleitete sie hinaus.

Frau Tschong blieb sitzen und bewegte nur die Perlen ihrer Gebetskette. Dann öffnete sie das kleine Bündel, nahm die beiden Paar Strümpfe heraus und betrachtete am Fenster die Stiche. Bei dem einen Paar waren sie dicht, bei dem anderen weit gesetzt. An der Sohle des zweiten war der Faden gerissen und nur flüchtig wieder angeknüpft worden. Frau Tschong rieb die Ansatzstelle zwischen den Fingern, sah sie eine Weile an, wickelte alles wieder ein und ließ es verwahren.

Pao Yü stand daneben und sah zu, wie das Bündel fortgebracht wurde.

Frau Tschong bemerkte seine schlechte Gesichtsfarbe und dass er noch magerer geworden war als vor einigen Tagen. Seufzend sagte sie: »Der Alten Fürstin geht es seit ein paar Tagen nicht gut. Du bist nun auch groß; spiel nicht immer nur im Garten herum, sondern lies wenigstens ein paar Abschnitte in deinen Büchern. In den nächsten Tagen werden wir überall einiges ändern müssen, auch bei deinen Leuten.« Pao Yü senkte den Kopf und antwortete: »Ja.«

Noch während sie sprachen, hob eine kleine Zofe den Vorhang und kam hereingelaufen. Atemlos sagte sie: »Gnädige Frau, die Alte Fürstin hat Schwester Yingwu geschickt. Ihr sollt gleich zu ihr kommen.« Frau Tschong stand hastig auf, um sich umzukleiden, und trug Yuchuan auf, nach den Zimmern zu sehen. An der Tür blickte sie noch einmal nach Pao Yü, dann ging sie mit ihrem Gefolge geradewegs zum Hof der Alten Fürstin. Pao Yü sah die schlanke Gu-Vase aus den Ru-Öfen auf dem Tischchen stehen. Sie war leer, ohne Blumen. Auch er ging hinaus.

Seit die Alte Fürstin krank geworden war, hielt man die Ausgaben im ganzen Haus knapper. Eines Tages kam Pao Yü an der Küche vorbei und hörte drinnen zwei alte Dienerinnen reden. »Die Holzkohle wird schon wieder nicht ausgegeben«, sagte die eine. »Erst hieß es, am dritten Tag, und heute haben wir den achten.« Die andere sagte: »Die Holzkohle kann noch warten. Selbst unser Monatsgeld halten sie zurück. Die junge Frau Phönix liegt krank, und der Herr in der Rechnungsstube versteht sich aufs Abschieben. Immer heißt es, er warte auf die Anweisung der gnädigen Frau.« »Auf was für eine Anweisung denn? Schon voriges Jahr, als sie nach den Glücksspielern suchten, hat es geheißen, bei den etwas älteren Mädchen brauche man nur irgendeinen Fehler zu finden, dann könne man sie hinausjagen und verheiraten. Das spare Ärger und Kosten zugleich. Hinterher sagte die gnädige Frau, die Alte Fürstin würde das wohl nicht dulden, und so blieb es dabei.« Die andere lachte. »Jetzt ist die Alte Fürstin ja krank.« »Eben«, lachte die erste. »Fangguan und die anderen sind doch voriges Jahr auch von ihren Pflegemüttern abgeholt worden. Die gnädige Frau hat ihnen sogar die Gnade erwiesen, sich draußen selbst einen Mann suchen zu dürfen. Als diese Pflegemütter sie holen kamen, waren sie alle ganz außer sich vor Freude, herzlicher noch als zu ihren eigenen Kindern.« Die andere spuckte aus. »Du wirst wohl schon senil! Was heißt hier herzlich? Sie haben nur daran gedacht, für wie viel Silber sie die Mädchen verkaufen könnten.«

Pao Yü hatte draußen vor dem Fenster zugehört. Er blieb einen Augenblick stehen und dachte: »So sind also Qingwen und die anderen voriges Jahr fortgeschickt worden.« Statt in den Garten zu gehen, kehrte er um und ging geradewegs zu Frau Tschong.

Als sie ihn kommen sah, fragte sie: »Warum bist du um diese Zeit nicht im Garten? Was führt dich her?«

Auf die erste Frage antwortete er nicht. Erst als sie noch einmal fragte, sagte Pao Yü: »Mutter, lass die Mädchen bei mir auf keinen Fall von fremden Leuten abholen.«

Frau Tschong stutzte unwillkürlich, sah ihn von oben bis unten an und fragte: »Was hast du von wem gehört?«

Pao Yü sagte hastig: »Lass ihre eigenen Eltern kommen und sie holen.«

»Dass sie von ihren Eltern abgeholt werden, ist doch das Übliche. Wer sagt denn, dass ihre Eltern sie nicht holen dürfen?«

Darauf wusste Pao Yü zunächst nichts mehr zu sagen. Er überlegte eine Weile, dann bat er: »Und gib ihnen bitte noch mehr Kleider und Silber mit.«

Frau Tschong sah ihn an und seufzte. »Auch das ist das Übliche. Was machst du dir ganz ohne Anlass solche Sorgen?«

Pao Yü wusste keine Antwort. Nach einer Weile sagte er plötzlich: »Ich will mich künftig ordentlich meinen Büchern widmen.«

Diese Worte freuten Frau Tschong. Sie nickte lächelnd. »Gut, dass dir das endlich am Herzen liegt. Geh selbst und sprich mit deinen Leuten. Was an Silber noch nötig ist, sollen sie bekommen; es geht von meinem eigenen Anteil ab. Sonst könnten Leute, die nicht Bescheid wissen, noch sagen, bei uns verstehe man nicht, für seine Dienerschaft zu sorgen.« Pao Yü bejahte alles und wollte schon gehen.

