Non DubitoEssays in the Self-as-an-End Tradition
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Die Katze

Han Qin (秦汉) · Deutsche Neufassung · 2026-10-09

Über diese Ausgabe

Zur Ausgabe: Eigenständige deutsche Neufassung des chinesischen Originals. Die Originalseite bietet Fassungen in vereinfachten und traditionellen chinesischen Schriftzeichen.

Unter den Kindern der Siedlung geht eine Geschichte um. Es gebe eine Katze. Wenn sie es auf ein Kind abgesehen habe, verschwinde dieses Kind. „Versteckspiel mit der Katze“ nennen sie die Geschichte und erzählen sie einander, um sich zu gruseln. Die Erwachsenen sagen, das sei Unsinn.

Die Katze gibt es wirklich

Die Unreinen Katzen, die Fujōneko, sind real. Ihr Einsatz gehört zum institutionellen Gefüge der Siedlung. Der Bildungsausschuss überprüft die Kinder und entscheidet über ihre Beseitigung; darüber wacht der Ethikausschuss über den Fortbestand des Gemeinwesens. Tomiko Asahina erläutert Saki später diese Ordnung.

Die Katzen sollen Kinder beseitigen, deren Cantus als unzureichend entwickelt gilt, oder bei denen man Anzeichen dafür zu erkennen glaubt, dass sie zu einem Akki, einem „Dämon“, oder einem Gōma, einem „Karmadämon“, werden könnten. Beseitigen ist dabei wörtlich gemeint.

Eines ist an diesem Verfahren entscheidend: Niemand wird benachrichtigt. Es gibt keinen Prozess, keine Mitteilung, keinen förmlichen Termin, bei dem das Kind erfährt, warum es beseitigt werden soll. Auch die anderen erfahren nirgends, wohin es gebracht wurde. Eines Tages kommt es einfach nicht mehr zur Schule.

Und noch etwas kennzeichnet das Verfahren: Das betroffene Kind weiß gewöhnlich nicht, warum es ausgewählt wurde. Das Urteil beruht auf Anzeichen, die Erwachsene bei ihren Beobachtungen gesammelt haben. Mit dem Kind hat niemand darüber gesprochen. Wenn man es abholt, weiß es womöglich nicht einmal, was es falsch gemacht haben soll. Denn es hat nichts falsch gemacht.

Danach wird die Erinnerung verändert

Hier liegt der Kern dieses Essays. Was geschieht nach dem Verschwinden mit den Kindern, die in der Klasse zurückbleiben? Eigentlich müssten sie fragen. Sie wären traurig, würden einander ausfragen, sich an die Lehrer wenden. Sie würden merken, dass die Erwachsenen etwas verbergen, und misstrauisch werden.

Die Siedlung verändert stattdessen ihre Erinnerungen. Das verschwundene Kind wird daraus gelöscht. Man erzählt ihnen nicht, es habe die Schule gewechselt. Man verbietet ihnen auch nicht, über das Kind zu sprechen. Dieser Mensch kommt in ihrer Erinnerung nicht mehr vor. Sie ertragen keinen Verlust. Sie wissen nicht, dass sie je etwas verloren haben.

Bei diesem Satz lohnt es sich innezuhalten. Hier ist die Serie am kältesten. Wer etwas verliert und davon weiß, trauert. Diese Trauer ist ein Signal: In diesem Menschen widersetzt sich noch etwas. Er findet weiterhin, dass dies nicht hätte geschehen dürfen. Das Signal erfüllt einen Zweck. Es bezeugt, dass der Mensch selbst noch da ist.

In Kamisu nimmt man ihm das Signal. Das reicht viel tiefer als Unterdrückung. Unterdrückt man die Trauer eines Menschen, bleibt er traurig; er spricht bloß nicht darüber. Hier sorgt man dafür, dass er gar nicht erst trauert. Er muss sich nicht beherrschen. Das Ereignis, das ihn traurig machen würde, existiert für ihn nicht mehr. Ein unterdrückter Mensch kann sich noch wehren. Wer nicht weiß, dass er etwas verloren hat, weiß nicht, wogegen er sich wehren sollte.

Sakis ältere Schwester

Saki hatte eine ältere Schwester, Yoshimi. Schon vor Beginn der Geschichte wurde sie beseitigt.

Auch Sakis Erinnerung an sie wurde verändert, allerdings nicht vollständig. Bruchstücke blieben: Eindrücke, deren Herkunft sie nicht erklären kann, Gefühle, von denen sie nicht weiß, woher sie kommen, etwas, das in bestimmten Augenblicken wieder auftaucht.

