Non DubitoEssays in the Self-as-an-End Tradition
← Shinsekai Yori – Aus der neuen Welt: fünf Essays
4 / 5

Ich bin ein Mensch

Han Qin (秦汉) · Deutsche Neufassung · 2026-10-09

Über diese Ausgabe

Zur Ausgabe: Eigenständige deutsche Neufassung des chinesischen Originals. Die Originalseite bietet Fassungen in vereinfachten und traditionellen chinesischen Schriftzeichen.

Eine Gerichtsverhandlung. Auf der Anklagebank sitzt Yakomaru. Er hat gerade einen Krieg gegen die Menschen geführt und dabei zahllose Bewohner der Siedlung getötet. Man führt ihn vor, erhebt Anklage und fordert ihn auf, sich zu äußern.

Er wiederholt immer denselben Satz: „Wir sind keine Bakenezumi. Wir sind Menschen.“

Das Gericht lacht ihn aus. Dann verurteilt es ihn zur Unendlichen Hölle.

Was er getan hat

Zunächst ist alles aufzuzählen, was er getan hat. Nichts darf fehlen. Über viele Jahre bereitet er sich vor. Er vergrößert die Raubfliegen-Kolonie so weit, dass sie sich mit der Riesenhornissen-Kolonie messen kann. Er führt neue Technik ein, verbessert die Waffen und bildet Truppen aus.

Er beginnt Kriege, zunächst gegen andere Bakenezumi. Er verleibt sich fremde Kolonien ein. Dann greift er die Menschen an.

Seine entscheidende Waffe ist ein Kind, das die Siedlungsbewohner einen „Dämon“ nennen. Was dieses Mädchen anrichtet, steht dem Wüten eines Akki in nichts nach. Es ist aber kein von selbst entstandener Akki, wie ihn die alten Aufzeichnungen beschreiben. Das Kind wurde von Bakenezumi großgezogen. Für das Mädchen gehören Bakenezumi zur eigenen Art, Menschen dagegen nicht. Angriffshemmung und Todesrückkopplung schützen die Bewohner deshalb nicht.

Mit diesem Kind tötet Yakomaru eine große Zahl von Menschen. Die Siedlung wird in Trümmer gelegt, die Toten zählen nach Tausenden. Am Ende scheitert er, wird gefangen genommen und vor Gericht gestellt.

Die stärksten Gründe für seine Seite

Nun müssen seine Gründe auf den Tisch, und zwar in ihrer stärksten Form. Er hat herausgefunden, was Bakenezumi sind. Er weiß, dass man sein Volk aus dem Menschsein herausgezüchtet hat, damit Menschen es töten können. Er weiß, dass man sie tausend Jahre lang herumkommandierte, beseitigte und als Werkzeuge benutzte. Und dass all dies auf menschlicher Seite rechtmäßig war.

Er weiß auch, dass sich diese Ordnung nicht von selbst ändern wird. Eine Veränderung wäre nur möglich, wenn die Menschen anerkennen würden, dass Bakenezumi ihrer eigenen Art angehören. Ihre gesamte Gesellschaftsstruktur beruht aber auf dem Gegenteil. Mit einer solchen Anerkennung würde der eingebaute Mechanismus die Gesellschaft augenblicklich blockieren. Also bleibt ihm kein anderer Weg.

Von seinem Platz aus gibt es den Vorgang „Beschwerde einlegen“ nicht. Das zuständige System prüft als Erstes, ob er überhaupt beschwerdeberechtigt ist. Das Ergebnis dieser Prüfung steht längst fest.

Die Begründung ist lückenlos. Die Serie lässt sie auch von niemandem widerlegen. Und sie enthält noch etwas: Er kämpft nicht bloß für die Interessen der Bakenezumi. Er verlangt, dass die Gesellschaft eine Tatsache anerkennt. Diese Tatsache stimmt. Er erfindet nichts. Er fordert nur, das Wort wieder auf alle anzuwenden, die eigentlich darunter fallen müssten.

Was er außerdem getan hat

Hier setzt mein Urteil an. Woher stammt der „Dämon“, über den Yakomaru verfügt? Maria und Mamoru, zwei von Sakis Gefährten, sind aus der Siedlung geflohen. Sie leben draußen und bekommen ein Kind. Yakomaru tötet die beiden und nimmt das Kind mit.

Dann zieht er es groß. Das Mädchen wächst unter Bakenezumi auf, lernt, sie als die eigene Art zu sehen und Menschen für etwas anderes zu halten. Yakomaru tut das, um eine Waffe zu erhalten. Er beginnt bei einem Säugling und macht im Lauf von mehr als zehn Jahren aus einem Menschen ein Werkzeug.