Doch Frau Tschong rief ihn zurück. »Noch etwas. Neulich war Perles Bruder Hua Zifang hier. Er sagte, die Trauerzeit für seine Mutter sei abgelaufen; nun sei er allein zu Hause und wolle Perle heimholen. Ich habe mir aber etwas anderes gedacht. Ein Herr, mit dem dein Vater verkehrt, ist zwar schon etwas älter, lebt aber in ordentlichen Verhältnissen und würde ihr die Ehre erweisen, sie zur Nebenfrau zu nehmen. Das ist doch besser, als sie fortzuschicken und mit irgendeinem Mann zu verheiraten. Für Perle habe ich meine eigenen Pläne. Darum brauchst du dich nicht zu kümmern.« Pao Yü stand da. Er konnte weder zustimmen noch widersprechen, gab schließlich nur eine leise Antwort und ging hinaus.

Als Pao Yü zum Hof der Roten Freude zurückkam, hatten die Zofen bereits etwas läuten hören. Auf der Veranda zankte sich Chunyan mit einer kleinen Zofe. »Ich glaube, Schwester Qiuwen muss gehen«, sagte die Kleine. Chunyan lachte. »Was weißt du denn? Wenn jemand gehen muss, dann doch zuerst die Jüngsten. Überleg einmal, wer hier im Hof die Jüngste ist.« Die Kleine wollte das nicht gelten lassen und spuckte aus. »Ich, jung? Als ich hierherkam, hast du noch am Herd das Feuer geschürt!« Chunyan lachte. »Na und? Die am Herd stand, ist jetzt im Zimmer, und die im Zimmer war, muss hinaus. Der junge Herr sagt doch, wenn eine verheiratet ist, wird sie zur toten Perle, und wenn sie dann noch alt wird, zum Fischauge.« Während sie das sagten, brachen beide in Lachen aus, hockten sich hin und konnten vor Lachen nicht wieder aufstehen. Schließlich rollten sie auf dem Boden und balgten sich. Chunyans Mutter, die alte He, kam vorbei und fuhr sie an: »Ihr kleinen Biester, wollt ihr Prügel? Drinnen werden ernste Dinge besprochen, und ihr beiden führt euch hier wie verrückt auf!« Da hörten sie auf, kniffen einander aber immer noch in die Arme. Sobald sie Pao Yü hereinkommen sahen, huschten beide hinter die Säulen der Veranda.

Pao Yü rief seine Mädchen zusammen. Er selbst blieb stehen, als habe er etwas verbrochen, und sagte schließlich: »Die gnädige Frau hat es angeordnet. Wenn eure Angehörigen euch holen kommen, sollt ihr mit ihnen gehen dürfen. Jiahuis Großmutter hat schon jemanden geschickt, und Qiuwens Familie hat auch schon zweimal gefragt.« Schon röteten sich seine Augen. »Ich gebe euch Silber. Nicht ich will euch fortjagen.«

Im ganzen Zimmer wurde es mit einem Mal mucksmäuschenstill.

Qiuwen sprach zuerst. »Wie viel Silber meint Ihr denn, junger Herr?«

Pao Yü sagte: »Wie viel möchtest du?«

Da fragte Qiuwen nicht weiter, sondern lachte kalt. »Warum bin ich gerade die Erste? Warum geht Qixian nicht? Sie ist doch später gekommen als ich.« Sheyue sagte leise: »Schwester Qiuwen.« Doch Qiuwen achtete nicht auf sie. Sie hielt eine malvenfarbene Jacke aus ausländischem Atlas mit einem Muster von hundert Schmetterlingen zwischen Blumen in den Händen, schüttelte sie aus und faltete sie, faltete sie und schüttelte sie wieder aus. »Die Kleider, die mir die gnädige Frau damals geschenkt hat, habe ich noch immer.« Da trat Xiaohong ein. Sie brachte ein kleines Bündel aus olivgelbem Kamelott und sagte, sie solle es im Auftrag der jungen Frau Phönix dem jungen Herrn übergeben. Dann legte sie es hin und ging wieder.

Qiuwen sah ihr nach, bis sie den Hof verlassen hatte. Lachend sagte sie: »Damals hatte sie dem jungen Herrn bloß eine Schale Tee eingeschenkt, und ich habe sie noch angespuckt und gefragt, ob sie denn nie in den Spiegel sehe. Und nun sitzt sie dort drüben ganz gut.« Zu Sheyue sagte sie: »Für dich ist es natürlich schön, dass du bleiben darfst.« Sheyue schwieg. Qiuwen merkte selbst, dass sie zu weit gegangen war. »Ich mache dir ja keinen Vorwurf.« Sie faltete die Jacke, schüttelte sie wieder auf und brachte sie einfach nicht ordentlich zusammen. Plötzlich sagte sie: »Wenn ich fort bin, wer kämmt dem jungen Herrn dann morgens das Haar? Wer denkt an die Zeit für seine Arznei?« Sheyue sagte rasch: »Ich bin doch da.« Qiuwen wandte sich um, um die Bücher im Regal zu ordnen, doch ihre Hände rührten sich nicht.

Qixian lehnte am Türpfosten. »Die Alte Fürstin hat mich hierhergegeben«, sagte sie. »Ich bleibe eben hier und halte Wache.« Sie nahm ein weiches Tuch mit ausländischem Druckmuster und wischte den Pinselhalter und den Reibstein auf dem Schreibtisch ab, einen nach dem anderen. Weiter sagte sie nichts.

