Das Zhuangzi neu aufschlagen · 41 · Nanrong Chu bei Laozi
‚Warum hast du so viele Menschen mitgebracht?‘
Ein Ratsuchender dreht sich um. Noch ist damit nichts über seine Selbständigkeit bewiesen. Erst im Gespräch bekommen die mitgebrachten Ansprüche ein Gesicht.
1. Noch vor seiner Frage dreht er sich um
Mit getrocknetem Proviant auf dem Rücken ist Nanrong Chu sieben Tage und sieben Nächte unterwegs, bis er Laozi erreicht. Die Frage, die er mitbringt, muss ihm wichtig sein; kurz ist der Weg jedenfalls nicht. Laozi bittet ihn aber nicht sofort, loszuerzählen. Er fragt:
Warum kommst du mit so vielen Menschen zusammen hierher?
Warum hast du so viele Leute mitgebracht? Nanrong Chu erschrickt, dreht sich um und schaut nach hinten. Am Anfang dieser Szene in Gengsang Chu bekommt eine bisher innerliche Frage plötzlich einen Ort. Ein Mensch steht hier vor uns – weshalb scheint dennoch eine ganze Gruppe dabei zu sein? Vielleicht drehen auch wir uns um und fragen, wer eigentlich neben uns auf die Antwort wartet, wenn wir bei einem anderen Rat suchen.
Doch machen wir aus dem Umdrehen keinen psychologischen Test. Wird jemand nach Menschen hinter sich gefragt, ist ein Blick zurück ganz natürlich. Er beweist weder ein schlechtes Gewissen Nanrong Chus noch, dass ein selbständiger Mensch sich niemals umdrehen würde. Die Bewegung wirkt durch die anschließend entfaltete Schwierigkeit, nicht dadurch, dass sie einen sofort messbaren Mangel aufdeckt.
2. Der erste Lehrer sagt: Hier kann ich dir nicht weiterhelfen
Vor Laozi hat Nanrong Chu bereits Gengsang Chu gefragt. Dieser rät, den Körper ganz und das Leben beisammenzuhalten, das Denken nicht den ganzen Tag im Unruhigen kreisen zu lassen. Nach drei Jahren könne er sich dem Gemeinten nähern. Nanrong Chu versteht weiterhin nicht. Er fragt nach dem Verhältnis von Auge, Ohr, Herz und Leib und erklärt zuletzt, das Gehörte scheine nur bis zum Ohr gekommen zu sein. Dass er viel sagt, muss nicht bedeuten, dass er im Streit gewinnen möchte. Vielleicht versteht er die Wörter und findet doch keinen Zugang zu ihrem Sinn für sein eigenes Leben. Gengsang Chu garantiert nicht weiter, ihn unterrichten zu können. Er vergleicht, welche Hühner verschiedener Größe ein großes Ei ausbrüten können, und sagt:
Meine Begabung ist klein und reicht nicht, dich zu verwandeln. Warum gehst du nicht nach Süden zu Laozi?
Ich habe nicht genug Können, um dich zu verändern; warum suchst du Laozi im Süden nicht auf? Wir müssen weder echte Bescheidenheit noch bloße Höflichkeit diagnostizieren. Bemerkenswert ist das wirkliche Tun: Der Lehrer erkennt, dass seine Worte gerade nicht geholfen haben, und verweist den Ratsuchenden anderswohin. Er verlangt nicht zuerst das Eingeständnis, der Lehrer habe doch schon alles erklärt. Die Aussagen des Vergleichs über Bienen und Vögel gehören zum alten Wissen über Lebewesen, nicht in eine unverändert übernehmbare Biologiestunde. Hier geht es um Grenzen des Helfens. Auch die drei Jahre sind eine Zeitangabe dieser Erzählung, keine für alle wirksame Übungsfrist.
3. Erst danach bekommen die Begleiter ein Gesicht
Laozi sieht ihn zurückblicken und fragt, ob er verstanden habe. Nanrong Chu senkt beschämt den Kopf, hebt ihn seufzend wieder und sagt: ‚Jetzt habe ich meine Antwort vergessen und dadurch meine Frage verloren.‘ Erst auf Laozis ‚Was meinst du?‘ nennt er die drei Verstrickungen. Versteht er nicht, halten die anderen ihn für töricht. Versteht er, macht er sich um sich selbst Sorgen. Ohne Menschlichkeit schadet er Menschen, mit ihr leidet er selbst. Ohne Gerechtigkeit verletzt er andere, mit ihr findet er keine Ruhe. Wo bleibt ein begehbarer Weg?
