Das Zhuangzi neu aufschlagen · Qu Boyus sechzig Wandlungen
Auch ein ernst gemeintes Urteil darf sich ändern
Die frühere Überzeugung muss keine Verstellung gewesen sein. Sie darf berichtigt werden; die Folgen für andere verschwinden deshalb nicht.
Liest man nach Jahren einen eigenen Absatz wieder, erkennt man manchmal zuerst den Ton und dann den Fehler. Wie sicher das damals klang. Entschiedene Sätze, reichlich Beispiele, vielleicht sogar die Erinnerung daran, wie man nach dem Abschicken auf Zustimmung wartete. Am grellsten ist heute nicht unbedingt, was falsch war. Sondern weshalb man damals andere Umstände für unmöglich hielt. Löschen wäre leicht. Schwieriger ist zuzugeben, dass wir den Satz ernsthaft gesagt haben und ihn heute dennoch nicht mehr so sagen wollen. Zeyang nimmt durch Qu Boyus Leben dieser Schwierigkeit etwas Einsamkeit.
Qu Boyu lebte sechzig Jahre und wandelte sich sechzigmal. Was er anfangs jeweils für richtig hielt, wies er am Ende als falsch zurück.
Sechzig Jahre, sechzig Wandlungen. Derselbe Mensch urteilt und ändert später sein Urteil.
Damals war es kein Schauspiel
Dass er es anfangs für richtig hielt, verdient Aufmerksamkeit. Eine spätere Änderung beweist nicht automatisch, er habe bloß zugestimmt oder nie ernsthaft gelebt. Wir verwechseln Ehrlichkeit manchmal mit Unveränderlichkeit: „Früher hast du anderes gesagt, also lügst du heute.“ Dann müsste jemand, der einen Fehler wirklich erkennt, zwischen dessen Eingeständnis und der Wahrung seiner Redlichkeit wählen. Ernsthaft zu urteilen und eine spätere Korrektur zuzulassen schließt sich aber nicht aus. Man kann zunächst gute Gründe für eine Entscheidung haben und zugleich wissen, dass neue Erkenntnisse eine erneute Prüfung verlangen könnten. Dieser offene Weg macht den anfänglichen Einsatz nicht unecht.
Dafür brauchen wir keinen zusätzlichen Gegner, einen angeblich echten Zweifler, der niemals einen Einsatz wagt. Zweifel kann gerade zur Prüfung von Gründen, zu einem vorläufigen Urteil und zu verantwortetem Handeln führen. Nicht der Name Gewissheit oder Zweifel entscheidet, sondern was das Urteil weiter prüfbar hält. Eine Beziehung, Arbeit oder langfristige Übung braucht oft genau diese Ernsthaftigkeit: nicht ewige Unveränderlichkeit vorab versprechen, die heutige Verantwortung aber auch nicht nachlässig behandeln, bloß weil sich später etwas ändern könnte.
Sechzig ist keine Anwesenheitsliste
Sechzig Lebensjahre und sechzig Wandlungen geben der Erneuerung Nachdruck. Der alte Unterkommentar spricht ebenfalls vom Wandel mit den Jahren. Doch das ist keine jährlich abgelegte Biografie. Wir besitzen keine sechzig Unterlagen, an denen sich genau ein Umschlag pro Jahr prüfen ließe. Die Worte vom späteren Zurückweisen sagen, dass er ein früher für richtig gehaltenes Urteil schließlich verwarf. Was jeden Wechsel auslöste, erzählt der Satz aber nicht. Vielleicht verstand er etwas selbst, vielleicht hörte er andere, vielleicht wurden Folgen erst deutlich. Aus einem Zeichen fürs Zurückweisen folgt nicht, sämtliche Änderungen seien vor jedem Anklopfen der Tatsachen geschehen.
Von Tatsachen überzeugt zu werden ist auch keine billige Art der Änderung. Einige wenden sich noch von den Belegen ab; andere geben ihnen recht und müssen danach den Betroffenen erklären, was sie ändern. Dafür braucht es oft Mut. Loben wir nur Einsicht, die ganz aus dem Inneren kommt, halten wir andere und die Wirklichkeit erneut draußen. Die Unabhängigkeit sieht stark aus und macht das Lernen vielleicht immer schwerer. Qu Boyus Sätze müssen verschiedene Änderungsweisen nicht auf Ränge verteilen. Vielleicht legen sie nur „Ich habe es selbst gesagt“ vom unbeweglichen Stein zurück in eine Sache, die sich weiter bearbeiten lässt.