Nur Jiahui weinte nicht und machte auch keinen Lärm. Schweigend packte sie ihre Sachen: zwei alte Kleidungsstücke, einen kleinen Spiegel und ein Nähzeugtäschchen. Sie schlug alles in ein Stück indigoblauen, grob gewebten Baumwollstoff und knotete es zu einem viereckigen Bündel zusammen, das sich mit einer Hand tragen ließ. Die Leute ihrer Großmutter warteten schon draußen; auch aus der Liste der Ausgangsmarken war ihr Name bereits gestrichen. Als alles gepackt war, nahm sie ihr Bündel und ging zur Hoftür. Dort blieb sie plötzlich stehen, wandte den Kopf und blickte zu den westlichen Zimmern hinüber, in denen früher Xiaohong gewohnt hatte. Die Tür war zu, ein Stück Fensterpapier zerrissen. Nach diesem einen Blick wandte sie sich um und ging hinaus.

Am Seitentor schloss die Pförtnerin gerade auf, als ein junger Herr von der Familienschule herkam. Er trug ein schon abgetragenes Gewand aus blauem Baumwollstoff, mit einem Flicken am Ellbogen. Es war Jia Jun. Als er Jiahui sah, blieb er stehen und fragte: »Bist du nicht bei Onkel Pao? Wohin gehst du?«

Jiahui sagte: »Zu meiner Großmutter.«

Noch den Schlüssel in der Hand, drängte ihn die Pförtnerin: »Geht nur weiter, junger Herr. Hier bleibt man nicht stehen.«

Jia Jun achtete nicht auf sie und fragte Jiahui: »Ist jemand gekommen, dich abzuholen?«

»Ja«, sagte Jiahui.

»Na, dann ist es ja gut. Ein Stück begleite ich dich trotzdem«, sagte Jia Jun lachend und nahm ihr das Bündel aus der Hand. Jiahui wollte es hastig zurückholen, doch er gab es nicht her. Hinter ihnen rief die Pförtnerin: »Junger Herr Jun, junger Herr Jun! Wenn das Eure Mutter erfährt!« Er drehte sich nicht einmal um. Einer hinter dem anderen gingen sie durch das Seitentor. An der Straßenecke wartete tatsächlich jemand; erst jetzt gab Jia Jun ihr das Bündel zurück. Jiahui machte ihm einen tiefen Frauenknicks. »Geh nur«, sagte er. »Pass unterwegs gut auf dich auf.« Jiahui ging, ohne sich ein einziges Mal umzusehen. Jia Jun sah ihr nach, bis sie fort war; dann kehrte er zur Familienschule zurück.

Bihen wurde von ihren Eltern abgeholt, und kaum war sie draußen, wurde auch schon ihre Heirat vereinbart. Diesmal verringerte man überall im Hause die Zahl der Diener. Auch aus anderen Zimmern mussten einige gehen, darunter Chanjie aus Tanchuns Dienst. Doch davon sei hier nicht weiter die Rede.

Pao Yü kehrte in sein Zimmer zurück und ließ Qiuwen noch einmal zu sich kommen. Er zog ein Päckchen Silber aus der Schublade und drückte es ihr in die Hand. »Liebe Schwester, behalte es.« Qiuwen wollte es abwehren, doch dadurch wurde er nur noch dringlicher. »Meine allerliebste Schwester, nimm es doch!« Dann sagte er leise: »Wenn es dir später einmal schlecht geht, komm nur zu mir.« Erst jetzt nahm Qiuwen das Silber an, kniete nieder und schlug die Stirn auf den Boden. Als sie aufstand, war keine Träne auf ihrem Gesicht. Sie sagte nur: »Nun ist niemand mehr da, Euch die Kleider zu falten. Sagt Sheyue, dass sie es ordentlich machen soll.« Damit wandte sie sich um und ging.

Zwei Tage später dachte Pao Yü wieder an die Worte seiner Mutter: »Ich habe meine eigenen Pläne.« Er saß eine Weile vor seiner Truhe, fand aber keinen Ausweg.

Während er so bedrückt dasaß, kam Mingyan leise herein. »Fräulein Yun aus dem Hof des Brokatduftes hat jemanden geschickt. Sie habe Euch etwas Wichtiges zu sagen und müsse unbedingt selbst mit Euch sprechen.« Pao Yü nahm zum Vorwand, in einem Tempel vor der Stadt ein Gelübde erfüllen zu wollen, und ging allein mit Mingyan hinaus. Es war ein kleiner Tempel, in dem nur selten Räucherwerk brannte. Ein Windstoß ging vorüber, und die eisernen Windspiele an den Ecken der Halle klingelten eine Weile. Yun'er wartete schon vor dem Tempel. Nach der Begrüßung setzten sie sich unter die Veranda.

»Unsere Mama ist alt geworden und will in die Heimat zurück«, sagte Yun'er. »Sie will das Haus abgeben. Ich würde es gern selbst übernehmen, aber mir fehlt noch ziemlich viel Silber. Ich habe hin und her überlegt und weiß niemanden, den ich bitten könnte.« Dabei wurde sie rot. Dann fügte sie hinzu: »Wenn Euch das in Verlegenheit bringt, tut einfach, als hätte ich nichts gesagt.«

Pao Yü hörte zu, sagte aber nichts. Als Yun'er ihn so sah, fragte sie: »Habt Ihr etwas auf dem Herzen, junger Herr?« Pao Yü sagte: »Perle, die bei mir dient, soll auf Wunsch meiner Mutter hinaus und heiraten. Wem sie gegeben werden soll, weiß ich auch nicht.«

Yun'er lächelte. »Die gnädige Frau wird sie gewiss nicht schlecht versorgen. Aber wenn es um eine ordentliche Partie geht, fällt mir jemand ein. Qiguan hat sich in den letzten Jahren östlich der Stadt Land und ein Haus gekauft. Er lebt allein und ist noch immer unverheiratet. Damals beim jungen Herrn Feng trug er doch die Worte vor: ›Blütenduft umfängt den Menschen.‹ Ich war es noch, die damals aussprach, auf wen das passte.«

