Non DubitoEssays in the Self-as-an-End Tradition
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Sie bauten das Fundament in den Menschen ein

Han Qin (秦汉) · Deutsche Neufassung · 2026-10-09

Über diese Ausgabe

Zur Ausgabe: Eigenständige deutsche Neufassung des chinesischen Originals. Die Originalseite bietet Fassungen in vereinfachten und traditionellen chinesischen Schriftzeichen.

Fünf Zwölfjährige fangen draußen in der Wildnis etwas ein. Es sieht aus wie ein Tier: weiß, mit einem lang gestreckten Körper. Tatsächlich haben sie ein Bibliotheksterminal vor sich, das seit tausend Jahren existiert. Es kann sprechen, Fragen beantworten und Bilder abspielen.

Die Kinder fragen. Das Terminal antwortet. Zum ersten Mal gibt die Serie eines ihrer Geheimnisse preis. Was hier sichtbar wird, ist das Fundament dieser Gesellschaft.

Was vor tausend Jahren geschah

Ungefähr Folgendes erfahren die Kinder: Vor etwa tausend Jahren traten unter den Menschen die ersten Individuen mit Cantus auf, einer psychokinetischen Kraft. Allein durch Gedanken konnten sie Dinge bewegen, verändern und zerstören. Was bedeutet eine solche Fähigkeit? Um einen Menschen zu töten, braucht man weder ein Werkzeug noch Vorbereitung, man muss ihm nicht einmal nahe kommen. Ein Gedanke genügt. Die Gesellschaft brach zusammen.

Nach dem Zusammenbruch entstanden unterschiedliche Formen menschlichen Zusammenlebens: Sklavenordnungen, kleine Jägergemeinschaften und andere Versuche, weiterzuleben. In den Aufzeichnungen des Terminals ziehen sie nacheinander vorüber. Eine winzige Minderheit mit Cantus versklavt eine große Zahl von Menschen ohne diese Kraft. Kleine Gruppen fliehen in die Berge. Weitere Lebensformen folgen. Die Siedlung, in der die Kinder aufwachsen, geht auf einen dieser Versuche zurück.

Wichtig ist, was sie da sehen: historische Aufzeichnungen. Bis zu diesem Augenblick wissen die Kinder kein Wort davon. Sie sind zwölf Jahre alt, hier aufgewachsen, sie haben vieles gelernt. Diese Geschichte gehörte nicht dazu. Der ganze erste Essay gilt der Lösung, die ihre Gesellschaft damals gefunden hat.

Der eingebaute Mechanismus

Zu dieser Lösung gehört die sogenannte Todesrückkopplung. Das Sicherheitssystem hat zwei Stufen. Zuerst die Angriffshemmung: Ein Mensch kann Angehörige seiner eigenen Art nicht angreifen. Die Hand lässt sich nicht heben, schon der Gedanke kommt nicht auf. Falls der Angriff dennoch geschieht, greift die zweite Stufe. Der Angreifer selbst stirbt. Sein Herz hört auf zu schlagen, seine Atmung setzt aus.

Das sind keine Gesetze. Auch keine Verhaltensnormen, keine moralische Erziehung und keine religiösen Gebote. Nichts, dem man zustimmen müsste, woran man sich erinnern oder woran man sich halten müsste.

Es ist ein körperlicher Mechanismus, durch Gentechnik und Konditionierung in jedes Mitglied der Gesellschaft eingebaut. Die Eingriffe beginnen vor der Geburt und setzen sich in der frühen Kindheit fort. Bevor ein Mensch überhaupt einen eigenen Gedanken fassen kann, ist dieses Etwas schon da. Niemand hat zugestimmt. Niemand kann ablehnen. Niemand kann eines Tages beschließen, es wieder herauszunehmen.

Sie haben das Verbot zu töten nicht in einem Menschen heranwachsen lassen. Sie haben ein Bauteil daraus gemacht und es ihm eingesetzt.

Diese Lösung funktioniert

Dabei muss ich ausführlich genug verweilen. Sonst lassen sich die nächsten vier Essays nur noch als Anklage lesen. Diese Lösung beantwortet ein wirkliches, extremes Problem, für das keine andere Lösung zur Verfügung stand.

Was wird aus einer Gesellschaft, in der jeder mit einem Gedanken töten kann, wenn es diesen Mechanismus nicht gibt? Die Serie antwortet darauf: Die anderen Formen des Zusammenlebens, die im Lauf jener tausend Jahre entstanden, haben nicht überdauert. Kamisu 66 hat überdauert.

