Das Zhuangzi neu aufschlagen · Die Gottesanbeterin jagt die Zikade
Er hält noch die Schleuder, als er die Kette erkennt
Auch ein genauer Beobachter kann in dem Geschehen stecken, das er erklärt. Den eigenen Wunsch mitzuzeichnen macht nicht jedes Urteil falsch, sondern das Bild vollständiger.
Zuerst findet Zhuangzi den Vogel ein wenig lächerlich. So große Flügel, so große Augen – und einen Menschen direkt vor sich sieht er nicht? Der Vogel kommt von Süden, streift seine Stirn und setzt sich in den Kastanienhain von Diaoling. Zhuangzi rafft sein Gewand, eilt hinterher und wartet mit erhobener Schleuder. Seine eigene Bewegung macht aus dem Zuschauer jemanden, der etwas erbeuten will. Nur sieht er das noch nicht deutlich.
Der Bergbaum stellt Zhuangzi selbst in diese Lage. Kein Lehrer erklärt vom sicheren Ufer aus die anderen Lebewesen. Auch der Lehrer der Geschichte hat ein Auge auf seine Beute und eine Hand an der Schleuder. Der Text geht nicht schonend mit ihm um und gewinnt dadurch eine vertraute Nähe.
Dreimal vergessen
Zunächst eine Zikade: Sie hat gerade einen schönen Schattenplatz gefunden und vergisst sich selbst. Dann eine Gottesanbeterin, die sich aus ihrer Deckung auf die Zikade stürzen will. Der bevorstehende Fang lässt sie vergessen, dass ihr eigener Körper schon in einem anderen Blickfeld liegt. Der fremdartige Vogel folgt ihr, will daraus Nutzen ziehen und vergisst wiederum die eigene Gefahr.
Gerade hat sie schönen Schatten gefunden und vergisst sich selbst … Sie sieht den Fang und vergisst ihre Gestalt … Er sieht den Vorteil und vergisst sein Eigenes.
Dreimal vergessen verbindet drei verschiedene Positionen. Die Zikade ist keine Jägerin. Doch auch ihre Behaglichkeit verengt die Welt vor ihr. Die Gottesanbeterin sieht die Zikade, der Vogel die Gottesanbeterin; keiner dieser Blicke umfasst automatisch die ganze eigene Lage. Das ist kein moderner Bericht über Tierpsychologie. Wir müssen nicht jedem Tier den selbstsicheren Gedanken zuschreiben, es sei im Vorteil. Ihre Haltungen machen in der Fabel eine vertraute menschliche Erfahrung sichtbar: Etwas ist so anziehend, dass die übrigen Bedingungen vorübergehend nicht mehr vorhanden scheinen.
Anziehung muss nicht vom Schlechten ausgehen. Es kann eine wirklich wertvolle Arbeit sein, eine tatsächlich seltene Gelegenheit oder nur der Schatten, der nach einem langen Arbeitstag endlich auch auf uns fällt. Gerade weil das Gute wirklich gut ist, drehen wir uns vielleicht nicht um, um nachzusehen, was danebenliegt.
Die Schleuder in seiner Hand
Plötzlich erschrickt Zhuangzi.
Ach! Die Dinge verwickeln einander; Vorteil und Gefahr rufen einander herbei!
Er lässt die Schleuder fallen und geht. Zu seinem Erschrecken gibt es keinen langen inneren Monolog, doch die Hand sagt genug. Der Vogel hat die Gottesanbeterin im Blick, Zhuangzi den Vogel. Die Gefahr vor sich als Kette erkennen zu können stellt ihn nicht schon außerhalb dieser Kette. Die Kraft der Szene liegt nicht im Satz, niemand könne jemals Zuschauer sein. Sie lässt vielmehr jemanden, der zu beobachten glaubt, seinen eigenen Wunsch als Teil des Antriebs entdecken. Die Beobachtung kann stimmen, die Analyse kann genau sein. Genauigkeit hebt die Beteiligung des Beobachters nicht automatisch auf.
Du beurteilst etwa einen Streit und benennst die Schwächen beider Seiten richtig. Gleichzeitig hoffst du, dass am Ende du die Entscheidung treffen darfst. Oder du mahnst Kollegen, nicht um Verdienste zu kämpfen, und hoffst dabei, alle würden nun dich als den gerechtesten Menschen erkennen. Solche Wünsche machen nicht jeden deiner Sätze falsch. Werden sie aber nie mitgerechnet, fehlt deiner Zeichnung immer ein Stück. Ausgerechnet das fehlende Stück hält den Stift.
