Essay lesen
Non Dubito

Das Zhuangzi neu aufschlagen · Herbstfluten · die fünfte bis siebte Frage

Lass dich nicht von einem Namen aufzehren

Wer als verlässlich gilt, darf trotzdem ablehnen oder müde sein. Ein Name muss nicht mehr Leben bekommen als der Mensch, den er bezeichnet.

Han Qin ·

Schließlich fragt Hebo, was auch ein Leser fragen möchte:

Was soll ich dann tun, und was soll ich nicht tun? Was zurückweisen, was annehmen, wohin mich wenden und was lassen? Wie soll ich es am Ende halten?

Was also tue ich, was lasse ich? Was lehne ich ab, was nehme ich an, wohin gehe ich, was gebe ich auf? Zuvor haben wir gehört, dass Größe und Kleinheit nicht leichthin festgelegt werden dürfen und dass Rang mit dem Standort der Betrachtung wechselt. Das ist angekommen. Aber man muss weiterleben. Morgen muss man etwas zusagen oder ablehnen, nicht nur den sechs Betrachtungsweisen im Stehen zunicken. Die Nachfrage ist nicht minderwertig. Sie bringt das Gespräch vom Sehen zum Leben.

Er gibt die Frage nicht bloß zurück

Ruos Antwort ist lang. Er fordert Hebo auf, sein Streben nicht zu fesseln und nicht eine einzige Verhaltensweise für immer festzuhalten. Er spricht gegen Parteilichkeit, dagegen, Himmel und Erde auf ein enges Gebiet zu begrenzen, und gegen das Beharren auf einer bereits entstandenen Gestalt. „Nicht allein nach Einem handeln“ fordert nicht, von nun an überhaupt nichts zu tun. Eher soll ein bestimmter Weg nicht zu einem überall geltenden Befehl werden. Der Text kommt immer wieder auf Veränderung zurück: Zeit lässt sich nicht festhalten, Fülle und Leere wechseln. Eine Sache bleibt nicht für immer so, wie unser einmal gefälltes Urteil sie beschreibt.

Natürlich wählt diese Antwort nicht jede einzelne Handlung für Hebo aus. Sie gibt aber bereits eine Richtung und sogar ausdrückliche Anforderungen. Man kann die Sätze nicht zitieren und zugleich behaupten, Ruo biete niemals Schlussfolgerungen an. Richtung und eigenes Urteil sind vereinbar. Sagt jemand, man solle für den Termin keine Menschen verletzen, ist damit noch nicht jede morgige Stunde eingeplant. Eine Grenze für den Plan ist trotzdem gesetzt. Raum zum Nachdenken zu lassen bedeutet nicht, alles Gesagte gewichtslos zu machen.

Wozu ist das Verstehen gut?

Hebo fragt weiter: „Was ist dann am Dao wertvoll?“ Ruo verbindet seine Antwort zu einem Weg:

Wer das Dao kennt, versteht die Zusammenhänge; wer die Zusammenhänge versteht, weiß abzuwägen; wer abzuwägen weiß, lässt sich nicht durch die Dinge schädigen.

Vom Dao zu den Zusammenhängen, von dort zum Abwägen und so dazu, nicht von äußeren Dingen geschädigt zu werden. Das betreffende Wort quan lässt sich mit dem Bild eines beweglichen Waagegewichts verstehen. Liegt etwas anderes auf der Waage, kann man nicht nur die Stellung vom letzten Mal im Kopf behalten. Das erklärt nicht alle Regeln für tot und jede spontane Anpassung zur höheren Kunst. Klare Verfahren können Menschen schützen, verlässliche Absprachen Zusammenarbeit ermöglichen. Man muss erkennen, wann eine Regel hilft und wann ihre bloße Wiederholung sich von dem entfernt, was sie schützen sollte.

Ebenso nimmt eine Antwort nicht automatisch die Möglichkeit des Abwägens. Anfänger auf eine Gefahr hinzuweisen und ihnen nötiges Wissen zu geben ermöglicht ihnen oft erst ein Urteil. Mit dem Hinweis, Anfänger sollten es selbst erfahren, darf man ihnen Bedingungen, die sich erklären ließen, nicht verbergen. Abwägen bedeutet weder Ausnahmen nach Laune noch bequeme Sonderwege für die Mächtigen. Was man ändern will, warum und wer die Folgen trägt, muss sich sagen lassen.