Pao Yü hob plötzlich den Kopf und klatschte in die Hände. »Natürlich! Wie konnte ich nur selbst das vergessen? Ich war es doch damals, der von seinem Haus in Zitanbao erzählt hat.« Dann sagte er: »Nur eines: Fragt man im anderen Herrenhaus noch nach ihm?«

Yun'er lachte. »Schon längst nicht mehr. Er hat seit Jahren sein eigenes Haus und Land und ist auch als eigener Haushalt eingetragen. Wer kümmert sich da noch um einen Schauspieler?«

Pao Yü lächelte. »Deine Bitte ist bewilligt. Ich habe ein goldenes Schiff aus dem Westen, das von selbst fährt, und einen goldenen Qilin. Die sollst du fürs Erste bekommen. Für Qiguan habe ich noch ein anderes Unterpfand. Mingyan wird dir alles zusammen bringen.«

Yun'er stand lächelnd auf. »Womit habe ich solche Güte verdient? Ich vergesse nicht, was ich Euch schulde. Sobald ich es habe, gebe ich es Euch bestimmt zurück.« Pao Yü lachte. »Was heißt hier zurückgeben? Wenn du die Sache mit Perle für mich gut zu Ende bringst, ist mir das mehr wert als alles andere.«

Zu Hause öffnete Pao Yü die Truhe und suchte eine scharlachrote Gürtelschärpe heraus. Er betrachtete sie eine Weile, nahm dann das goldene selbstfahrende Schiff aus dem Schaufachregal und den goldenen Qilin aus dem alten Beutel. Alles schlug er in ein Stück alte Seide und übergab es Mingyan, dem er noch ein paar Worte ins Ohr sagte. Mingyan verstand und ging leise davon.

Nach sieben oder acht Tagen kam Mingyan mit der Nachricht: »Herr Jiang hat ohne Weiteres zugesagt. Er sagte nur, ein solches Glück müsse er sich in mehreren Leben verdient haben. Der Tag ist auch schon gewählt: das Blumenfest, der zwölfte Tag des zweiten Monats.« Pao Yü hörte es, stutzte einen Augenblick und sagte nur: »Ich weiß Bescheid.« Auch Yun'er ließ durch Mingyan ausrichten, über das Schiff habe sie nicht eigenmächtig verfügen wollen; sie habe Jiang Yuhan gebeten, draußen einen Käufer dafür zu suchen.

Als Hua Zifang die Nachricht erhielt, kam er zu Frau Tschong, um ihr Bericht zu erstatten. Sie stellte ein paar Fragen nach Haus und Feldern der Familie Jiang und fragte dann, wer die Verbindung vermittelt habe. Hua Zifang sagte, es sei jemand, den er von außerhalb kenne. Frau Tschong schob zwei Perlen ihrer Gebetskette weiter und fragte nichts mehr. »Wenn es nun so ist, soll es eben so sein«, sagte sie nur.

Nachdem Hua Zifang fort war, kam Zhou Ruis Frau mit einem Bericht und fragte dabei: »Werden Perles zwei Tael Silber und die eine Schnur Kupfermünzen von diesem Monat an gestrichen?« »Ja, streicht sie«, sagte Frau Tschong beiläufig und nahm ihre Teeschale. Zhou Ruis Frau bejahte und wollte gehen, doch Frau Tschong stellte hastig die Schale ab und rief sie zurück. »Nein, lass nur. Es kommt ja von meinem eigenen Anteil und nicht aus der gemeinsamen Kasse. Zahlt es ihr bis einschließlich des zweiten Monats aus und gebt ihr alles mit.« Dann fügte sie hinzu: »Und ihren Kaufbrief auf Lebenszeit suchst du auch heraus. Wenn sie fortgeht, gib ihn ihrem Bruder. Von einer Ablösesumme braucht nicht die Rede zu sein.«

Wieder vergingen einige Tage, und der erste Monat ging zu Ende. Im Garten war Schnee gefallen. Auf allen gepflasterten Wegen lag eine weiße Schicht. Niemand fegte sie fort, und so ließ man sie einfach schmelzen.

Seit Perle von der Sache erfahren hatte, hatte sie weder geweint noch gelacht. Sie hatte nur das scharlachrote Brautgewand hervorgeholt, es einmal angesehen, wieder zusammengefaltet und weggelegt. Unten in der Truhe lagen eine pfirsichrote, mit Hermelin gefütterte Jacke aus Kesi-Seide mit dem Muster der hundert Knaben, eine Überjacke aus blauem Atlas mit grauem Eichhörnchenfell und ein wattierter Rock in Frühlingszwiebelgrün mit aufgelegten Goldfäden und bunter Stickerei. Das waren Geschenke der gnädigen Frau. Eine dunkelblaue Überjacke aus Kesi-Seide mit acht Medaillons und Steppenfuchspelz, ein scharlachroter Schneemantel aus feinem Wolltuch und ein scharlachroter Rock aus ausländischem Krepp mit Hermelinpelz stammten von der jungen Frau Phönix. Perle faltete ein Stück nach dem anderen auseinander, sah es an, legte es wieder zusammen und strich es ganz glatt. Von da an ordnete sie meist draußen ihre Sachen, solange Pao Yü im Zimmer war; erst wenn er fortging, kam sie herein. Einmal begegneten sie sich unter der Veranda. Pao Yü öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch Perle kam ihm rasch zuvor. »Die Arznei für den jungen Herrn ist noch nicht gekocht.« Damit ging sie zur Küche. Pao Yü blieb eine Weile stehen und begab sich dann ins innere Zimmer. Als Perle die Küche erreichte, war gar kein Wasser aufgesetzt. Sie blieb nur stehen und sah ins Feuer. Erst nach langer Zeit wischte sie sich mit dem Ärmel übers Gesicht. In diesen Tagen ging sie noch einmal alles durch, was im Hof der Roten Freude drinnen und draußen zu besorgen war. Die Ausgangsmarken, die Schlüssel und alles, was an den einzelnen Stellen zu übergeben war, ließ sie sich von jemandem auf eine Liste schreiben und gab diese Sheyue zur Verwahrung.

