Essay lesen
Non Dubito

Das Zhuangzi neu aufschlagen · Der Nutzen des Nutzlosen

Was den Boden unter unseren Füßen trägt

Nicht alles, was uns trägt, hat einen eigenen Leistungsausweis. Das ist noch kein Grund, jedes unbenutzte Ding aufzubewahren – und erst recht keiner, Menschen als Vorrat zu betrachten.

Han Qin ·

Ein lückenlos geplanter Tag müsste eigentlich sehr effizient sein. Jede Stunde hat ihren Zweck. Dann dauert ein Telefonat zehn Minuten länger oder eine Kleinigkeit erweist sich als komplizierter als gedacht, und schon kippen die nächsten Termine einer nach dem anderen. Du hast die wichtigen Dinge nicht vergessen. Du hast nur sämtliche Zeit entfernt, in der scheinbar nichts geleistet wurde. In Äußere Dinge spricht auch Huizi vom Nutzen. „Deine Worte sind nutzlos“, sagt er zu Zhuangzi. Der antwortet nicht gleich mit einer Liste seiner Verdienste. Er bittet Huizi, sich den Boden unter seinen Füßen vorzustellen.

Wo wir gerade nicht stehen

Himmel und Erde sind weit. Wenn ein Mensch steht, nehmen seine Füße jedoch nur ein winziges Stück Land ein. Nun grabe man alles ringsum bis tief in die Erde weg und lasse nur den Platz für seine Füße stehen. Könnte er den noch gebrauchen? Nein, antwortet Huizi.

Dann ist also auch klar, wie das Nutzlose von Nutzen ist.

Zhuangzi sagt damit: Jetzt wird sichtbar, wie die scheinbar nutzlosen Stellen gebraucht werden. Der alte Unterkommentar führt das Bild näher aus. Man würde zittern und könnte sich nicht bewegen; um seine Füße zu gebrauchen, braucht man auch den Raum daneben. Dafür müssen wir kein zusätzliches mechanisches Gesetz aufstellen, nach dem die verbliebene Erdsäule sofort zusammenbrechen müsste. Das Gedankenexperiment macht einen Unterschied sichtbar: Einen Platz zu belegen ist noch nicht dasselbe wie dort leben und sich bewegen zu können. Dass wir irgendwo nicht stehen, heißt nicht, dass dieser Ort nichts für uns tut. Die Grenze um das Nützliche war so eng gezogen, dass beinahe auch die Bedingungen entfernt wurden, unter denen es sich überhaupt nutzen lässt.

Die Geschichte lehrt uns also nicht, Unfähigkeit vorzutäuschen, um nicht weggeschlagen zu werden. Sie fragt etwas anderes: Worauf ist das sichtbar Brauchbare angewiesen, obwohl wir es bisher nicht mitgerechnet haben? Die alten Kommentare beziehen das Bild auch auf die Bewahrung des Lebens. Dennoch muss aus dieser Erde nicht bloß ein Überlebenstrick werden.

Huizi antwortet, Zhuangzi geht einen Schritt weiter

Das Gespräch ist kurz und endet schön. Behaupten wir deshalb aber, die ganze Schlussfolgerung stamme von Huizi und Zhuangzi füge nur vier Zeichen hinzu, übersehen wir gerade seinen Gang. Huizis „nutzlos“ beantwortet die Frage, ob man den ausgehöhlten Boden noch brauchen könne. Erst Zhuangzi macht daraus den Nutzen des Nutzlosen und zieht ausdrücklich den Schluss. Der vollständige Satz besteht weder nur aus „ist auch klar“ noch aus bloß vier Zeichen. Beide sind beteiligt, aber sie tun nicht genau dasselbe. Zhuangzi stellt eine Frage mit einer Richtung und zeigt anschließend, was sich durch die Antwort erkennen lässt. Wir brauchen seine Führung nicht zu löschen, um Huizis Urteil zu würdigen.

Eine solche Führung muss nicht schlecht sein. Gute Fragen entstehen häufig, weil der Fragende schon einen Zusammenhang sieht. Entscheidend ist, ob die Zuhörerin ihn überprüfen und sagen kann: „Dein Beispiel passt nicht zu meiner Lage.“ Oder bleibt ihr nur übrig, die erwartete Antwort zu liefern? Der Unterschied zwischen einem erhellenden Hinweis und dem Eintrichtern einer Ansicht liegt nicht darin, wer am Ende den Schlusssatz ausspricht. Auch eine Kette von Fragen kann jemanden dazu drängen, fremde Schlüsse mit dem eigenen Mund zu wiederholen. Umgekehrt kann ein klar vorgetragener Grund weiterhin zur eigenständigen Prüfung einladen.

