Das Zhuangzi neu aufschlagen · Sun Shuao und der alte Mann von Zang
Wenn das Amt kommt und geht: Wer bleibt?
Ein Amt kann wichtig sein, ohne über den ganzen Menschen zu verfügen. Wer eine Aufgabe annimmt, hat damit nicht schon zugesagt, sie endlos zu vergrößern.
Jianwu versteht etwas nicht. Dreimal wurde Sun Shuao zum Lingyin, zum obersten Minister, ernannt, ohne sich stolz zu zeigen. Dreimal verlor er das Amt, ohne betrübt auszusehen. Zuerst glaubte Jianwu es nicht. Nun meint er sogar in Suns Atem eine Leichtigkeit zu bemerken und fragt, wie er innerlich damit zurechtkomme. Auch wir sehen Menschen so an. Jemand hat eben eine wichtige Stellung verloren, isst aber wie immer und spricht wie immer. Die anderen werden unsicher: Hat er wirklich losgelassen oder hält er sich nur zusammen?
Eine winzige körperliche Beobachtung macht Jianwus Frage im Kapitel Tian Zifang anschaulich. Doch der Atem ist kein Instrument zum Nachweis des Inneren. Eine ruhige Erscheinung beweist auch im wirklichen Leben nicht, dass der Mensch unverletzt blieb. Wir sollen in dieser Geschichte hören, was Sun Shuao als Nächstes antwortet.
Sich nicht zum Menschen ohne Reaktion erziehen
Sein Kommen kann ich nicht abwehren, sein Gehen nicht aufhalten. Ich halte Gewinnen und Verlieren für etwas, das nicht bei mir liegt, und zeige deshalb nur keine betrübte Miene.
Ob er die Stellung bei ihrem Kommen zurückweisen oder bei ihrem Gehen festhalten kann, liegt nicht ganz in seiner Hand. Er beschreibt nicht zuerst eine Methode zur Unterdrückung von Gefühlen, sondern betrachtet noch einmal das Verhältnis zwischen dem Amt und sich. Zum Lingyin kann er sich nicht allein durch eine eigene Erklärung machen. Er kann handeln, urteilen und seine Pflichten erfüllen; Ernennung und Absetzung liegen zugleich in anderen Händen. Die Stellung verändert das Leben tatsächlich. Sie erhält dadurch aber nicht die Macht, den ganzen Menschen zu definieren.
Auch die alten Kommentare verstehen das Gewinnen und Verlieren, das nicht bei mir liegt, in Richtung mangelnder eigener Verfügung. Es ist keine Eigentumserklärung und heißt erst recht nicht, alles nicht allein Kontrollierbare gehöre nicht zu dir. Dass jemand anders den Lohn zahlt, lässt eine Lohnschuld nicht verschwinden. Dass du eine Beurteilung nicht schreibst, nimmt dir nicht das Recht, eine Berichtigung zu verlangen. Lockern lässt sich etwas anderes: Hat er mit meiner Absetzung mich als ganzen Menschen abgesetzt? Bin ich wertlos geworden, weil er mich nicht mehr braucht?
Das Amt kann gehen. Das Getane wird damit nicht aus der Welt zurückgenommen. Andere können die Bezeichnung für dich ändern; dein Urteil über eine Sache und dein Versprechen gegenüber einem Menschen müssen deshalb nicht jedes Mal ihren Namen wechseln.
Auch größere Gelassenheit wird nicht zum neuen Amt
Zweimal fragt Sun Shuao in seiner Antwort, was er den anderen denn voraus habe. Die leichten Fragen versperren einen vertrauten Seitenweg: Kaum ist das hohe Amt fort, wird man schon zum Menschen, der überlegener loslassen kann als alle anderen. Wieder müssen Leute unten stehen, damit man selbst oben bleibt. Der äußere Amtshut ist abgelegt, im Inneren wird ein neuer ausgegeben.
Sun beeilt sich nicht, diesen neuen Hut anzunehmen. Er fragt weiter, ob der Glanz dort oder bei ihm liege. Dann sagt er, er schaue sich noch zögernd nach allen Seiten um und habe gar keine Zeit, immer um den hohen oder niedrigen Rang der Menschen zu kreisen. Die alten Kommentare deuten diese Sätze verschieden. Die Wendung bleibt aber deutlich: Er will sein Leben nicht fortwährend in einer Reihe verbringen, in der nur Oben und Unten zählen.
