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Meißel-Konstrukt-Zyklus · US-Präsidenten
Essay 14 von 26

Essay 14: McKinley und der Spanisch-Amerikanische Krieg – Wie das Imperium zur Verfassungsfrage wurde

Wie das Imperium zur Verfassungsfrage wurde

Han Qin (秦汉) · 2026
In diesem Essay

I. Zwei Fronten desselben Rests

Am Ende des vorigen Essays hieß es, dieses politische Gefüge werde sich nun einer Wirtschaftsmacht stellen müssen, die in seinem Bauplan nicht vorgesehen war. Was die Jahre unter McKinley strukturell auszeichnet, ist, dass diese Auseinandersetzung an zwei Fronten zugleich stattfindet. Und geht man ihnen auf den Grund, zeigen sich an beiden Fronten zwei Gesichter desselben Rests.

Die erste Front liegt im Inneren. Unter dem Druck der Industrialisierung und einer restriktiven Geldpolitik versuchen Bauern, die Silberbergbauregionen, Schuldner und ein Teil der Arbeiterschaft, ihre an den Rand gedrängten Interessen in den Institutionen dieses Gefüges unterzubringen. Sie bilden einen Rest, für den die bestehende Ordnung keinen Platz hat. Mit der People's Party, der Volkspartei, und der Wahl von 1896 erreicht dieser Kampf seinen Höhepunkt. Die zweite Front liegt jenseits der Landesgrenzen. Der Krieg von 1898 und die anschließenden Regelungen treiben die Vereinigten Staaten von einer kontinentalen Republik zu einem überseeischen Imperium. Das neue Problem lautet dabei nicht, ob Amerika expandiert hat. Es lautet: Wie rechtfertigt ein Gemeinwesen, das sich auf Gleichheit und die Zustimmung der Regierten gründet, seine Herrschaft über Gebiete, deren Bevölkerung weder gleiche Rechte genießt noch ihrer Eingliederung zugestimmt hat?

Die strukturelle Pointe dieses Essays lässt sich in einem Satz fassen: 1896 zeigt, wie das Gefüge gesellschaftliche Forderungen im Inneren aufnimmt oder niederhält; die Jahre von 1898 bis 1901 zeigen, wie es eine zunächst außenpolitische Frage des Imperiums zu seiner eigenen Verfassungsfrage macht. Das ist keine Abstraktion aus der bequemen Rückschau. Schon die Zeitgenossen sahen den Widerspruch deutlich. Die Antiimperialisten beriefen sich ausdrücklich auf die universalistische Sprache der Unabhängigkeitserklärung, um eine amerikanische Herrschaft in Übersee zu bekämpfen, die ohne die Zustimmung der Regierten auskam.

Im Zusammenhang dieser Reihe wird die gemeinsame Wurzel beider Fronten sichtbar. Der tiefste Rest, dem wir hier nachgehen, ist die Kluft zwischen dem Versprechen, alle Menschen seien gleich und die rechtmäßige Gewalt einer Regierung beruhe auf der Zustimmung der Regierten, und den tatsächlichen Formen von Ausschluss und Herrschaft. Im Inland verlangen Menschen, die von wirtschaftlicher Macht an den Rand gedrängt werden, Aufnahme in die Ordnung. In Übersee stehen Menschen unter amerikanischer Herrschaft, ohne ihr als Gleiche anzugehören. Der alte Rest an der Grenze dieses Gefüges, dem wir in früheren Essays von der Sklaverei bis zum Ausschluss der Chinesen begegnet sind, trägt nun ein neues Gesicht: das der überseeischen Kolonien.

Bisher hat sich der Rest, den diese Reihe verfolgt, meist nacheinander entlang verschiedener Achsen entfaltet: Rasse, Klasse. Das Besondere an den Jahren unter McKinley ist, dass derselbe Rest fast im selben Augenblick in zwei völlig verschiedenen Gestalten hervorbricht, einer inneren und einer äußeren. Im Inneren verlangen die von wirtschaftlicher Macht Bedrängten, dass das Gefüge sie umfassender aufnimmt. In Übersee wollen die von ihm Beherrschten gerade nicht auf diese Weise aufgenommen werden. Die einen verlangen mehr Einbeziehung, die anderen verweigern diese Einbeziehung. Die Bewegungen laufen genau entgegengesetzt, doch sie stellen dieselbe Frage: Soll der Universalismus, zu dem sich dieses Gefüge bekennt, für die Menschen gelten, mit denen es tatsächlich zu tun hat? Und wenn ja, wie soll er eingelöst werden?