Der Text bremst die wundersame Lesart selbst

Danach heißt es, einen Menschen von höchster innerer Kraft könnten weder Feuer noch Wasser, weder Hitze noch Kälte oder Tiere verletzen. Bis hierhin klingt das wie eine übermenschliche Fähigkeit. Doch unmittelbar darauf wird erklärt: Das heiße nicht, dass er mit seinem Körper an solche Gefahren herantrete und sie herausfordere. Er erkenne Sicherheit und Gefahr, sei vorsichtig beim Gehen und Bleiben. Der Text unterscheidet selbst. Wir müssen keinen Helden daraus machen, der überhaupt nichts fürchtet. Gefahren auszuweichen, denen man sich nicht aussetzen sollte, ist kein Gegensatz zu innerer Bildung.

Das garantiert natürlich auch nicht, dass gutes Urteilen jede Verletzung verhindert. In der Wirklichkeit können Menschen nach aller Vorsicht noch durch andere oder durch die Umwelt geschädigt werden. Eine idealisierende Überlegung darf nicht nachträglich zum Vorwurf an die Geschädigten werden. Sie kann daran erinnern, sich nicht leichtfertig selbst für ein Ergebnis einzusetzen. Sie erklärt nicht die Verantwortung für jedes reale Unglück.

Vier Beine und ein Seil

Am Schluss fragt Hebo, was Himmel beziehungsweise Natur und was der Mensch seien. Ruo macht die Begriffe nicht noch größer. Er gibt ein Bild, das man sehen kann:

Dass Rinder und Pferde vier Beine haben, heißt das Natürliche. Den Pferdekopf mit einem Halfter versehen und die Rindernase durchbohren: Das heißt das Menschliche.

Vier Beine zu haben gehört zu ihrer natürlichen Gestalt. Halfter und durchbohrte Nase dienen menschlicher Kontrolle und sind hinzugefügt. Die Stärke des Bildes liegt darin, eine gewohnte Einrichtung wieder als etwas zu zeigen, das jemand gemacht hat. Ist das Halfter lange da, sieht es irgendwann aus, als gehöre es von Natur aus zum Pferdekopf. Eine lange fortgeführte Arbeitsweise kann ebenso aussehen, als sei ein Mensch angeborenermaßen zu nichts anderem fähig.

Der Vergleich erledigt aber nicht alles. Was ursprünglich da ist, ist nicht notwendig gut; was später hinzukommt, nicht notwendig schlecht. Sprache, Handwerk, Freundschaft und vieles andere, das wir schätzen, wachsen im gemeinsamen Leben. Nach der Herkunft zu fragen heißt nicht, alle späteren Erfahrungen von sich abzustreifen. Ebenso wenig darf man für das Durchbohren der Nase eine bedingungslose Notwendigkeit erfinden: Ohne dies ließe sich das Rind weder führen noch zum Pflügen einsetzen. Das Original beweist diese Notwendigkeit nicht und garantiert auch nicht die Harmlosigkeit der Absichten. Zwischen tierischem Schmerz und menschlicher Nutzung bleibt eine Frage, die uns angeht.

Guo Xiangs Kommentar lässt Nasenring und Halfter zu, wendet sich aber gegen übermäßiges Antreiben ohne Maß. Das ist eine wichtige alte Lesart, keine vom Ausgangstext unterschriebene Erlaubnis für jede Nutzung. Heutige Leser können diese Grenze weiterhin strenger ziehen wollen.

Drei Aufforderungen, nicht drei Leerstellen

Lass das Menschliche das Natürliche nicht vernichten; lass absichtsvolles Machen das Leben nicht vernichten; opfere das dir Zuteilgewordene nicht dem Namen. Bewahre dies achtsam und verliere es nicht: Das heißt, zu deinem Echten zurückzukehren.

Menschliches Aufzwingen soll natürliches Leben nicht zerstören, absichtsvolles Handeln nicht das Leben beschädigen, und der eigene endliche Bestand soll nicht auf der Jagd nach einem Namen geopfert werden. Das sind wirkliche Mahnungen, kein Verzicht auf jede Regel. Gu ist hier nicht einfach das heutige chinesische Wort für einen Unfall. De sollte ebenfalls nicht auseinandergerissen und als „um etwas zu erlangen“ verstanden werden. Mit den alten Kommentaren gelesen bezeichnet es das begrenzt Vorhandene, das einem mitgegeben ist und das man vermag. Nach Ansehen lässt sich endlos jagen; endliches Leben und endliches Können dürfen darin nicht vollständig aufgehen. So kommt der letzte Satz aus der Ferne einer Aufopferung für Ruhm sehr nahe an uns heran.

Du bist etwa schon immer die verlässliche Person. Bei einem plötzlichen Problem springst du ein; bleibt etwas liegen, bringst du es zu Ende. Vielleicht schätzt du diese Fähigkeit aufrichtig und hast damit wirklich geholfen. Allmählich wird aus verlässlich aber: Du darfst nicht Nein sagen, nicht müde werden und keine eigenen Pläne haben. Der Name ist ursprünglich aus deinen Handlungen gewachsen. Nun verlangt er umgekehrt, dass du ihn ständig mit deinem Leben versorgst. Verlässlichkeit soll erhalten werden, indem du nach und nach den Körper und die Zeit verlierst, die verlässliches Handeln erst ermöglichen. „Diesmal kann ich es nicht übernehmen“ verrät dich dann vielleicht nicht. Vielleicht rückt der Name damit auf sein angemessenes Maß zurück.

