Essay lesen
Non Dubito

Das Zhuangzi neu aufschlagen · Der wirkliche Maler

Das Bild ist noch nicht da, das Urteil schon

Eine ungezwungene Haltung kann etwas sichtbar machen. Sie ist noch kein fertiges Bild – und kein Test, mit dem sich die Aufrichtigkeit eines Menschen zuverlässig prüfen ließe.

Han Qin ·

Das Bild ist noch nicht da, das Urteil schon. Fürst Yuan von Song möchte ein Bild malen lassen, und die Maler kommen zu ihm. Manche warten stehend auf Anweisung, manche befeuchten ihre Pinsel und mischen Tusche. So viele sind gekommen, dass noch die Hälfte draußen steht. Ein anderer trifft später ein. Er ist ruhig und beeilt sich nicht, mit kleinen Schritten nach vorn zu gelangen. Nach dem Empfang bleibt er nicht stehen, sondern geht in seine Unterkunft. Der Fürst schickt jemanden, um nachzusehen. Er hat sich entkleidet und sitzt ungezwungen da, den Körper bloß. „Gut“, sagt der Fürst, „das ist ein wirklicher Maler.“ Hier endet die Geschichte. Kein Bild wird ausgerollt, keine Werke mehrerer Maler werden zum Vergleich aufgehängt.

Ein Raum voller Vorbereitungen

Im Kapitel Tian Zifang ist die Szene sehr knapp erzählt:

Als Fürst Yuan von Song ein Bild malen lassen wollte, kamen die Maler alle herbei. Nach dem Empfang standen sie da, befeuchteten die Pinsel und mischten Tusche; die Hälfte befand sich draußen.

Shi bezeichnet hier die Maler. Für den Empfang gibt es die alte Erläuterung, sie nähmen eine Anweisung entgegen und verbeugten sich. Man muss sich also nicht ausschließlich vorstellen, der Fürst begrüße jeden einzelnen mit einer Verbeugung. Pinsel zu befeuchten und Tusche zu mischen sind außerdem wirkliche Vorbereitungen. Das sollte erhalten bleiben. Dass der letzte Mann später wirklicher Maler heißt, erklärt nicht nachträglich alle Vorbereitungen der anderen zum Schauspiel für den Herrscher. Manche könnten nervös sein, manche gerade sorgfältig ihre Tusche mischen, andere nur nach dem damaligen Ablauf warten. Die wenigen Sätze verraten uns nicht die Gedanken jedes Einzelnen.

Die Szene stellt die Maler allerdings an einen Ort, an dem Selbstdarstellung nahe liegt. Man soll Anweisungen annehmen, gesehen werden und unter vielen Kollegen bereit aussehen. Bevor gemalt wird, kann schon ein Vergleich darüber beginnen, wer wie ein guter Maler wirkt. Wir kennen solche Vorbereitungszeiten. Noch vor der Besprechung muss der Fortschrittsbericht gut aussehen. Kaum beginnt die Arbeit, fragt man schon, wie sich beweisen lässt, dass man nicht untätig ist. Pinsel und Tusche sind echt. Nur wandert die Aufmerksamkeit womöglich langsam von dem, was entstehen soll, zu denen, die uns den Pinsel halten sehen.

Ein anderer bleibt nicht in dieser Reihe stehen

Ein Maler kam später, ruhig und ohne zu eilen. Nach dem Empfang blieb er nicht stehen, sondern ging in seine Unterkunft.

Er kommt etwas später, gelassen statt hastig, und geht nach dem Empfang in sein Quartier. Das Nichteilen unterscheidet ihn von den anderen. Es erklärt aber nicht jeden Anstand in jeder Situation für sinnlos und erteilt auch kein Meisterprivileg für absichtliches Zuspätkommen. Er führt uns nicht vor, wie man im Bewerbungsgespräch besonders wirken kann. Wir wissen nicht einmal, weshalb er später eingetroffen ist.

Dann folgt das einprägsame Bild: entkleidet, breit und ungezwungen sitzend, den Körper bloß. Die alten Kommentare erklären die Sitzhaltung als Sitzen mit ausgestreckten, gespreizten Beinen; das weitere Wort bezeichnet Nacktheit. Daraus sollte man nicht die eindeutig festgelegte Pose machen, er habe nur sein Obergewand abgelegt und sitze mit gekreuzten Beinen. Die Ungezwungenheit lässt sich erfassen, ohne ein Foto mit jeder Einzelheit zu inszenieren. Guo Xiang erläutert: „Wer innerlich genug hat, dessen Geist ist gelassen und dessen Sinn gefestigt.“ Das zeigt, dass diese alte Lesart tatsächlich einen Zustand inneren Genügens würdigt, der nicht eilig die Erscheinung herrichtet. Es geht nicht nur um Spott über einen Fürsten, der Menschen nach dem Äußeren erkennt.