Die Serie zeigt das mit äußerster Zurückhaltung. Keine Folge lässt Saki in Tränen ausbrechen und sich plötzlich an ihre Schwester erinnern. Von Zeit zu Zeit steigen nur diese Fragmente auf, und Saki selbst weiß nicht, was sie bedeuten. In ihr bleibt ein Stück von etwas zurück, das sie nicht benennen kann. Nicht einmal, um wen es dabei geht, weiß sie noch.

Tomikos Gründe

Auch Tomikos Seite muss vollständig zu Wort kommen. Tomiko Asahina leitet den Ethikausschuss. Sie ist über zweihundert Jahre alt und hat viele Generationen der Siedlung erlebt. Was sie Saki später erklärt, ist keine Ausrede.

Sinngemäß sagt sie: Wir haben die Lage nüchtern beurteilt. Die Erblinie der Akki muss unterbrochen werden. Ein einziger solcher Dämon kann in kürzester Zeit die ganze Siedlung auslöschen. Das ist keine hypothetische Gefahr; die historischen Aufzeichnungen belegen, dass es geschehen ist.

Doch weder Akki noch Gōma lassen sich zuverlässig früh erkennen. Kein Test sagt einem, ob ein Kind später dazu werden wird. Es gibt lediglich Anzeichen: instabilen Cantus, auffällige Gefühlszustände, bestimmte Verhaltensmuster. Besonders treffsicher sind sie nicht. Also nimmt man lieber einen Fehlalarm in Kauf.

Wird ein Kind zu Unrecht beseitigt, kostet der Fehler ein Kinderleben. Wird ein Akki übersehen, kostet er eine ganze Siedlung. Diese Rechnung lässt sich aufmachen. Und ihr Ergebnis spricht für das Vorgehen.

Ohne diese Seite wäre der Essay billig. Tomiko ist kein grausamer Mensch. Sie entscheidet innerhalb eines Verfahrens, zu dem auch sie keine Alternative hat, und trägt diese Last seit zweihundert Jahren.

Was in der Rechnung nicht vorkommt

Allerdings hat die Rechnung eine Besonderheit: Ihre Maßeinheit ist der Fortbestand der Siedlung. In dieser Einheit wird ein Kind zur Variablen. Sein Tod ist ein Zahlenwert, der sich in Zähler oder Nenner eintragen lässt. Für „dieses Kind selbst“ ist in dem Rechenverfahren kein Platz. Es zählt nicht etwa zu wenig. Die entsprechende Spalte fehlt ganz.

Ein Rechenverfahren kann innerhalb seines Geltungsbereichs vollkommen richtig sein. Wer seinen Geltungsbereich festgelegt hat, kommt in der Rechnung jedoch nicht vor.

Die Serie macht das auf ihre Weise sichtbar. Zunächst lässt sie uns mehr als zehn Folgen mit diesen Kindern verbringen. Wir sehen sie zur Schule gehen, streiten, sich verlieben, zusammen am Fluss spielen. Erst danach erfahren wir, was sie in der Buchführung ihrer Siedlung sind.

Wer aus den Kindern wird

Dazu kommt eine weitere Folge. Die Kinder, deren Erinnerungen verändert wurden, werden erwachsen. Sie arbeiten, heiraten, bekommen selbst Kinder, treten den Ausschüssen bei. Eines Tages müssen sie die Entscheidung treffen. Aber wenn sie an der Reihe sind, haben sie keine eigene Erinnerung mehr daran, wie es sich anfühlt, einen Gefährten zu verlieren. Diese Aufzeichnung wurde ihnen genommen.

Das Verfahren sorgt selbst für seine Fortsetzung. Es entfernt genau die Erfahrung, aus der Widerstand gegen das Verfahren entstehen könnte.

Wer sich erinnert, dass in seiner Kindheit plötzlich ein Freund verschwand, dass die Erwachsenen schwiegen und dass er lange um ihn trauerte, hätte später, an der Stelle der Entscheidenden, etwas, das ihn zögern ließe. Die Siedlung lässt ihm dieses Etwas nicht.

Die Unreine Katze erledigt also nur die Hälfte der Arbeit. Sie nimmt ein Kind fort. Die veränderten Erinnerungen nehmen vielen Menschen die Erfahrung dieses Verlusts. Dank dieser zweiten Hälfte muss das System nicht in jeder Generation neue Zweifel unterdrücken. Was solche Zweifel hervorbringen könnte, ist bereits mit beseitigt.

Schutz wie Beseitigung hängen dabei an derselben Formulierung: „die eigene Art“. Die Wesen außerhalb der Siedlung, die sprechen, sich organisieren und Beschwerden vorbringen können, sind aus ihrem Geltungsbereich ausgeschlossen.