II. Der Populismus und die Wahl von 1896

Den Populismus des späten 19. Jahrhunderts muss man zunächst aus den konkreten Programmen der People's Party und der Bauernbündnisse verstehen. Die heute übliche, weitgehend beliebig gewordene Rede vom Aufstand gegen das Establishment hilft hier wenig. Das Omaha-Programm der People's Party von 1892 richtete sich nicht bloß mit vagen Vorwürfen gegen die Eliten des Ostens. Es enthielt einen ganzen Katalog konkreter institutioneller Forderungen: eine sichere, solide und elastische Landeswährung, ausgegeben von der Bundesregierung; die freie und unbegrenzte Prägung von Gold und Silber im Verhältnis von sechzehn Gewichtsteilen Silber zu einem Gewichtsteil Gold; eine progressive Einkommensteuer; Eisenbahnen in staatlichem Eigentum und unter staatlicher Betriebsführung. Die ergänzenden Resolutionen befürworteten zudem ausdrücklich die Direktwahl der US-Senatoren.

Die Wahl von 1896 brachte diese Forderungen auf den Höhepunkt ihrer nationalen politischen Geltung. Auf ihrem Parteitag in Chicago schwenkten die Demokraten auf die freie Silberprägung ein. William Jennings Bryan versetzte die Versammlung mit seiner Rede vom Goldenen Kreuz in Aufruhr. Ihr berühmtester Satz lautete: „Ihr dürft die Menschheit nicht an ein Kreuz aus Gold schlagen.“ Entscheidend war nicht nur die Wucht dieser Rhetorik. Bryan machte aus der Geldfrage eine moralische und gesellschaftliche Frage. Der Goldstandard erschien nun nicht mehr bloß als technische Regelung des Finanzwesens, sondern als eine Ordnung, die den Arbeitenden eine Dornenkrone auf die Stirn drückte.

Doch 1896 lässt sich nicht auf den dürren Satz bringen, der Goldstandard habe die freie Silberprägung besiegt. Genauer wird das Bild, wenn man zwei Entwicklungen nebeneinanderstellt. Zum einen rückte Bryan die Forderungen der Bauern, Schuldner und Silberbergbauregionen ins Zentrum der nationalen Politik. Zum anderen baute McKinley unter der Regie von Mark Hanna ein Bündnis auf, das die Städte des Nordens, Industriearbeiter sowie Handel und Finanzwelt breiter erreichte. Seine Angebote waren Schutzzölle, die Aussicht auf Stabilität durch den Goldstandard und das Versprechen von Ordnung und Arbeitsplätzen. Die Republikaner sammelten rund vier Millionen Dollar und steckten das Geld in gewaltige Mengen an Propagandamaterial und ein landesweites Organisationsnetz. McKinley gewann mit 271 Wahlmännerstimmen und 51,1 Prozent der Wählerstimmen.

Die People's Party verlor nach 1896 rasch an Bedeutung. Ihre Themen verschwanden deshalb noch lange nicht. Mindestens eine ihrer Kernforderungen wurde später ausdrücklich institutionell verankert: Die Direktwahl der Senatoren, eine der schriftlich festgehaltenen Forderungen des Omaha-Programms, wurde 1913 mit dem 17. Verfassungszusatz verwirklicht. Auch die weiter reichenden Anliegen der Partei, mehr demokratische Mitwirkung und stärkere öffentliche Kontrolle über Eisenbahnen und Finanzmacht, gingen in unterschiedlichen Formen in die progressive Ära ein. 1896 bloß als eine mit Geld gekaufte Wahl zu erklären, ist ein langlebiges, aber allzu schlichtes Missverständnis. Der an den Rand gedrängte Rest gewann diese Wahl nicht. Beseitigt war er damit ebenso wenig. Seine Forderungen blieben als Liste unerledigter Aufgaben für die spätere progressive Ära liegen.

