Das Zhuangzi neu aufschlagen · Über Gleichnisreden
Was bleibt dem Leser, wenn alles erklärt ist?
Eine Geschichte kann Raum öffnen oder den Zuhörer unbemerkt auf eine einzige Antwort festlegen. Eine ausdrückliche Erklärung kann dasselbe tun. Es kommt auch darauf an, was nach einem Nein noch möglich ist.
Nach manchen Gesprächen kannst du nicht recht sagen, was daran nicht stimmte. Der andere war klar und geduldig, hat dich sogar immer wieder nach deiner Meinung gefragt. Nur erzählte er jedes Mal, wenn sie von seiner abwich, ein anderes Beispiel und erklärte von Neuem – bis du den erwarteten Satz sagtest. Du warst an vielen Runden beteiligt und scheinst doch nicht wirklich beteiligt gewesen zu sein. Am Anfang von Gleichnisreden geht es darum, wie wir sprechen. Mich beschäftigt dort weniger, ob Geschichten verwendet werden, als die Frage, was der Sprechende seinen Zuhörern überhaupt überlassen möchte. Diese Frage richtet sich auch an mich, der diese Leseessays schreibt.
Drei Namen sind noch kein Mischungsverhältnis
Geliehene Reden sind neun von zehn, gewichtige Reden sieben von zehn. Becherworte kommen täglich hervor und stimmen mit den natürlichen Übergängen überein.
Mit geliehenen Reden, yuyan, ist zunächst ein Sprechen gemeint, das etwas anderem seine Aussage anvertraut. Gewichtige Reden, zhongyan, werden häufig als Worte gewichtiger Menschen erklärt, auf die man sich stützt. Becherworte, zhiyan, nehmen das Bild eines Trinkgefäßes auf: ein Sprechen, das sich mit den Dingen verändert, statt an einer einzigen Seite festzuhalten. Das sind Erläuterungen für den Einstieg, keine Behauptung, die drei Ausdrücke seien nie umstritten gewesen. Die Gesammelten Erläuterungen bewahren auch eine Deutung von zhongyan als wiederholendes Darlegen und unterschiedliche Auffassungen der Becherworte. Guo Xiang erklärt das Antworten auf Veränderungen am Neigen und Aufrichten eines Gefäßes. Wir können den Vergleich verstehen, ohne daraus ein bereits gelungenes Experiment zur Rekonstruktion eines alten Geräts zu machen.
Neun von zehn und sieben von zehn dürfen wir auch nicht einfach zu Inhaltsanteilen von neunzig und siebzig Prozent des Gesamtbuchs zusammenrechnen. Guo Xiang liest die Zahlen so, dass jeweils neun beziehungsweise sieben von zehn Aussagen Glauben finden. Eine andere Lesart versteht sie als Verhältnis ihrer Verwendung im Text. Dieser Essay behandelt sie nicht als statistische Ergebnisse. Wichtiger ist, dass der Abschnitt zugibt: Beim Sprechen geht es nicht nur um Sätze. Wer spricht, aus welcher Stellung heraus er spricht und wie die Zuhörer Zugang zu seinen Worten finden, verändert auch den Widerstand, auf den ein Satz trifft.
Warum der Vater seinen Sohn nicht selbst als Ehemann empfiehlt
Der Text greift zu einem lebensnahen Vergleich. Lobt ein anderer den Sohn, glaubt man es leichter, als wenn dessen Vater ihn lobt. Das heißt nicht, der Vater sage notwendig Unwahres. Die Zuhörenden denken an seine Beziehung und seine Stellung. Bei heutigen Empfehlungen und Vorstellungen fragen wir ebenfalls: Warum sagt dieser Mensch das? Verschweigt er etwas Nachteiliges? Eine solche Sorge kann übertrieben und ebenso gut sehr nötig sein.
Danach beschreibt der alte Text, wie wir dem zustimmen, was uns gleicht, und dem widersprechen, was uns fremd ist: Das Eigene gilt als richtig, das Andere als falsch. Das trifft eine vertraute Neigung. Noch bevor ich die Gründe ernsthaft gehört habe, erkenne ich schon die Seite, auf der ich stehen möchte. Eine Neigung ist jedoch kein eisernes Gesetz für jeden Menschen. Ein direkt geäußerter Widerspruch kann jemanden aufwecken. Auch eine Geschichte kann ihre Position so deutlich verraten, dass man sie sofort ablehnt. Klarheit und Annahme sind nicht dasselbe. Deshalb müssen sie aber nicht zwei Welten ohne jeden Zugang zueinander werden.
Manchmal liegt das Problem wirklich in der Formulierung, manchmal in der Beziehung. Manchmal hat der andere aber auch gute Gründe, nicht zuzustimmen. Nicht jede Ablehnung bedeutet, dass seine psychische Abwehr noch unüberwunden sei, als müsse die richtige Antwort nur anders verpackt werden, um früher oder später bei ihm anzukommen.