Sheyue nahm die Liste. Ihre Augen wurden rot, doch sie hielt an sich. »Wenn du nun gehst, Schwester, gehörst du zu den Leuten draußen.«

Perle wollte antworten, doch zuerst fielen ihr die Tränen aus den Augen. Hastig wischte sie sie mit dem Handrücken fort. »Was redest du von draußen und drinnen? Heute will ich dir nichts mehr verheimlichen: Als ich zuerst hörte, was für ein Mensch es sei, war mir schon ein paar Tage lang bang.«

Sheyue hob den Kopf und fragte leise nach: »Und jetzt?«

Darauf antwortete Perle nicht. Sie sagte nur: »Wir beide sind von klein auf beisammen gewesen. In all den Jahren sind nicht wenige gegangen. Schwester Meiren hat auch um diese Jahreszeit geheiratet, in eine ganz gewöhnliche Familie draußen. Seitdem haben wir nichts mehr von ihr gehört. Qianxue ist schon so viele Jahre fort, und ich weiß nicht, wo sie ist. Xiaohong ist immerhin zur jungen Frau Phönix gekommen und ist noch dort.« Dann sagte sie leiser: »Und Keren? Damals kam im Zimmer des jungen Herrn etwas weg. In jener Nacht hatte sie Dienst. Zweimal hat man sie befragt, und am nächsten Tag war sie nicht mehr da. Als später die Sache mit Liang'er herauskam, wer hat da noch ein Wort für sie gesagt? Jetzt ist sie dort, wo auch Jinchuan ist.«

Sheyue hörte zu, ohne einen Laut zu sagen.

Perle sagte: »So gesehen ist es mein Glück. Er hat Land und Besitz, ich werde nach ordentlicher Vermittlung als rechtmäßige Frau in sein Haus getragen, und der junge Herr hat mir noch all diese Ehre erwiesen.«

Sheyue senkte den Kopf und faltete die Liste zweimal. »Du hast recht, Schwester.«

Perle sah sie an und sagte dann: »Habt künftig ein wenig mehr Nachsicht mit dem jungen Herrn. Er ist ungeduldig; wenn du dazwischen bist, versuch nur, alles gut einzurichten. Wenn er nachts schläft, nimm ihm die Jade vom Hals, wickle sie in ein Taschentuch und schiebe sie unter die Matratze. Dann ist sie am nächsten Morgen nicht so eisig, wenn er sie wieder anlegt. Das steht nicht auf der Liste.« Sheyue legte die Liste in die Schublade und ging das Fenster schließen.

Eines Abends, als die Lampen angezündet wurden, kam Zixiao, um beim Einpacken der Kleider zu helfen. Der Docht hatte eine Blume angesetzt. Die Truhen standen halb offen. Auf der einen Seite waren die gefalteten Kleider ordentlich übereinandergelegt, die übrigen hingen noch über den Rand des Kang. Eine reichte sie der anderen, die sie einpackte. Als sie fertig waren, saß Perle im Lampenschein und hielt ein altes, handtellergroßes Kästchen aus Huanghuali-Holz mit feiner Schnitzerei. Auf den Deckel war ein Pflaumenzweig geschnitzt, so flach, dass die Linien beinahe abgerieben waren. Perle schob das Kästchen zu ihr hin. »Das ist für dich. Mach es auf und sieh hinein.«

Zixiao öffnete es. Darin lag tatsächlich ein Paar silberner Armreifen und darunter, in ein altes Stück weiche Seide geschlagen, einige Tael in kleinen Silberstücken. Hastig schob sie das Kästchen zurück und sah auf. »Schwester, das kann ich doch nicht annehmen.«

Perle legte rasch die Hand darauf und lächelte. »Nimm es nur. Deinen Anteil habe ich schon lange für dich aufbewahrt. Tanyuns Anteil liegt auch noch bei mir; sie hat ihn nicht mitgenommen, als sie ging.« Dann sagte sie: »Du brauchst keine Angst zu haben. Der junge Herr wird dich nicht fortjagen, und wenn deine Familie dich holt, wird er dich auch nicht mit Gewalt hierbehalten. Wenn du einmal zu deinen Eltern zurückgehst, lass dich von niemandem beschwatzen und weglocken. Wenn du hierbleibst, hör auf Schwester Sheyue. Und wenn du heiraten sollst, bitte jemanden, sich vorher genau zu erkundigen.«

Da fragte Zixiao leise: »Hat man, seit Schwester Tanyun fort ist, noch etwas von ihr gehört?« Perle antwortete nicht. Sie streckte nur die Hand aus, schloss sacht den Deckel und zog die Hand wieder zurück. Da keine Antwort kam, wagte Zixiao nicht weiterzufragen. Sie stand auf, das Kästchen an sich gedrückt, und sagte leise: »An deinem Hochzeitstag stehe ich bestimmt ganz früh auf, um dich zu verabschieden.« Perle nickte.