Wer Unrecht erfährt, muss deshalb nicht bloß still lächeln. Ein verlorener Arbeitsplatz kann Miete, Fürsorge für die Familie und die plötzliche Unterbrechung jahrelanger Arbeit bedeuten. Der Verlust ist wirklich, und die Wut kann gute Gründe haben. Für sich einzutreten übergibt noch nicht die ganze Person an eine Stellung. Verletzt zu sein beweist auch keine unzureichende innere Bildung. Du kannst sagen: „Das ist wichtig für mich, und es tut mir wirklich weh“, ohne den Satz hinzuzusetzen: „Also bin ich jetzt nichts mehr.“ Zwischen den beiden Sätzen bleibt etwas Boden für dich.
Etwa indem du das Notwendige wieder einzeln ansiehst: Welche Unterlagen brauche ich, mit wem lässt sich sprechen, wie soll das Leben als Nächstes weitergehen? Eine Zurückweisung von außen mischt oft verschiedene Fragen zu einem riesigen „Ich kann nichts“. Sie wieder zu trennen macht nicht sofort alles leichter. Es bringt aber die Hände zurück zu etwas, das sie tun können. Vollkommene Losgelöstheit muss man nicht erst erwerben, bevor man beginnt, sich um sich zu kümmern.
Der Mann, der mit dem Fang nicht eilt
Im selben Kapitel begegnet König Wen einem alten Mann von Zang. Diese Geschichte steht im Original weiter vorn. Hier lesen wir beide zusammen, weil beide nach dem Verhältnis zwischen Menschen und Positionen fragen. Wen sieht einen Angler, dessen Angeln ihm ungewöhnlich erscheint. Die Darstellung lässt ihn das Gerät halten, ohne ganz im Streben nach einem Fang aufzugehen. Der König möchte ihm die Regierung anvertrauen. Er sorgt sich aber, Minister und Verwandte des Herrscherhauses könnten beunruhigt sein. Ließe er ihn ziehen, wäre er wiederum nach seinem Empfinden dem Volk etwas schuldig geblieben.
Wen erzählt den Würdenträgern darauf einen Traum: Jemand habe ihm befohlen, die Regierung dem Mann von Zang zu übergeben. Sie erkennen darin einen früheren Herrscher. Wen schlägt vor, dann noch ein Orakel zu befragen. Die anderen widersprechen: Wenn der verstorbene Herrscher bereits befohlen habe, wozu noch das Orakel? Also wird der Alte an den Hof geholt. Der König hat hier nicht bloß einen Grund genannt und die anderen selbst urteilen lassen. Mit dem Traum leiht er sich eine über ihm selbst stehende Autorität. Sogar die Überprüfung, die noch hätte bleiben können, entfällt. Cheng Xuanyings Erläuterung versteht das ausdrücklich als Berufung auf einen Traum, um einen Fähigen zu empfehlen. Später fragt Yan Hui, weshalb der Traum nötig gewesen sei. Konfuzius verteidigt Wen ausdrücklich: Er habe sich nach den Umständen gerichtet und die Sache vollbracht.
Diese Verteidigung gehört zum Text. Man darf sie nicht streichen und daraus eine völlig unstrittige offene Verständigung machen. Wir dürfen aber heute weiterfragen: Wenn Gründe nur aus dem Mund eines Ahnen kommen können, wie können andere sie dann noch überprüfen oder Einwände erheben? Etwas verständlich zu machen ist nicht dasselbe, wie eine Herkunft zu erfinden, der niemand widersprechen darf. Wens Wunsch, dem Volk zu nützen, verdient Aufmerksamkeit. Die Macht, die in diesem Verfahren steckt, ebenfalls.
Er arbeitet tatsächlich drei Jahre
Der Alte flieht nicht sofort nach der Ernennung. Er übernimmt die Regierung und arbeitet drei Jahre. Das Original erzählt, die überlieferten Ordnungen seien unverändert geblieben und es seien keine besonderen einseitigen Befehle ergangen. Dann beschreibt es mit mehreren alten politischen Bildern eine Veränderung: Parteiungen und das Herausstellen eigener Verdienste treten zurück, die Beziehungen ändern sich. Über die Auslegung dieser Sätze wird gestritten. Wir sollten sie nicht als überprüfte moderne Leistungsbilanz lesen. Die Zustimmung der Erzählung ist dennoch deutlich: Der Alte kann nicht nur Abstand halten, sondern auch mitten in der Sache tätig werden.
