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Non Dubito

SAE liest Spinozas Ethik · 09

Die Augen des Geistes sind die Beweise

Der Winkelmesser misst dieses eine Dreieck auf dem Papier. Wie lässt ein Beweis den Geist sehen?

Han Qin ·

Der menschliche Geist kann nicht zusammen mit dem Körper vollständig zerstört werden. Etwas von ihm bleibt, und das ist ewig. So lautet der dreiundzwanzigste Lehrsatz des fünften Teils.

Der Beweis besteht aus drei Sätzen. In Gott gibt es notwendig einen Begriff oder eine Idee, die das Wesen des menschlichen Körpers ausdrückt und deshalb notwendig etwas zum Wesen des menschlichen Geistes Gehöriges ist. Eine durch Zeit bestimmbare Dauer schreiben wir dem Geist nur zu, sofern er die wirkliche Existenz des Körpers ausdrückt, also nur während der Fortdauer des Körpers. Jenes Etwas wird aber durch Gottes Wesen selbst in einer gewissen ewigen Notwendigkeit begriffen; deshalb muss dieses zum Wesen des Geistes Gehörige ewig sein.

Wir fühlen und erfahren es

Die Anmerkung setzt bei dieser Idee an. Wie bereits gesagt, drückt sie das Wesen des Körpers unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit aus; sie ist ein bestimmter, zum Wesen des Geistes gehörender Modus des Denkens und notwendig ewig. Dann nennt Spinoza etwas Unmögliches: Wir können uns nicht daran erinnern, vor dem Körper existiert zu haben. Denn der Körper kann keine Spur einer solchen Existenz enthalten, und Ewigkeit lässt sich weder durch Zeit bestimmen noch überhaupt auf Zeit beziehen.

Dennoch, schreibt er, fühlen und erfahren wir, dass wir ewig sind.

Wieso sich das fühlen nennen lässt, erläutert er sofort: Was der Geist durch Verstehen begreift, fühlt er nicht weniger als das, woran er sich erinnert. Denn die Augen, mit denen der Geist Dinge sieht und beobachtet, sind die Beweise selbst.

Siebenmal ist in diesem Buch von Augen die Rede. Die anderen sechs Stellen meinen körperliche Augen: Menschen träumen mit offenen Augen; Sonnenlicht trifft auf Wasser und wird in unsere Augen zurückgeworfen. Von Augen des Geistes spricht nur diese eine Stelle.

Der Winkelmesser

In der Schule haben wir die Innenwinkel eines Dreiecks gemessen. Addiert ergaben sie manchmal 179 Grad, manchmal 181. Die Skala ließ sich nicht ganz genau ablesen, und die Linien auf dem Papier hatten eine gewisse Dicke. Später lernten wir den Beweis: Durch einen Eckpunkt zieht man eine Parallele zur gegenüberliegenden Seite.

Der Winkelmesser misst dieses eine Dreieck auf dem Papier.

Was die Zeit nicht bestimmt

Die Anmerkung fährt mit einem Deshalb fort: Obwohl wir uns nicht erinnern, vor dem Körper existiert zu haben, fühlen wir, dass unser Geist ewig ist, insofern er das Wesen des Körpers unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit enthält. Eine solche Existenz lässt sich nicht durch Zeit bestimmen oder durch Dauer erklären.

Immer wieder kommt die Anmerkung auf die Zeit zurück. Einerseits kann sie die Ewigkeit nicht bestimmen; andererseits wird die zeitlich bestimmbare Dauer an die wirkliche Existenz des Körpers gebunden.

Zum Schluss

Von einer Fortdauer des Geistes und einer durch eine bestimmte Zeitspanne bestimmbaren Existenz kann nur die Rede sein, sofern er die wirkliche Existenz des Körpers enthält. Im selben Satz fährt Spinoza fort:

„Nur insofern hat er auch die Macht, die Existenz der Dinge durch Zeit zu bestimmen und sie als fortdauernd zu begreifen.“

Freiwillige SAE-Randbemerkung

Bevor die erste SAE-Kritik für einige ihrer Annahmen eine symbolische Darstellung entwickelt, hält sie fest: Formalisierung erhöht nicht deren Status. Etwas in Zeichen zu schreiben macht es nicht schon besser begründet. Spinoza spricht in der Anmerkung nicht von einer Schreibweise, sondern davon, womit der Geist sieht: mit Beweisen. Das ist eine Randbemerkung, kein Beweis.

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Textfassung und Quellen

Dieser vollständige deutsche Leseressay ist eigenständig nach dem chinesischen Text geschrieben. Die vorhandene englische Fassung ist ebenfalls unabhängig verfasst; beide chinesischen Schriftfassungen sind vollständig. Die fünf lateinischen Transkriptionen dienen dem Nachlesen der Stellen und der angegebenen Prüfung von Wortformen im ganzen Buch. Spinozas Ewigkeit wird von zeitlicher Dauer und persönlicher Erinnerung getrennt. Die Passagen werden für diese Reihe wiedergegeben, ohne den Wortlaut einer modernen Übersetzung zu übernehmen.

Hinweise zu Text und Ausgabe

Die Hauptstellen sind Lehrsatz 23 des fünften Teils und seine Anmerkung. Ewigkeit wird hier von zeitlicher Fortdauer und von einer persönlichen Erinnerung vor dem Körper unterschieden. Daraus wird nicht eigenmächtig ein zeitlich unbegrenztes Weiterleben der Seele gemacht.

Die sieben Augenstellen wurden anhand der lateinischen Wortformen mit ocul- in allen fünf Teilen überprüft. Eine genaue Gruppierung der Vorkommen des Wortes Zeit wird nicht als Argument verwendet. Erhalten bleibt die tatsächlich wiederkehrende Unterscheidung von Ewigkeit und Dauer.