Im Nu war der Tag vor dem Blumenfest gekommen. Phönix hatte schon zwei Tage zuvor Bescheid bekommen. Zwar war sie krank, doch noch recht munter. Sie ließ Ping'er die Truhen öffnen und Stück für Stück durchzählen. Die Aussteuer füllte zwei Traglasten, lauter Truhen und Kästen. Die eine enthielt Seiden- und Atlasstoffe, Haarnadeln, Ringe und anderen Schmuck, Kleider für alle vier Jahreszeiten, Bettdecken und Matratzen; die andere die Dinge für den täglichen Gebrauch, dazu einige Tael in kleinen Silberstücken, zwei Ballen Baumwollstoff und ein Päckchen Nähzeug.

Als Ping'er beim Nähzeug angelangt war, brachte sie es herein und fragte: »Gnädige Frau, ist das nicht ein wenig knapp?«

Phönix lag seitlich auf dem Kang. »Nein. Leg noch einen Satz Nähringe und eine Schere dazu. Wenn man einen Haushalt führt, darf man am Nähzeug nicht sparen.« Sie hustete einmal und sagte dann: »Das kleine Spiegelkästchen mit den Perlmuttereinlagen kommt auch hinein. Sie wird Ehefrau, um ihren Haushalt zu führen, nicht um Prunk zu machen. Aber all diese einzelnen Dinge sind wichtiger als das Silber unten in der Truhe. Darauf sehen die Leute, nicht darauf, wie viele Kisten man hereinträgt.«

Ping'er fragte weiter: »Und die beiden silbernen Waschschüsseln? Sollen sie mit hinein?« Phönix lachte. »Ja. Wickle sie gut in Baumwollstoff. Wenn sie auf dem Weg verbeult werden, ist das kein Spaß.« Ping'er sagte: »Die schweren Sachen liegen alle unten, die leichten oben, und die beiden Lasten sind gleich schwer.« Phönix sagte: »Ich habe gehört, sein Hof sei klein. Wenn man sie vorne hineinträgt, kann man sich gar nicht drehen. Sag den Burschen, sie sollen hinten herumgehen.« Ping'er sagte ja.

Dann sagte sie: »Gnädige Frau, seine Zimmer sind erst neu hergerichtet. Vielleicht hat er noch nicht alles an Hausrat. Ich dachte, wir könnten noch zwei grobe Keramiktöpfe und ein paar Schalen und Essstäbchen dazugeben. Es kostet wenig, aber man braucht es, sobald man zur Tür hereinkommt. In der ersten Nacht an einem fremden Ort nicht einmal heißes Wasser auftreiben zu können, da weiß man doch nicht, wo einem der Kopf steht.« Phönix sah sie an und lächelte. »Du denkst ja noch an mehr als sie selbst.« Ping'er senkte den Kopf und schwieg. »Tu sie dazu«, sagte Phönix. »Geh und besorge es.«

Ping'er fragte auch nach der Sänfte. Phönix sagte: »Lasst draußen bei einem Sänftenverleiher eine neue kleine Sänfte mieten. Die Vorhänge sollen aus blauer Seide sein, nicht ganz neu, aber auch nicht alt, das Dach rot.« »Gnädige Frau«, sagte Ping'er, »es ist doch eine Hochzeit. Sollten da die Vorhänge nicht auch rot sein?« Phönix winkte ab. »Sie geht als Zofe aus unserem Haus. Das ist bei uns nicht dasselbe, als ob wir eine Tochter verheirateten. Ein rotes Dach genügt vollauf.« Sie fuhr fort: »Perle weiß, was sich gehört. Sie ist keine, die um Prunk streitet. Wem sollte sie den denn vorführen? Wenn die Ehre gewahrt ist, genügt das. Soll alles blühen und glänzen, bloß damit die Leute auf der Straße etwas zu sehen haben?« Dann bestimmte sie auch die Begleitung: jene beiden älteren Frauen für die Sänfte, jene vier Burschen zum Tragen der Truhen. Bis hin zu Fußtüchern und Handtüchern ordnete sie alles an.

Am Hochzeitstag fielen frühmorgens ein paar Tropfen feiner Regen, doch bald hörte es wieder auf. Perle war früher aufgestanden als alle anderen. Nachdem sie sich gewaschen und das Haar gerichtet hatte, zog sie den scharlachroten Phönixschwanzrock aus ausländischem Atlas an, auf den mit Gold- und Silberfäden hundert Schmetterlinge zwischen Blumen gestickt waren. Über den Kopf legte sie den scharlachroten Brautschleier aus Kesi-Seide mit dem Zeichen für Hochzeitsfreude. Pao Yü trug eine das Haar zusammenhaltende Krone aus grüner Jade, mit Edelsteinen besetzt und mit Blattgold verziert. Auf Brauenhöhe lag ein bunt besticktes Stirnband mit aufgelegten Goldfäden. Sein Gewand war aus mondweißem Atlas japanischer Art mit einem eingewebten Muster des doppelten Glückszeichens; an den Füßen trug er Stiefel mit dicken Sohlen aus dunkelblauem Atlas und geschorenem Samt mit dem Wan-Glücksmuster. Er stand unterhalb der Stufen neben einer Säule der Veranda.

Ping'er ließ melden, die Sänfte warte schon draußen vor dem zweiten Tor. Gestützt von zwei alten Frauen, denen das volle Familienglück beschieden war, ging Perle durch das runde Mondtor des Hofes der Roten Freude. Zuerst machte sie ihren Kotau vor der Alten Fürstin und Frau Tschong. Frau Tschong gab ihr noch zwei Kleidungsstücke und sagte nur: »Führe draußen ein gutes Leben.« Auch Hua Zifang wartete vor dem zweiten Tor, um die Sänfte zu begleiten. Pao Yü, Sheyue und die anderen waren inzwischen auf der Innenseite des Tores angekommen. Phönix kam ebenfalls, auf eine kleine Zofe gestützt, und blieb daneben stehen. Perle wandte sich um, schob die Hände der beiden alten Frauen beiseite und trat vor Pao Yü. Auf den blaugrauen Steinplatten kniete sie gerade und aufrecht nieder und schlug dreimal hörbar mit der Stirn auf. Pao Yü wollte sie hastig aufrichten, doch sie war schon selbst aufgestanden. Unter ihrem Schleier stand sie reglos da.

