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Non Dubito

Das Zhuangzi neu aufschlagen · Der Holzhandwerker Qing

Bevor die Arbeit beginnt, darf der innere Fürstenhof gehen

Noch bevor er das Holz betrachtet, begegnet der Handwerker den Erwartungen in seinem Kopf. Zur Ruhe zu kommen ersetzt weder Können noch Materialprüfung.

Han Qin ·

Ein Gegenstand aus Holz ist fertig, und alle Betrachter meinen, so etwas könne kaum ein Mensch gemacht haben. Der Fürst von Lu lässt den Handwerker rufen und fragt nach seiner besonderen Kunst. Die Frage ist natürlich. Wenn wir etwas Gutes sehen, wollen wir wissen, was es so gut macht: die Messerführung, das Werkzeug, das Material oder ein Arbeitsschritt, den andere nicht kennen? Qing spricht zunächst von keinem dieser Dinge. Er sei bloß ein Handwerker; was solle an seiner Kunst übernatürlich sein? Dann fügt er hinzu: „Allerdings gibt es da etwas.“

Diese Wendung gefällt mir. Er schließt die Tür nicht mit dem Hinweis, wer es verstehe, verstehe es eben. Er zieht auch kein geheimes Lehrbuch aus dem Ärmel. Er beginnt zu erzählen, was er vor der eigentlichen Arbeit tut.

Was schon vor dem Holz in den Blick gerät

Die Geschichte steht im Kapitel Das Leben verstehen. Der Gegenstand, den Qing anfertigt, heißt ju. Über seine genaue Gestalt gibt es verschiedene Erklärungen. Alte Kommentare sprechen von einem Musikinstrument, andere von einem hölzernen Gebilde in Tigerform. Wir müssen nicht zuerst einen eindeutigen Bauplan dafür zeichnen. Die Geschichte fragt, weshalb etwas von Menschenhand die Betrachter derart überrascht, dass sie an Geister denken. Qing sagt, er wage bei der Vorbereitung nicht, seine geistige Kraft vorzeitig zu verbrauchen. Er übe zhai, um den Geist still werden zu lassen; das hier verwendete Schriftzeichen qi wird in diesem Sinn als zhai gelesen. Dann entfaltet der Text drei Zeitpunkte: nach drei, nach fünf und nach sieben Tagen.

Nach drei Tagen denkt er nicht mehr an Belohnungen, Rang und Einkünfte. Nach fünf Tagen denkt er nicht mehr an Lob und Tadel und grübelt auch nicht mehr darüber, ob er geschickt oder ungeschickt arbeitet. Nach sieben Tagen vergisst er selbst seine Glieder und seine Körpergestalt. Das sind keine drei voneinander unabhängigen Enthaltungskuren und erst recht kein Siebentageprogramm, mit dem heutige Menschen zuverlässig ihre schöpferischen Leistungen erhöhen könnten. Die drei Zeitpunkte machen einen schrittweisen Rückzug sichtbar: Zuerst lärmt der Lohn, dann die Bewertung, schließlich jenes Selbst, das sich fortwährend nach sich selbst umdreht. Der Gegenstand ist noch nicht da, aber im Kopf sitzen schon alle, die ihn später anschauen werden.

Was bekomme ich, wenn es gelingt? Wird er zufrieden sein? Werden die Kollegen sagen, mehr als diese paar Kunstgriffe hätte ich nicht zu bieten? Beim letzten Mal wurde ich gelobt; diesmal darf es nicht schlechter werden. Sogar dieser einzelne Schnitt soll sofort beweisen, ob ich ein guter Handwerker bin. Das Holz hat noch kein Wort gesagt, da hat die Begutachtung des Handwerkers bereits begonnen.

Auch wir kennen diesen Raum. Zwei Zeilen sind geschrieben, schon runzeln wir stellvertretend für künftige Leser die Stirn. Das Essen für einen Freund ist noch nicht gar, schon fragen wir uns, ob er sich vielleicht nicht gut genug bewirtet fühlen wird. Eigentlich wollten wir die Sache gut machen; nun beobachten wir, ob wir dabei auch wie jemand aussehen, der seine Sache gut macht. Die Aufgabe ist nicht kleiner geworden. Nur die Zuschauertribüne daneben wird immer größer.

Der Fürstenhof ist jetzt nicht hier

In diesem Augenblick gibt es für mich keinen Fürstenhof.

Hier lohnt sich ein Halt. Qing sagt dem Fürsten von Lu ins Gesicht: In diesem Augenblick ist da kein Hof. Der Hof ist nicht wirklich verschwunden; der Handwerker erklärt sich auch nicht auf Dauer von allen Bindungen frei. Guo Xiang erläutert den Satz so, dass Qing den Hof gleichsam als nicht vorhanden betrachtet und sich nicht mehr auf die Zehenspitzen stellt, um dorthin zu blicken. Die Hand soll jetzt das Holz schneiden und nicht zugleich den Handwerker der Macht zur Beurteilung vorlegen. Ein Handwerker benennt vor dem Fürsten eine Bedingung seiner Arbeit. Jedenfalls in dieser Geschichte entsteht das gute Werk nicht dadurch, dass er sich noch angestrengter die Miene des Herrschers vorstellt. Daraus folgt allerdings nicht, wer wirklich arbeite, dürfe sich um sein Einkommen nicht kümmern.

