Über diese Ausgabe
Zur Ausgabe: Eigenständige deutsche Neufassung des chinesischen Originals. Die Originalseite bietet Fassungen in vereinfachten und traditionellen chinesischen Schriftzeichen.
In dieser Welt leben Wesen namens Bakenezumi. Sie gehen aufrecht, sprechen, benutzen Werkzeuge und haben eine gesellschaftliche Ordnung. Sie leben in verschiedenen Kolonien, jede mit einer Königin, einer Rangordnung und einem Heer.
Sie führen Kriege. Für diese Kriege gelten Regeln, die Menschen aufgestellt haben, eine von außen gesetzte Ordnung für ihre Auseinandersetzungen. Menschen überwachen auch ihre Einhaltung.
Die Bakenezumi nennen die Menschen Götter. Das ist keine Metapher. So lautet das Wort in ihrer Sprache, und entsprechend handeln sie: Sie werfen sich vor ihnen nieder, entrichten Tribut und nehmen deren Urteil als letzte Entscheidung an. Außerdem erledigen sie für die Menschen Dinge, zu denen diese selbst nicht imstande sind.
Was Menschen nicht tun können
Dieser letzte Satz braucht Raum, denn mit ihm beginnt das eigentliche Thema. Warum brauchen die Menschen dafür Bakenezumi? Wegen der Todesrückkopplung. Wie bereits erläutert, setzt sie eine bestimmte Einordnung voraus: Das Gegenüber muss zur eigenen Art gehören. Springt sie an, stirbt der Angreifer selbst.
Damit fällt in der Siedlung eine ganze Klasse von Handlungen für Menschen aus: alles, was einen Angriff auf ihresgleichen einschließt. Doch irgendjemand muss diese Arbeiten erledigen, das Beseitigen, das Aufräumen, das Erledigen dessen, was nach einer Schlacht noch zu tun bleibt, und vieles mehr. Die Bakenezumi übernehmen sie. Der Mechanismus bindet sie nicht. Sie sind ja keine Menschen.
Die letzte Enthüllung
In der letzten Folge untersucht Saki im Amt für fremde Arten die Bakenezumi. Satoru bringt ihr die Ergebnisse einer genetischen Analyse. Der Bericht widerlegt, was in der Siedlung seit tausend Jahren als gesichert gilt: Bakenezumi haben genauso viele Chromosomen wie Menschen.
Die plausibelste Erklärung lautet: Man hat sie geschaffen. Man hat Menschen ohne Cantus Gene von Nacktmullen eingesetzt und sie dadurch umgestaltet.
Wozu? Weil die Todesrückkopplung Menschen mit Cantus daran hinderte, Menschen ohne Cantus zu töten. Der Mechanismus schützte die eigene Art, und Menschen ohne diese Kraft gehörten dazu. Diejenigen, die über Cantus verfügten, konnten sie deshalb nicht beseitigen.
Also veränderten sie etwas.
Sie veränderten nicht den Mechanismus
Hier liegt das Urteil dieses Essays. Wer vor dem Problem steht „Ich kann sie nicht töten“, hat zwei Möglichkeiten. Er könnte den Mechanismus umbauen, bestimmte Ausnahmen schaffen oder einen Schalter einfügen. Doch dieser Weg ist versperrt. Der Mechanismus gehört zum Körper; ihn zu verändern hieße, das Fundament des ganzen Systems abzutragen. Und dieses System ermöglicht überhaupt erst den Fortbestand der Gesellschaft.
Der zweite Weg lautet: Den Mechanismus unangetastet lassen und ändern, wer unter den Begriff „eigene Art“ fällt. Diesen Weg wählten sie.
Ein Teil der Menschen wurde aus dem Begriff ausgeschlossen. Ganz körperlich: Man führte die Gene einer anderen Spezies ein, veränderte Aussehen und Körperbau, bis diese Menschen nicht mehr wie ihresgleichen aussahen, klangen oder rochen.
Sie umgingen den Mechanismus nicht. Sie sorgten dafür, dass bestimmte Menschen ihn nicht mehr auslösten. Das Vorhaben gelang, und zwar gründlich.
Tausend Jahre später wird die Sache auf menschlicher Seite nicht einmal mehr verheimlicht. Sie ist vergessen. Die Bewohner der Siedlung verbergen die Herkunft der Bakenezumi nicht; sie wissen tatsächlich nichts davon. Im Lehrbuch steht, dass Bakenezumi eine Tierart sind. Wenn die Ausschüsse über sie beraten, sprechen sie die Sprache der Tierverwaltung. Und alle meinen es ehrlich.