Der Kastanienhain ist mehr als die Kulisse einer Fabel
Zhuangzi hat sich bereits abgewandt, da läuft der Hüter des Hains hinter ihm her und stellt ihn zur Rede. Die alten Kommentare erläutern, er halte ihn für einen Kastaniendieb. Damit landet die Geschichte plötzlich auf dem Boden. Gerade hat Zhuangzi die Verwicklung aller Dinge erkannt und muss nun eine sehr bestimmte Frage beantworten: Was machst du in dem Hain, für dessen Bewachung jemand zuständig ist? Seine Einsicht in die Beziehungen der Tiere hat ihm den Zutritt nicht schon verschafft. Wir können im Hüter eine weitere Ebene des Bildes sehen, ohne ihn zum nächsten Raubtier zu erklären. Er hat seine Aufgabe, und sein Vorwurf kann ein Missverständnis enthalten. Menschliche Beziehungen werden nicht sämtlich zum Fressen und Gefressenwerden, nur weil man sie ins gleiche Bild setzt.
Das Original erzählt auch nicht, die Zikade und die Gottesanbeterin seien bereits gefressen. Es beschreibt Lauern, Zugreifen und Zhuangzis Erschrecken, keine überprüfte Folge von Todesfällen. Die Gefahr lastet wirklich auf der Szene. Zusätzliche Leichen braucht sie nicht, um zu zählen. Zhuangzi sieht etwas; ein Mensch von außerhalb zeigt ihm noch etwas anderes. Eine solche Erinnerung kann unangenehm klingen, muss aber nicht erst unangenehm werden, um zu helfen. Ein frühzeitiger Hinweis auf Grenzen wäre ebenfalls gut. Nicht erst Demütigung macht Menschen wach.
Zu Hause ist das Gespräch noch nicht zu Ende
Nach der Rückkehr zieht Zhuangzi sich eine Zeit lang zurück oder ist bedrückt; sein Schüler Lin Ju fragt nach. Die Überlieferung nennt teils drei Monate, teils drei Tage. Auch für den Zustand gibt es die alten Deutungen, er gehe nicht in den Hof hinaus oder sei nicht froh. Drei Monate ohne das Haus zu verlassen sind also keine unstrittig feststehende Angabe über seinen Alltag. Noch weniger können wir aus dieser Dauer seine ganze innere Lage erschließen. Er antwortet:
Ich achtete auf meine Gestalt und vergaß mich selbst; ich schaute auf trübes Wasser und verlor mich vor dem klaren, tiefen Gewässer.
Auch dieser Satz verlangt vorsichtiges Auslegen. Darin lässt sich Selbstprüfung lesen: Nur das unmittelbare Ziel im Auge zu haben ließ ihn die eigene Sicherheit in der gesamten Lage übersehen. Er sah andere und erkannte sich selbst nicht. Es ist keine beliebig auf Menschen zu klebende Diagnose für spätere Leser. Er hört hier auch nicht auf. Danach erinnert er sich an eine Lehre: Wer an einen Ort kommt, soll dessen Gebräuche und Anordnungen beachten. Er gibt zu, im Kastanienhain sich selbst vergessen und so Vorwurf und Beschämung durch den Hüter erfahren zu haben.
Dieser Schluss zählt. Die Selbstprüfung bleibt nicht im Kopf. Sie kehrt zur konkreten Umgebung zurück: Wo verlaufen Grenzen, wer ist zuständig, wie werden die eigenen Handlungen verstanden? Eine große Einsicht erspart solche kleinen Fragen nicht. Die Aufforderung, die Anordnungen zu beachten, muss auch nicht als Gehorsam gegenüber jeder Regel übernommen werden. Regeln können ungerecht sein und Widerspruch verdienen. Ihnen zu widersprechen ist aber etwas anderes, als sie zu vergessen. Wer eine Grenze herausfordern will, sollte zumindest wissen, dass es sie gibt und auf wen die Folgen fallen.
Man darf sich weiterhin konzentrieren
Leicht machen wir uns daraus eine neue Aufgabe: Bevor wir konzentriert arbeiten dürfen, müssen wir jederzeit sämtliche Risiken sehen. Das können wir nicht. Die Geschichten vom Zikadenfang, Schwimmen und Holzhandwerk haben die Kraft der Konzentration gezeigt. Dieser Essay streicht sie nicht durch. Er fragt, ob beim Hineingehen in eine Sache eine Gelegenheit bleibt, die Lage neu zu betrachten. Konzentration hilft, die Aufgabe zu schaffen. Erneutes Hinsehen hilft zu urteilen, ob sie auf dieselbe Weise noch weitergeführt werden sollte. Beides muss einander nicht ausschließen.