III. Von der Kubakrise zum Krieg gegen Spanien

Die unmittelbare Krise, die zum Spanisch-Amerikanischen Krieg führte, kam aus Kuba. 1895 brach dort erneut ein Aufstand gegen Spanien aus. Spanien schickte Weyler, um ihn niederzuschlagen. Dessen groß angelegte Politik der zwangsweisen Zusammenführung der Bevölkerung in abgesperrten Gebieten, die sogenannte Reconcentración, führte zu einer schweren humanitären Katastrophe. Die amerikanischen Medien, vor allem die Zeitungen von Pulitzer und Hearst, rückten die Grausamkeit der spanischen Herrschaft unablässig ins Rampenlicht, einmal wahrheitsgetreu, ein andermal übertrieben. Diese Sensationspresse, der „Yellow Journalism“, prägte das öffentliche Klima durchaus. Die heutige Forschung wendet sich aber meist dagegen, sie zur alleinigen Kriegsursache zu erklären. Sie schuf Zustimmung zum Krieg und eine aufgeheizte, dramatische Atmosphäre. Den bereits bestehenden politischen Konflikt zwischen den Vereinigten Staaten und Spanien erfand sie nicht aus dem Nichts.

McKinley drängte vor dem Krieg keineswegs von Anfang an auf eine militärische Auseinandersetzung. Nach Unruhen in Havanna im Januar 1898 schickte er die Maine in den Hafen der Stadt, um amerikanische Bürger und Interessen zu schützen und den Kriegslärm zu dämpfen. Am 15. Februar 1898 explodierte das Schiff im Hafen von Havanna und sank; 266 Offiziere und Mannschaftsangehörige kamen ums Leben. Die amerikanische Presse und kriegerisch gesinnte Politiker machten daraus sofort den Mobilisierungsruf: „Denkt an die Maine!“ Was die neueren Untersuchungen betrifft, kam die 1976 unter Rickovers Leitung durchgeführte technische Analyse zu dem Schluss, es gebe keinen technischen Nachweis für eine Explosion von außen; die vorhandenen Befunde passten eher zu einer Explosion im Inneren. Eine neue Modellierung von 1998 hielt dagegen eine äußere Explosion wieder für wahrscheinlicher. Präzise muss man also sagen: Insgesamt stützt die neuere Forschung die damalige Erzählung von einem spanischen Angriff weniger, doch ein endgültig gesichertes Urteil liegt nicht vor.

In seiner Kriegsbotschaft an den Kongress vom 11. April begründete McKinley ein amerikanisches Eingreifen mit humanitären Erwägungen. Er sprach von einer bewaffneten Intervention, die einem dringenden Gebot der Menschlichkeit folge. Das gehörte zu den wichtigsten rhetorischen Figuren des Jahres 1898: Öffentlich wurde der Krieg als humanitärer Eingriff zur Wiederherstellung der Ordnung präsentiert. Seine Folgen reichten jedoch bis zu Gebietserwerbungen, Garnisonen in Übersee und kolonialer Verwaltung. Wer diesen Krieg verstehen will, muss die Kluft zwischen beidem sehen. Die erklärte Begründung hieß Menschlichkeit. Das tatsächliche Ergebnis hieß Imperium.

IV. Ein kurzer Krieg und die Geburt eines überseeischen Imperiums

Der Spanisch-Amerikanische Krieg selbst dauerte nur sehr kurz. John Hay nannte ihn einen „herrlichen kleinen Krieg“. Die erste große Schlacht fand am 1. Mai 1898 in der Bucht von Manila statt. Deweys Asiengeschwader besiegte die spanische Marine. Anschließend landeten amerikanische Truppen auf Kuba, isolierten die dortigen spanischen Verbände und schlugen sie.

