Essay lesen
Non Dubito

Das Zhuangzi neu aufschlagen · 30 · Nach Su Shis Schnitt

Vier Kapitel beiseitelegen: Gründe und Grenzen der Textprüfung

Eine Naht im Text kann zum Weiterlesen anregen. Sie ist noch kein Wasserzeichen, das den Namen des Autors verrät.

Han Qin ·

Bei einem berühmten Satz ist der Name schon vor uns da

Wir sehen einen vielfach geteilten Satz, darunter einen vertrauten Namen, und schon verändert sich unmerklich unsere Haltung beim Lesen. Bei einem Unbekannten würden wir vielleicht noch nachdenken. Spricht Zhuangzi, scheint bereits eine zusätzliche Prüfung bestanden. Aber stehen diese Wörter überhaupt im Buch? Und wenn ja: Spricht eine Figur, spricht der Erzähler, oder ist eine spätere Erklärung gleich daneben mitgedruckt? Noch weiter zurück führt die Frage, durch wessen Hände und Bearbeitungen das Buch gegangen ist, das heute bei uns liegt.

An dieser Stelle wechselt die Reihe ihren Weg. Bisher fragten wir vor allem, wie Geschichten ein Problem öffnen. Nun wollen wir auch sehen, ob die Stimmen im Buch durchgehend zusammenpassen und ob eine Erklärung vielleicht das vorangegangene Geschehen verengt. Damit werden Leser nicht plötzlich vor ein Gericht geladen, zu dem nur Fachleute Zugang haben. Im Gegenteil: Zuerst muss ich offenlegen, was ihr unmittelbar am Text nachprüfen könnt und wo auch eine genaue Lektüre noch kein abschließendes Urteil erlaubt.

Su Shi hat diese Schere tatsächlich angesetzt

Im Jahr 1078 schreibt Su Shi seinen Bericht über den Zhuangzi-Schrein. Er versteht das Zhuangzi anders als jemand, der darin ein durch und durch gegen Konfuzius gerichtetes Buch sieht. Manche scheinbaren Zurückweisungen des Konfuzius helfen diesem seiner Meinung nach in Wahrheit. Deshalb bereiten ihm bestimmte Kapitel Unbehagen. Er schreibt:

Doch habe ich bei Räuber Zhi und Der Fischer Zweifel gehabt: Sie scheinen Konfuzius wirklich zu verunglimpfen. Den Thron abgeben und Über die Schwerter dagegen sind beide oberflächlich und erreichen das Dao nicht.

Zwei Begründungen sind auseinanderzuhalten. Räuber Zhi und Der Fischer wirken auf ihn wie wirkliche Angriffe auf Konfuzius. ‚Oberflächlich und dem Dao nicht entsprechend‘ sagt er unmittelbar über Den Thron abgeben und Über die Schwerter. Dass er alle vier bezweifelt, bedeutet nicht, dass er sie alle mit demselben Satz beurteilt. Dazu kommt eine andere Beobachtung. Nimmt man die vier dazwischenliegenden Kapitel heraus, scheint sich das Ende von Gleichnisreden an den Anfang von Lie Yukou anschließen zu lassen. Dort geht Yang Ziju von bevorzugter Behandlung dazu über, mit anderen um Sitzplätze zu wetteifern; hier erschrickt Liezi darüber, bevorzugt bedient zu werden. Su Shi ‚versteht und lacht‘: Das sei ursprünglich ein einziges Kapitel gewesen. Er urteilt also nicht nur nach einem unpassenden Ton. Er versucht, eine Verbindung wiederherzustellen, welche die Anordnung der Kapitel getrennt hat.