Lohn, Fristen und die Frage, wem das Ergebnis gehört, müssen besprochen werden. Für jemanden, der von dieser Arbeit lebt, ist daran nichts Niedriges. Wer auf ausstehenden Lohn wartet, ist nicht deshalb innerlich ungenügend gebildet. Wer sich um den nächsten Monat sorgt, steht nicht schon darum unehrlich zu seinem Handwerk. Hilfreicher wäre eine Unterscheidung: Die notwendigen Bedingungen ernsthaft klären und dann möglichst verhindern, dass noch gar nicht eingetretene Belohnungen und Strafen fortwährend nach dem jetzigen Arbeitsschritt greifen. Lassen die Bedingungen ruhiges Arbeiten überhaupt nicht zu, gehört auch ihre Verbesserung zur Vorbereitung. Man darf die Verantwortung nicht ganz auf den Handwerker abladen und ihn allein innere Ruhe üben lassen.

Qings Hof kann vorübergehend abtreten. Auch gegenwärtige Arbeit braucht etwas Zeit, die nicht von sofortiger Bewertung besetzt ist. Das macht nicht von der Verantwortung für das Ergebnis frei. Es könnte gerade eine Bedingung dafür sein, dass es gut wird.

Sich vergessen heißt nicht, sich wegzuwerfen

Nach sieben Tagen, sagt Qing, vergesse er seine vier Glieder und seine Körpergestalt. Sollte das heißen, der Körper sei unwichtig, wäre die Geschichte verkehrt gelesen. Weiterhin bearbeiten seine Hände das Holz, weiterhin prüfen seine Augen das Material. Ohne die über Jahre erworbene Fertigkeit wird man auch nach sieben stillen Tagen nicht automatisch zu Qing. Nähern wir uns dem durch eine gewöhnliche Erfahrung. Du denkst fortwährend daran, ob du steif stehst, ob deine Stimme seltsam klingt und wohin du beim Reden die Hände tun sollst. Dann geht es um etwas, das dich wirklich beschäftigt. Du hörst die Antworten und beginnst, deine Gedanken verständlich zu machen. Erst nach einer Weile bemerkst du, dass du die Hände nicht mehr ständig kontrolliert hast.

Die Hände sind nicht verschwunden. Sie sind nur nicht mehr alle paar Sekunden zu einer Prüfungsaufgabe geworden. Dieses Vergessen verlangt nicht, Müdigkeit, Schmerzen oder Bedürfnisse des Körpers zu übergehen. Wer eine Pause braucht, darf weiterhin aufhören. Ein gutes Ergebnis beweist auch nicht, dass jemand einen bestimmten Zustand der Selbstlosigkeit erreicht hätte. Die Geschichte beschreibt ein Aufgehen im Tun; wir müssen daraus keinen neuen Maßstab zur Benotung anderer machen. Vor allem sollten wir nicht während der Arbeit ängstlich prüfen: „Habe ich mich jetzt schon vergessen?“ Damit bekäme die alte Zuschauertribüne bloß einen weiteren Aufseher.

Nach der Ruhe beginnt das genaue Hinsehen

Am leichtesten übersieht man den nächsten Schritt: „Dann gehe ich in die Bergwälder und betrachte die natürliche Beschaffenheit.“ Qing greift nach der inneren Ruhe nicht sofort zum Messer. Er geht in den Wald und schaut, wie das Holz von sich aus ist. Er muss erkennen, ob ein Stück geeignet ist und ob seine Gestalt das Werk erlaubt. Die überlieferten Fassungen haben an dieser Stelle unterschiedliche Zeichenfolgen. Eine klare Richtung der alten Erläuterungen lautet jedoch: zuerst brauchbares Material finden, dann bearbeiten. So führt die Geschichte vom bloßen inneren Üben in die wirkliche Arbeit zurück.

Es ist nicht so, dass nach dem Leeren meines Kopfes jedes Holz zu allem werden könnte, was ich mir wünsche. Gerade weil dort weniger vorweggenommener Lärm herrscht, bleibt Raum dafür, zu sehen, was dieses Stück gut kann und was es nicht tragen kann. Du möchtest etwa die Geschichte eines Menschen schreiben. Zuerst hast du schon einen schönen Schluss für ihn bereitgelegt. Nun suchst du nach Erlebnissen, die ihn bestätigen. Unpassendes stellst du zurück; Unklares formulierst du für ihn ein wenig bestimmter. Der Text mag flüssig werden. Doch der Mensch verschwindet langsam daraus.