Was gründlich genug vollzogen wurde, muss nicht länger verborgen werden.
Danach ist alles rechtmäßig
Das ist der am schwersten zu verdauende Punkt dieses Essays. Nachdem man die Bakenezumi geschaffen hat, ist alles, was Menschen mit ihnen tun, rechtmäßig: sie herumkommandieren, beseitigen, als Streitmacht einsetzen, auf ihre Kriege wetten, ganze Kolonien auslöschen. Für alles gibt es Verfahren und Akten, Beratungen in Ausschüssen und Sitzungsprotokolle.
Gegen keine dieser Verfahrensregeln wird verstoßen. Die Regeln schützen von Anfang bis Ende nur Angehörige der eigenen Art. Bakenezumi gehören nicht dazu.
Ein Regelwerk kann vollständig, streng und bis ins Letzte gewissenhaft angewandt werden und zugleich für eine ganze Gruppe von Menschen wirkungslos bleiben. Es genügt, dass diese Gruppe außerhalb seines Geltungsbereichs liegt.
Dafür muss niemand das Gesetz brechen, korrupt sein oder böse Absichten haben. Es genügt, dass irgendwann in ferner Vergangenheit ein einziges Mal die Grenze festgelegt wurde.
Kiroumaru und Yakomaru
Zwei Bakenezumi treten besonders hervor. Kiroumaru ist der Heerführer der Riesenhornissen-Kolonie. Er ist stark, kampferfahren und hält sich an Regeln. Sein Verhältnis zu den Menschen ist kompliziert: Er schmeichelt ihnen nicht, lehnt sich aber auch nicht gegen sie auf. Saki und Satoru sind ihm mehrfach begegnet. Er hat ihnen das Leben gerettet.
Ein Detail lässt die Serie nicht aus: Auch ihm ist die Herrschaft der Menschen unangenehm. Er versucht nur, in seiner Lage so zu leben, wie es ihm möglich ist.
Yakomaru, auch als Squealer bekannt, vertritt die Raubfliegen-Kolonie vor den Menschen. Seine Unterwürfigkeit ist geradezu beklemmend. Sobald er einen Menschen sieht, wirft er sich zu Boden; er redet so ehrerbietig, dass es unbehaglich wird. Zugleich ist er redegewandt, blitzgescheit und bereit, für seine Ziele jedes Mittel einzusetzen. Saki und Satoru misstrauen ihm schon früh.
Die beiden zeigen zwei Antworten auf dieselbe Lage. Der eine bleibt innerhalb der Regeln. Der andere drängt durch ihre Lücken vorwärts. Doch die Lage ist für beide dieselbe: Keiner von ihnen fällt unter das geschützte Wort.
Die Grenze eines Wortes
Zum Schluss lässt sich der Vorgang in seiner allgemeinen Form betrachten. Eine Schutzregel lautet gewöhnlich: Man darf bestimmten Personen bestimmte Dinge nicht antun. Dieser Satz besteht aus zwei Teilen: dem, was verboten ist, und denen, denen es nicht angetan werden darf.
Fast jede Debatte über solche Regeln kreist um den ersten Teil. Welche Handlungen sollen verboten sein? Wie weit soll das Verbot reichen? Welche Ausnahmen sind zulässig? Diese Serie nimmt sich den zweiten Teil vor.
Den ersten Teil zu verändern ist schwierig. Es fällt auf, wird diskutiert und ruft Widerspruch hervor. Den zweiten kann man verändern, ohne im ersten auch nur ein Wort anzutasten. Danach wirkt das Verbot sogar vollständiger als zuvor. Denjenigen, die noch unter seinen Schutz fallen, ist schließlich nichts davon genommen worden.
Kiroumaru und Yakomaru bilden deshalb keinen schlichten Gegensatz zwischen Gehorsam und Bosheit. Der eine versucht, innerhalb der bestehenden Grenzen ein eigenes Urteil zu bewahren; der andere will die Grenze aufbrechen. Beide stehen aber vor derselben Tatsache: Sie dürfen nicht mitentscheiden, ob sie zu den Geschützten gehören.
Yakomaru wird sich später erheben und in seiner Erhebung zugleich das Vorgehen wiederholen, das er abschaffen will. Das Gericht wird es mit beidem zu tun bekommen: mit seinen Verbrechen und mit einer wahren Aussage darüber, wer er ist.