Essay lesen
Non Dubito

Das Zhuangzi neu aufschlagen · Verwachsene Zehen

Der Ente keine längeren Beine machen

Andere nicht nach einer einzigen Form zurechtzuschneiden: Das gilt auch für unsere Art zu lesen. Einwand, Beispiel und Erklärung dürfen sich unterscheiden, ohne einander den Platz zu nehmen.

Han Qin ·

Eine Sitzung darüber, wie sich die Abläufe vereinfachen lassen, dauert zwei Stunden. Schließlich beschließen alle: Wer künftig einen Verfahrensschritt streichen möchte, soll zuerst ein Antragsformular ausfüllen. Solche Szenen bringen einen zum Lachen und ermüden zugleich. Was wir mit Worten ablehnen, kehrt im Handeln bloß anders gekleidet zurück. Beim Lesen von Verwachsene Zehen möchte ich vor allem dieser Frage nachgehen: Könnte ein Text, der vor dem gewaltsamen Verändern anderer Menschen warnt, selbst wieder zur Schere greifen? Wir sollten ihn allerdings fair danach fragen. Wir dürfen den Essay nicht zuerst in die gewünschte Form schneiden und dann verkünden, er habe unsere Prüfung nicht bestanden.

Zuerst die Füße ansehen

Der Kapiteltitel meint zusammengewachsene Zehen; daneben stehen zusätzlich gewachsene Finger. Am Anfang bringt der Text solche körperlichen Unterschiede mit Begabung, Tugend und anderen Fragen zusammen. Sein scharfer Ton kann leicht wie ein Urteil klingen: überflüssig. Doch etwas weiter heißt es:

Was zusammengewachsen ist, gilt deshalb nicht als zu viel; was sich verzweigt hat, deshalb nicht als ungehörig. Was lang ist, hat keinen Überschuss; was kurz ist, dem fehlt nichts.

Etwas kann zusammengewachsen sein, ohne deshalb als überschüssig gelten zu müssen; es kann sich verzweigen, ohne deshalb falsch geformt zu sein. Länge bedeutet nicht notwendig Übermaß und Kürze nicht notwendig Mangel. Dann kommen die Beine der Enten und der Kraniche. Die kurzen Entenbeine zu verlängern würde das Tier quälen; die langen Kranichbeine zu kürzen ebenso. Was in deinen Augen ordentlich aussieht, kann am Körper eines anderen zur Verletzung werden. Das Stärkste daran ist nicht die Vorschrift, jeder müsse sein Leben völlig unverändert lassen. Zuerst werden vielmehr zwei Fragen getrennt: Wer meint, dass etwas geändert werden müsse, und wer hat diese Änderung zu tragen? Dass ein Maßstab bequem anzulegen ist, heißt nicht, der so Gemessene habe keine anderen Empfindungen.

Das ist auch keine medizinische Empfehlung. Schmerzen zu lindern oder Beweglichkeit zu ermöglichen ist etwas anderes, als einen Körper bloß einem fremden Bild von Normalität anzugleichen. Der alte Text warnt uns vor aufgezwungenen Maßstäben. Er nimmt konkreten Menschen damit nicht ihre Entscheidung ab, Hilfe zu suchen.

Wer nennt etwas überflüssig?

Schon Guo Xiang bemerkt das Problem bei der Erläuterung des Anfangs. Zusammengewachsene und nicht zusammengewachsene Zehen haben jeweils ihren eigenen Fuß, sagt er sinngemäß. Von einem Zuviel sprechen wir, wenn wir eine bestimmte Abweichung am Aussehen der Mehrheit messen. Wollten wir alles Andersartige wegschneiden, würden wir zugleich viele Begabungen und Fähigkeiten ausschließen. Wir sollten den Beginn also nicht einfach als Befehl zur Ausmerzung aller Unterschiede lesen und den späteren Satz als versehentlich herausgerutschte Toleranz behandeln. Die Spannung liegt von Anfang an im Text; auch die alten Kommentare haben sie nicht übersehen.

Die eigentliche Frage ist, wie weit diese Toleranz reicht. Bei Mitmenschlichkeit und Gerechtigkeit, beim Argumentieren und den Fähigkeiten von Augen und Ohren wird die Kritik wieder scharf. Eindringlich beschreibt sie Menschen, die einem Maßstab nachlaufen und sich dabei verletzen. Leser können sich fragen: Wird auch der Wunsch dessen gesehen, der aufrichtig so leben möchte? Diese Sorge dürfen wir behalten, ohne sogleich zu behaupten, der Text mache allein für Zehen eine Ausnahme. Guo Xiang bietet eine weitere wichtige Erläuterung: Auch jene Fähigkeiten können zur Natur eines Menschen gehören. Problematisch wird es, wenn man mit einer einzigen Richtigkeit alle anderen zurechtrückt.

