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Non Dubito

Das Zhuangzi neu aufschlagen · Der alte Mann, der Zikaden fängt

Er fängt Zikaden, als höbe er etwas auf

Hinter der scheinbaren Leichtigkeit stehen kleine Übungen, ein ruhiger Körper und eine Aufmerksamkeit, die für einen Augenblick bei der Sache bleibt.

Han Qin ·

1. Als brauchte er nur zuzugreifen

Manche Menschen beherrschen ihr Handwerk so gut, dass man beim Zusehen glauben könnte, die Sache selbst sei leicht. Eine Melodie fließt ohne Stocken dahin, ein Stück Holz erhält genau die passende Form, eine kleine Bewegung kommt dort an, wo sie hingehört. Irgendwann vergisst man, dass diese Gelassenheit Vorbereitung gebraucht hat. In einem Wald im Land Chu sieht Konfuzius einen alten Mann mit gekrümmtem Rücken Zikaden fangen. Er tut es, heißt es, als höbe er etwas auf. Konfuzius fragt, ob es einen Weg zu dieser Geschicklichkeit gebe. Der Alte antwortet: Ja.

In den nächsten Essays möchte ich einige Geschichten über Fertigkeiten aus dem Kapitel »Das Leben verstehen« zusammen lesen. Das ist unser Leseweg, nicht die Behauptung, das ursprüngliche Buch habe diese Geschichten unmittelbar hintereinander als fünf Unterrichtsstunden angeordnet. Ich beginne mit diesem alten Mann, weil er nicht nur ein erstaunliches Ergebnis vorführt. Er ist bereit zu erzählen, wie er dorthin gekommen ist.

2. Kleine Kugeln auf der Stangenspitze

Zuerst spricht er davon, kleine Kugeln aufeinanderzustapeln, ohne dass sie herunterfallen. Nach den alten Erläuterungen geschieht das auf der Spitze der Stange. Zwei, drei, fünf Kugeln: Mit der Sicherheit des Stapelns wird auch das Fangen der Zikaden leichter. Am Ende steht wieder die Leichtigkeit des Anfangs, als brauchte er nur etwas aufzuheben.

Fünf oder sechs Monate lang zwei Kugeln aufeinanderhalten, ohne dass sie fallen, … fünf aufeinanderhalten, ohne dass sie fallen: Dann ist es, als höbe man etwas auf.

Die Angabe „fünf oder sechs Monate“ lässt sich als Übungsdauer lesen; manche alten Kommentare verstehen darunter dagegen die Jahreszeit, in der man Zikaden mit einer Leimstange fängt. Hier folge ich der Lesart einer Übungszeit. Daraus ergibt sich kein Versprechen, nach derselben Zahl von Monaten könne jeder dieselbe Fertigkeit erreichen. Dazwischen stehen weitere Angaben wie „zizhu“ und „shiyi“. Sie lassen im Erzählen ein allmähliches Sicherwerden entstehen, sind aber kein vermessener moderner Trainingsplan, nach dem man Ergebnisse ausrechnen könnte. Mir gefällt, dass der Mann nicht bloß sagt: „Du musst dich konzentrieren.“ Er beschreibt eine kleine Aufgabe für die Hand, deren Gelingen das Auge überprüfen kann. Fällt eine Kugel herunter, war die Bewegung eben noch nicht stabil genug. Das Üben muss sich so nicht ganz auf das eigene Gefühl verlassen.

Die Aufgabe ist allerdings auch kein beliebiger Ersatz ohne Beziehung zum Zikadenfang. Die Stange ruhig zu halten hat unmittelbar mit der späteren Bewegung zu tun. Ein einzeln geübter Teil kann dem Ganzen helfen. Er garantiert weder, dass man sich danach nicht mehr mit dem wirklichen Gegenstand befassen muss, noch ersetzt er alle Urteile in der konkreten Situation.

3. Der Körper ist nicht verschwunden

Der Mann sagt weiter, er stelle seinen Körper hin wie einen Baumstumpf und halte seinen Arm wie einen dürren Ast. Die Bilder sind so still, dass man fast vergisst, wie ein lebendiger Körper die Stange weiterhin hält. Die Geschichte fordert nicht dazu auf, den Körper erstarren zu lassen. Sie behauptet auch nicht, man brauche sich nur stark genug anzuspannen, um diese Szene zu wiederholen. Wir lesen von einer ruhigen Bewegung, nicht von einer technischen Anleitung zum Einsatz einzelner Muskeln. Erst recht können wir daraus nicht ableiten, er müsse nicht zielen. Er sagt gleich darauf ausdrücklich, dass sein ganzes Wissen in diesem Augenblick dem Zikadenflügel gilt.

So groß Himmel und Erde sind, so zahlreich die zehntausend Dinge: Ich weiß nur um den Flügel der Zikade.

