Das Zhuangzi neu aufschlagen · Zhuangzi schlägt auf eine Schüssel und singt
„Als sie starb, wie hätte ich nicht traurig sein können?“
Vor dem Gesang steht die Trauer. Weder Tränen noch Gesang müssen die ganze Liebe eines Menschen abrechnen.
Ein Freund kommt zum Kondolieren und hört beim Eintreten Gesang. Zhuangzis Frau ist gestorben. Huizi besucht ihn und sieht ihn mit ausgestreckten Beinen dasitzen, auf eine Schüssel schlagen und singen. Er kann seinen Vorwurf nicht zurückhalten: Sie habe ein ganzes Leben mit ihm verbracht, Kinder aufgezogen und sei mit ihm alt geworden. Jetzt sei sie tot; dass er nicht weine, wäre schon genug, aber wie könne er auch noch singen? Die Frage lässt sich verstehen. Reduzieren wir Huizi auf einen von Riten gefesselten Menschen, wird die Geschichte dünner. Er fragt nach der Person, die jetzt fehlt: Haben die gemeinsam verbrachten Tage bei dir noch Gewicht?
Zhuangzi antwortet nicht, er könne eben besser loslassen als Huizi. Zuerst sagt er einen Satz, den das berühmte Bild des Schüsselschlagens und Singens leicht verdeckt.
Als sie eben gestorben war – wie hätte ich da nicht traurig sein können!
Als sie gerade starb, wie hätte ich nicht betrübt sein können?
Die Zeit vor dem Gesang
Sobald eine Geschichte zur Redewendung schrumpft, wird leicht ihr menschlichster Teil herausgedrängt. Wir behalten einen singenden Philosophen mit seiner Schüssel, als habe er von Anfang an keinen Schmerz gekannt. Dann halten wir uns dieses Bild vor und fragen, weshalb wir das nicht schaffen. Doch die Geschichte lässt ihn ausdrücklich von seiner anfänglichen Trauer sprechen. Schon das „Wie hätte ich nicht?“ stellt ihn zurück unter Menschen, die berührt werden. Er musste nicht erst ein schmerzloser Stein sein, um über Leben und Tod sprechen zu dürfen.
Dies ist allerdings eine überlieferte literarische Erzählung und kein überprüftes privates Tagebuch. Wir wissen weder, wie viel Zeit zwischen dem Tod und Huizis Besuch liegt, noch, ob Zhuangzi später wieder weint. Der Text zeigt einen Wandel und gibt damit nicht den vollständigen Zeitplan der Trauer eines Menschen. Wenn wir das anerkennen, muss der Gesang nicht zur Prüfung werden. Dass ein anderer nicht weint, beweist nicht, ich weinte zu viel. Eigene Ruhe muss sich auch nicht durch die Herabsetzung fremden Schmerzes behaupten.
Er schaut noch ein Stück weiter zurück
Zhuangzi erzählt dann, wie er auf ihren Lebensanfang zurückblickt. Davor habe es dieses Leben nicht gegeben, keinen Körper, nicht einmal das qi, aus dem der Körper entstand. In dunklem, schwer fassbarem Wandel sei qi entstanden, daraus Gestalt, daraus Leben. Nun habe es sich wiederum zum Tod gewandelt.
So gehen sie miteinander dahin wie Frühling, Herbst, Winter und Sommer.
Wie Jahreszeiten aufeinanderfolgen. Qi gehört hier zur alten Sprache, mit der Leben erklärt wird; es ist kein Beweis heutiger Physik. Der Vergleich mit den Jahreszeiten beweist ebenso wenig, dieser bestimmte Mensch komme sicher wie ein Frühling zurück. Zhuangzi bietet eine Weise, Leben und Tod neu zu verorten.
Unser Blick bleibt oft an einem Bruch hängen: Gestern war sie noch hier, wie kann sie heute fehlen? Der Bruch ist so nah, dass alle anderen Zeiten zurücktreten. Zhuangzi schaut in der Geschichte weiter zurück: vor die gemeinsame Bekanntschaft, vor ihr Kommen in die Welt. Er hatte ihr Erscheinen nicht eingerichtet. Ihr Gehen bricht nun auch kein Versprechen, das die Welt ihm gegeben hätte. Das macht die Zeit dazwischen nicht unwichtig, nur weil sie anfangs noch nicht da war. Im Gegenteil: Sie kam und lebte mit ihm. Die Begegnung zählt nicht deshalb als ungeschehen, weil sie nicht für immer dauerte.