In dieser Richtung gelesen richtet sich der Einwand also nicht gegen Mitmenschlichkeit und Gerechtigkeit selbst. Er richtet sich dagegen, dass alle nach der Mitmenschlichkeit und Gerechtigkeit eines einzigen Menschen wachsen sollen. Das ist etwas ganz anderes als der Wunsch, beide insgesamt zu löschen.

Maßstäbe loszulassen heißt nicht, die Fürsorge zu streichen

Sieht jemand einen Menschen in Not und möchte helfen, brauchen wir ihm nicht zu sagen: „Das ist unnatürlich, hör sofort auf.“ Misst dagegen jemand alle Kolleginnen und Kollegen an der eigenen Opferbereitschaft und hält jeden für unzureichend, der nicht ebenso viel leistet, liegt etwas anderes vor. Was beides Fürsorge heißt, kann in Beziehungen sehr verschiedene Formen annehmen. Die eine unterstützt einen anderen Menschen; die andere macht sein Leben zum Beleg für die eigene Güte.

An dieser Unterscheidung lässt sich auch Verwachsene Zehen weiter befragen. Vor der Jagd nach Ruhm dürfen wir uns hüten. Aber wer öffentlich auf einem Grundsatz besteht, schützt vielleicht gerade andere. Würden wir eine Handlung schon deshalb als Verlust des eigenen Selbst verurteilen, weil sie etwas kostet, hätten wir die unterschiedlichen Gründe wieder zu einem einzigen zusammengedrückt. Das Kapitel stellt Bo Yi und den Räuber Zhi nebeneinander und betont, dass beide für das Erstrebte ihr Leben schädigen können. Diese Gemeinsamkeit durchsticht tatsächlich ein Lob, das sich nur nach dem guten Namen richtet. Sie reicht aber nicht aus, die Unterschiede dessen einzuebnen, was ihre Handlungen anderen antun. In einem Punkt gleich zu sein heißt nicht, in allen Punkten gleich zu sein.

Ich behalte deshalb eine Frage: Sollte eine Betrachtung, die das jeweils Angemessene betont, nicht auch Lebensweisen Platz lassen, die ihren eigenen Vorlieben widersprechen? Damit fragt ein Leser nach ihrer Reichweite. Er hat noch keinen vollständigen Beweis ihres Selbstwiderspruchs geliefert.

Sagen die Beispiele wirklich alle dasselbe?

Leicht könnte man dieses Kapitel als „denselben Gedanken achtmal“ zusammenfassen. Nach genauerer Lektüre möchte ich den Satz aber nicht als zuverlässige Zählung gelten lassen. Das Beispiel von Ente und Kranich betrifft Maßstäbe; Richtschnur und Markierwerkzeug, Leim und Lack führen zu äußeren Regeln. Zang und Gu tun beim Schafehüten Verschiedenes und verlieren doch beide die Schafe. Bo Yi und der Räuber Zhi verschärfen wiederum die Verbindung zwischen verschiedenem Ruf und ähnlicher Schädigung des Lebens. Wenn am Ende vom eigenen Sehen und Finden die Rede ist, führt das den Blick auch wieder zu einem selbst zurück.

Diese Schichten hängen zusammen, sind aber nicht acht beliebig austauschbare Verzierungen. Man kann manche Weiterführung für allzu glatt halten oder einen Vergleich ablehnen. Dann muss man jedoch zeigen, wo er zu weit springt, statt bloß die Zahl der Beispiele zu nennen. Wiederholung kann Menschen tatsächlich die Luft nehmen: Man hat verstanden und muss doch noch einmal zuhören, als gelte erst völlige Zustimmung als Verständnis. Dort liegt das Problem, nicht allein in der Länge.

Eine andere Art der Wiederholung schafft verschiedene Zugänge. Jemand versteht an einem Paar Füße, ein anderer an einer Tabelle. Bringt das zweite Beispiel eine Sicht hinzu, die dem ersten fehlte, öffnet es vielleicht eine weitere Tür, statt die erste noch fester zu verschließen. Wenn wir ungeduldig werden, dürfen wir innehalten und fragen, was uns eigentlich stört. Kommt der Text nicht weiter? Oder berührt er gerade ein Urteil, das wir ungern nochmals prüfen möchten? Beides ist möglich. Noch einmal hinzusehen verpflichtet nicht zur abschließenden Zustimmung. Es lässt uns auch die eigene Ablehnung genauer prüfen.