Die Welt ist groß, aber vor ihm liegt ein bestimmter Punkt, an dem die Bewegung ankommen soll. Die Welt verschwindet nicht wirklich. In diesem Augenblick lässt er sich nur nicht fortwährend woandershin ziehen. Körper und Aufmerksamkeit bleiben bei dem, was er gerade tut. Wir arbeiten manchmal und beobachten gleichzeitig, ob wir auch gut genug arbeiten; daneben raten wir noch, ob die Menschen neben uns uns für ungeschickt halten. Die Hand hat eine Aufgabe, während im Kopf mehrere Besprechungen zugleich stattfinden. Der Alte lässt an eine andere Möglichkeit denken: Wenn einige dieser Besprechungen erst einmal zu Ende gehen, bekommt die Hand vielleicht die Gelegenheit, ihre eine Aufgabe zu erledigen.

4. Konzentration kann auch mit weniger beginnen

Konfuzius wendet sich an seine Schüler und sagt: „Wer sein Streben nicht zerteilt, gelangt zu geistiger Sammlung.“ Das spricht bereits von einer ungeteilten Aufmerksamkeit. Wir müssen Konzentration also nicht zur falschen Antwort erklären, um ihr dann einen ganz entgegengesetzten Weg entgegenzusetzen. Ich möchte nur ergänzen: Konzentration entsteht vielleicht nicht ausschließlich dadurch, dass man sich fortwährend „noch mehr Konzentration!“ befiehlt. Unterbrechungen zu verringern, Dinge beiseitezulegen, die jetzt nicht bearbeitet werden müssen, und der Bewegung einen klaren Zielpunkt zu geben, können ebenfalls helfen. Etwas mehr Übung und etwas weniger Ablenkung schließen einander nicht aus.

Mit einer einzigen Entlastung ist allerdings nicht für immer alles beglichen. Neue Nachrichten kommen, der Körper ermüdet, Sorgen können wieder auftauchen. Die abgewanderte Aufmerksamkeit zurückzuholen beweist nicht, dass die frühere Arbeit unecht war. Wer Nichtabschweifen zu einer Forderung macht, an der man nie scheitern darf, fügt dem Abschweifen nur noch Scham hinzu. Der alte Mann beschreibt seinen Zustand mit Baumstumpf und trockenem Ast. Wir können die Ruhe darin verstehen, ohne uns zu bedürfnislosem Holz zwingen zu müssen. Wenn wir Ruhe brauchen, kann gerade das Aufhören die Fähigkeit erhalten, uns beim nächsten Mal wieder ernsthaft einer Sache zuzuwenden.

5. Diesen Flügel nicht gegen alles andere eintauschen

Ich wende mich nicht um und neige mich nicht zur Seite; ich tausche die Flügel der Zikade nicht gegen die zehntausend Dinge ein. Wie sollte ich sie da nicht fangen!

Mich berührt daran nicht, dass der Alte alles andere für schlecht erklärte. Er wechselt in diesem Augenblick nur nicht dorthin. Die Dinge der Welt sind weiterhin da; manche verdienen sogar sehr viel Aufmerksamkeit, müssen aber nicht alle zugleich in diese eine Bewegung hineindrängen. Du hast etwa versprochen, mit deinem Kind ein Buch zu Ende zu lesen. Mittendrin leuchtet das Telefon auf. Die Nachricht kann wirklich wichtig sein und muss keine belanglose Versuchung darstellen. Gerade das macht es schwierig: Beides zählt, aber es beansprucht denselben Zeitabschnitt. Du kannst zunächst prüfen, ob es dringend ist. Wenn nicht, lässt du es bis zum Ende dieser Seite warten. Das ist keine Geringschätzung anderer, sondern hält die kleine Zusage dieser gemeinsamen Zeit ein.

Dieses Alltagsbeispiel bringen wir mit. Der Zikadenfänger hat damit nicht die Prioritäten sämtlicher Beziehungen festgelegt. Eine Gefahr oder ein Mensch, der sofort Fürsorge braucht, kann eine Unterbrechung selbstverständlich notwendig machen. Wer den Zikadenflügel zum unveränderlichen Mittelpunkt erhebt, kann aus Konzentration auch Gleichgültigkeit gegenüber anderem Leben machen. Bewahren möchte ich daher die Klarheit der Wahl: Wenn ich jetzt diese Sache tue, versuche ich wirklich hier zu sein. Ändert sich die Lage, kann ich ebenso anerkennen, dass jetzt etwas anderes dran ist. Sich einmal zu entscheiden heißt nicht, fortan nichts anderes mehr sehen zu dürfen.