Auch seine Voraussetzung liegt auf dem Schreibtisch

Dieses Urteil hat Kraft. Su Shi schneidet aber nicht von einem voraussetzungslosen Ort aus. Zuerst steht sein Verständnis, Zhuangzi helfe Konfuzius; dann sucht er nach Passagen, die dazu nicht passen. Dadurch wird sein Urteil nicht von selbst ungültig. Ohne jedes Verständnis des Ganzen wäre auch eine Auffälligkeit im Einzelnen schwer zu sehen. Doch wir müssen die Frage zurückwenden: Könnte die Gesamtdeutung selbst einer Änderung bedürfen? Könnte das Buch von vornherein verschiedene Stimmen zulassen? Dass zwei Stellen nebeneinander flüssig lesbar werden, ist ein erforschenswerter Hinweis. Es ist nicht der Anblick eines ursprünglichen Manuskripts, auf dem sie schon nebeneinanderstanden. Redaktion kann Verbindungen entdecken und Verbindungen herstellen. Zwischen dem glatten Anschluss und dem ursprünglichen Zustand liegt ein weiterer Schritt, der Belege braucht.

Su Shi hinterlässt uns deshalb mehr als vier eingekreiste Kapitelnamen. Er legt seine Lesart, seine Gründe und sein Verfahren der Neuanordnung auf dem Papier offen. Spätere Leser können sie prüfen und ihnen widersprechen. Ein scharfes Urteil braucht nicht als letztes Urteil verehrt zu werden.

Es gibt mehr als ein bloßes Ähnlichkeitsgefühl

Zu sagen, das Buch sei so alt, dass keinerlei äußere Anhaltspunkte existierten, würde auch das tatsächlich Überlieferte auslöschen. Der bibliographische Katalog des Buchs der Han verzeichnet ein Zhuangzi in zweiundfünfzig Kapiteln. Lu Demings Vorrede zu den Erläuterungen zu den klassischen Texten nennt wiederum die Kapitelzahlen verschiedener kommentierter Fassungen, berichtet von Auswahlentscheidungen bei den Äußeren und Vermischten Kapiteln und bewahrt Guo Xiangs Kritik an vermischten Textbeständen. Die heute geläufigen dreiunddreißig Kapitel hängen eng mit der Überlieferung seines Kommentars zusammen. Diese Zeugnisse holen nicht alle verlorenen Wörter zurück. Sie sind aber auch nicht nichts. Kataloge, alte Kommentare, Zitate in anderen Werken und Varianten unterschiedlicher Textzeugen können unseren Vermutungen über Entstehung und Überlieferung Grenzen setzen.

Auch die Differenz zwischen zweiundfünfzig und dreiunddreißig darf nicht unmittelbar zu neunzehn vollständigen verlorenen Manuskripten aufgefächert werden, als wüssten wir, wie jedes Kapitel auf einmal herausgeschnitten wurde. Die Teilung und Zusammenfügung alter Texte, ihre Kapitelverzeichnisse und ihre Auswahl sind kompliziertere Fragen. Vorsichtiger ist: Das Material ist unvollständig, viele Ergebnisse lassen sich schwer sichern. Nicht: Es gibt überhaupt kein Material, also bleibt uns nur das eigene Gehör.

Einzelne Absätze anzusehen hat Nutzen und Risiken

In diesem Teil bleiben wir öfter bei konkreten Absätzen stehen. Eine Geschichte lässt viel Raum, ein anschließender Schlusssatz legt ihren Sinn plötzlich fest. Erst darf der Leser selbst etwas sehen, dann wird ihm eilig vorgeschrieben, was er denken soll. Solche Übergänge sind Aufmerksamkeit wert. Eine Naht ist aber kein Wasserzeichen mit dem Autorennamen. Sie kann von verschiedenen Menschen stammen, vom selben Menschen zu verschiedenen Zeiten, aus einem veränderten Zusammenhang, einer redaktionellen Entscheidung oder unserem Missverständnis des Vorangegangenen. Mindestens drei Fragen sind daher zu trennen: Besteht zwischen den Stellen eine Spannung? Kann diese Spannung eine Hypothese verschiedener Schichten stützen? Lässt sich darüber hinaus eine Zuschreibung an den historischen Zhuang Zhou begründen?

Den ersten Schritt kann genaues Lesen mitunter ziemlich klar ausführen. Der zweite verlangt den Vergleich mit mehr Texten. Der dritte ist gewöhnlich noch schwieriger. Ein gelungener erster Schritt darf den beiden folgenden nicht automatisch freie Bahn geben. Bewahren möchten wir die Sorgfalt, Absatz für Absatz hinzusehen. Nicht die Schere für ganze echte oder unechte Kapitel bloß verkleinern und dann so tun, als sei jeder kleine Schnitt sicherer.

