Das Zhuangzi neu aufschlagen · Der Schwimmer von Lüliang
Er kommt aus dem Wildwasser und singt
Die Sorge am Ufer trifft auf die Erfahrung im Wasser. Zuhören heißt hier nicht, Gefahr zu leugnen, sondern die erste Deutung nicht zum letzten Wort zu machen.
1. Die Menschen am Ufer werden unruhig
Als Konfuzius einen Menschen im reißenden Wasser sieht, denkt er zunächst nicht daran, dessen Können zu bewundern. Er will ihn retten. Das Leben verstehen schildert das Wasser von Lüliang als äußerst gefährlich: dreißig ren tief fällt es herab, über vierzig li zieht sich der Schaum; selbst Wassertiere können kaum hindurchschwimmen. Schon alte Kommentare mahnen, das sei die Übertreibung einer Fabel, keine heute überprüfbare hydrologische Messung. Als dort ein Mensch auftaucht, vermutet Konfuzius, der Mann wolle aus Kummer sterben. Er schickt seine Schüler stromabwärts, um ihn zu retten. Einige hundert Schritte weiter kommt der Mann heraus, lässt sein Haar offen hängen, singt und geht am Ufer entlang. Die bedrohliche Szene klingt plötzlich anders. Wer eben noch vom Wasser verschlungen schien, hat nun sogar die Muße zu singen.
Die Sorge um seine Rettung wird dadurch nicht lächerlich. Konfuzius urteilt nach dem, was er zunächst sieht, entdeckt dann etwas Neues und geht dem Mann nach, um ihn zu fragen. Vielleicht lässt sich daran weniger lernen, einen Könner auf den ersten Blick zu erkennen, als nach der ersten Sorge weiter wissen zu wollen: die erste Erklärung darf diesen Menschen nicht endgültig festlegen.
2. Er sagt, er habe keinen Weg, und erzählt dann viel
Konfuzius fragt ihn, ob es einen Weg gebe, sich so im Wasser zu bewegen. Er antwortet: „Nein. Ich habe keinen Weg.“ Für sich genommen ließe sich dieser Satz leicht so verwenden, als könne der Meister schon gar nichts mehr erklären. Doch unmittelbar danach sagt er: „Ich begann im Vertrauten, wuchs in der Natur heran und gelangte zur Vollendung in der Fügung.“ Er beschreibt außerdem, wie er mit dem Wasser hinein- und hinausgeht. Konfuzius fragt nach den drei Begriffen, und er erklärt jeden einzelnen. Keinen Weg zu haben bedeutet hier also nicht ohne Weiteres, keine Erfahrung und nichts Sagbares zu haben. Erst recht beweist es nicht, dass er nicht lehren könnte. Im Zusammenhang dieser Antwort scheint es vielmehr darum zu gehen, sein Können nicht durch ein vom Wasser unabhängiges, überall einsetzbares Geheimrezept zu erklären.
Der Zikadenfänger sagt: „Ich habe einen Weg.“ Dieser Mann sagt: „Ich habe keinen Weg.“ Es lohnt sich, die Antworten zusammen zu lesen. Im ursprünglichen Buch stehen die beiden Abschnitte aber nicht unmittelbar nebeneinander; es erklärt auch nicht ausdrücklich den zweiten zur höheren Stufe. Wir verbinden sie, um noch eine andere Art des Könnens zu betrachten, nicht um sämtlichen Fertigkeiten einen Rang zuzuweisen.
3. Wie etwas allmählich selbstverständlich wird
Der Mann erläutert: An Land geboren zu sein und sich dort wohlzufühlen, nennt er das Vertraute. Im Wasser aufzuwachsen und sich darin wohlzufühlen, nennt er Natur. Nicht zu wissen, weshalb man so ist, und doch schon so zu sein, nennt er Fügung. Es sind große Wörter, die er durch eine Geschichte des Aufwachsens vor Augen stellt. Anfangs war ihm das Land vertraut; später wurde auch das Wasser zu einem Ort, an dem er sich zu Hause fühlte. Manche Reaktionen brauchen dann nicht jedes Mal von vorn berechnet zu werden, sondern entstehen mit der Situation.
Ich lese daraus gern das Gewicht von Gewohnheit und Erfahrung. Zumindest erzählt diese Geschichte nicht, er habe bereits als Neugeborener im reißenden Wasser schwimmen können. Das erlaubt aber nicht, „Natur“ für das gesamte Zhuangzi oder jeden alten Text ausschließlich als nachträgliches Training zu definieren. Wir erläutern die Antwort dieses Mannes, nicht einen philosophischen Begriff für alle Zeiten. Die Vollendung in der Fügung nimmt seinen Körper auch nicht aus einer gefährlichen Welt heraus. Im Erzählen bezeichnet sie ein inzwischen selbstverständliches So-Sein, keine Garantie, einem Könner könne nie etwas passieren. Selbst eine vertraute Umgebung kann sich ändern. Etwas tun zu können heißt nicht, es jedes Mal, überall und unter allen Bedingungen tun zu können.