Der Fisch hat sich nicht umsonst beklagt

Im selben Kapitel ist Zhuangzi arm und bittet den Flussaufseher um Getreide. Der verspricht, ihm eine große Summe zu leihen, sobald die Einkünfte seines Gebiets eingegangen seien. Darauf erzählt Zhuangzi von einem Fisch, der in einer Wagenspur feststeckt. Er braucht ein wenig Wasser, um zu leben. Als Antwort erhält er einen gewaltigen Plan, Wasser aus einem großen Strom herbeizuleiten. Dann solle man ihn lieber gleich auf dem Trockenfischmarkt suchen, sagt der Fisch. Der Abschnitt braucht nicht noch den angehängten Merksatz „Hilfe muss zum gegenwärtigen Bedarf passen“, um etwas gesagt zu haben. Zhuangzis Zorn, der Zorn des Fisches und die beiden scheinbar großzügigen Zusagen antworten schon aufeinander. Leser können darin unterschiedlich viel entdecken. Das erlaubt uns aber nicht die Behauptung, die meisten hätten nur eine Schimpftirade gelesen.

Guo Xiang kommentiert ausgesprochen deutlich: Was der Sache entspricht, ist nie zu klein; was ihr nicht entspricht, welchen Vorteil hätte es selbst in großer Menge? Schon alte Leser sahen bei diesem Fisch also Bedarf und Zeitpunkt. Heute begegnet uns die Verschiebung ebenso leicht. Jemand möchte wissen, ob du am Nachmittag kommen kannst, und du redest über langfristige Unterstützung. Er braucht Hilfe beim nächsten konkreten Schritt, du schenkst ihm einen Plan, den er jetzt überhaupt nicht umsetzen kann. Die gute Absicht mag echt sein und der Umfang beachtlich. Nur treffen beide nicht zu dem Zeitpunkt ein, an dem sie gebraucht werden.

Langfristige Hilfe wird dadurch selbstverständlich nicht insgesamt zum leeren Gerede. Wir müssen nur die beiden Zeitpunkte auseinanderhalten können. Heute erst einen Schluck Wasser; über die Flüsse lässt sich auch morgen noch sprechen. Das große Versprechen für die Zukunft darf den kleinen gegenwärtigen Bedarf nicht ausstreichen.

Hinter dem großen Fisch steht doch noch ein Gedanke

Weiter vorn lesen wir von Prinz Ren, der einen riesigen Fisch angelt. Mit einem mächtigen Haken, dickem Seil und fünfzig Rindern als Köder wartet er ein Jahr, bis ein ungeheurer Fisch anbeißt. Zerlegt und zubereitet reicht er aus, Menschen in weiten Gegenden satt zu machen. Das ist ein übersteigertes literarisches Bild, keine verlässliche Zusage über Einsatz und Ertrag. Lange zu warten garantiert keinen großen Fang. Auch ist eine große Unternehmung nicht von selbst wertvoller als kleine Arbeit.

Der ursprüngliche Text endet zudem nicht beim Bild der weiß aufgetürmten Wellen. Er stellt dem großen Fang ausdrücklich das Fangen kleiner Fische in Gräben gegenüber, spricht weiter über den Abstand zwischen geschmückten Kleinreden und umfassendem Verstehen und kommt schließlich sogar auf das Wirken in der Welt zu sprechen. Wir können darüber streiten, ob diese Weiterführung überzeugt. Wir sollten aber nicht behaupten, es fehle völlig an einem ausdrücklichen Hinweis. Guo Xiangs Kommentar führt daneben in die Richtung, dass Großes und Kleines jeweils das ihnen Angemessene haben. Unsere Lektüre muss sich also nicht auf „je größer, desto besser“ verengen. Wer heute eine lange Arbeit vorbereitet, kann aus der Geschichte Geduld gewinnen und trotzdem Ziele, Bedingungen und Kosten weiter prüfen.

Gerade nebeneinander gelesen erinnern diese Abschnitte daran, dass nicht jede gute Geschichte einen gleich langen Nachsatz braucht. Manche Verbindungen liegen klar vor uns, andere verlangen Erklärung. Ob eine zusätzliche Erläuterung überflüssig ist, hängt auch davon ab, was sie tatsächlich hinzufügt.

Wie eine freie Stunde etwas tragen kann

Zurück zum vollgestopften Kalender. Eine freie Stunde kann dir erlauben, ein Gespräch erst zu verarbeiten. Vielleicht verhindert sie, dass deine Verspätung an den nächsten Menschen weitergereicht wird. Sie weist kein eigenes Ergebnis vor und lässt doch die übrigen Vorhaben funktionieren. Ein bisher nicht verwendetes Buch verändert womöglich die Art, wie du Fragen stellst. Eine Übung, die sich nicht sofort in Geld verwandeln lässt, gibt der Aufmerksamkeit vielleicht etwas Beweglichkeit zurück. Ihr Wert lässt sich heute nicht unbedingt Punkt für Punkt bescheinigen.