Dass eine Blüte verwelkt, macht den Nachmittag ihres Blühens nicht zum Irrtum. Aber auch dieser Vergleich hat Grenzen. Einen Menschen zu verlieren ist viel mehr, als einer Blume zuzusehen. Ein Bild kann dem Herzen ein Fenster öffnen; es darf den Menschen nicht auf ein kleineres Leben zurechtstutzen.
Der große Raum löscht das Zuhause nicht aus
Zhuangzi sagt, sie schlafe nun ruhig im großen Raum. Die alten Kommentare verstehen darunter den Raum zwischen Himmel und Erde. Das Bild nimmt ihren Ort aus dem kleinen Haus und stellt ihn in eine größere Welt. Er sagt weiter, wenn er daneben noch laut weinte, erschiene ihm das als mangelndes Verstehen dieses Wandels. Deshalb habe er aufgehört. Das enthält durchaus ein Urteil: Den Wandel zu verstehen ist für ihn eine Richtung, die sich zu gehen lohnt. Auch Guo Xiang liest die Passage als Anleitung für empfindende Menschen. Wir möchten daraus keinen Befehl zum Aufhören mit dem Weinen machen. Deshalb dürfen wir dem Original aber nicht jede anleitende Absicht absprechen.
Leser können trotzdem unterscheiden. Dass eine Sichtweise dieser Figur Halt gibt, verpflichtet nicht alle Menschen zu einer sofortigen heilsamen Reaktion. Er hört auf zu weinen; es steht nicht da, er denke von nun an nicht mehr an sie. Erst recht heißt es nicht, jedes Vermissen verrate mangelndes Verstehen. Man kann wissen, dass sich der Tod nicht rückgängig machen lässt, und an einem Abend trotzdem über eine alte Tasse stolpern. Verstehen, wie es geschehen ist, und es im Körper und im Alltag langsam tragen lernen fallen nicht immer zusammen. Am Tisch fehlt ein Paar Essstäbchen, im Telefon eine Nummer. Sich in diesem veränderten Alltag erst wieder zurechtzufinden heißt nicht, man habe die Philosophie nicht gut genug verstanden.
Auch Huizis Frage darf im Zimmer bleiben
Beim Lesen der Antwort schicken wir Huizi leicht gleich mit hinaus: Du verstehst es nicht; bleiben dürfen die, die verstanden haben. Ohne seinen Vorwurf hörten wir aber nur das Lied. Er holt das Gewicht des gemeinsamen Lebens herein, sodass Zhuangzi erklären muss: Dieser Klang kommt nicht aus vollständiger Gefühllosigkeit. Huizi kann zu scharf sprechen und unvollständig urteilen. Die Frage eines Freundes ist deshalb nicht automatisch engstirnig. Auch wenn ein Ausdruck die Menschen um uns beunruhigt, verlieren sie nicht alle das Recht, nachzufragen. Hier sind zwei Reaktionen auf den Tod und ein Gespräch, das noch weitergehen kann.
Eine Person spricht überhaupt nicht: die Frau selbst. Wir wissen nicht, was sie mochte, wie sie die Gedanken ihres Mannes sah oder ob sie dieses Lied hören wollte. Sie darf nicht nur noch dazu dienen, einem Philosophen zur Einsicht zu verhelfen. Zur Bescheidenheit beim Lesen gehört, anzuerkennen, dass der Text ihre Stimme nicht hören lässt. Ihr Leben war viel länger als das, was diese Geschichte daraus erzählt.
Auch beim Verlust anderer behalten wir leicht nur, wie die Hinterbliebenen reagieren: stark, außer sich, gelassen, niedergeschlagen. Der vermisste Mensch hatte aber Eigenarten, Vorlieben, Fehler und Wünsche. Bleibt beim Sprechen über sie nur eine vorbildliche Abschiedsweise übrig, verschwindet die besondere Person noch einmal. Sie in konkreter Gestalt wieder in Erinnerung kommen zu lassen verhindert auch, dass Philosophie das Leben allzu schnell abschließt.