Einen Zustand zu würdigen und schon ein gelungenes Bild vorgelegt zu haben sind trotzdem zwei verschiedene Dinge. Der Abstand darf hier bleiben.

Spielt er nun eine Rolle oder nicht?

Das Bild zeigt ihn in der Unterkunft, nicht auf dem Platz der wartenden Maler. Es gibt deshalb Gründe, darin eine Ungezwungenheit zu lesen, die sich weniger an den Augen der Macht ausrichtet. Das Original garantiert aber weder völlige Einsamkeit noch, dass er von dem möglichen Besuch nichts ahnte. Es sagt auch nicht ausdrücklich, er habe die Arbeit schon begonnen. Weil ein innerer Monolog fehlt, dürfen wir nicht als bewiesen nachtragen, er habe keinerlei Bewusstsein für eine mögliche Wirkung gehabt.

Alleinsein garantiert keine Echtheit, vor anderen zu handeln bedeutet nicht automatisch Unechtheit. Gelernte Höflichkeit kann aufrichtig, ein mitgeteilter Plan ernst gemeint sein. Manchmal muss man einen Gedanken erst aussprechen, um zu merken, was daran nicht trägt. Ein Fortschrittsbericht kann den anderen auch sagen, wann sie die Arbeit übernehmen sollen. Zu fragen ist deshalb nicht nur, ob eine Bewegung Zuschauer hat, sondern für wen und wozu sie gerade wirkt. Hilft sie dem Vorhaben und der Zusammenarbeit, oder dient sie immer mehr nur dem Eindruck, ich sei ganz bei der Sache? Das kann sich mischen. Eine geschlossene Tür trennt es nicht immer sauber.

Deshalb brauchen wir auch unsere Unverstelltheit nicht erst vorzuführen. Weniger zu reden, sich nachlässig zu kleiden oder abseits zu sitzen ist nicht automatisch echter als die ernsthafte Vorbereitung anderer.

Das Urteil kommt vor dem Werk

„Das ist ein wirklicher Maler“ hat im Erzählen Gewicht. Der Fürst hebt den zuletzt Eingetroffenen unter den vielen anderen hervor. Die ganze Anordnung legt nahe, dass wir der Würdigung folgen. Ein zuverlässiger moderner Auswahltest ist sie trotzdem nicht. Die Geschichte sagt weder, der Fürst habe zuvor noch nie ein Bild dieses Mannes gesehen, noch berichtet sie über die Qualität des diesmal vollendeten Werks. Wir können sagen, dass diese Szene das Urteil nicht am fertigen Bild vorführt und prüft. Wir können nicht zusätzlich behaupten, der Autor habe absichtlich einen Irrtum des Fürsten sichtbar machen wollen. Ebenso wenig wissen wir, dass dieser allein anhand jener wenigen Dinge stets richtig lag.

Jemand kann ungezwungen sein und die konkrete Arbeit dennoch schlecht machen. Ein anderer kann sich unwohl fühlen und unter passenden Bedingungen etwas sehr Gutes schaffen. Will man eine Aufgabe wirklich anvertrauen, helfen Werke, Erfahrung, Kommunikation und eine aufgabenbezogene Probe mehr als die Nachahmung einer Haltung. Wir müssen die Geschichte nicht in eine Einstellungsformel verwandeln. Sie lässt uns sehen, dass vertraute äußere Kennzeichen des Malers nicht das Malen selbst sind. Wie man einem bestimmten Menschen gerechter wird, bleibt weitere Arbeit.

Auch Vorbereitung muss sichtbar sein dürfen

Du willst einen Essay schreiben. Du räumst den Tisch auf, liest, entwirfst eine Gliederung und sagst den Beteiligten, wann du liefern kannst. Das alles kann wirkliche Vorbereitung sein. Dann merkst du, dass du fortwährend den Fortschritt aktualisierst und besonders sorgfältig Screenshots auswählst, die deinen Arbeitszustand zeigen. Den schwierigsten Absatz hast du aber noch nicht angerührt. Nicht jede Kommunikation ist überflüssig. Nur haben die Handlungen, die das Vorhandensein von Arbeit belegen sollen, den Platz der Arbeit selbst besetzt. Vielleicht lässt sich eine kleine Zeitspanne ohne Echtzeitbericht freihalten. Schreib den Absatz zunächst schlecht und sieh dann nach, was schlecht daran ist. Noch nicht vorzeigbar bedeutet nicht nutzlos.

Wer gemeinsam arbeitet, kann allerdings nicht plötzlich unerreichbar werden und alle im Unklaren lassen, um das dann Unabhängigkeit zu nennen. Die notwendige Auskunft und eine verabredete nächste Rücksprache geben dieser stillen Zeit vielmehr verlässliche Grenzen. „Würde ich es auch tun, wenn niemand davon wüsste?“ kann beim Nachdenken helfen, ist aber nicht der einzige Echtheitstest für Arbeit. Manche Arbeit ist gerade dazu da, dass andere etwas erfahren: ein Sicherheitshinweis, eine Übergabe, eine öffentliche Erläuterung. Weiß niemand davon, ist sie nicht erledigt. Dass sie sich nach außen wendet, macht sie nicht gering.

