Das Zhuangzi neu aufschlagen · Zhuangzi und der Schädel
Er bietet an, ihm sein ganzes Leben zurückzugeben. Der Schädel sagt Nein
Auch ein scheinbar vollkommenes Geschenk ist noch nicht der Wunsch des anderen. Die Fabel führt zu den Lebenden zurück, nicht zu einem Beweis über den Tod.
Auf dem Weg nach Chu sieht Zhuangzi einen Totenschädel. Er klopft mit der Reitpeitsche daran und fragt, wie es dazu gekommen sei. Hatte er aus Gier nach Leben das rechte Maß verloren? Waren es der Untergang seines Landes, Krieg und Strafen? Hatte er Unrechtes getan und sich geschämt, seiner Familie gegenüberzutreten? Waren es Kälte und Hunger oder einfach das Alter? Die Fragen ordnen einem Fremden gleichsam einen letzten Lebenslauf zu. Unrecht, Leid, eigene Fehler oder ein Tod am Ende der Lebensspanne? Vor ihm liegen nur Knochen, doch Zhuangzi hat schon das ganze Einteilungssystem der Lebenden mitgebracht.
Nach den Fragen legt er seinen Kopf auf den Schädel und schläft. Um Mitternacht erscheint ihm dieser im Traum und fragt nun seinerseits: Deine Rede eben klang wie die eines Disputierers. Was du aufzählst, sind alles Mühen der Lebenden. Willst du hören, wie es mit dem Tod ist? Wir erwarten die Lebensgeschichte eines Toten. Doch genau diesen Lebenslauf liefert er nicht.
Er füllt das Formular nicht weiter aus
Im Tod, sagt der Schädel, gebe es oben keinen Herrscher und unten keinen Untertan, auch nicht die endlosen Geschäfte der Jahreszeiten. Gelassen nehme man Himmel und Erde als seine Zeit. Nicht einmal das Glück eines Königs, der nach Süden blickt, könne damit mithalten. Urteilen wir nicht sofort über die Wahrheit dieser Antwort. Sie verändert die ganze Frage. Zhuangzi will wissen, wie er so enden konnte, als stünde der Ausgang fest und es fehlten nur die Ursachen. Der Schädel antwortet: Wer sagt, dass dies unbedingt der schlechte Ausgang ist, für den du es hältst?
Das ist kein zuverlässiger Bericht aus einer anderen Welt. Im Traum spricht ein Schädel, der sogar die Stirn runzeln kann. Wir lesen eine Fabel, keinen Beleg für Erfahrungen nach dem Tod. Eine unmögliche Sprecherposition erhält absichtlich eine Stimme und stößt gegen die Gewissheiten der Lebenden. Kein Herrscher, keine Untertanen, keine Geschäfte der Jahreszeiten: Das ist auch für Lebende verlockend, denen Frondienste, Feldarbeit und Rangbeziehungen die Luft nehmen. Die Stimme kehrt nicht nur Leben und Tod um. Sie zeigt, wie das menschliche Leben Menschen belastet und erschöpft.
Wir müssen deshalb nicht behaupten, der Tod sei besser als das Leben. Wir könnten vielmehr fragen, weshalb diese Vorstellung von Freiheit erst alle Alltagslasten wegräumen muss, bevor sie für Menschen Platz zu haben scheint.
Möchtest du das ganze Leben zurück?
Zhuangzi glaubt ihm nicht. Er bietet einen Ausgleich an, der sich kaum größer denken lässt: Er wolle Siming bitten, seine Gestalt wiederherzustellen, ihm Knochen, Fleisch und Haut zurückzugeben und ihn wieder mit Eltern, Frau, Kindern, Nachbarn und alten Freunden zusammenzubringen. Ob er wolle? Die Frage am Schluss zählt. Zurückgegeben würden nicht nur Atemzüge, sondern vertraute Gassen, Menschen, die seinen Namen rufen, und die Welt, in der er gelebt hat. Wer das vermisst, könnte darin selbstverständlich das schönste Geschenk sehen. Der Schädel zieht aber die Brauen zusammen: Wie könne er dieses Glück aufgeben und wieder die Mühen unter Menschen übernehmen? Das schönste Geschenk wird nicht automatisch zum Wunsch seines Empfängers.