Daraus folgt aber nicht, dass alles Unbenutzte aufbewahrt werden muss. Auch Ansammlungen verdrängen das Leben; eine alte Anordnung unterstützt vielleicht längst nichts mehr. Zhuangzis Erde gibt nicht jedem Vorrat einen Freibrief zum ewigen Bleiben. Sie bittet uns eher, vor dem Löschen noch einmal auf die Beziehungen zu den anderen Teilen zu schauen. Vor allem Menschen gehören nicht auf eine Reserveliste unter „wird irgendwann nützlich“. Ein Freund ist nicht erst deshalb wertvoll, weil er eine Stelle vermitteln könnte. Er muss auch nicht beweisen, dass er der Boden unter deinen Füßen sei, um in deinem Leben bleiben zu dürfen. Wir können am Boden Bedingungen verstehen lernen, ohne dabei andere Menschen zu bloßen Bedingungen zu machen.

Was noch gesagt werden muss – und wo wir aufhören dürfen

Beim Schreiben können wir fragen, was der letzte Absatz eigentlich leistet. Liefert er neuen Lesern einen fehlenden Hintergrund? Klärt er ein Missverständnis, das jemanden verletzen könnte? Oder beruhigt er nur unsere Sorge, die eigene Aussage sei noch nicht feierlich genug angenommen worden? Was nach dreimaliger Erklärung klar ist, gewinnt beim vierten Mal nicht unbedingt an Kraft. Ist dir ein Begriff dagegen vertraut und einem Leser völlig neu, zeugt das Weglassen seiner Definition nicht unbedingt von Können. Was einer erfahrenen Leserin weitschweifig vorkommt, ermöglicht vielleicht einem Neuling erst den Anfang.

Wir müssen uns deshalb nicht für eines von zwei Lagern entscheiden: „alles restlos sagen“ oder „gar nichts erläutern“. Nötige Materialien können erreichbar daliegen, damit Menschen sie je nach Bedarf finden. Der Haupttext erklärt genug, um weitergehen zu können, und gibt dann den nächsten Schritt zurück. Ein Essay muss dem Leser nicht das ganze Leben abnehmen; er darf mit diesem Satz aber auch nicht seine eigene Unklarheit entschuldigen. Raum zu lassen heißt nicht, die Stufen wegzugraben. Manchmal muss tatsächlich ein ausdrückliches Urteil dastehen. Seine Gründe offenzulegen, die Grenze eines Vergleichs zu benennen und anderen dennoch zu erlauben, nicht mitzugehen, kann ebenfalls Respekt sein. Leser müssen nicht allein daraus Freiheit gewinnen, dass sie erraten dürfen, was ein Autor eigentlich meint.

Unter Huizis Füßen liegt weiterhin dasselbe kleine Stück Erde. Verändert hat sich, dass die Stellen daneben endlich wieder sichtbar sind. Wenn du das nächste Mal alles „Unnütze“ aus deinem Tag entfernen willst, halte vielleicht einen Moment inne. Manche Stellen tragen gerade keinen Fuß und machen doch erst möglich, dass du den nächsten Schritt tun kannst.

Text und Lesart

Diese deutsche Fassung ist eine eigenständige Neufassung des vollständigen chinesischen Leseessays, keine vollständige Übersetzung des klassischen Zhuangzi. Die alten Zitate werden hier auf Deutsch wiedergegeben; auf der chinesischen Seite steht ihr ursprünglicher Wortlaut. Auch die bestehende englische Fassung ist eigenständig geschrieben; die vereinfachte und die traditionelle chinesische Fassung enthalten den vollständigen Essay. Gegenwärtige Alltagsvergleiche und weiterführende Überlegungen gehören zur Lesart des Autors, nicht zu zusätzlichen Begebenheiten im alten Text. Die vier theoretischen Begleitbände sind über die Quellen auf Englisch und Chinesisch erreichbar.

Hinweise zur Lektüre

Alter Text und Lesart: Äußere Dinge ↗

Die chinesische Seite bewahrt den Wortlaut der klassischen Zitate; die englische Erzählung wurde für diese Ausgabe eigenständig geschrieben. Diese deutsche Fassung ist wiederum eine eigenständige Neufassung des vollständigen chinesischen Essays. Gegenwärtige Vergleiche und weiterführende Gedanken gehören zur Lesart des Autors, nicht zu weiteren Ereignissen, die der alte Text erzählen würde.

Zum Vergleich: Gesammelte Erläuterungen zum Zhuangzi, Kapitel Äußere Dinge ↗.