Der Text hat sich das Erklären nicht verboten
Dieser Anfang erläutert selbst etwas. Da liegt die Frage nahe: Wenn der Text das Sprechen durch etwas anderes für nützlich hält, warum erzählt er nicht seinerseits eine vollständige Geschichte? Widerlegt er seine Behauptung durch die eigene Form? Die Frage ist scharf, doch mit dem Urteil sollten wir nicht eilen. Er hat keine Regel aufgestellt, nach der jede Rede ein Gleichnis sein müsse. Außerdem verwendet er tatsächlich den Vergleich mit dem Vater als Heiratsvermittler. Eine Schreibweise zu erläutern verpflichtet nicht dazu, jeden einzelnen Satz in eben dieser Schreibweise zu verfassen.
Später fragt der Abschnitt über gewichtige Reden auch nach Menschen, die anderen zwar an Lebensjahren, nicht aber an Einsicht voraus sind. Bei den Becherworten denkt er weiter über Sagen und Nichtsagen nach, darüber, was als annehmbar gilt und was nicht. Das ist weder bloß eine Anleitung, sich zum Niederhalten anderer eine Autorität zu suchen, noch der Satz „Von jetzt an nichts mehr erklären“. Ob diese Erläuterungen Lesern eine Entdeckung ermöglichen, müssen wir beim Lesen beurteilen. Wir dürfen sie nicht schon deshalb für gescheitert erklären, weil sie erläuternde Prosa sind. Umgekehrt garantiert eine Geschichte nicht schon dadurch Freiheit, dass ihr eine Zusammenfassung fehlt.
Wer über Verständigung spricht, darf selbstverständlich an seinem Handeln geprüft werden. Verschiedene Meinungen zu erlauben und dann jede Abweichung sofort zu bestrafen wäre ein wirklicher Widerspruch. Zwischen dem Darstellen einer Methode und der Pflicht, in jeder Situation dieselbe Form anzuwenden, liegt aber ein Unterschied, den wir erst erkennen müssen.
Zurück zur Matte
Am Ende des Kapitels begegnet uns Yang Ziju wieder, von dem Essay 5 handelte. Auf dem Hinweg wird er empfangen und verabschiedet; die Menschen machen ihm Platz, sogar die Leute am Herd weichen zurück. Auf dem Rückweg streiten die Gäste schon mit ihm um die Sitzmatten. Zwischen diesen Bildern wurde nicht etwa nichts gesagt. Laozi spricht seinen Hochmut direkt an und sagt: „Das große Weiße scheint befleckt, die vollkommene Tugend scheint unzureichend.“ Yang Zijus Gesicht verändert sich; er erklärt, die Belehrung ehrerbietig anzunehmen. Der alte Text bewahrt also ausdrücklich eine direkte Unterweisung. Wertvoll ist am Ende, dass er Yang Ziju nicht noch eine Urkunde „hat das Dao bereits erlangt“ ausstellt. Leser müssen zu dem zurückkehren, wie Menschen mit ihm umgehen, um zu sehen, was die Worte hinterlassen haben. Es fehlt nicht jede Erklärung. Nach der Erklärung bleibt noch Leben.
Lesen wir die Erörterung am Anfang neben der Schlussszene, spüren wir den Unterschied der Formen und sehen, wie sie einander helfen. Dass ihre Zusammenstellung selbst wie ein größeres Gleichnis wirke, ist eine reizvolle Lesart. Sie beweist aber nicht, der Herausgeber habe mit dem Schluss absichtlich den Anfang widerlegen wollen. Verschiedene Stimmen in einem Kapitel verlangen nicht unbedingt einen Sieger. Vielleicht fragen wir besser: Was hat mich die Erklärung zusätzlich sehen lassen? Und welchen Teil davon macht die Szene wieder nachdenkenswert?
Durch einen fremden Mund zu sprechen macht andere noch nicht frei
Eine Geschichte kann einen Streit etwas von uns abrücken, sodass wir nicht gleich unsere eigene Stellung verteidigen müssen. Zuerst schauen wir, was Figuren erleben, und kommen dann auf unsere Frage zurück. Diese Entfernung ist kostbar. Doch mit einem anderen Mund lässt sich auch die Absicht des Sprechenden verbergen. Sorgfältig ausgewählte Fälle, Fragen mit nur einer erlaubten Antwort oder Empfehlungen, die sich als unabhängiges Zeugnis ausgeben, können schwerer zu überprüfen sein als eine direkte Aussage. Der Unterschied zwischen Erzählung und Manipulation liegt deshalb nicht bloß im abschließenden Merksatz. Eine Geschichte ohne ausdrücklichen Schluss kann ihre Materialien so anordnen, dass nur ein Weg bleibt. Eine direkte Erläuterung kann dagegen ihre Grundlage ehrlich nennen und den Zuhörer einladen, Auslassungen zu zeigen.