Erst nach langer Zeit sagte sie mit bebender Stimme: »Junger Herr.« Auch Pao Yü konnte vor Schluchzen kaum sprechen. Er senkte den Kopf. »Sag es.« Doch Perle sagte nichts mehr. Sie stand noch eine Weile da, dann sagte sie plötzlich: »Damals, als ich sagte, ich wolle mich freikaufen lassen und heimgehen, habt Ihr so lange geweint.« Pao Yü öffnete den Mund, brachte aber schließlich kein Wort heraus. Neben ihnen drängte eine der alten Frauen: »Mein liebes Mädchen, wir versäumen noch die Stunde.«

Da wandte sich Perle der kleinen Sänfte zu. Kaum hatte sie einen Fuß hineingesetzt, hielt sie plötzlich inne. Ohne sich umzudrehen, sagte sie nur schluchzend: »Junger Herr, lasst Sheyue auf jeden Fall bei Euch.«

Pao Yü nickte nur heftig. Phönix stand einige Schritte abseits und hatte jedes Wort deutlich gehört. Sie sah Sheyue an, wandte sich dann um und rief den Dienerinnen zu: »Es ist Zeit. Hebt die Sänfte!«

Perle stieg ein. Eine kurze Kette Knallkörper wurde abgebrannt, doch Musik gab es nicht. Vier Träger hoben die kleine Sänfte und trugen sie zum Seitentor hinaus. Draußen drängten sich einige ältere Frauen, die zusahen und die Zungen wetzten. »Das ist Fräulein Perle, die bei unserem jungen Herrn Pao dient«, sagte eine. Eine andere lachte. »Sie heiratet einen Schauspieler.« Die erste zischte ihr zu, sie solle still sein. Eine daneben zählte nur die Truhen. »Zwei Lasten.« »Zwei Lasten sind auch nicht wenig«, sagte wieder eine andere. Die erste lachte. »Was verstehst du davon? Man muss sehen, was drin ist. In dieser Last da ist ein Spiegelkästchen mit Perlmuttereinlagen. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen.« Die andere lachte. »Erzähl nicht solchen Unsinn. Wann warst du denn jemals im Zimmer der jungen Herrin?« Da wurde die erste rot. »Ich muss doch nicht ins Zimmer gehen! Darf ich etwa nicht hinsehen, wenn die Kisten unmittelbar vor meiner Nase vorbeigetragen werden?« Alle lachten. Eine unter ihnen schnaubte. »Was ist das schon? Bei der Nebenfrau im Westflügel ist in diesen Tagen erst etwas los. Alle paar Tage kommt jemand zu Besuch. Wer weiß, was sie da treiben.« Eine Frau neben ihr zupfte sie hastig am Arm. Plötzlich kam Zhou Ruis Frau aus dem Tor, und alle zerstreuten sich. Die Truhen folgten der Sänfte, je zwei Burschen an einer. Auch das sah noch ganz ordentlich aus.

Phönix blieb auf der Innenseite des zweiten Tores noch eine Weile stehen, dann kehrte sie in ihre Zimmer zurück. Ping'er folgte ihr und sah, dass sie sich mit einer Hand auf die Tischkante stützte. Hastig fragte sie: »Was fehlt Euch, gnädige Frau?« Phönix winkte ab, rang eine Weile nach Atem und sagte: »Es ist nichts.« Dann fügte sie hinzu: »Vergleich die Liste der Truhen noch einmal. Es darf ihr nichts fehlen.« Damit ging sie ins innere Zimmer. Ping'er wagte nicht weiterzufragen.

Perles kleine Sänfte wurde zunächst zum Haus Hua Zifangs getragen. Vor dessen Tür wartete schon die Hochzeitssänfte der Familie Jiang. Unter Bläser- und Trommelklang ging es dann nach Zitanbao, zwanzig Li östlich der Stadt. Auch bei den Jiang herrschte an diesem Tag reges Treiben. Es gab einige frisch hergerichtete, ziegelgedeckte Zimmer; im Hof war ein buntes Festzelt aufgeschlagen, und an der Tür klebte rotes Papier. Am Fuß der Mauer lag noch ein halber Stapel unbenutzter neuer Ziegel unter einer alten Matte. Die meisten Gratulanten waren frühere Gefährten aus der Schauspieltruppe und einige Nachbarn aus der Umgebung. Feng Ziying war schon früh gekommen, in gewöhnlicher Alltagskleidung. Im Hof scherzte und plauderte er mit den Bläsern und Küchenleuten, lächelte jeden an und spielte sich nicht auf. Mingyan lief ein und aus, kümmerte sich um den Wein und die Sänftenträger. Man nötigte ihm zwei Becher auf, bis ihm das Gesicht rot wurde und alle lachten. So ging das geschäftige Treiben weiter, bis die Sonne nach Westen sank. Beim Abschied nahm Feng Ziying Jiang Yuhans Hand und sagte lächelnd: »Führt ein gutes Leben miteinander.« Dann stieg er aufs Pferd und ritt davon. Vom Hochzeitsmahl und allem Übrigen sei hier nicht weiter die Rede.