Auf das Handeln schauen, die Gründe trotzdem hören

Die Beobachtung „Die Form verrät den Inhalt“ bleibt brauchbar. Alle sollen selbst entscheiden, aber jede Wahl braucht zuerst eine Genehmigung. Fragen sind erwünscht, aber sobald eine kommt, ist die Zeit abgelaufen. An solchen tatsächlichen Anordnungen lassen sich schöne Losungen überprüfen. Form ist jedoch kein Messgerät, das niemals lügt. Ein ernster Ton muss nicht unterdrücken; eine leichte Geschichte kann sämtliche Gegenbeispiele sorgfältig ausgeschlossen haben. Wir müssen vielmehr darauf achten, ob Beteiligte widersprechen können, ob ihre Gründe eine Antwort erhalten und ob Änderungen noch möglich sind.

Vor allem dürfen wir aus einer wiederholenden Schreibweise nicht unmittelbar schließen, der Autor fürchte Kritik. Ebenso wenig dürfen wir einem ungenannten späteren Verfasser eine vollständige Geschichte gut gemeinter Belehrungsabsichten zuschreiben. Das mag eine von uns vorgestellte Schreibsituation sein. Es ist keine schon bekannte historische Tatsache. Auch die Beobachtung der Form allein beweist nicht, dass dieses Kapitel von Zhuang Zhou stammt oder nicht von ihm stammt. Lektüre, Textschichten und historischer Verfasser verlangen unterschiedliche Belege. Ob ein Text lesenswert ist, können wir zudem schon besprechen, bevor die Identität seines Autors restlos feststeht.

Die Frage, die uns beim Lesen von Pferdehufe blieb, sollte hier nicht zum allgemeinen Maßstab „Was erklärt, ist unecht“ werden. Dafür haben wir bereits zu viele kraftvolle Gespräche und Erörterungen gelesen. Dass sie einen Gedanken aussprechen, nimmt ihnen nicht automatisch die Fähigkeit, andere weiterdenken zu lassen.

Auch die eigene Schere auf den Tisch legen

Am Ende richtet sich diese Warnung an mich selbst. Wenn ich zuerst festlege, wie Essays etwas offenlassen sollen, und dann alle Texte mit einem anderen Rhythmus herabstufe, verlängere ich dann nicht auch Entenbeine und kürze Kranichbeine? Deshalb möchte ich Verwachsene Zehen keinen Stempel „nützlich, aber gescheitert“ aufdrücken. Das Kapitel hat mir gute Fragen gegeben. Zugleich enthält es Urteile, denen ich weiterhin nicht ganz folgen möchte. Beides auszusprechen ist ehrlicher, als es einerseits zu benutzen und andererseits vor die Tür zu setzen.

Auch Leser müssen meinen Maßstäben nicht zustimmen. Vielleicht finden sie die Wiederholungen gerade notwendig oder hören an den Stellen, die mir hastig vorkommen, besondere Fürsorge. Solange wir zu den konkreten Sätzen zurückkehren können, bleibt etwas miteinander zu besprechen. Bei der Sitzung vom Anfang hilft dann vielleicht nicht noch eine Rede gegen Formalismus. Hilfreicher wäre zu prüfen, ob das neue Formular wirklich gebraucht wird, und die Menschen, die es verwenden müssen, nach den Kosten zu fragen. Ist es unnötig, darf es dabei sein Ende finden. Ente und Kranich müssen nicht erst dieselbe Gestalt annehmen, um auf demselben Bild stehen zu dürfen. Auch unsere Lektüre muss nicht alle Texte auf dieselbe Länge schneiden, um ernsthaft sagen zu können, wo ein bestimmter Schnitt jemanden verletzt hat.

Text und Lesart

Diese deutsche Fassung ist eine eigenständige Neufassung des vollständigen chinesischen Leseessays, keine vollständige Übersetzung des klassischen Zhuangzi. Die alten Zitate werden hier auf Deutsch wiedergegeben; auf der chinesischen Seite steht ihr ursprünglicher Wortlaut. Auch die bestehende englische Fassung ist eigenständig geschrieben; die vereinfachte und die traditionelle chinesische Fassung enthalten den vollständigen Essay. Gegenwärtige Alltagsvergleiche und weiterführende Überlegungen gehören zur Lesart des Autors, nicht zu zusätzlichen Begebenheiten im alten Text. Die vier theoretischen Begleitbände sind über die Quellen auf Englisch und Chinesisch erreichbar.

Hinweise zur Lektüre

Alter Text und Lesart: Verwachsene Zehen ↗

Die chinesische Seite bewahrt den Wortlaut der klassischen Zitate; die englische Erzählung wurde für diese Ausgabe eigenständig geschrieben. Diese deutsche Fassung ist wiederum eine eigenständige Neufassung des vollständigen chinesischen Essays. Gegenwärtige Vergleiche und weiterführende Gedanken gehören zur Lesart des Autors, nicht zu weiteren Ereignissen, die der alte Text erzählen würde.

Zum Vergleich: Gesammelte Erläuterungen zum Zhuangzi, Kapitel Verwachsene Zehen ↗.