6. Der kleine Teil, an dem sich üben lässt

Ein alltagstauglicher Gedanke der Geschichte ist, einen unbestimmten Wunsch in Teile zu zerlegen, bei denen man anfangen kann. „Ich will gut erklären“ oder „Ich will sicherer werden“ sagt meist noch nicht, wie man morgen üben soll. Für eine Einführung lassen sich zunächst die ersten zwei Minuten proben und aufnehmen. Beim Anhören kann man feststellen, wo man sich verheddert oder notwendiges Vorwissen auslässt. Man könnte auch jemanden, der das Thema nicht kennt, wiedergeben lassen, was er gerade verstanden hat. Hat er es nicht verstanden, überarbeitet man erst diesen kleinen Abschnitt, statt die ganze eigene Person für unfähig zum Sprechen zu erklären.

Das sind keine allgemein wirksamen Trainingsverfahren, die durch fünf gestapelte Kugeln bereits bewiesen wären. Ihre Form hilft nur beim Fragen: Gibt es eine kleinere Übung, zu der ich Rückmeldung bekommen kann? Fortschritt muss dabei nicht immer in Zahlen erscheinen. Eine genauere Wiedergabe oder eine Rückmeldung, die das Unklare benennen kann, ist ebenfalls womöglich nützlich. Man kann auch das Zikadenfangen selbst üben und sich durch geeignete Übungen auf Reaktionen vor Ort vorbereiten. Es ist nicht so, dass nur Ersatzaufgaben trainierbar wären und die wirkliche Sache dem Zufall überlassen bliebe. Zwischen kleiner Übung und tatsächlicher Aufgabe muss man hin und her gehen, um zu sehen, ob das Gelernte wirklich mitkommt.

7. Ein Lehrer im Wald

Der alte Mann hat einen gekrümmten Rücken. Dennoch bittet Konfuzius ihn um Auskunft und gibt seinen Schülern das Gehörte weiter. Das ist ein erfreulicher Zug: Wer etwas lehren kann, steht nicht unbedingt an einem Ort, der offiziell Lehrenden vorbehalten ist. Auch die äußere Gestalt eines Körpers entscheidet nicht über die Fähigkeiten eines Menschen. Um den Alten zu würdigen, müssen wir allerdings nicht seinen Körper als minderwertig bezeichnen oder behaupten, dieser Körper benachteilige ihn bei jeder Bewegung gegenüber anderen. Der Vergleich steht nicht im Text. Noch weniger sollten wir von jedem Menschen mit körperlichen Einschränkungen erstaunliche Leistungen verlangen, als Beweis dafür, dass er Respekt verdient.

Zunächst ist er dieser bestimmte Mensch mit dieser bestimmten Fertigkeit. Seiner Erfahrung zuzuhören lohnt sich nicht erst, wenn sie sämtliche Probleme aller Menschen lösen kann. Er muss auch niemanden vertreten. Am Ende bleibt daher mehr als ein nahezu wunderbarer Fang: die kleinen Kugeln auf der Stange, ein Körper, der zur Ruhe kommen kann, und das bisschen Aufmerksamkeit, das in einer so großen Welt vorübergehend dem Zikadenflügel gehört. Wenn beim nächsten Mal etwas einfach nicht gelingt, braucht es vielleicht nicht zuerst heftigere Selbstvorwürfe. Vielleicht lässt sich die Aufgabe verkleinern, eine Störung beiseiteschieben und eine kleine Bewegung finden, die man sehen und korrigieren kann.

Etwa diesen Anfang noch einmal erzählen, bis ein Mensch ihn versteht; morgen kann es weitergehen. Man muss nicht erst über die spätere Gelassenheit des Alten verfügen, um heute die eigene noch unsichere Stange in die Hand nehmen zu dürfen. Die Hand kann zunächst erfahren, wo sie heute anfangen kann.

Text und Lesart

Diese deutsche Fassung ist eine eigenständige Neufassung des vollständigen chinesischen Leseessays, keine vollständige Übersetzung des klassischen Zhuangzi. Die alten Zitate werden hier auf Deutsch wiedergegeben; auf der chinesischen Seite steht ihr ursprünglicher Wortlaut. Auch die bestehende englische Fassung ist eigenständig geschrieben; die vereinfachte und die traditionelle chinesische Fassung enthalten den vollständigen Essay. Gegenwärtige Alltagsvergleiche und weiterführende Überlegungen gehören zur Lesart des Autors, nicht zu zusätzlichen Begebenheiten im alten Text. Die vier theoretischen Begleitbände sind über die Quellen auf Englisch und Chinesisch erreichbar.

Hinweise zur Lektüre

Alter Text und Lesart: Das Leben verstehen ↗

Die chinesische Seite bewahrt den Wortlaut der klassischen Zitate; die englische Erzählung wurde für diese Ausgabe eigenständig geschrieben. Diese deutsche Fassung ist wiederum eine eigenständige Neufassung des vollständigen chinesischen Essays. Gegenwärtige Vergleiche und weiterführende Gedanken gehören zur Lesart des Autors, nicht zu weiteren Ereignissen, die der alte Text erzählen würde.

Zum Vergleich: Gesammelte Erläuterungen zum Zhuangzi, Kapitel Das Leben verstehen ↗.