Was die institutionelle Stellung der Vereinigten Staaten wirklich veränderte, waren nicht die Heldentaten auf dem Schlachtfeld, sondern die Regelungen, mit denen der Krieg abgeschlossen wurde. Im Pariser Vertrag von 1898 verzichtete Spanien auf seine Souveränität über Kuba. Puerto Rico und die übrigen spanischen Inseln in Westindien sowie Guam wurden an die Vereinigten Staaten abgetreten; auch die Philippinen gingen an sie über. Die Vereinigten Staaten zahlten Spanien zwanzig Millionen Dollar. Im selben Jahr annektierten sie außerdem Hawaii durch eine gemeinsame Resolution beider Kongresskammern. Betrachtet man Kuba, Puerto Rico, Guam, die Philippinen und Hawaii zusammen in diesem einen Jahr, wird deutlich: 1898 war nicht bloß ein einzelner Krieg. Es war der institutionelle Wendepunkt einer amerikanischen Expansion in zwei Richtungen zugleich, in den Pazifik und in die Karibik.

Die Expansion nach Übersee verschob zugleich, fast nebenbei, die Machtverhältnisse im Inneren des Gefüges. Im vergoldeten Zeitalter waren die Präsidenten vergleichsweise schwach gewesen; Kongress und Parteimaschinen hatten den Ton angegeben. Ein Krieg gegen eine auswärtige Macht und ein überseeisches Imperium boten nun den denkbar besten Boden für einen erneuten Aufstieg der Präsidentschaft. Den Krieg musste der Präsident als Oberbefehlshaber führen, die überseeischen Gebiete musste die Exekutive verwalten. Auch das Kräftemessen mit den Großmächten und die Verhandlung von Verträgen bündelten Macht beinahe von selbst im Weißen Haus. McKinley annektierte Hawaii mittels einer gemeinsamen Resolution, führte das Land mit einer Kriegsbotschaft in den Krieg und regelte in den Verhandlungen über den Pariser Vertrag das Schicksal mehrerer großer Besitzungen. Die Exekutive konnte diese Vorgänge besonders energisch vorantreiben; dennoch blieben die gesetzliche Ermächtigung und die Kriegserklärung Sache des Kongresses, und der Vertrag bedurfte der Zustimmung des Senats. Die Geburt des Imperiums und die Wiedererstarkung der Präsidentschaft waren zwei Seiten desselben Prozesses.

An Kuba lässt sich besonders gut zeigen, wie weit formale Unabhängigkeit und tatsächliche Kontrolle auseinanderliegen können. Das Teller Amendment von 1898 erklärte in der Resolution zum Krieg gegen Spanien ausdrücklich, die Vereinigten Staaten beabsichtigten nicht, über Kuba Souveränität, Hoheitsgewalt oder Kontrolle auszuüben, außer soweit dies zur Befriedung nötig sei. Sobald diese erreicht sei, wollten sie die Regierung der Insel ihrem Volk überlassen. Das Platt Amendment von 1901 verlangte dagegen von Kuba, ein amerikanisches Interventionsrecht in seine inneren Angelegenheiten anzuerkennen: zur Wahrung der kubanischen Unabhängigkeit und zum Schutz von Leben, Eigentum und persönlicher Freiheit. Zudem sollte Kuba den Vereinigten Staaten den Erwerb von Marinestützpunkten und Kohlestationen gestatten. Diese Texte sind deshalb so wichtig, weil sie die Kluft zwischen dem amerikanischen Universalismus nach außen und der tatsächlichen Kontrolle in einer Folge von Gesetzes- und Vertragsbestimmungen unmissverständlich sichtbar machen. Das Teller Amendment steht für das universalistische Versprechen, das Platt Amendment für die reale Kontrolle. Die Entfernung zwischen beiden ist die überseeische Gestalt des Rests.

V. Der Krieg auf den Philippinen

Die Philippinen sind der Teil dieses Essays, über den man am wenigsten leichthin hinweggehen darf. Die philippinischen Revolutionäre sahen 1898 in den Vereinigten Staaten keine neue Kolonialmacht, sondern eine Kraft, die helfen könnte, die spanische Herrschaft zu beenden. Als am 4. Februar 1899 der bewaffnete Konflikt zwischen Amerikanern und Filipinos ausbrach, suchten die Nationalisten unter Aguinaldo die Unabhängigkeit. Sie wollten nicht bloß den Kolonialherrn wechseln.