Eine Anrede ist ein Hinweis, kein Siegel

Wer wen wie anspricht, verdient natürlich Aufmerksamkeit. Wird eine fragende Figur plötzlich zum Mahner oder weicht die Anrede von anderen Szenen ab, können wir anhalten und nachsehen. Die Verwendung alter Anreden hängt jedoch von Zeit, Anlass und Ton ab. Wir dürfen fuzi nicht zuerst als ein Wort festschreiben, mit dem ausschließlich ein Jüngerer seinen Lehrer anredet, und anschließend jeden abweichenden Gebrauch für unmöglich erklären. Ehrentitel, Höflichkeit, Ironie und die literarische Einrichtung eines Gesprächs gehören ebenfalls dazu. Liegen unterschiedliche Lesarten der Textzeugen vor, können wir diese nicht überspringen und aus einem einzigen abweichenden Zeichen unmittelbar zwei Autoren machen.

Eine unstimmige Anrede kann ein ‚Hier sollten wir noch einmal hinsehen‘ rechtfertigen. Für ein ‚Das ist mit Sicherheit nicht dieselbe Hand‘ braucht es weitere Gründe. Diese Genauigkeit macht die Lektüre nicht weich. Gerade wenn wir den Bereich des Begründbaren präzise nennen, sieht der Leser, welchem Schritt er widersprechen kann und für welchen weitere Materialien nötig sind.

Schreibweise und Behauptung dürfen einander befragen

Ein Text empfiehlt selbständiges Denken, erlaubt dem Leser aber keinen Einwand. Eine Anordnung erklärt ihr Vertrauen in Menschen und regelt dennoch jede Handlung im Voraus durch. Solche Widersprüche zu erkennen ist wichtig. Zunächst sagen sie etwas darüber, ob diese Schreibweise oder Anordnung das eigene Anliegen verwirklicht. Sie beweisen nicht sofort einen falschen Autorennamen. Ebenso wenig garantieren sie, dass ein Mensch, der etwas wirklich verstanden hat, niemals so schreiben könnte. Menschen können widersprüchlich sein, scheitern oder ihre Ausdrucksweise für verschiedene Leser ändern. Ausführliche Erklärung ist nicht zwangsläufig Eintrichterung. Eine knappe Formulierung, die vieles offenlässt, zeugt auch nicht zwangsläufig von Respekt. Gerade ausgesprochene Gründe geben dem Leser manchmal mehr Ansatzpunkte für Widerspruch.

Ich schreibe selbst gerade einen Essay darüber, wie gelesen werden kann. Dabei kann ich nicht erklären und zugleich verkünden, jede klare Erklärung sei schon eine niedrigere Stufe. Fragen lässt sich: Machen diese Worte es dir leichter, zum Original zurückzukehren und selbst zu sehen? Oder lassen sie dich nur schneller meine Ergebnisse übernehmen? Auch die richtige Antwort darauf kann nicht allein der Autor verkünden. Der Leser muss tatsächlich gelesen haben, um es beurteilen zu können.

Konfuzius muss nicht immer an derselben Stelle stehen

Auch die Figuren verändern sich im Buch. Wir haben schon den lehrenden Konfuzius gesehen, den Konfuzius, der seine Grenze anerkennt, und den, der Yan Hui folgen möchte, um das Sitzen im Vergessen zu lernen. Legen wir vorher fest, dass eine Figur immer nur eine Rolle spielen darf, kommen viele Fabeln gar nicht erst hinein. Eine Veränderung kann eine Spur verschiedener Stimmen sein. Sie kann ebenso gut genau das sein, was eine Geschichte erreichen möchte. Zu prüfen ist, wie sie sich in diesem konkreten Geschehen vollzieht – nicht nur, ob die Figur von der Visitenkarte abweicht, die wir für sie schon angefertigt haben.

Anreden, Schreibweisen und die Stellung von Figuren werden also weiterhin betrachtet. Nur sind sie Hinweise, mit denen das Lesen weitergeht. Sie sind keine drei Schlüssel, von denen schon einer den Fall abschließt. ‚Vorläufig nicht entscheidbar‘ muss nicht mangelnde Sorgfalt bedeuten. Manchmal ist jemand gerade sorgfältig bis an das Ende der Belege gelangt.