Legt fremden Gesang nicht über die Tränen
Wer gerade einen Angehörigen verloren hat, möchte vielleicht über Leben und Tod sprechen. Vielleicht braucht er aber nur jemanden, der Essen auf den Tisch stellt. Einige wollen diesen Text gemeinsam lesen, andere vorerst keinerlei Erklärung hören. Keine Reaktion muss zunächst nach höher und niedriger sortiert werden. Ob sich etwas sagen lässt, hängt nicht nur davon ab, ob die Überlegung begründet ist. Es hängt auch davon ab, wer jetzt hören möchte, wer spricht und wer den Verlust trägt. Vielleicht hältst du selbst das Weinen weniger gut aus und erzählst deshalb eine philosophische Überlegung. Das ist nicht notwendig die Hilfe, die der andere braucht.
Man kann zunächst fragen: „Möchtest du reden, oder soll ich ein wenig bei dir sitzen?“ Man kann auch bei einer konkreten Sache helfen und die Stille danach lassen. Will jemand von dem Menschen erzählen, darf dessen Name noch etwas länger im Zimmer bleiben. Wir müssen das Gespräch nicht eilig mit dem nötigen Loslassen abschließen. Verstehen ist nicht verboten; auch es soll nur anklopfen lernen. Wer selbst trauert, muss seinerseits nicht jeden etwas leichteren Augenblick für Verrat halten. Ein Essen schmeckt, unterwegs kommt plötzlich ein Lachen: Das nimmt der früheren Liebe nichts zurück. Wer morgen wieder weint, hat den heutigen Tag nicht umsonst gelebt.
Weder Gesang noch Tränen müssen die gesamte Liebe eines Menschen abrechnen.
Nicht jede Jahreszeit verlangt dieselbe Kraft
Das Bild kann behutsam auch andere Erfahrungen als einen Todesfall berühren. Menschen altern, verlieren früher vertraute Fähigkeiten oder geraten in ungewohnte Tage. Manchmal warten wir, bis wir wieder im alten Zustand sind, bevor das Leben für uns wieder begonnen haben darf. Die Jahreszeiten könnten eine andere Erlaubnis geben: Man muss nicht erst zum Frühling werden, um im Winter zu leben. Nicht jeder Abschnitt ist gleich leicht und nicht jeder braucht dieselbe Kraft. Sich auszuruhen, Hilfe zu suchen oder nur eine kleine Sache vor sich zu erledigen ist nicht unbedingt Abwesenheit vom Leben.
Das ist kein Spruch, dass alles gut sei. Manche Verluste bleiben Verluste, manche Tage wirklich schwer. Der Schwierigkeit muss nur kein weiteres Urteil hinzugefügt werden: Solange ich mich noch nicht gefangen habe, zählt dieser Tag nicht als gelebtes Leben. Gehen wir zur Tür zurück: Huizi hört ein Lied. Erst weiter hinten hören wir auch den Satz davor: Wie hätte ich nicht traurig sein können? Streichen wir ihn nicht, um den Gesang zu loben. Verbieten wir aber auch nicht aus Treue zur Trauer, dass irgendwann wieder ein Lied erklingt.
Text und Lesart
Diese deutsche Fassung ist eine eigenständige Neufassung des vollständigen chinesischen Leseessays, keine vollständige Übersetzung des klassischen Zhuangzi. Die alten Zitate werden hier auf Deutsch wiedergegeben; auf der chinesischen Seite steht ihr ursprünglicher Wortlaut. Auch die bestehende englische Fassung ist eigenständig geschrieben; die vereinfachte und die traditionelle chinesische Fassung enthalten den vollständigen Essay. Gegenwärtige Alltagsvergleiche und weiterführende Überlegungen gehören zur Lesart des Autors, nicht zu zusätzlichen Begebenheiten im alten Text. Die vier theoretischen Begleitbände sind über die Quellen auf Englisch und Chinesisch erreichbar.
Hinweise zur Lektüre
Alter Text und Lesart: Höchste Freude ↗
Die chinesische Seite bewahrt den Wortlaut der klassischen Zitate; die englische Erzählung wurde für diese Ausgabe eigenständig geschrieben. Diese deutsche Fassung ist wiederum eine eigenständige Neufassung des vollständigen chinesischen Essays. Gegenwärtige Vergleiche und weiterführende Gedanken gehören zur Lesart des Autors, nicht zu weiteren Ereignissen, die der alte Text erzählen würde.
Zum Vergleich: Gesammelte Erläuterungen zum Zhuangzi, Kapitel Höchste Freude ↗.