Auch der heutige Satz steht in der Zeit
Die nächsten Worte sind noch schonungsloser. Könnte das jetzt für richtig Gehaltene nicht ebenso zu dem gehören, was früher richtig und später falsch hieß? Die knappe Wendung von den neunundfünfzig Irrtümern lässt sich nicht gewaltsam in einen neunundfünfzigsten Fehler dieses Jahres umrechnen. Sie stellt die heutige Gewissheit vor den Hintergrund früherer Änderungen, ohne eine ordentliche Fehlerliste auszurechnen. Kann man dann überhaupt noch etwas tun? Korrigierbarkeit ist nicht Grundlosigkeit. Eine Brücke zu prüfen erklärt nicht alle Brücken für unbegehbar. Bedingungen für ein Urteil anzugeben bedeutet nicht, es gebe jetzt keinen Grund, es anzuwenden.
Eine zum Handeln brauchbare Gewissheit muss vielleicht nicht zuerst morgen aussperren. Sie kann sagen: „Nach heutigem Wissen urteile ich so; ändert sich jene Bedingung, prüfe ich neu.“ Auch das braucht Genauigkeit. Steht jedes Mal nur ein höfliches „Ich könnte mich irren“ daneben, ohne dass wir je nennen könnten, welche Belege nochmals anzusehen wären, ist die Höflichkeit vielleicht bloß ein Polster auf einem festen Verschluss.
Nicht alles Unbekannte liegt in der Ferne
Zunächst beschreibt der folgende Text das Entstehen und Hervorgehen der Dinge, deren Wurzel und Zugang sich nicht zeigen. Dann heißt es:
Alle Menschen achten hoch, was ihr Wissen weiß. Doch sie erkennen nicht, dass ihr Wissen erst auf das angewiesen ist, was es nicht weiß.
Wir schätzen das Gewusste, ohne immer zu wissen, auf welchem uns selbst nicht Verfügbaren es beruht. Guo Xiang bietet hier eine sehr greifbare Lesart: Was ich nicht weiß, mögen andere Dinge wissen. Verwende ich nur mein eigenes Wissen, weiß ich wenig. Cheng Xuanying unterscheidet dagegen unterscheidendes und wahres Wissen. Die alten Kommentare erlauben also mehr als nur das Bild eines unbekannten Fundaments, das früher oder später einstürzt.
Denken wir an eine Besprechung. Zwei Uhr nachmittags erscheint dir passend. Du weißt nicht, dass jemand aus einer anderen Zeitzone teilnimmt oder dann ein Kind abholen muss. Dein Urteil ist nicht aus dem Nichts schlecht geworden. Vorher fehlende Tatsachen brauchen eine Möglichkeit einzutreten. Vielleicht änderst du die Zeit, ermöglichst einem Teil asynchrone Mitarbeit oder stellst fest, dass es diesmal nicht für alle geht, und benennst die Kosten. Mehr Wissen muss nicht alles einstürzen lassen. Es kann das Urteil genauer und brauchbarer machen.
Ein Buchhalter weiß um ein Problem in der Abrechnung, ein neuer Mitarbeiter um das erste Hindernis im Verfahren, ein stiller Kollege um den Grund, weshalb immer jemand in der Besprechung fehlt. Die Begrenztheit eigenen Wissens anzuerkennen muss nicht nur kosmische Demut sein. Vielleicht hört man erst einmal den Satz neben sich zu Ende.
Kein Zeugnis für ewige Richtigkeit
Der Abschnitt lässt Qu Boyu nicht als Sieger davonziehen. Ist es denn wirklich so, fragt der Schluss noch einmal nach dem schnellen So-ist-es. In Gleichnisreden kehren die sechzig Wandlungen wieder, nun im Gespräch zwischen Zhuangzi und Huizi über Konfuzius. Die Personen sind verschieden; daraus lässt sich nicht prüfen, wer in welchem Jahr was änderte. Wiederholter Wandel wird als literarische Möglichkeit wiederholt bedacht.
