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Non Dubito

Das Zhuangzi neu aufschlagen · 29 · Ein Herz wie ein Spiegel

Nach dem Spiegeln das alte Bild nicht für den Nächsten aufbewahren

Erinnerung darf schützen. Sie muss nicht im Voraus festlegen, wer der Mensch ist, der als Nächster zur Tür hereinkommt.

Han Qin ·

Bevor der nächste Mensch hereinkommt

Gerade ist ein sehr unangenehmes Gespräch vorbei, da geht die Tür wieder auf. Der nächste Mensch hat nichts falsch gemacht. Aber schon bei seinem ersten Satz hörst du deine eigene Ungeduld. Solche Augenblicke erkennen wir wohl ohne viel philosophisches Vorwissen. Das vorige Gespräch ist zu Ende; sein Gefühl sitzt noch auf dem Stuhl. Der später Gekommene weiß nicht, dass er gerade mit zwei Gesprächen zugleich spricht. Fast am Ende von Den Herrschern begegnen hält der Text uns einen Spiegel hin:

Der vollendete Mensch gebraucht sein Herz wie einen Spiegel: Er geleitet nicht nach und eilt nicht entgegen; er antwortet, ohne zu bewahren. So vermag er den Dingen zu begegnen, ohne Schaden zu nehmen.

Das Herz wie einen Spiegel gebrauchen: nicht nachgeleiten, nicht entgegeneilen, antworten und nicht aufbewahren, so den Dingen gewachsen sein, ohne verletzt zu werden. Beim Spiegel denken wir gewöhnlich an klares Sehen. Hier kommt noch etwas hinzu: nach dem Sehen das Bild nicht so lange festzuhalten, bis der nächste Mensch eintritt.

Das Antworten nicht überlesen

Drei Verneinungen fallen ins Auge: nicht nachgeleiten, nicht entgegengehen, nicht aufbewahren. Der Satz besteht jedoch nicht nur aus Zurückweisen und Leermachen. Dazwischen steht ein Antworten. Befindet sich etwas vor dem Spiegel, bildet es sich ab. Auf das Herz übertragen bedeutet das nicht, von nun an ohne Urteil und ohne Reaktion zu sein und alles Geschehen unterschiedslos hinzunehmen. Wenn etwas kommt, bleibt man ansprechbar, statt ein Haus aus sich zu machen, an dessen Tür niemand öffnet. So unterscheidet sich das Nicht-Aufbewahren auch von innerer Erstarrung. Wer sich vor weiterem Schmerz schützt, wagt vielleicht nicht einmal mehr Freude und möchte niemanden mehr an sich heranlassen. Dieser Selbstschutz hat seine Geschichte und verdient keinen Vorwurf. Die einzige Lebensmöglichkeit im Bild des Spiegels ist er dennoch nicht.

Der alte Text stellt Antworten und Nicht-Festhalten nebeneinander. Kontakt soll möglich bleiben, ohne dass jede Berührung auf Dauer ein ganzes Zimmer im Inneren besetzt. Dieser Wunsch kann berühren. Wenn er uns nicht gelingt, brauchen wir daraus nicht schon den nächsten Vorwurf gegen uns zu machen.

Nicht entgegeneilen heißt nicht, niemals vorzusorgen

Das Wort jiang wird hier oft als Nachgeleiten verstanden. ‚Nicht nachgeleiten und nicht entgegengehen‘ beschreibt einen Zustand, in dem man weder hinterherläuft noch das Kommende schon im Voraus ergreift. Im Alltag kann uns das daran erinnern, noch nicht eingetretenen Ereignissen nicht schon die ganze Wirklichkeit zu überlassen. Vorbereitung wird dadurch aber nicht überflüssig. Vor dem Arztbesuch sollten Symptome geordnet, vor einer Besprechung Unterlagen gelesen und beim Abholen eines Kindes die Zeiten geklärt werden. Aus ‚nicht entgegengehen‘ ein Verbot jeder Planung zu machen schafft keinen Spielraum. Es schiebt nur Schwierigkeiten auf das künftige Selbst und andere ab. Der Unterschied liegt weiterhin darin, ob sich die Erwartung ändern darf. Du kannst damit gerechnet haben, dass der andere widerspricht. Noch bevor er spricht, musst du aber nicht festlegen, alles Folgende sei wieder einmal nur sein Widerspruch.

Manchmal braucht ein Gespräch weniger eine noch feinere Vorwegnahme als eine kleine Pause: Das eben klang nicht wie der Satz, den ich erwartet hatte. Lass mich noch einmal hinhören.

Wohin mit dem Vergangenen?