An diesen drei Spannungen können wir die mitgebrachten Menschen lesen. Auch Guo Xiang verbindet die Eingangsfrage mit den drei Äußerungen. Nicht nur ein einzelnes Problem ist mitgekommen. Mehrere Forderungen streiten miteinander und keine will weichen. Aber nicht jede ist bloß eine falsche Bewertung von außen. Ob Menschen geschädigt oder verletzt werden, ist ernsthaft zu beurteilen. Nur weil es ermüdet, dürfen wir es nicht zum von anderen aufgedrängten Maßstab erklären. Der Mensch hat nicht das Problem, dass er überhaupt an andere denkt. Jede einzelne Überlegung scheint vielmehr sein gesamtes Leben einzufordern.
4. Die Frage verloren zu haben heißt nicht, nur Bestätigung zu suchen
Bei ‚Meine Antwort vergessen, meine Frage verloren‘ möchte ich verweilen. Lesen wir das betreffende Zeichen als Fragen, verlieren die vorher vorbereiteten Fragen und Antworten plötzlich den Halt. So merken wir manchmal mitten im Gespräch, dass die Anfangsfrage gar nicht die eigentlich drängende war. Alte Kommentare gehen mit den Lesarten Fragen und Hören verschieden um. Umso weniger müssen wir einen einzigen psychischen Ablauf festschreiben. Wir wissen nicht, ob seine vorbereitete Antwort ‚Hinter mir ist niemand‘ lautete oder ob er nur auf Zustimmung aus war. Beides wird nicht erzählt. Eine vorläufige Auffassung zum Gespräch mitzubringen ist außerdem keine verkleidete Nicht-Frage. Ein ‚Verstehe ich es so richtig?‘ kann ernsthaftes Nachprüfen sein.
Die Unterscheidung liegt nicht darin, ob eine Frage Voraussetzungen hat, sondern ob diese sich ändern können. Dürfen neue Tatsachen die eigene Aussage verändern? Darf man ein Missverständnis des Gegenübers erläutern, ohne als unbelehrbar zu gelten? Erklärungen sind manchmal Abwehr, manchmal gerade das fehlende Material eines Gesprächs. Laozis Einstieg bringt die Frage ins Wanken. Daraus müssen wir nicht jeden nervösen oder redseligen Ratsuchenden zu jemandem machen, der mit einer fertigen Antwort nur noch den Stempel sucht.
5. Mit einer Stange ins Meer reichen
Nach den drei Verstrickungen bleibt Laozi nicht bloß still. Er habe schon zwischen Nanrong Chus Brauen und Wimpern etwas gesehen; nach dessen Worten sei er nun sicherer. Dann beschreibt er ihn mit dem Bild, eine Stange zu heben und damit im Meer zu suchen. Alte Kommentare verstehen darunter, mit einem kurzen Stück Holz ein tiefes, weites Meer auszuloten. Mich erinnert das nicht an zu wenig Anstrengung, sondern an ein womöglich falsch angesetztes Verfahren. Immer wieder mit der Stange hinabzureichen macht das ganze Meer durch mehr Kraft nicht plötzlich flach.
Ein Mensch möchte etwa die Arbeit wechseln. Nach jeder Frage an Verwandte oder Freunde nimmt er deren Maßstab auf die Liste: sicher soll die Stelle sein, Entwicklung bieten, nah am Zuhause liegen, viel Einkommen bringen und niemanden enttäuschen. Schließlich passt keine Möglichkeit mehr. Er braucht nicht weitere Ratschläge, sondern muss die verschiedenen Forderungen erst wieder auseinanderhalten: wirkliche Verantwortung, verhandelbare Wünsche und bloße Furcht vor dem Gerede anderer.
Damit wird nicht verlangt, die Familie aufzugeben oder den Unterhalt geringzuachten. Gerade das wirklich Wichtige soll einen konkreten Platz bekommen, statt mit jedem Blick zu einem Knäuel zu werden, in dem niemand mehr versorgt wird. Ein Mensch kann Verantwortung übernehmen und zugleich zugeben, nicht jedes Urteil zufriedenstellen zu können.