Hier bestellen Menschen ihre Felder, lesen, verlieben sich, heiraten und ziehen Kinder groß. Sie leben ruhig und geordnet, Gewalttaten sind selten. Kinder spielen am Fluss, Erwachsene arbeiten auf den Feldern, abends brennt Licht. Die Serie nimmt sich viel Zeit dafür. Die ersten Folgen wirken hell, ländlich, beinahe lieblich.

Was der Mechanismus ermöglicht hat, ist wirklich: Tausend Jahre lang ist die Katastrophe nicht wiedergekehrt. Wer diese Gesellschaft ausschließlich als Schreckensherrschaft liest, übergeht eine ganze Schicht der Geschichte.

Noch wichtiger: Kein einzelner Tyrann hat sich diese Lösung ausgedacht. Sie ist das, was nach tausend Jahren und dem wiederholten Scheitern mehrerer Generationen als gangbarer Weg übrig blieb. Die Menschen, die sie entwickelten, waren womöglich die Einzigen ihrer Zeit, die noch ernsthaft nach einem Ausweg suchten.

Wann der Mechanismus anspringt

Sehen wir genauer hin, wie er arbeitet. Darin liegt der Schlüssel zu drei der folgenden Essays. Angriffshemmung und Todesrückkopplung setzen beide eine bestimmte Einordnung voraus: Das Gegenüber muss als Angehöriger der eigenen Art gelten.

Diese Einschränkung ist notwendig. Auch die Menschen dieser Gesellschaft müssen essen, Hühner und Fische töten, Schädlinge beseitigen. Sie müssen jagen, aufräumen und Lebewesen ausschalten, die ihnen gefährlich werden. Würde das System bei jedem Lebewesen eingreifen, könnte die Gesellschaft nicht bestehen. Es muss also unterscheiden können. Es darf nur dann anspringen, wenn die Einordnung lautet: einer von uns.

Dazu zählt es keine Chromosomen. Es führt keinen Gentest durch und prüft auch keinen anderen objektiven Messwert. Entscheidend ist die Wahrnehmung des jeweiligen Menschen: Wofür hält er sein Gegenüber?

Am Ende der Serie wird aus diesem Detail etwas ausgesprochen Hässliches. Hier ist es zunächst nur eine technische Bedingung, ohne die das Ganze nicht funktionieren würde. Jeder Ingenieur, der einen solchen Mechanismus entwirft, müsste sie vorsehen. Ohne sie wäre seine Konstruktion unbrauchbar.

Was wächst und was eingesetzt wird

Zum Schluss kommt es mir auf den Unterschied zwischen diesen beiden Vorgängen an. Dass ein Mensch nicht töten kann, kann auf zweierlei Weise zustande kommen.

Es kann in ihm gewachsen sein. Während er heranwächst, begegnet er immer wieder anderen, erkennt immer wieder: Da ist jemand wie ich. Allmählich bildet sich in ihm etwas, das sich weigert. Dieses Widerstreben gehört ihm. Man kann es infrage stellen, darüber streiten; unter äußersten Umständen kann er es sogar selbst außer Kraft setzen. Gerade deshalb zählt jeder Tag, an dem er es nicht tut.

Oder es wurde ihm eingesetzt. Dann war es bereits da, bevor er sich irgendetwas denken konnte. Es braucht weder seine Zustimmung noch sein Verständnis, auch keine tägliche Bekräftigung. Es ist einfach vorhanden, wie sein Herzschlag.

Von außen verhalten sich beide Menschen genau gleich: Sie töten nicht. Im Alltag bleibt der Unterschied unsichtbar. Er tritt erst hervor, wenn jemand die Grenze dessen verschoben hat, was als „eigene Art“ gilt.

Was in einem Menschen gewachsen ist, folgt seinem eigenen Urteil. Begegnet er einem bislang unbekannten Wesen, wird er selbst versuchen zu erkennen, wen er vor sich hat.

Was ihm eingesetzt wurde, folgt dagegen den Kriterien des Mechanismus. Wer diese Kriterien festgelegt hat, worauf sie beruhten und ob sie sich ändern lassen: Nichts davon liegt in der Hand dessen, der den Mechanismus in sich trägt.

Dass Angriffshemmung und Todesrückkopplung auf einer Einordnung beruhen, macht ihre Wirkung nicht unwirklich. Der Frieden, den sie sichern, ist real. Die offene Frage lautet, wer darüber bestimmen darf, wie weit ihr Schutz reicht. Zugleich hütet die Siedlung ein kleineres Geheimnis, eines, das dem Alltag näher liegt: Manche Kinder verschwinden plötzlich. Und die Zurückgebliebenen wissen nicht einmal mehr, wen sie verloren haben.