Der Krieg lässt sich grob in zwei Phasen unterteilen. Von Februar bis November 1899 versuchte die philippinische Seite, einen konventionellen Krieg zu führen. Bei Ausrüstung, Versorgung und Kontrolle der Seewege war sie jedoch unterlegen. In der zweiten Phase ging sie zum Guerillakrieg über, der bis zu Aguinaldos Gefangennahme 1901 anhielt und danach in einzelnen Regionen noch bis 1902 weiterging. In der damaligen offiziellen amerikanischen Darstellung hieß das Geschehen meist „Aufstand“. Schon diese Wortwahl setzte voraus, dass die Philippinen keine gleichrangige Kriegspartei waren, sondern dass sich dort Rebellen gegen eine bereits bestehende amerikanische Hoheitsgewalt erhoben.

Bei den Gräueltaten und den Methoden der Unterdrückung verbietet es sich heute, die alten beschönigenden Darstellungen fortzuschreiben. Auch heutige offizielle Darstellungen räumen ausdrücklich ein, dass amerikanische Truppen zeitweise Dörfer niederbrannten, die Zivilbevölkerung zwangsweise in Lagern zusammenführten und mutmaßliche Guerillakämpfer folterten. Die sogenannte „Wasserkur“ gilt dabei als eine Foltermethode, die schon damals nahezu einhellig als Verstoß gegen das Kriegsrecht anerkannt war. Sie steht zusammen mit dem Niederbrennen von Dörfern und Städten, den Zwangslagern und Vergeltungsmaßnahmen gegen unschuldige Geiseln im Zentrum der Auseinandersetzung um diesen Krieg.

Bei den Opferzahlen muss ausdrücklich gesagt werden, dass es sich um Schätzungen handelt und dass sie stark auseinandergehen. Häufig genannt werden mehr als 4.200 tote amerikanische Soldaten, über 20.000 tote philippinische Kämpfer und bis zu 200.000 philippinische Zivilisten, die an Gewalt, Hunger und Krankheiten starben. John M. Gates schätzte 1981, die Gesamtzahl der mit dem Krieg zusammenhängenden Todesfälle in den Jahren 1898 bis 1903 könne bis zu etwa 321.000 betragen, einschließlich der von ihm einbezogenen Choleratoten von 1902. Innerhalb unseres Deutungsrahmens ist die Bedeutung dieses Krieges klar. Als der Rest an der überseeischen Grenze, jene von Amerika beherrschten Menschen, die nicht kolonisiert werden wollten, Widerstand leistete, antwortete das Gefüge strukturell so, wie es einst auf den Widerstand der Schwarzen im Süden geantwortet hatte: mit gewaltsamer Unterdrückung. Ein Gemeinwesen, das sich auf die Zustimmung der Regierten gründete, beherrschte mit Waffengewalt Menschen, die ausdrücklich Nein gesagt hatten. Nackter und schärfer konnte der Widerspruch kaum hervortreten.

VI. Die Gegenwehr der Antiimperialisten

Doch in der Frage der Philippinen war Amerika keineswegs ein monolithischer Block. Rasch bildete sich eine Antiimperialistische Liga, zu deren Mitgliedern Andrew Carnegie, Mark Twain, William James und Samuel Gompers gehörten. Ihr Programm von 1899 benannte das Problem mit aller Deutlichkeit: Imperialismus sei freiheitsfeindlich; die rechtmäßige Gewalt einer Regierung entspringe der Zustimmung der Regierten; und bei der Frage, für wen dieser Grundsatz gelte, dürfe es keine Unterscheidung nach Rasse oder Hautfarbe geben. William James sagte unverblümt, Amerika habe die Unabhängigkeitserklärung und Washingtons Abschiedsrede „wieder ausgespien“.

Entscheidend ist, dass die Antiimperialisten sich dabei nicht auf eine fremde Ideologie beriefen. Sie stellten das imperiale Handeln Amerikas vor das Gericht seines eigenen Gründungsuniversalismus. Genau hier knüpft das Argument an eine verborgene Linie dieser Reihe an. In früheren Essays war davon die Rede: Das Versprechen der Unabhängigkeitserklärung, alle Menschen seien gleich und die rechtmäßige Gewalt einer Regierung beruhe auf der Zustimmung der Regierten, war vom Tag seiner Niederschrift an unerfüllt. Doch sobald es niedergeschrieben war, stand es als dauerhafter Maßstab zur Verfügung, als ein Lineal, das jeder zur Hand nehmen konnte, um das Handeln dieses Gefüges zu vermessen. Die Abolitionisten hatten damit die Sklaverei gemessen, Richter Harlan die Rassentrennung. Nun legten die Antiimperialisten es an das überseeische Imperium an.