Die Ablehnung ist unbequem. Zu oft bereiten wir Überraschungen für andere im Voraus fertig vor und schreiben die Dankbarkeit gleich in die Gebrauchsanweisung des Geschenks. Sagt der andere Nein, fühlt der Wohlmeinende sich mit abgelehnt. Aber „Das möchte ich nicht“ und „Ich erkenne deine gute Absicht nicht an“ bleiben verschiedene Sätze. Vielleicht brauchen sie Erklärung. Ohne nachzufragen dürfen wir sie nicht zu einem Satz zusammenziehen.
„Das sagt nur der Schädel“ erledigt die Frage nicht
Es zählt, wer hier spricht. Eine Figurenrede hat aber nicht deshalb nichts mit dem Denken des Werks zu tun. Wen ein Autor sprechen lässt und wer das letzte Wort bekommt, bildet die Bedeutung mit. Wir können nicht einerseits mithilfe des Schädels verschiedene Lagen ernsthaft erörtern und andererseits alle unbequemen Aussagen des Schädels von den Gedanken des Zhuangzi abtrennen. Ein Werk kann durch eine Figur eine Richtung ausdrücken und zugleich die Spannung dieser Richtung bewahren. Es muss nicht zwischen beidem wählen.
Guo Xiang widerspricht hier ausdrücklich der Lesart, Zhuangzi freue sich am Tod und verabscheue das Leben. Er betont: Im Leben im Leben ruhen, im Tod im Tod ruhen; nicht schon während des Lebens ganz von der Sorge um den Tod besetzt werden. Das muss nicht unsere einzige Deutung sein. Es erinnert aber daran, dass auch die Alten im Schädel nicht alle einen Werber für den Tod sahen. Hier möchte ich vor allem auf die Wendung achten: Zhuangzi hält sein Angebot für etwas Gutes, das keiner weiteren Erörterung zu bedürfen scheint. Er fragt trotzdem – und der andere nimmt es nicht einfach an. Das ist eine Beziehungsfrage, die wir aus der Fabel lesen, nicht die Entschlüsselung sämtlicher Gedanken ihres Autors.
Im selben Kapitel gibt es noch den Seevogel
Später in Höchste Freude bewirtet der Fürst von Lu einen Seevogel mit seinen eigenen kostbaren Dingen. Feierliche Musik und ein prächtiges Mahl: Der Vogel ist so verängstigt, dass er weder frisst noch trinkt und nach drei Tagen stirbt. Zusammen gelesen lassen die Abschnitte Ähnliches hören: Was mir wertvoll ist, passt nicht unbedingt zu dir. Ein noch so hoher Aufwand ersetzt die Frage nicht, ob du es annehmen kannst. Die Beispiele sind aber nicht identisch. Der Vogel ist innerhalb der Geschichte ein lebendes Tier mit bestimmten Bedürfnissen an Nahrung und Umgebung. Der Schädel ist eine Traumgestalt, der eine Stimme verliehen wird. Hier wird gezeigt, dass Fürsorge die wirklichen Bedürfnisse ihres Gegenübers beachten muss. Dort fordert ein unmögliches Gespräch unsere Voraussetzungen heraus.
Auch der Vogel zeigt durchaus etwas. Seine Angst, sein Nichtfressen und Nichttrinken lassen körperlich ein Unbehagen erkennen. Es fehlen nicht die Signale, sondern jemand, der bereit ist, aufgrund dieser Signale die Pläne zu ändern. Keine menschlichen Worte zu sprechen bedeutet nicht bereits Zustimmung. Das Nein des Schädels dagegen wird als Rede wiedergegeben. Zhuangzi hat gefragt, der Schädel geantwortet, und die Erzählung hält an. Sie setzt weder die Überredung fort noch teilt sie ein Urteil nach dem Erwachen mit. Das lässt Lesenden Raum. Dessen Wert verlangt nicht den Beweis, der Autor lehne jede Schlussfolgerung ab.
Nach dem „An deiner Stelle“ noch etwas hören
Ein Freund lehnt eine Beförderung ab. Du findest es schade: mehr Lohn, mehr Ansehen, eine Gelegenheit, auf die so viele warten. Er will aber die Angehörigen, die er versorgt, nicht verlassen und die nächsten Jahre nicht dieser Arbeit übergeben. Du darfst deine Sorge erklären. Vielleicht unterschätzt er eine Bedingung und braucht weitere Informationen. Wenn du jedoch auf alles, was er sagt, nur wiederholst: „An deiner Stelle würde ich es sicher machen“, hat euer Gespräch deinen eigenen Standort noch nicht verlassen.