4. Das Wasser ist nicht seine Kulisse
Mit dem wirbelnden Wasser gehe ich hinein, mit dem aufströmenden komme ich heraus. Ich folge dem Weg des Wassers und setze ihm keinen eigenen Willen entgegen.
Er geht mit der Drehung hinein und mit dem aufsteigenden Wasser hinaus; er folgt dessen Verlauf, statt ihm gewaltsam einen eigenen Plan aufzuzwingen. Entscheidend ist, dass das Wasser nicht nur den Hintergrund seiner Vorführung bildet. Es bewegt sich auf bestimmte Weise, und seine Handlung muss darin ihren Platz finden. Das heißt nicht, überhaupt nichts zu tun. Er handelt im Wasser und kennt sein Verhältnis zu ihm. Wer daraus macht, man solle gar nichts beurteilen und sich beliebig forttragen lassen, verwechselt die Antwort eines Geübten mit einer Haltung, die jeder einfach nachahmen könnte.
Erst recht ist dieser Satz keine Anleitung zum Überleben im Wildwasser. Die Fabel nennt nicht genügend Bedingungen, um ein reales Gewässer beurteilen zu können. Auch gewöhnliche Schwimmerfahrung ist kein Grund, sich in eine gefährliche Strömung zu begeben. Wir lesen darüber, wie Handlung und Umgebung aufeinander antworten, und lernen hier nicht, ins Wasser zu gehen. Die Geschichte behält auch mit dieser Trennung ihre Kraft. Ein eigener Plan kann wichtig sein, aber seine Wichtigkeit verpflichtet die Welt nicht, ihn auszuführen. Auf das aktuelle Geschehen zu achten heißt nicht, sich selbst aufzugeben. Es eröffnet der eigenen Handlung vielmehr erst die Möglichkeit, die wirkliche Lage zu erreichen.
5. Auch ein Plan muss Veränderungen hören können
Nehmen wir statt des Wassers ein Gespräch. Du hast drei Punkte vorbereitet, um einem Freund ein Missverständnis zu erklären. Beim zweiten sagt er dir, dass ihn etwas anderes verletzt hat als das, was du angenommen hattest. Du kannst die drei Punkte zu Ende bringen und an deiner vorbereiteten Darstellung festhalten. Du kannst aber auch innehalten und nachfragen, was du gerade gehört hast. Letzteres ist nicht Standpunktlosigkeit. Du lässt eine neue Information in deinen Standpunkt ein. Du darfst weiterhin anderer Meinung sein und musst deine Gründe noch erläutern. Nur behandelst du die Antwort nicht als Angriff auf deinen Plan.
Das ist ein heutiger Vergleich, keine vom alten Text verordnete einzige Lösung für Beziehungen. Wasser hat keine menschlichen Absichten; ein Mensch im Gespräch hat Grenzen und Ansprüche. Bei Drohungen oder Verletzungen heißt auf das Geschehen einzugehen nicht, sich dem Täter zu fügen. Die Wirklichkeit zu erkennen kann auch bedeuten, zu gehen oder entschieden Einhalt zu gebieten. Würde man den Satz verwenden, um von Schwächeren stets Anpassung an Stärkere zu verlangen, wäre die Geschichte umgekehrt gebraucht. Aufgeben lässt sich der Eigensinn, der die Lage ignoriert, nicht das Recht eines Menschen, Nein zu sagen.
6. Etwas können und jemanden beim Lernen begleiten
„Ich weiß nicht, wodurch ich so bin, und bin doch so“ erinnert mich an viele geübte Menschen. Fragt man sie, wie sie etwas gerade gemacht haben, antworten sie vielleicht erst: „Einfach so.“ Dann bemerken sie, wie viele Schritte sie ausgelassen haben. Für sie sind diese Schritte kaum noch sichtbar; für Anfänger können gerade sie am schwierigsten sein. Nicht den ganzen Ablauf benennen zu können macht jemanden aber noch nicht zum schlechtesten Lehrer. Durch Vormachen, Verlangsamen, den Vergleich mit einem misslungenen Versuch oder das Ausprobierenlassen lassen sich allmählich vermittelbare Anhaltspunkte wiederfinden. Umgekehrt garantiert eine wohlgeordnete Erklärung noch kein gutes Lehren. Es kommt auch darauf an, ob die Lernenden verstehen, ausprobieren und angemessene Rückmeldungen erhalten können.