Die Ringmitte aus Essay 59 kann das erhellen. Dort stand die Verbindung von Wandel und Kontinuität im Mittelpunkt. Hier sehen wir, dass Kontinuität nicht jede alte Antwort behalten muss. Die Verbindung beweist keinen vollständigen gemeinsamen psychologischen Mechanismus. Ebenso wenig dürfen wir alle über Jahre bewahrten Überzeugungen für bequem halten. Manche Sätze bestehen wiederholte Prüfung und bleiben einem wichtig. Die Zahl der Änderungen ersetzt ihre Gründe nicht. Ein altes Urteil wird nicht allein durch sein Alter ungültig.
Genau sagen, was sich geändert hat
Heute bleiben alte Worte oft vorhanden. Gruppenchats, Essays und Protokolle bringen uns frühere Fassungen unserer selbst zurück. Der alte Text sagt nicht, Qu Boyu habe öffentliche Vorwürfe erfahren, und beweist auch kein kostenloses Ändern in früheren Zeiten. Unsere vertrauten Aufzeichnungen machen den Druck nur besonders greifbar. Statt vorzutäuschen, schon immer so gewesen zu sein, erklären wir lieber die Änderung: Worauf stützte ich mich damals, was sehe ich jetzt zusätzlich, was bleibt, was gilt nicht mehr? Betroffene müssen meist mehr wissen, als dass wir endlich reifer geworden seien.
Hat der alte Rat andere Zeit gekostet oder eine Entscheidung Verluste verursacht, kann nach der geänderten Erklärung noch Abhilfe nötig sein. Der Satz „Ein Mensch muss eben wachsen“ ist kein Knopf, der Folgefragen ausschaltet. Auch Zuhörende können den Siegeswunsch etwas zurücknehmen. Widersprüche zu zeigen hilft, Erklärungen zu fordern ist berechtigt. Wird aber jedes Eingeständnis zur Demütigungsgelegenheit, belohnen wir gerade die, die trotz erkanntem Fehler nicht anhalten. Der alte Absatz muss nicht unbedingt verschwinden. Er kann mit einer zusätzlichen Erklärung bleiben. Nicht als Ausstellung der eigenen Entwicklung, sondern damit Spätere den Fehler und den Grund für seine Korrektur erkennen.
Tröstlich an den sechzig Wandlungen ist vielleicht nicht bloß, dass jeder Fehler macht. Ein Mensch muss nicht mit jedem eigenen Satz zusammengebunden untergehen. Er kann zurückkommen, ihn an seinen Platz legen und dann den nächsten Satz wieder ernsthaft sagen.
Text und Lesart
Diese deutsche Fassung ist eine eigenständige Neufassung des vollständigen chinesischen Leseessays, keine vollständige Übersetzung des klassischen Zhuangzi. Die alten Zitate werden hier auf Deutsch wiedergegeben; auf der chinesischen Seite steht ihr ursprünglicher Wortlaut. Auch die bestehende englische Fassung ist eigenständig geschrieben; die vereinfachte und die traditionelle chinesische Fassung enthalten den vollständigen Essay. Gegenwärtige Alltagsvergleiche und weiterführende Überlegungen gehören zur Lesart des Autors, nicht zu zusätzlichen Begebenheiten im alten Text. Die vier theoretischen Begleitbände sind über die Quellen auf Englisch und Chinesisch erreichbar.
Hinweise zur Lektüre
Alter Text und Lesart: Zeyang ↗
Die chinesische Seite bewahrt den Wortlaut der klassischen Zitate; die englische Erzählung wurde für diese Ausgabe eigenständig geschrieben. Diese deutsche Fassung ist wiederum eine eigenständige Neufassung des vollständigen chinesischen Essays. Gegenwärtige Vergleiche und weiterführende Gedanken gehören zur Lesart des Autors, nicht zu weiteren Ereignissen, die der alte Text erzählen würde.
Zum Vergleich: Gesammelte Erläuterungen zum Zhuangzi, Kapitel Zeyang ↗.
Die andere Stelle über sechzig Wandlungen: Gleichnisreden ↗.