Menschen können einander trotzdem verstehen. Wir fragen, stellen uns etwas vor und korrigieren unsere Auffassung. Andernfalls könnten Freundschaft, Fürsorge und Zusammenarbeit überhaupt nicht entstehen. Nur haben wir nicht schon ein Leben für den anderen gelebt, wenn wir es einmal in Gedanken durchgespielt haben.
Verschiedene Lagen machen auch nicht alle Urteile gleich verlässlich. Arbeitsbedingungen lassen sich ermitteln, Umzugskosten gemeinsam berechnen und Bedürfnisse nach Fürsorge genauer erfragen. Was sich gemeinsam feststellen lässt, müssen wir nicht wegen unterschiedlicher Sichtweisen ungeprüft lassen. Was wir vorerst nicht für einen Menschen entscheiden können, müssen wir um eines ordentlichen Formulars willen nicht trotzdem eintragen. Verständnis wächst oft gerade in diesen kleinen Schritten. Wir müssen nicht entweder ganz den Ort des anderen besetzen oder ewig aneinander vorbeireden.
Je vollkommener das Geschenk erscheint, desto eher lohnt sich der Blick auf die Tür zum Nein. Darf er sagen, er brauche es vorerst nicht? Darf er sich bedanken und trotzdem ablehnen? Wird ihm nach dem Nein sofort die bisherige Beziehung entzogen? Rat von Eltern bedeutet nicht notwendig Kontrolle; eine wiederholte Rückfrage eines Freundes nicht notwendig Respektlosigkeit. Zu beachten ist, ob das Vergewissern noch neue Antworten zulässt oder nur daran arbeitet, das Nein zum Ja abzuschleifen.
Die Frage zu den Lebenden zurückbringen
Dieser Essay darf keinem leidenden Menschen sagen, der Tod sei der bessere Ort. Ebenso wenig darf das Nein des geträumten Schädels unmittelbar begründen, einem wirklichen Menschen Hilfe vorzuenthalten. Lebende brauchen weiterhin die Sorge anderer Lebender. Einsamkeit, Erschöpfung und Verzweiflung lassen sich nicht mit einem philosophischen Satz abfertigen. Mitnehmen sollten wir aus der Fabel vielleicht keine Landkarte des Jenseits, sondern etwas Zurückhaltung darin, wie wir Hilfe anbieten. Zuerst den Menschen vor uns sehen, nicht eilig von ihm den Beweis verlangen, dass unser Mitgebrachtes das Beste sei.
Am Anfang glaubt Zhuangzi zu wissen, nach welchen Todesarten er fragen soll. Nach dem Traum können wir zumindest nicht mehr so selbstverständlich annehmen, ein vorab vorbereitetes Formular könne alle Antworten eines anderen aufnehmen. Der Schädel runzelt die Stirn. Wir dürfen ihm widersprechen. Nur müssen wir ihm nicht gleich ein dankbares Gesicht zurechtschreiben.
Text und Lesart
Diese deutsche Fassung ist eine eigenständige Neufassung des vollständigen chinesischen Leseessays, keine vollständige Übersetzung des klassischen Zhuangzi. Die alten Zitate werden hier auf Deutsch wiedergegeben; auf der chinesischen Seite steht ihr ursprünglicher Wortlaut. Auch die bestehende englische Fassung ist eigenständig geschrieben; die vereinfachte und die traditionelle chinesische Fassung enthalten den vollständigen Essay. Gegenwärtige Alltagsvergleiche und weiterführende Überlegungen gehören zur Lesart des Autors, nicht zu zusätzlichen Begebenheiten im alten Text. Die vier theoretischen Begleitbände sind über die Quellen auf Englisch und Chinesisch erreichbar.
Hinweise zur Lektüre
Alter Text und Lesart: Höchste Freude ↗
Die chinesische Seite bewahrt den Wortlaut der klassischen Zitate; die englische Erzählung wurde für diese Ausgabe eigenständig geschrieben. Diese deutsche Fassung ist wiederum eine eigenständige Neufassung des vollständigen chinesischen Essays. Gegenwärtige Vergleiche und weiterführende Gedanken gehören zur Lesart des Autors, nicht zu weiteren Ereignissen, die der alte Text erzählen würde.
Zum Vergleich: Gesammelte Erläuterungen zum Zhuangzi, Kapitel Höchste Freude ↗.