Konkreter lässt sich prüfen, ob nach einem Nein noch ein Gespräch möglich ist. Können wir zu den Voraussetzungen zurückkehren, einen unpassenden Vergleich zugeben und jemanden nicht sofort zur Stellungnahme zwingen? Wird jedes Zögern am Ende als mangelnde Reife verbucht, ist die Sanftheit der Geschichte vielleicht nur eine andere Form des Drängens. Wo eindeutige Hilfe nötig ist, sollten wir auch das Anregen nicht zur Last machen. Weiß ein Neuling nicht, welchen Knopf er drücken soll, kannst du es ihm sagen. Wartet jemand auf deine Antwort zu einer Zusage, gib ihm Auskunft. Den anderen jedes Mal erraten zu lassen, was man meint, ist nicht respektvoller, als ihm jede einzelne Entscheidung abzunehmen.
Diese Lektüren stehen nicht außerhalb der Frage
Beim fünfundsechzigsten Essay kann ich die Frage nicht länger nur bei den Alten lassen. Diese Texte haben fortwährend erklärt, Einzelheiten ausgewählt, Urteile vorgeschlagen und den Lesern gesagt, wo sie innehalten sollten. Sie sind nicht der alte Text, der nun von selbst spricht. „Für allgemeine Leser“ soll ihnen keinen Freibrief für jede Erklärung ausstellen. Ein Kommentar kann wirklich den Zugang zum Text erleichtern. Er kann aber auch eine Entdeckung vorwegnehmen, die Leser selbst hätten machen können. Welche Wirkung er hat, hängt von den konkreten Worten ab, nicht schon von der guten Absicht des Verfassers.
Meine Verantwortung möchte ich daher jetzt aussprechen, statt erst im letzten Essay abzurechnen. Zitate müssen überprüfbar sein, Hinzugeschriebenes muss vom alten Text unterscheidbar bleiben, Urteile brauchen Gründe, und umstrittene Stellen müssen andere Lesarten zulassen. Macht eine Erläuterung die Geschichte enger als zuvor, muss sie sich ändern lassen. Dafür braucht nicht jeder Absatz voller Absicherungsformeln zu stehen. Nötige Quellen können am Ende liegen, wichtige Differenzen sollten sichtbar bleiben. Der Haupttext muss trotzdem eine eigene Stimme haben. Sonst erhalten die Leser nur einen Menschen, der aus Angst vor jedem falschen Wort immer weiter zurückweicht.
Ich kann klar sagen, was ich gelesen habe, ohne von dir zu verlangen, es für die einzig mögliche Lesart zu halten. Kehrst du mit einer anderen Frage zum alten Text zurück, müssen diese Essays dich nicht eilig zurückrufen. Die Matte am Ende ist weiterhin eine Erinnerung wert. Worte können viele sein; eine wirkliche Veränderung zeigt sich erst in einem weiteren Zusammensein. Wenn nach einem Leseessay zwischen Werk und Leser ein eigener Weg entstanden ist und nicht bloß ein zusätzlicher Erklärer, dem man folgen muss, dann hat das Schreiben einen gewissen Nutzen gehabt.
Text und Lesart
Diese deutsche Fassung ist eine eigenständige Neufassung des vollständigen chinesischen Leseessays, keine vollständige Übersetzung des klassischen Zhuangzi. Die alten Zitate werden hier auf Deutsch wiedergegeben; auf der chinesischen Seite steht ihr ursprünglicher Wortlaut. Auch die bestehende englische Fassung ist eigenständig geschrieben; die vereinfachte und die traditionelle chinesische Fassung enthalten den vollständigen Essay. Gegenwärtige Alltagsvergleiche und weiterführende Überlegungen gehören zur Lesart des Autors, nicht zu zusätzlichen Begebenheiten im alten Text. Die vier theoretischen Begleitbände sind über die Quellen auf Englisch und Chinesisch erreichbar.
Hinweise zur Lektüre
Alter Text und Lesart: Gleichnisreden ↗
Die chinesische Seite bewahrt den Wortlaut der klassischen Zitate; die englische Erzählung wurde für diese Ausgabe eigenständig geschrieben. Diese deutsche Fassung ist wiederum eine eigenständige Neufassung des vollständigen chinesischen Essays. Gegenwärtige Vergleiche und weiterführende Gedanken gehören zur Lesart des Autors, nicht zu weiteren Ereignissen, die der alte Text erzählen würde.
Zum Vergleich: Gesammelte Erläuterungen zum Zhuangzi, Kapitel Gleichnisreden ↗.