Am Abend, als die Gäste fort waren, blieben nur noch die beiden im Zimmer. Auf einer Ecke des Tisches standen die zusätzlich mitgegebenen groben Schalen und Essstäbchen, noch nicht ganz vom roten Papier befreit; die silbernen Waschschüsseln lehnten, noch in Baumwollstoff gewickelt, an der Wand. Die Fenster waren frisch mit Papier bespannt. Im Lampenschein sah man noch einige Kleisterspuren. Jiang Yuhan zog etwas aus dem Gewand und breitete es unter der Lampe aus: eine scharlachrote Gürtelschärpe. Lächelnd sagte er: »Mit der hat der junge Herr die Ehe vermittelt. Sie gehörte ursprünglich mir. Damals beim jungen Herrn Feng habe ich sie vom Leib genommen und ihm geschenkt. Dass sie nach all den Jahren wieder zu mir zurückfinden würde!«

Perle sah die Schärpe an, nahm sie auf und wendete sie. Noch nach diesen Jahren war ein Hauch von Duft daran. Sie legte sie wieder hin. Während sie noch hinsah, bemerkte sie plötzlich ein Stück eines Bandes, das Jiang Yuhan um die Taille trug. Es war kiefernblütengrün und vom Waschen ganz blass geworden. Perle deutete darauf. »Woher hast du dieses?« Jiang Yuhan sagte: »Das hat der junge Herr am selben Tag losgebunden und mir gegeben. Ich trage es schon all diese Jahre.«

Perle schwieg, streckte die Hand aus und befühlte es. »Das gehörte ursprünglich mir.«

Jiang Yuhan stutzte und sah sie an. Perle sagte: »Damals hat der junge Herr es genommen und weggegeben. Ich habe es sogar von ihm zurückverlangt. Er sagte, er werde mir eines dafür geben, aber dazu ist es nie gekommen.«

Jiang Yuhan löste auch diese Schärpe von seiner Taille und legte sie neben die scharlachrote unter die Lampe. Eine rot, eine grün. Perle sah sie eine Weile an, dann lachte sie plötzlich auf. »Dann haben die beiden Bänder also vor uns geheiratet. Wir kommen erst hinterher.« Auch Jiang Yuhan lachte. »Das ist einmal ein neuer Gedanke.« Er legte beide zusammen in ein kleines Kästchen und schloss es ab.

Kehren wir zum Rong-Haus zurück. Es wurde Abend, doch im Hof der Roten Freude waren die Lampen noch nicht angezündet. Der Blütenapfelbaum im Hof war noch immer zur Hälfte abgestorben. Sheyue saß auf einem Schemel im äußeren Zimmer und versuchte, beim letzten Licht vom Fenster einen Faden durch eine Nadel zu ziehen. Mehrmals versuchte sie es und verfehlte doch immer das Öhr. Auf ihren Knien lag ein mondweißer Strumpf aus gemusterter Seide, den sie für Pao Yü neu begonnen hatte; erst die halbe Ferse war zusammengenäht. Pao Yü saß im inneren Zimmer, ohne Licht zu machen, und sah nur die wenigen Dinge auf dem Tisch an: einen Kamm, einen Satz Seidenfäden zum Entfernen der Gesichtshärchen und ein stoffbezogenes Körbchen mit schmaler Paspel. Alles war schon lange in Gebrauch. Er nahm den alten Kamm und hielt ihn in der Hand. Dann hob er plötzlich den Kopf und rief: »Sheyue.«

Sheyue kam rasch aus dem äußeren Zimmer herein. »Was ist, junger Herr?«

»Zünde die Lampe an«, sagte Pao Yü. Sheyue tat es.

Pao Yü sah den leeren Schrank an und sang, wie es ihm gerade einfiel:

Nie vergess ich, wie du mir beim Lampenschein die Ärmel nähst.

Dein frühes »Lass dich kämmen« am Kissen könnt ich endlos hören.

Dir sag ich: »Geh nur froh hinaus und schau nicht mehr zurück«,

ich selber wein und weine, will und will nicht aufhörn.

Mögt ihr euch lieben und behüten, bis euch beiden das Haar weiß wird;

gib nichts auf meinen müßigen Gram, auf Kummer ohne Grund.

Ach, das Kleid noch auf dem Leib, der Kamm noch in der Hand;

kaum ruf ich »liebe Schwester«, da verstumm ich plötzlich wieder.

Als er zu Ende gesungen hatte, sagte er vor sich hin: »Ich weiß auch nicht, was ich da rede.« Dann saß er nur reglos da. Sheyue stand neben der Lampe. Bei den Worten »liebe Schwester« hatte die Nadel in ihrer Hand stillgehalten; gleich darauf legte sie sie leise auf den Tisch. Plötzlich prustete sie los. »Du großer Affe, fällt dir denn nichts anderes ein?« Auch Pao Yü konnte das Lachen nicht zurückhalten. Er hob die Augen, sah Sheyue im Spiegel an und sagte: »Wenn ich ein großer Affe bin, muss die daneben doch ein kleiner Affe sein.«

Die beiden hatten erst eine kurze Weile gelacht, da kam eine kleine Zofe hereingelaufen. »Junger Herr, die gnädige Frau lässt sagen: Der Herr hat eben gefragt, welche Bücher Ihr in diesen Tagen gelesen habt. Morgen sollt Ihr zu ihm kommen und ihm darüber Auskunft geben.« Als Pao Yü das hörte, warf er den Kamm hin, den er noch in der Hand hielt, und saß wie erstarrt da.

Was Pao Yü am nächsten Tag antworten wird, das erfährt man im nächsten Kapitel.

Zu dieser Ausgabe

Die Namen knüpfen, soweit durch die Projektbelege gestützt, an die deutsche Lesertradition um Franz Kuhn an. Die Fortsetzung selbst wird ungekürzt aus Han Qins chinesischem Text übersetzt; Dialoge, Verse und Ungewissheiten bleiben erhalten.