Hier liegt beinahe so etwas wie der verborgene Kern der ganzen Reihe: Warum geht die Rechnung mit diesem Rest niemals auf? Das Gefüge hat in seine Gründungsdokumente ein Versprechen geschrieben, das es selbst nie vollständig eingelöst hat und auch nicht vollständig einlösen kann. Es sagt, alle Menschen seien gleich, und versklavt Schwarze, schließt Chinesen aus, beherrscht abhängige Gebiete. Es sagt, die Gewalt einer Regierung beruhe auf der Zustimmung der Regierten, und regiert mit Waffen Menschen, die ausdrücklich nicht zugestimmt haben. Die Kluft zwischen Versprechen und Handeln ließe sich grundsätzlich auf zwei Wegen schließen: Man löst das Versprechen wirklich ein, oder man nimmt es kurzerhand zurück. Dieses Gefüge hat weder das eine noch das andere getan, und es kann auch keines von beiden tun. Es ist nicht imstande, das „Alle Menschen sind gleich“ tatsächlich einzulösen. Aber es wagt auch nicht, oder genauer: Es vermag nicht, diesen Satz öffentlich aus seinen Gründungsdokumenten zu streichen. So bleibt das Versprechen stehen, ein Lineal, das niemals rostet. Darin liegt der tiefste Grund, weshalb die Rechnung mit dem Rest nicht aufgeht: Er steht schon auf der Geburtsurkunde dieses Gefüges.

VII. Folgt die Verfassung der Flagge? Die Inselentscheidungen

Nach 1898 stellte sich rasch eine neue Frage: Folgt die Verfassung der Flagge? Genauer: Genossen die Bewohner der neu erworbenen Gebiete, insbesondere Puerto Ricos, der Philippinen und Guams, automatisch den vollen Schutz der Verfassung und den gleichen politischen Status? Das war kein abstraktes juristisches Gedankenspiel. Davon hing ab, ob sich ein Imperium innerhalb der amerikanischen Verfassungsordnung überhaupt unterbringen ließ.

Die Insular Cases von 1901, die sogenannten Inselentscheidungen, waren eine Reihe von Verfahren. Das wichtigste war Downes v. Bidwell. Das Urteil spiegelte jedoch ein tief gespaltenes Gericht wider und verkündete keineswegs einen einzigen, einfachen Grundsatz. Richter Brown schrieb in seiner Urteilsbegründung, Puerto Rico sei ein Gebiet, das den Vereinigten Staaten zugeordnet sei und ihnen gehöre, im Sinne der Steuerklausel aber keinen Teil der Vereinigten Staaten bilde. In derselben Begründung war in der unverblümten Sprache jener Zeit von „fremden Rassen“ die Rede und davon, dass eine Regierung nach angelsächsischen Grundsätzen für eine gewisse Zeit unmöglich sein könne. Richter White entwickelte die Doktrin der territorialen Inkorporation: Sie unterschied zwischen eingegliederten und nicht eingegliederten Gebieten. In Letzteren galten nicht automatisch sämtliche Bestimmungen der Verfassung.

Das Gefüge stand vor einem Rest, den es nicht wirklich aufnehmen konnte: den Menschen in seinen überseeischen Besitzungen. Hätte es sie vollständig einbezogen und ihnen gleichberechtigte Staatsbürgerschaft gewährt, hätte sich das Imperium kaum aufrechterhalten lassen. Sie ganz loszulassen und aus den Gebieten abzuziehen, war es wiederum nicht bereit. Also löste es den Widerspruch nicht auf, sondern erfand eine rechtliche Vorrichtung, um ihn in der Schwebe zu halten. Die Doktrin der territorialen Inkorporation erlaubte es den Vereinigten Staaten, zugleich Souveränität über diese Gebiete zu beanspruchen, ihre Märkte und Kriegshäfen zu kontrollieren und ihre gleichberechtigte Einbeziehung aufzuschieben oder sogar zu verweigern. Der Rest wurde in einem Zwischenzustand abgestellt: zu Amerika gehörig, aber kein Teil Amerikas. Weder aufgenommen noch freigegeben.