Ein Kollege hat im vergangenen Jahr falsche Unterlagen abgegeben. Jetzt bekommt er wieder eine ähnliche Aufgabe. Dass du dich an den Fehler erinnerst, ist normal und vielleicht nötig. Du kannst eine zusätzliche Prüfung vorsehen, klären, ob er den Auftrag verstanden hat, und ansehen, was sich diesmal geändert hat. Du kannst aber auch gleich beschließen, er sei eben ein unzuverlässiger Mensch. Alles Richtige gilt später als bloßes Glück, jeder neue Fehler sofort als Beweis des alten Urteils. Dieselbe Erinnerung verändert je nach ihrer Stellung die Beziehung. Als gewichtige Information kann sie zusammen mit neuen Tatsachen arbeiten. Als abgeschlossenes Urteil lässt sie neue Tatsachen kaum noch herein.

‚Antworten, ohne zu bewahren‘ darf nicht wörtlich zum Auftrag werden, das Gedächtnis zu verlieren. Der Satz warnt hier davor, den festgehaltenen Eindruck für immer anstelle des Menschen vor uns sprechen zu lassen. Wie lange es nach einem gelungenen Versuch dauert, bis Vertrauen zurückkehrt, lässt sich nicht in einer für alle geltenden Sekundenzahl angeben. Wiederholter Vertrauensbruch unterscheidet sich vom einzelnen Versehen; auch Risiken unterscheiden sich. Wer vorsichtig auf weitere Belege wartet, muss sich deshalb keine Anhaftung vorwerfen lassen.

Manche Bilder müssen wir behalten

Hat der andere dich verletzt, können Aufzeichnungen, das Erkennen wiederkehrender Muster und Grenzen notwendig sein. Niemand muss sich vor jeder Begegnung wieder völlig leeren, damit dieselbe Verletzung erneut die Chance eines ersten Mals bekommt. Einen Menschen nicht endgültig festzuschreiben ist etwas anderes, als ihm wieder Vertrauen zu schenken. Du kannst anerkennen, dass er sich vielleicht ändert, und zugleich beschließen, die Kosten einer Überprüfung dieser Änderung nicht mehr selbst zu tragen. Der Spiegel kann niemandem im Namen anderer Vergebung befehlen. Er garantiert auch nicht, dass keine Wunde bleibt, wenn wir innerlich nichts aufbewahren. Erinnerung, Körper und Beziehungen eines Menschen sind keine Glasscheibe, die sich mit einer Handbewegung blankwischen lässt.

Im ‚ohne Schaden zu nehmen‘ können wir deshalb den alten Wunsch nach unbefangener Begegnung mit den Dingen hören. Eine im wirklichen Leben unfehlbare psychologische Verordnung muss daraus nicht werden. Dass jemand immer wieder an etwas denkt, heißt nicht, er habe die Philosophie nicht ernsthaft verstanden. Manchmal ist es praktischer, sich zeitweilig von dem Spiegel zu entfernen, der immer wieder dieselbe Wunde zeigt, und sie mit Begleitung langsam zu bearbeiten, als sich zum sofortigen Loslassen zu zwingen.

Der Nächste muss nicht für den Vorigen bezahlen

Das Nicht-Verletztwerden lässt sich im alten Satz zunächst auf einen selbst beziehen: den Dingen begegnen, ohne dabei selbst Schaden zu nehmen. Fragen wir weiter, wie auch Menschen in unserer Nähe weniger verletzt werden könnten, führen wir das Bild dieses Essays auf Beziehungen hin weiter. Wir brauchen nicht vorzugeben, der alte Satz habe beide Seiten bereits Wort für Wort erklärt. Eine Lehrerin wurde gerade von einem Schüler belogen. Schon hält sie den nächsten, der seine verspätete Abgabe erklären will, ebenfalls für einen Lügner. Oder jemand ist vom Partner betrogen worden, und jede verspätete Antwort auf eine Nachricht lässt dieselbe Geschichte wieder beginnen.

Solche Reaktionen können verständlich sein. Der gegenwärtige Mensch soll trotzdem nicht automatisch für die Taten eines anderen aus der Vergangenheit einstehen. Erinnerung braucht Fürsorge, Urteile müssen aber auseinandergehalten werden: Die eben aufkommende Angst hat ihren Hintergrund. Was diesmal geschehen ist, muss dennoch gesondert angesehen werden. Niemand muss das augenblicklich können. Manchmal schafft schon ein ‚Ich bin gerade sehr angespannt, lass uns etwas später reden‘ mehr Raum, als die Anspannung unmittelbar zur Anklage zu machen.

Nicht zum Verwalter von allem werden

Vor der Stelle mit dem Spiegel stehen noch weitere Sätze. Wir sollten sie nicht ganz übergehen:

Sei nicht der Sitz des Ruhmes, nicht die Sammelstelle der Pläne, nicht der Träger aller Geschäfte und nicht der Herr des Wissens.