6. Das Gespräch endet nicht nach jenem einen Satz
Endete die Geschichte nach ‚Du hast so viele Menschen mitgebracht‘, erschiene Laozi als Meister der Einsicht durch einen einzigen Satz. Die geläufige Fassung tut das nicht. Nanrong Chu bleibt; während der nächsten zehn Tage ist er weiter bekümmert und kommt erneut. Sie sprechen weiter über innere und äußere Bindungen. Er sagt sogar, das Hören des großen Dao wirke wie eine Arznei, die seine Krankheit vermehrt. Dieser Satz zählt. Ein Ratsuchender darf dem Lehrer sagen: Das Gesagte erleichtert mich nicht, es macht es schwerer. Der Text entfernt diese Reaktion nicht, um sofortige Erleuchtung an ihre Stelle zu setzen.
Laozi spricht danach viel: vom Weg, das Leben zu bewahren, davon, das Eine zu bewahren, vom Anhalten und davon, nicht bei anderen, sondern bei sich selbst zu suchen. Mit einem Säugling beschreibt er außerdem einen Zustand, der nicht vom Suchen nach außen fortgezogen wird. Das sind keine heutigen Hygienehinweise; das Säuglingsbild ist kein Erziehungsratgeber. Es drückt ein altes Verständnis von einem unversehrten Leben und dem aus, was von selbst so ist. Nanrong Chu fragt wiederholt, ob damit der vollendete Mensch erreicht sei. Laozi antwortet: Nein, noch nicht. Diese Suche enthält also plötzliche Unterbrechung, Erklärung, Verweilen und neue Fragen. Ihr Wert verlangt nicht die Behauptung, der Lehrer habe überhaupt nichts beantwortet.
7. Die wirkliche Frage Platz nehmen lassen
Laozis Ton sollten wir heute vielleicht nicht übernehmen. Ein schon verängstigter Mensch kann nach einem ‚Verstehst du es denn nicht?‘ noch weniger zu sprechen wagen. Fragen können Raum öffnen oder Druck erzeugen. Entscheidend sind die Weise, die Beziehung und das wirkliche Nein, das noch möglich sein muss. Gengsang Chu erkennt die Grenze seines Helfens; Nanrong Chu sagt, die Lehre mache es noch schwerer. Mir sind beide Äußerungen gleich wichtig. Beide verhindern, dass nur noch die Klugheit des Lehrers und der Gehorsam des Schülers übrig bleiben.
Bringst du das nächste Mal ein schweres Problem zu jemandem, bitte vielleicht zuerst die ganze Gruppe von Forderungen an den Tisch. Wessen Worte beschämen dich bloß? Wessen Bedürfnisse möchtest du wirklich versorgen? Welche Tatsachen sind noch ungeklärt? Du musst nicht alle auf einmal hinauswerfen. Es genügt zunächst, nicht jede Stimme als deine einzig mögliche Antwort auftreten zu lassen. Dann wird vielleicht ein konkreterer Satz möglich: Diesen Menschen möchte ich nicht verletzen. So wie ich es jetzt versuche, halte ich aber nicht mehr durch. Wie können wir es anders einrichten? Auch der andere muss dann nicht gleich auf ein ganzes Leben antworten. Er kann mit dir zunächst eine wirkliche Schwierigkeit ansehen.
Das Problem ist nicht zauberhaft verschwunden. Endlich ist es aus einem Raum voller Meinungen herausgekommen und sitzt vor dir.
Text und Lesart
Diese vollständige deutsche Leserfassung ist auf Grundlage des chinesischen Essays eigenständig geschrieben. Die vorhandene englische Fassung wurde unabhängig verfasst; die vereinfachte und die traditionelle chinesische Fassung enthalten den vollständigen Essay. Klassische Zitate werden auf Deutsch wiedergegeben, nicht als vollständige Übersetzung des Zhuangzi. Die heutigen Vergleiche sind Lesarten des Autors, keine zusätzlichen Ereignisse. Varianten des Fragens und Hörens bleiben offen; das Umdrehen gilt nicht als psychologischer Test, Tierbilder nicht als moderne Biologie und das Bewahren des Lebens nicht als heutige Hygieneanleitung. Die Zeitangaben sind keine allgemeingültigen Übungsfristen. Die vier theoretischen Begleitbände sind über die vorhandene englisch-chinesische Forschungsübersicht erreichbar.
Hinweise zur Lektüre
Text und Lesart: Gengsang Chu.
Die chinesische Seite bewahrt die klassischen Zitate; die englische Erzählung wurde für diese Ausgabe neu geschrieben. Gegenwärtige Vergleiche und weiterführende Überlegungen gehören zur Lesart des Autors, nicht zu zusätzlichen Ereignissen, die das Original berichtet.
Zum Vergleich die Kommentare: Gesammelte Erläuterungen zum Zhuangzi · Gengsang Chu.