Gerade diese dritte Reaktionsweise, das In-der-Schwebe-Halten, verrät besonders viel über die Natur des Gefüges. Es kann den Rest ins Zentrum vorrücken lassen oder an den Rand zurückdrängen. Nun hat es auch gelernt, Vorrichtungen zu erfinden, mit denen er auf unbestimmte Zeit in der Schwebe bleibt. Aber auch in der Schwebe geht die Rechnung nicht auf. Der Widerspruch ist nach wie vor da; fürs Erste ist er nur in Rechtssprache eingewickelt. „Gehört zu den Vereinigten Staaten, ist aber kein Teil der Vereinigten Staaten“: Diese widersprüchliche Formulierung ist das perfekte Exemplar einer solchen Ausflucht. Ein grammatisch glatter und logisch verrenkter Satz verkleidet eine Frage, auf die es gar keine Antwort gibt, als eine Frage, die längst beantwortet wäre.

VIII. Schluss

Ordnet man die Jahre unter McKinley in diese Reihe ein, sollte vor allem der Gedanke haften bleiben, der den ganzen Essay durchzieht: Derselbe Rest tritt in diesen Jahren an zwei Fronten zugleich hervor.

An der inneren Front findet der Rest, den Industriekapitalismus und restriktive Geldpolitik an den Rand gedrängt haben, in der People's Party und der Wahl von 1896 seinen stärksten politischen Ausdruck. Die Antwort des Gefüges fällt doppelt aus: Bei der Wahl schlägt es die freie Silberprägung, doch in der anschließenden progressiven Ära nimmt es nach und nach einen beträchtlichen Teil der Forderungen auf. Der bedrängte Rest hat weder gewonnen noch ist er verschwunden. Er bleibt als unerledigte Liste für die Zukunft zurück. An der äußeren Front macht der Krieg von 1898 aus der zunächst außenpolitischen Frage des Imperiums eine Verfassungsfrage im Inneren des Gefüges. Und dessen Antwort, die Inselentscheidungen, löst den Widerspruch nicht auf. Sie erfindet eine Vorrichtung, um ihn in der Schwebe zu halten.

Der Krieg auf den Philippinen zeigt: Wenn der Rest in Übersee sich erhebt, greift das Gefüge ebenso zur gewaltsamen Unterdrückung wie gegenüber dem Rest im eigenen Land. Die Antiimperialistische Liga zeigt dagegen, dass der Universalismus der Gründung als dauerhafter Maßstab immer wieder zur Hand genommen wird, um die Abweichungen des Gefüges von seinen eigenen Grundsätzen zu messen und zu verurteilen.

Damit führt all dies auch zur Absage an den Fatalismus zurück. Die Jahre 1898 bis 1901 waren nicht der eine Augenblick, in dem Amerika sich plötzlich selbst verriet. Präziser gesagt: In ihnen trat verdichtet hervor, wie sein Universalismus und seine Ausschließungspraxis immer schon gleichzeitig am Werk gewesen waren. Seit seiner Gründung hatte dieses Gefüge die Gleichheit aller Menschen universalistisch festgeschrieben und zugleich in der Praxis immer wieder Schwarze, indigene Völker, Chinesen und nun auch die Bevölkerung seiner überseeischen Besitzungen ausgeschlossen. Das Imperium von 1898 schuf keinen gänzlich neuen Verrat an den eigenen Grundsätzen. Es legte die seit jeher bestehende Spannung zwischen Ideal und Wirklichkeit in Gestalt überseeischer Kolonialherrschaft auf besonders grelle Weise bloß. Und auch das Gründungsversprechen blieb dort stehen. Es wartete darauf, dass eine Generation nach der anderen es zur Hand nahm und maß, wie weit dieses Gefüge noch von seinen eigenen Idealen entfernt war.

Eigenständige deutsche Neufassung auf Grundlage des chinesischen Arguments. 中文・English