SAE liest Spinozas Ethik · 08
Wenn ich mich recht erinnere
Beim Befragen anderer kennzeichnet Spinoza auch zwei Grenzen seiner eigenen Darstellung: Erinnerung und Vermutung.
Die Affekte hängen ganz von unserem Willen ab; wir können sie vollständig beherrschen. Nach Spinozas Darstellung glaubten dies die Stoiker.
In der Vorrede des fünften Teils kündigt Spinoza an, von der Macht der Vernunft und davon zu handeln, was sie gegenüber den Affekten vermag. Zugleich erinnert er daran, dass wir die Affekte nicht unbeschränkt beherrschen; das sei bereits bewiesen. Sogar die Stoiker hätten zugestehen müssen, dass viel Übung und Anstrengung nötig seien, um sie zu zügeln und zu mäßigen. Dazu gezwungen habe sie die widersprechende Erfahrung, nicht ihre eigenen Grundsätze. Mit dem eigenen Vorbehalt „wenn ich mich recht erinnere“ berichtet Spinoza, jemand habe dies an zwei Hunden zeigen wollen: einem Haushund und einem Jagdhund. Nach entsprechender Übung habe sich der Haushund ans Jagen gewöhnt, der Jagdhund dagegen daran, dem Hasen nicht mehr nachzulaufen.
Soweit ich es erschließen kann
Descartes habe diese Auffassung sehr unterstützt. Spinoza gibt dessen Überlegungen ausführlich wieder und nennt als Quelle den ersten Teil der Leidenschaften der Seele. Demnach sei der Geist hauptsächlich mit einem Teil des Gehirns verbunden, der kleinen sogenannten Zirbeldrüse. Durch bloßes Wollen könne er sie verschieden bewegen. Jede ihrer Bewegungen scheine von Geburt an mit einem bestimmten Gedanken verbunden zu sein; durch Gewöhnung lasse sie sich aber auch mit anderen Gedanken verbinden. Daraus schließe Descartes, auch die schwächste Seele könne bei guter Anleitung eine unbeschränkte Herrschaft über ihre Leidenschaften erlangen.
Nach dieser Darstellung sagt Spinoza sinngemäß: „Das ist die Auffassung dieses ausgezeichneten Mannes, soweit ich sie aus seinen eigenen Worten erschließen kann. Wäre sie nicht so scharfsinnig, würde ich kaum glauben, dass sie von einem so großen Mann stammt.“
Dann bringt er sein Erstaunen zum Ausdruck: Ein Philosoph, der sich fest vorgenommen habe, nur aus selbstevidenten Grundsätzen zu folgern und nur klar und deutlich Wahrgenommenes zu behaupten, habe wiederholt den Scholastikern vorgeworfen, Dunkles durch verborgene Eigenschaften erklären zu wollen. Nun verwende er selbst eine Annahme, die verborgener sei als jede verborgene Eigenschaft.
Ich möchte fragen
„Was versteht er unter der Verbindung von Geist und Körper?“, fragt Spinoza. „Welchen klaren und deutlichen Begriff hat er davon, dass ein Gedanke mit einem kleinen räumlichen Teilchen so eng verbunden ist? Ich wünschte, er erklärte diese Verbindung aus ihrer nächsten Ursache. Aber er hat Geist und Körper so weit voneinander getrennt begriffen, dass er weder für die Verbindung noch für den Geist selbst eine einzelne Ursache angeben kann. Deshalb muss er auf die Ursache des ganzen Universums zurückgreifen, auf Gott.“
„Ferner möchte ich wissen, wie viel Bewegung der Geist der Drüse mitteilen und mit welcher Kraft er sie schwebend halten kann. Ich weiß nämlich nicht, ob sie durch den Geist langsamer oder schneller gedreht wird als durch die Lebensgeister. Hinzu kommt: Die inmitten des Gehirns befindliche Drüse ist nicht so angeordnet, dass sie sich derart leicht und vielfältig drehen ließe; auch führen nicht sämtliche Nerven bis in die Hirnkammern. Schließlich übergehe ich seine Behauptungen über den Willen und dessen Freiheit, weil ich ihre Falschheit bereits mehr als ausreichend gezeigt habe.“
Für die erste Frage nimmt er Descartes’ eigenen Vorsatz zum Maßstab. Bei der Wiedergabe anderer lässt er sich selbst an zwei Stellen einen Vorbehalt: einmal „wenn ich mich recht erinnere“, einmal „soweit ich es aus seinen eigenen Worten erschließen kann“.
In einer Besprechung
Jemand nennt eine Zahl. Ein anderer widerspricht: „Wenn ich mich recht erinnere, waren es im vergangenen Quartal dreihundertzwanzig.“
Seine Berichtigung stützt sich auf sein Gedächtnis. Das hat er ganz nebenbei mitgesagt.
Zum Schluss
Im Folgenden will Spinoza die Heilmittel gegen die Affekte allein aus der Erkenntnis des Geistes bestimmen:
„Ich glaube, alle haben dies erfahren, ohne es genau beobachtet und deutlich gesehen zu haben.“
Freiwillige SAE-Randbemerkung
Die erste SAE-Kritik fragt, wer den Fragenden befragt, und antwortet: Dieselbe Regel gilt auch für die eigene Prüfung; für sich selbst gibt es keine Ausnahme. Sie erklärt dies zugleich zu einer gewählten Vorgehensweise, nicht zum erschöpfend bewiesenen einzigen Ausweg. Die vorliegende Lesereihe hat diese Stelle schon im ersten Essay zu SAE und Boethius’ Trost der Philosophie verwendet. In dieser Vorrede stellt Spinoza die Fragen. Bei seinen eigenen Wiedergaben sagt er zweimal ausdrücklich, worauf er sich stützt: auf Erinnerung und auf eine Vermutung. Das ist eine Randbemerkung, kein Beweis.
Die zugehörige SAE-Reihe lesenTextfassung und Quellen
Dieser vollständige deutsche Leseressay ist eigenständig nach dem chinesischen Text geschrieben. Die englische Fassung ist ebenfalls unabhängig verfasst; beide chinesischen Schriftfassungen sind vollständig. Die verlinkte lateinische Transkription dient der Überprüfung. Die Darstellungen der Stoiker und Descartes’ werden als Spinozas Wiedergaben und Einwände gelesen. Seine ausdrücklichen Vorbehalte zur Erinnerung und Vermutung bleiben erhalten; das Hundebeispiel wird nicht als unabhängig verifiziertes historisches Experiment ausgegeben.
Hinweise zu Text und Ausgabe
Die Stelle ist die Vorrede des fünften Teils. Was über die Stoiker und Descartes gesagt wird, bleibt Spinozas Darstellung und Kritik an dieser Stelle und wird nicht zu einer erschöpfenden Einführung in deren Denken erklärt.
Die Geschichte von den beiden Hunden wird mit Spinozas Erinnerungsvorbehalt gelesen. Sie wird nicht als unabhängig bestätigtes historisches Experiment weitererzählt.