Vor dem Ändern fragen, was etwas schützt

Das Seil an der Rindernase auf Institutionen und Arbeitsabläufe zu beziehen ist unser Vergleich, keine fertige Managementmethode des alten Textes. Eine Anforderung kann hinzugefügt sein und trotzdem wirkliche Sicherheit schützen. Nach ihrer Abschaffung läuft die Sache äußerlich vielleicht weiter, während das Risiko an einen unsichtbaren Menschen übergeht. Deshalb entscheidet die Frage, ob es danach noch funktioniert, nicht sofort über ihre Überflüssigkeit. Wichtiger wäre: Welches Problem sollte sie lösen? Löst sie es noch? Wer trägt die Kosten? Gibt es einen Weg, der weniger verletzt und notwendigen Schutz nicht zurücknimmt? Das macht mehr Mühe, als alles bloß in natürlich und künstlich aufzuteilen.

Für uns selbst gilt Ähnliches. Eine unter großer Anspannung erlernte Gewohnheit kann trotzdem zu uns gehören. Ihre Herkunft zu kennen kann aber zeigen, dass die Umgebung sich verändert hat. Vielleicht müssen wir uns nicht mehr bei jeder Gelegenheit entschuldigen und nicht vor jeder Handlung um Erlaubnis bitten. Die eigene Gestalt zu finden muss nicht bedeuten, einen Rohstein freizulegen, auf den niemals jemand eingewirkt hat. Es kann auch heißen, erneut auszuwählen: Welche Erfahrungen nehme ich mit, und welchen Einrichtungen will ich nicht mehr erlauben, an meiner Stelle zu entscheiden?

Nach dem Gespräch geht das Leben weiter

Vom ersten Blick Hebos aufs Meer bis zur Frage nach Natur und Mensch lässt sich dieses einleitende Gespräch als sieben Antwortgänge lesen. Die vorigen Essays haben es aufgeteilt, um langsam zu sehen, wie Größe, Betrachtung, Wahl und Selbstschutz zusammenhängen. Damit ist nicht das ganze Kapitel Herbstfluten zu Ende. Hebo erhält keine Liste für sein restliches Leben, steht aber auch nicht mit nichts da. Er hat von Grenzen gehört, nach Standorten zu fragen gelernt und Hinweise gegen das Verharren, zum Erkennen von Gefahren und gegen das Aufzehren für einen Namen bekommen. Nun muss er in konkreten Dingen weiter abwägen.

Für heutige Leser ist das vielleicht schon greifbar genug. Vor der nächsten Zusage braucht man nicht das ganze Universum zu erklären. Eine zusätzliche Frage reicht: Hilft mir diese Einrichtung, die Sache gut zu machen, oder verlangt sie, mich aufzubrauchen, damit ein Name weiterhin gut aussieht? Das Seil ist oft nicht dann am schwersten zu sehen, wenn es am engsten schneidet. Sondern wenn wir uns schon daran gewöhnt haben zu sagen: So bin ich eben.

Text und Lesart

Diese deutsche Fassung ist eine eigenständige Neufassung des vollständigen chinesischen Leseessays, keine vollständige Übersetzung des klassischen Zhuangzi. Die alten Zitate werden hier auf Deutsch wiedergegeben; auf der chinesischen Seite steht ihr ursprünglicher Wortlaut. Auch die bestehende englische Fassung ist eigenständig geschrieben; die vereinfachte und die traditionelle chinesische Fassung enthalten den vollständigen Essay. Gegenwärtige Alltagsvergleiche und weiterführende Überlegungen gehören zur Lesart des Autors, nicht zu zusätzlichen Begebenheiten im alten Text. Die vier theoretischen Begleitbände sind über die Quellen auf Englisch und Chinesisch erreichbar.

Hinweise zur Lektüre

Alter Text und Lesart: Herbstfluten ↗

Die chinesische Seite bewahrt den Wortlaut der klassischen Zitate; die englische Erzählung wurde für diese Ausgabe eigenständig geschrieben. Diese deutsche Fassung ist wiederum eine eigenständige Neufassung des vollständigen chinesischen Essays. Gegenwärtige Vergleiche und weiterführende Gedanken gehören zur Lesart des Autors, nicht zu weiteren Ereignissen, die der alte Text erzählen würde.

Zum Vergleich: Gesammelte Erläuterungen zum Zhuangzi, Kapitel Herbstfluten ↗.