Eine andere Art zu schreiben macht mehr Mühe. Man hört erst einmal zu: Was kommt bei ihm immer wieder vor? An welchem Satz hält er inne? Vielleicht muss der schönste Anfang gestrichen und der geplante Schluss bescheidener werden. Nicht weil das schriftstellerische Können fehlt, sondern weil es endlich dem vorliegenden Material dient und nicht nur dem schon ausgedachten Werk.

Menschen sind allerdings kein Holz. Holz verlangt nicht, ein Zitat zurückzuziehen; es sagt auch nicht: „Du hast mich falsch verstanden.“ Bei menschlichen Beziehungen reicht der Vergleich deshalb nicht aus. Man muss den Einwand des anderen hören und ihm erlauben, nicht zum Gegenstand unseres Werks zu werden. Unter Berufung auf seine natürliche Beschaffenheit dürfen wir nicht für einen anderen festlegen, was allein aus ihm werden kann.

Wenn es nicht passt, kann die Arbeit unterbleiben

Qing sagt außerdem: „Ist es nicht so, lasse ich es.“ Die Worte sind unspektakulär, aber an ihnen zeigt sich, was die vorherige Ruhe praktisch bedeutet. Müsste das Werk unabhängig von allem Gesehenen immer die ursprüngliche Gestalt erhalten, wäre das Betrachten womöglich nur eine Suche nach der Erlaubnis, endlich loszuschneiden. Auch das Ungeeignete erkennen zu können ist Können. Zu erkennen, dass diesmal kein Schnitt angebracht ist, steht nicht ohne Beziehung dazu, einen Schnitt gut führen zu können.

Aufhören bedeutet aber nicht unbegrenzt warten. Was man anderen zugesagt hat, darf man nicht stillschweigend fallenlassen und sich mit ungeeignetem Holz herausreden. Lässt sich das Material nicht wechseln, muss man seine Grenzen erklären und Anpassungen besprechen. Gibt es Schwierigkeiten mit der Frist, sollte man früh darüber sprechen. Ob man aufhören darf, hängt in der Wirklichkeit auch von Macht und Mitteln ab. Nicht jeder hat denselben Spielraum. Ich lese den Satz deshalb lieber als ein Recht auf ein eigenes Urteil, das wir möglichst bewahren sollten: Ist es tatsächlich nicht angebracht, weiterzumachen, muss man die Sache nicht allein deshalb bis zum schlechten Ende treiben, weil sie schon begonnen wurde.

Am Schluss sagt Qing, dies sei wohl, „Natürliches mit Natürlichem zu verbinden“. Die alten Kommentare tilgen deshalb das menschliche Bearbeiten nicht, sondern erklären, dass seine Veränderungen der Beschaffenheit des Holzes folgen. Menschliches Können und Bedingungen des Materials finden hier zusammen. Der Fürst fragt nach einem besonderen Kunstgriff. Qing erzählt, wie das noch ungeschaffene Werk nicht im Voraus von Belohnungen, Gesichtern und Selbstbeweisen besetzt wird. Wie lange er schließlich am Holz gearbeitet hat, sagt der Text nicht. Daraus lässt sich nicht ermitteln, ob die Sammlung oder die Bearbeitung mehr Zeit beanspruchte. Viel Raum gibt die Erzählung aber tatsächlich dem, was vor dem Griff zum Messer liegt. Manchmal beginnt Arbeit nicht damit, die Hände zu beschäftigen. Sondern damit, das Holz endlich genau anzusehen.

Text und Lesart

Diese deutsche Fassung ist eine eigenständige Neufassung des vollständigen chinesischen Leseessays, keine vollständige Übersetzung des klassischen Zhuangzi. Die alten Zitate werden hier auf Deutsch wiedergegeben; auf der chinesischen Seite steht ihr ursprünglicher Wortlaut. Auch die bestehende englische Fassung ist eigenständig geschrieben; die vereinfachte und die traditionelle chinesische Fassung enthalten den vollständigen Essay. Gegenwärtige Alltagsvergleiche und weiterführende Überlegungen gehören zur Lesart des Autors, nicht zu zusätzlichen Begebenheiten im alten Text. Die vier theoretischen Begleitbände sind über die Quellen auf Englisch und Chinesisch erreichbar.

Hinweise zur Lektüre

Alter Text und Lesart: Das Leben verstehen ↗

Die chinesische Seite bewahrt den Wortlaut der klassischen Zitate; die englische Erzählung wurde für diese Ausgabe eigenständig geschrieben. Diese deutsche Fassung ist wiederum eine eigenständige Neufassung des vollständigen chinesischen Essays. Gegenwärtige Vergleiche und weiterführende Gedanken gehören zur Lesart des Autors, nicht zu weiteren Ereignissen, die der alte Text erzählen würde.

Zum Vergleich: Gesammelte Erläuterungen zum Zhuangzi, Kapitel Das Leben verstehen ↗.