Wie gut etwas ist und wer es schrieb sind zwei Fragen

Eine spätere Ergänzung kann ausgezeichnet geschrieben sein. Ein Satz, der sich sicher auf einen großen Autor zurückführen lässt, kann dennoch falsch sein, zu kurz denken oder für eine heutige Situation nicht passen. Der Name garantiert nicht den Inhalt; der Inhalt beweist nicht den Namen. Dass uns ein Satz gefällt, zeigt nicht, dass er von einem Berühmten stammen muss. Dass er uns missfällt, erlaubt ebenso wenig, ihn automatisch aus dessen Werk zu entfernen. Heute lässt sich das besonders leicht prüfen: Bei einem zugeschriebenen Zitat suchen wir zuerst Werk, Ausgabe und Zusammenhang. Ist eine ursprüngliche Veröffentlichung oder Aufzeichnung erreichbar, bleiben wir nicht beim ‚Das klingt ganz nach ihm‘. Stil ist nachahmbar. Ein wirklicher Satz kann auch von unserem vertrauten Bild abweichen.

Lässt sich die Quelle nicht finden, behalten wir das ‚Herkunft unsicher‘ bei. Leihen wir einem Satz nicht noch eine ungeprüfte Visitenkarte, nur damit er mehr Gewicht bekommt.

Die nächsten Seiten stellen kein Echtheitszeugnis aus

Dieser Teil wählt lesenswerte Stellen aus und fragt, wie sie sprechen, wie sie sich zu ihrer Umgebung verhalten und warum ich einer bestimmten Spur lieber weiter folge. Wo Urteile über Schichten oder Zuschreibung vorkommen, stehen die Gründe neben ihren Grenzen. Du kannst einer Erklärung der Geschichte zustimmen und die Vermutung über ihre Schichtung zurückweisen. Oder eine von mir behauptete Naht für durchaus flüssig halten. Die beiden Fragen verlangen keine gemeinsame Parteinahme. Su Shi nahm vier Kapitel aus dem Leseablauf heraus, um einen anderen Zusammenhang zu hören. Von seiner ernsthaften Bereitschaft zum Neulesen können wir lernen und uns zugleich das Recht erhalten, sie wieder einzusetzen und erneut zu fragen.

Fragen wir nicht zuerst, welche Seiten herausgerissen werden sollten. Die nächste Seite ist weiterhin des Aufschlagens wert.

Text und Lesart

Diese vollständige deutsche Leserfassung ist auf Grundlage des chinesischen Essays eigenständig geschrieben. Die vorhandene englische Fassung wurde unabhängig verfasst; die vereinfachte und die traditionelle chinesische Fassung enthalten den vollständigen Essay. Das klassische Zitat wird auf Deutsch wiedergegeben, nicht als vollständige Übersetzung des Zhuangzi. Gegenwärtige Vergleiche und weiterführende Überlegungen gehören zur Lesart des Autors. Die Erklärung einer Passage, eine Hypothese über Textschichten und die Zuschreibung an eine historische Person verlangen jeweils eigene Gründe; keine dieser Fragen ersetzt automatisch die andere. Die vier theoretischen Begleitbände sind über die vorhandene englisch-chinesische Forschungsübersicht erreichbar.

Hinweise zur Lektüre

Text und Lesart: Su Shi: Bericht über den Zhuangzi-Schrein.

Die chinesische Seite bewahrt das klassische Zitat; die englische Erzählung wurde für diese Ausgabe neu geschrieben. Gegenwärtige Vergleiche und weiterführende Überlegungen gehören zur Lesart des Autors, nicht zu zusätzlichen Ereignissen, die das Original berichtet.

Zeugnisse der Überlieferung: Buch der Han · Bibliographischer Katalog und Lu Deming: Vorrede zu den Erläuterungen zu den klassischen Texten.

Die Erklärung eines Absatzes, eine Hypothese über Textschichten und die Zuschreibung an einen historischen Autor müssen jeweils ihre eigenen Belege nennen. Sie können einander nicht automatisch ersetzen.