Dieser Schwimmer hat tatsächlich schon zwei Zugänge angeboten: seine Erfahrungen und die Bewegungen des Wassers. Die Nachfragen des Konfuzius entfalten außerdem die drei verdichteten Begriffe ein wenig. Wir sehen nicht nur, wo Sprache an Grenzen stößt, sondern auch, was weiteres Fragen noch hervorholen kann. Wer von einem Könner lernen möchte, muss ihn nicht gleich für geheimniskrämerisch halten, weil die erste Antwort unklar bleibt. Er muss aber auch „Das musst du selbst erleben“ nicht als ausreichende Anleitung hinnehmen, nur weil der andere hervorragend handelt. Man kann genauer weiterfragen: Was hat dich eben veranlasst, deine Bewegung zu ändern? Worin unterscheidet sich mein Versuch von deinem?
Manches muss weiterhin unter sicheren, angemessenen Bedingungen selbst geübt werden. Zunächst das Erklärbare erklären und für das noch Unklare langsam nach Worten suchen müssen keine Wege sein, die einander ausschließen.
7. Der Gesang am Ufer beweist nicht alles
Wie der Mann aus dem Wasser steigt und singt, ist das eindrücklichste Bild des Abschnitts. Das Original sagt allerdings weder, er habe von den Menschen, die ihn retten wollten, nichts gewusst, noch, die Schüler liefen in diesem Moment noch am Ufer entlang. Es sagt auch nicht, er denke: „Eben ist überhaupt nichts geschehen.“ Solche Zusätze machen aus der Gelassenheit leicht ein allwissendes Gedankenlesen. Auch in der Wirklichkeit dürfen wir nicht nur auf den Ausgang sehen. Dass jemand heil herauskommt, beweist nicht, er sei kein Risiko eingegangen. Ein geglückter Versuch kann ebenso auf Glück beruhen. Ein glücklicher Ausgang macht aus Leichtsinn noch kein Können. Die Geschichte zeigt, dass Fähigkeiten die Einschätzung eines Zuschauers übersteigen können. Sie bietet keine Methode, Fähigkeiten allein an einem entspannten Gesicht zu erkennen.
Umso mehr gefällt mir, was Konfuzius als Nächstes tut. Er bleibt nicht bloß staunend stehen und besteht auch nicht darauf, dass seine erste Einschätzung richtig war. Er geht hinterher und fragt. Der Mann liefert kein Universalgeheimnis, ist aber bereit, das zu sagen, was er weiß. So bekommen die Sorge am Ufer und die Erfahrung im Wasser eine Gelegenheit, sich zu begegnen. Der Gesang hinterlässt eine Gelassenheit, die man sich wünschen kann. Nach der Lektüre müssen wir dafür aber kein noch reißenderes Wasser suchen. Vielleicht beginnen wir bei etwas Vertrautem: weniger auf einem vorgefassten Verlauf bestehen, mit etwas mehr Geduld wahrnehmen, was geschieht.
Schon im nächsten Gespräch zu bemerken, dass man etwas falsch gehört hat, innezuhalten und noch einmal zu fragen, wäre eine solche Übung des Antwortens. Falls Gelassenheit wachsen kann, braucht auch sie ein Wasser, in dem man langsam lernen darf, statt sein Leben darauf zu setzen.
Text und Lesart
Diese deutsche Fassung ist eine eigenständige Neufassung des vollständigen chinesischen Leseessays, keine vollständige Übersetzung des klassischen Zhuangzi. Die alten Zitate werden hier auf Deutsch wiedergegeben; auf der chinesischen Seite steht ihr ursprünglicher Wortlaut. Auch die bestehende englische Fassung ist eigenständig geschrieben; die vereinfachte und die traditionelle chinesische Fassung enthalten den vollständigen Essay. Gegenwärtige Alltagsvergleiche und weiterführende Überlegungen gehören zur Lesart des Autors, nicht zu zusätzlichen Begebenheiten im alten Text. Die vier theoretischen Begleitbände sind über die Quellen auf Englisch und Chinesisch erreichbar.
Hinweise zur Lektüre
Alter Text und Lesart: Das Leben verstehen ↗
Die chinesische Seite bewahrt den Wortlaut der klassischen Zitate; die englische Erzählung wurde für diese Ausgabe eigenständig geschrieben. Diese deutsche Fassung ist wiederum eine eigenständige Neufassung des vollständigen chinesischen Essays. Gegenwärtige Vergleiche und weiterführende Gedanken gehören zur Lesart des Autors, nicht zu weiteren Ereignissen, die der alte Text erzählen würde.
Zum Vergleich: Gesammelte Erläuterungen zum Zhuangzi, Kapitel Das Leben verstehen ↗.