Dieser Vorgang hat dieselbe Form wie das, was die Siedlung den Bakenezumi angetan hat. Dort verändert man die Körper einer Gruppe von Menschen, damit sie aus dem Begriff „eigene Art“ herausfallen. Yakomaru verändert die Wahrnehmung eines Kindes, damit für dieses Kind eine andere Gruppe von Menschen nicht mehr zur eigenen Art gehört. Beide Seiten verschieben dieselbe Grenze: die Grenze des Begriffs.

Einmal wird verändert, wer erkannt werden soll. Einmal wird verändert, wer erkennt. Das Ergebnis ist gleich. Was der Mechanismus zuvor verhindert hätte, kann er nun nicht mehr verhindern.

Sein eigenes Volk

Dabei bleibt es nicht. Den Krieg führt Yakomaru mit dem Leben der Bakenezumi. Er schickt seine eigenen Leute scharenweise vor, um die Cantus-Kraft der Menschen zu erschöpfen, um Deckung zu geben, um zu sterben. Die Bakenezumi, die er losschickt, kennen den Gesamtplan nicht.

Ein Mann erhebt sich dagegen, dass sein Volk als Werkzeug behandelt wird. Beim Organisieren dieser Erhebung behandelt er sein Volk selbst als Material. Es geht hier nicht darum, dass er böse geworden wäre. Dies ist die Form, die eine Organisation von selbst annimmt, während sie ein solches Vorhaben betreibt.

Die Serie kommentiert das nicht. Sie lässt die Ereignisse eines nach dem anderen geschehen und führt ihn anschließend vor Gericht.

Damit scheint jeder Ausweg versperrt. Tut er es nicht, fehlt ihm die Macht. Tut er es, wird er zu einer neuen Version dessen, was er niederreißen will. Die Serie bietet keinen dritten Weg an. Sie behauptet auch nicht, dass es einen gibt.

Die Unendliche Hölle

Das Urteil lautet Unendliche Hölle. Kein Todesurteil. Cantus hält den Verurteilten am Leben und sorgt dafür, dass seine Schmerzen nicht enden. Der Tod bleibt ihm als Ausweg verwehrt.

Dass man diese Strafe vollstrecken kann, hat eine Voraussetzung. An einem Menschen wäre sie nicht vollziehbar; die Todesrückkopplung würde eingreifen. An einem Bakenezumi geht es.

Die Logik, die über ihn urteilt, ist dieselbe, die ihn hervorgebracht hat.

Er steht vor Gericht und sagt: „Ich bin ein Mensch.“ Würde man diesen Satz anerkennen, ließe sich das Urteil nicht vollstrecken. Die Menschen im Gericht würden sterben, sobald sie Hand an ihn legten. Deshalb kann der Satz keine Anerkennung finden. Er ist keine Behauptung, über die sich ergebnisoffen reden ließe. Er benennt eine Voraussetzung, die, wenn sie gilt, allen Anwesenden die Vollstreckung unmöglich macht. Das Gericht erledigt den Satz durch Gelächter.

Dieser Satz

Kehren wir zum Schluss noch einmal zu ihm zurück: „Wir sind keine Bakenezumi. Wir sind Menschen.“

Schon in dem Augenblick, in dem er ausgesprochen wird, ist der Satz wahr. Das Publikum erfährt es in der letzten Folge: Die Chromosomenzahl stimmt überein. Vor Gericht jedoch ist der Satz lächerlich. Das Urteil wird vollstreckt.

Ein wahrer Satz kann in einem voll funktionsfähigen Gericht, das Verfahren befolgt und aus gewissenhaften Menschen besteht, zu einem Witz gemacht werden, ohne dass auch nur einer lügen muss. Es genügt, dass die Einordnung, von der dieser Satz abhängt, schon tausend Jahre zuvor vorgenommen wurde.

Yakomarus Verbrechen können „Wir sind Menschen“ nicht unwahr machen. Umgekehrt kann die Wahrheit des Satzes die von ihm verursachten Tode nicht rückgängig machen. Die Serie lässt beide Tatsachen im Gerichtssaal stehen. Sie lassen sich nicht gegeneinander aufrechnen.

Schon vor dem Prozess hat Saki dieselbe Logik der Einordnung benutzt, um das Kind aufzuhalten. Damit ihr Plan aufgeht, braucht sie einen Freiwilligen, den man außerhalb des Begriffs „Mensch“ angesiedelt hat.