Zu verringern wäre der Teil, der niemandem mehr hilft und trotzdem ständig neue Beweise verlangt.

Auch der Betrachtende hat etwas zu lernen

Der Fürst schickt jemanden zum Nachsehen. Wir müssen daraus heute nicht lernen, je mehr wir einen Menschen im Privaten beobachten könnten, desto besser verstünden wir, wie er wirklich ist. Dass andere unbeobachtete Räume haben, ist keine Wissenslücke der Vorgesetzten, die unbedingt geschlossen werden muss. Verdeckte Überwachung zur Prüfung der Aufrichtigkeit verwandelt gerade den angeblich besten Raum für natürliches Arbeiten wieder in einen Prüfungsraum ohne Ausweg.

Besser wäre vielleicht: Lassen die von mir eingeräumten Bedingungen verschiedene Vorbereitungsweisen zu? Belohne ich die Handlungen, die am häufigsten vor meinen Augen stattfinden, und übersehe dabei die Arbeit, die dem Ergebnis wirklich hilft? Mache ich aus der Fähigkeit, sich selbst zu erklären, den einzigen Beleg für gute Arbeit? Raum zu geben hebt die Prüfung des Ergebnisses nicht auf. Ziele lassen sich vereinbaren, nötige Informationen austauschen und tatsächliche Fortschritte zu geeigneten Zeitpunkten betrachten. Niemand muss dafür jede Minute das Bild eines ernsthaft arbeitenden Menschen abgeben.

Stille Menschen brauchen Gelegenheit, ihre Werke zu zeigen. Wer sich gut ausdrückt, muss deswegen aber nicht verdächtig werden. Der Maßstab kann näher an die Arbeit rücken, statt bloß die äußeren Vorlieben umzukehren.

Das Bild wird nicht aufgehängt

Bei der Aufrichtigkeit haben wir bereits besprochen: Lautes Weinen beweist keine Falschheit, Stille keine Echtheit. Die Malergeschichte und jener Essay können einander erhellen. Doch nicht alle, die Pinsel befeuchten und Tusche mischen, sind deshalb Menschen, die sich zu Tränen zwingen; der entkleidete Sitzende verkörpert nicht automatisch die wahre Trauer. Die Geschichte hält vor dem Werk an und lässt eine Haltung zurück, die noch nicht vollständig durch ein Ergebnis erklärt ist. Das hat seinen eigenen Reiz. Würde eine andere Geschichte danach das Werk zeigen, wäre damit aber nicht zwangsläufig jeder Denkraum zerstört. Die Leerstelle ist nicht der einzige Maßstab für gute Geschichten.

Hier möchte ich dem Spätgekommenen folgen und den Ort, an dem alle auf das Urteil warten, vorübergehend verlassen. Nicht damit man meine Besonderheit bemerkt. Sondern um zu sehen, was noch zu tun ist, sobald „Sehe ich aus, als würde ich arbeiten?“ ein wenig zurücktritt. Vielleicht der noch immer ungeschriebene Absatz, vielleicht ein noch leeres Blatt. Das Urteil kann etwas warten. Zuerst braucht das Bild Platz, um zu erscheinen.

Text und Lesart

Diese deutsche Fassung ist eine eigenständige Neufassung des vollständigen chinesischen Leseessays, keine vollständige Übersetzung des klassischen Zhuangzi. Die alten Zitate werden hier auf Deutsch wiedergegeben; auf der chinesischen Seite steht ihr ursprünglicher Wortlaut. Auch die bestehende englische Fassung ist eigenständig geschrieben; die vereinfachte und die traditionelle chinesische Fassung enthalten den vollständigen Essay. Gegenwärtige Alltagsvergleiche und weiterführende Überlegungen gehören zur Lesart des Autors, nicht zu zusätzlichen Begebenheiten im alten Text. Die vier theoretischen Begleitbände sind über die Quellen auf Englisch und Chinesisch erreichbar.

Hinweise zur Lektüre

Alter Text und Lesart: Tian Zifang ↗

Die chinesische Seite bewahrt den Wortlaut der klassischen Zitate; die englische Erzählung wurde für diese Ausgabe eigenständig geschrieben. Diese deutsche Fassung ist wiederum eine eigenständige Neufassung des vollständigen chinesischen Essays. Gegenwärtige Vergleiche und weiterführende Gedanken gehören zur Lesart des Autors, nicht zu weiteren Ereignissen, die der alte Text erzählen würde.

Zum Vergleich: Gesammelte Erläuterungen zum Zhuangzi, Kapitel Tian Zifang ↗.