Mache dich nicht zum Mittelpunkt, an dem Ruhm haftet, Pläne sich sammeln, Aufgaben lasten und Wissen herrscht. Wie die einzelnen Wörter zu verstehen sind, lässt sich genauer lesen. Eine gemeinsame Richtung liegt aber darin, den Zugriff zu lösen, nach dem alles durch mich hindurchgehen und mir gehören muss. Nicht bereits zugesagte Verantwortung soll abgelegt werden. Wenn Verantwortungsübernahme jedoch zum einzigen Beweis der eigenen Unentbehrlichkeit wird, kann man selbst bei immer mehr Aufgaben nicht mehr aufhören. Will jemand übernehmen, wird man unruhig. Ist die Sache abgeschlossen, braucht man sie noch immer, damit sie erklärt, wer man ist.

Dann umfasst das Nicht-Aufbewahren mehr als das Loslassen schlechter Eindrücke. Nicht jeder Erfolg muss ebenfalls als neues Identitätsschild gesammelt werden. Etwas erreicht zu haben darf Freude machen. Gelingt es jemandem auf eine andere Weise, braucht sich das nicht anzufühlen, als würde einem ein Stück der eigenen Person weggenommen. Wir erinnern uns an Vergangenes und müssen doch nicht jede alte Leistung abwechselnd zum Wächter unseres heutigen Selbst machen.

Hinter dem Spiegel steht Hundun

In der heute vorliegenden Anordnung der Inneren Kapitel folgt unmittelbar danach die Geschichte von Hundun. Shu und Hu haben seine Gastfreundschaft erfahren und wollen ihm zum Dank die sieben Öffnungen meißeln, die Menschen besitzen. Jeden Tag eine; nach sieben Tagen ist Hundun tot. Nebeneinandergelesen ergeben die Passagen einen scharfen Gegensatz. Vorn steht das Antworten, ohne etwas festzuhalten, hinten das Vervollständigen des anderen nach dem eigenen Bild. Der Spiegel verlangt vom Ankommenden nicht erst eine genormte Gestalt. Die Dankbaren bringen dagegen ihren Maßstab mit und greifen ein. Diese Lesart hat einen Anhalt an der Textfolge. Bewiesen ist damit nicht, dass der Autor unsere ‚sieben Lektionen‘ vorausgeplant hätte. Entstehung und Anordnung der Kapitel bleiben eigene historische Fragen.

Hundun ist auch kein neuer Schüler, der auf einen Lehrer wartet, um durch ihn zu wachsen. Er hat seine eigene Weise des Daseins. Gerade daran lässt die Geschichte den Preis einer selbstgewissen Verbesserung sichtbar werden. Vielleicht muss hier vor allem nicht der Belehrte innehalten, sondern der Mensch, der es mit dem Helfen so eilig hat.

Du musst dir deine Vergangenheit nicht abtrainieren

Damit kommen diese Essays zu den Inneren Kapiteln vorläufig an einen Haltepunkt. Auf dem Weg hat der Spiegel die früheren Geschichten nicht ausradiert. Wir erinnern uns an das Fasten des Herzens, den heiligen Baum, die Reihenfolge der Mitschüler an der Tür und die verschiedenen Seiten, die Huzi Liezi gezeigt hat. Der Abschluss muss deshalb nicht ‚Von nun an bleibt gar nichts zurück‘ lauten. Angemessener wäre vielleicht die Frage: Kann das Zurückgebliebene helfen, etwas Neues zu sehen, statt uns nur schneller zu versichern, wir hätten ohnehin alles schon gesehen? Wenn der nächste Mensch hereinkommt, bringst du selbstverständlich deine Geschichte mit. Er bringt seine mit. Die Begegnung muss keinen Anfang bei null vorspiegeln. Dennoch kann etwas wirklich Neues darin geschehen.

Lassen wir zunächst dafür einen Platz.

Text und Lesart

Diese vollständige deutsche Leserfassung ist auf Grundlage des chinesischen Essays eigenständig geschrieben. Die vorhandene englische Fassung wurde unabhängig verfasst; die vereinfachte und die traditionelle chinesische Fassung enthalten den vollständigen Essay. Klassische Zitate werden auf Deutsch wiedergegeben, nicht als vollständige Übersetzung des Zhuangzi. Die gegenwärtigen Beispiele und die Frage, wie wir andere weniger verletzen, sind ausdrücklich Weiterführungen des Autors. Der Spiegel wird weder zur Forderung nach Gedächtnisverlust oder Vergebung noch zu einem psychologischen Sicherheitsversprechen. Der Zusammenhang mit Hundun stützt sich auf die vorliegende Reihenfolge der Inneren Kapitel, ohne eine ursprüngliche Planung dieser Essays zu beweisen. Die theoretischen Begleitbände sind über die vorhandene englisch-chinesische Forschungsübersicht erreichbar.

Hinweise zur Lektüre

Text und Lesart: Den Herrschern begegnen · Ying di wang.

Die chinesische Seite bewahrt die klassischen Zitate; die englische Erzählung wurde für diese Ausgabe neu geschrieben. Gegenwärtige Vergleiche und weiterführende Überlegungen gehören zur Lesart des Autors, nicht zu zusätzlichen Ereignissen, die das Original berichtet.