Ein Team kann ein Projekt mit einem gemeinsamen Ziel vorantreiben und zugleich zulassen, dass jemand fehlende Erholung, unzureichende Mittel oder veränderte äußere Bedingungen anspricht. Ein Hinweis ist nicht notwendig Sabotage, ein Stopp nicht notwendig eine Niederlage. Sind dagegen alle Augen auf denselben Vogel geheftet, wer kann noch bequem aufsehen? Selbst etwas zu bemerken hilft manchmal, früher aufzuhören. Ein Hinweis anderer kann einen fehlenden Blickwinkel ergänzen. Beides kann wehtun und beides helfen. Man kann nicht behaupten: Wer selbst zur Einsicht kommt, zahlt nur einen seelischen Preis; wer von anderen darauf gestoßen wird, muss gleich eine Katastrophe erleiden.
Erstrebenswert wäre nicht, niemals erinnert werden zu müssen. Vielmehr sollte jemand noch sprechen dürfen, solange der Hinweis hilft, und wir sollten ihn noch hören können. Dafür muss man sich nicht ununterbrochen umdrehen und alles kontrollieren. Man kann einen Zeitpunkt zur erneuten Prüfung vereinbaren, eine Person ohne eigenen Gewinn aus diesem Erfolg um ihre Einschätzung bitten oder vorher ausmachen, bei welchem Ereignis pausiert wird. Das garantiert keine Fehlerlosigkeit. Es gibt gewöhnlichen Menschen aber mehr Raum zum Handeln als die Forderung, jederzeit allwissend zu bleiben. Je länger man die Schleuder hält, desto nötiger ist manchmal eine Weise, sie ohne den Anstoß der Scham wieder abzulegen.
Auch diese Hand einzeichnen
Diesmal wird aus dem Erlebnis nicht bloß der Erfolg, noch eine Schicht durchschaut zu haben. In seiner Antwort kommen Ich und Vergessen vor, auch eine Lehre, die er kannte und nicht beachtet hatte. Auch einem Lehrer, der etwas gut erklären kann, bleiben Fehltritte möglich. Bei der nächsten Analyse müssen wir uns vielleicht nicht zuerst nach unserer Klugheit fragen. Schauen wir erst in das Bild: Kommen die eigenen Vorteile, die eigene Angst und der Wunsch vor, wie andere uns sehen sollen? Nicht um damit alle Urteile zu verwerfen. Sondern damit das Urteil näher an das rückt, was wirklich geschieht.
Der Vogel im Kastanienhain hat sehr große Augen. Auch Zhuangzi hat vieles gesehen. Erst als er die Schleuder in seiner Hand bemerkt, beginnt das Bild ihn selbst mitzuzählen.
Text und Lesart
Diese deutsche Fassung ist eine eigenständige Neufassung des vollständigen chinesischen Leseessays, keine vollständige Übersetzung des klassischen Zhuangzi. Die alten Zitate werden hier auf Deutsch wiedergegeben; auf der chinesischen Seite steht ihr ursprünglicher Wortlaut. Auch die bestehende englische Fassung ist eigenständig geschrieben; die vereinfachte und die traditionelle chinesische Fassung enthalten den vollständigen Essay. Gegenwärtige Alltagsvergleiche und weiterführende Überlegungen gehören zur Lesart des Autors, nicht zu zusätzlichen Begebenheiten im alten Text. Die vier theoretischen Begleitbände sind über die Quellen auf Englisch und Chinesisch erreichbar.
Hinweise zur Lektüre
Alter Text und Lesart: Der Bergbaum ↗
Die chinesische Seite bewahrt den Wortlaut der klassischen Zitate; die englische Erzählung wurde für diese Ausgabe eigenständig geschrieben. Diese deutsche Fassung ist wiederum eine eigenständige Neufassung des vollständigen chinesischen Essays. Gegenwärtige Vergleiche und weiterführende Gedanken gehören zur Lesart des Autors, nicht zu weiteren Ereignissen, die der alte Text erzählen würde.
Zum Vergleich: Gesammelte Erläuterungen zum Zhuangzi, Kapitel Der Bergbaum ↗.