Nicht von einer Stellung gefesselt zu sein verstehen wir manchmal so, als dürfe man überhaupt keine annehmen. Für andere zu arbeiten, eine Aufgabe zuzusagen und Verantwortung ernst zu nehmen sähe dann schon wie eine erste Niederlage aus. Die drei Jahre des Mannes von Zang halten dieses Missverständnis auf. Er muss nicht weit entfernt stehen, um sich selbst zu bewahren. Etwas ändert sich erst, als Wen ihn weiterfragt:
Ließe sich diese Regierung auf die ganze Welt ausdehnen?
Wenn es hier gut funktioniert, geht es dann auch überall? Der Alte antwortet nicht. Er legt das Amt nieder, geht in der Nacht fort, und danach hört man nichts mehr von ihm. Die Geschichte schreibt keine Kündigungsbegründung für ihn. Alte Kommentare können darin den Rückzug nach vollbrachtem Werk sehen; wir können eine Wachsamkeit gegenüber wachsendem Erfolg lesen. Seine gesamten Beweggründe kennen wir dadurch nicht. Die dreijährige Annahme und das spätere Gehen müssen beide im Bild bleiben.
Muss das Gelungene immer größer werden?
Die Frage ist uns nicht fern. Du bringst ein kleines Projekt zum Laufen; als Nächstes fragt jemand, ob es sich zehnmal kopieren ließe. Du hilfst einem Menschen; nun sollst du noch mehr übernehmen. Die Einladung muss nicht böse gemeint sein und kann aufrichtiges Vertrauen ausdrücken. Aber zwischen „Das ist eine gute Aufgabe“ und „Du musst sie fortan immer übernehmen“ liegt ein Weg, über den neu gesprochen werden muss. Eine andere Größenordnung verändert Beziehungen und Bedingungen. Dass etwas beim letzten Mal gut war, bucht die nächste Zusage nicht schon ein.
Das ermuntert nicht dazu, Pflichten wortlos fallen zu lassen. Wirkliches Gehen kann Übergaben, Erklärungen und Rücksicht auf Betroffene verlangen. Die Fabel lässt den Alten in einer Nacht verschwinden; im Leben ist es meist weniger leicht. Nicht leicht gehen zu können bedeutet aber nicht, gar nicht mehr gehen zu dürfen. Sun Shuao behält ein Selbst jenseits von Ernennung und Absetzung. Der Mann von Zang zeigt, dass man eine Aufgabe übernehmen kann, ohne das ständige Größerwerden als einziges eigenes Ziel anzunehmen.
Später lässt Tian Zifang Konfuzius Sun Shuao ausdrücklich und sehr hoch würdigen. Der Text hebt also nicht alle Bewertungen auf. Eher gibt er den Lesenden eine Frage zurück: Wie nimmst du eine Bewertung an, wenn sie kommt, und wie lebst du, wenn sie geht? Morgen stehen vielleicht weiterhin ein Vorstellungsgespräch, ein Einspruch oder eine schwer zu schreibende Mail an. Wir brauchen ihre Bedeutung nicht zu leugnen. Bevor wir hineingehen, können wir den Menschen und seine Visitenkarte zunächst etwas auseinanderhalten. Auf der Karte steht ein wirklicher Teil. Den übrigen Menschen müssen wir nicht ebenfalls daraufdrucken und anderen zur Verwahrung übergeben.
Text und Lesart
Diese deutsche Fassung ist eine eigenständige Neufassung des vollständigen chinesischen Leseessays, keine vollständige Übersetzung des klassischen Zhuangzi. Die alten Zitate werden hier auf Deutsch wiedergegeben; auf der chinesischen Seite steht ihr ursprünglicher Wortlaut. Auch die bestehende englische Fassung ist eigenständig geschrieben; die vereinfachte und die traditionelle chinesische Fassung enthalten den vollständigen Essay. Gegenwärtige Alltagsvergleiche und weiterführende Überlegungen gehören zur Lesart des Autors, nicht zu zusätzlichen Begebenheiten im alten Text. Die vier theoretischen Begleitbände sind über die Quellen auf Englisch und Chinesisch erreichbar.
Hinweise zur Lektüre
Alter Text und Lesart: Tian Zifang ↗
Die chinesische Seite bewahrt den Wortlaut der klassischen Zitate; die englische Erzählung wurde für diese Ausgabe eigenständig geschrieben. Diese deutsche Fassung ist wiederum eine eigenständige Neufassung des vollständigen chinesischen Essays. Gegenwärtige Vergleiche und weiterführende Gedanken gehören zur Lesart des Autors, nicht zu weiteren Ereignissen, die der alte Text erzählen würde.
Zum Vergleich: Gesammelte Erläuterungen zum Zhuangzi, Kapitel Tian Zifang ↗.