Das Zhuangzi neu aufschlagen · 28 · Huzi zeigt vier verschiedene Seiten
Eine Seite gesehen – und schon den ganzen Menschen erkannt?
Jixian sieht Zeichen, sagt eine Zukunft voraus und beansprucht einen Erfolg. Die Erzählung gibt uns Zeit, diese Schritte auseinanderzuhalten.
Der Schüler kommt im Glanz eines anderen zurück
Liezi besucht einen wundertätigen Schamanen und sagt nach der Rückkehr zu seinem Lehrer: Früher habe ich geglaubt, Euer Dao sei das Höchste. Jetzt sehe ich, dass es ein noch höheres gibt. Das ist ein bemerkenswerter Augenblick in Den Herrschern begegnen. Der Schüler wechselt nicht heimlich den Lehrer. Voller Aufregung bringt er die Nachricht geradewegs mit, als habe er eine größere Welt gesehen und warte nun darauf, dass der bisherige Lehrer sie ebenfalls anerkennt. Der Schamane heißt Jixian. Er könne Leben und Tod, Unglück und Glück eines Menschen voraussagen, sogar die Daten genau nennen, als sei er ein göttliches Wesen. Die Menschen von Zheng weichen ihm aus, sobald sie ihn sehen. Liezi dagegen ist hingerissen.
Das sind Fähigkeiten und Ansehen, welche die Fabel ihrer Figur zuschreibt. Es ist kein Bericht, der belegt, dass wirkliche Wahrsagerei die Lebensdauer eines Menschen voraussagen kann. Innerhalb der Erzählung ist Liezi tatsächlich erschüttert. Wir Leser müssen die vermeintliche Kunst deshalb aber nicht in unser Leben übernehmen und ihr unser Urteil über die Zukunft übergeben.
Huzi beschimpft nicht gleich den neuen Lehrer
Huzi sagt zunächst, er habe Liezi bisher nur die äußere Ausgestaltung gegeben, noch nicht die wirkliche Sache. Dennoch bilde der sich schon ein, das Dao erlangt zu haben, trete damit vor die Welt und wolle eifrig Glauben finden. Gerade dadurch gebe er anderen Gelegenheit, ihn zu lesen. Das ist bereits eine Erklärung und zugleich eine Kritik. Huzi bleibt also nicht die ganze Begegnung über stumm, damit der Schüler allein durch die Wirkung seiner hohen Entwicklungsstufe plötzlich versteht. Er bleibt aber auch nicht beim ‚Glaube diesem Mann nicht‘ stehen. Er sagt:
Versuch es und bring ihn mit, damit ich mich ihm zeigen kann.
Bring ihn her, damit er mich ansieht. Die Autorität, die Liezi von seinem Besuch mitbringt, kann sich damit an einem konkreten Gegenüber erproben. Nicht der alte Lehrer erklärt den neuen einfach für weniger hochstehend und verlangt dann vom Schüler eine Seitenwahl. Stattdessen lässt sich ansehen, was mit dessen Urteilen geschieht, wenn er vor jemandem steht.
Beim ersten Mal rückt er den Tod ganz nahe
Nach dem ersten Besuch bei Huzi sagt Jixian draußen, der Lehrer werde wohl nur noch wenige Tage leben. Sein Zustand gleiche bereits feuchter Asche. Liezi geht hinein, weint, bis die Tränen sein Gewand durchnässen, und berichtet dem Lehrer. Diese Tränen sind wichtig. Für Zuschauer kann die Geschichte ein glänzender Wettstreit besonderer Kräfte sein. Liezi hat gerade gehört, dass sein Lehrer sterben werde. Ein hinreichend gewiss ausgesprochenes Urteil verändert zunächst, wie der Zuhörer die nächsten Tage lebt. Huzi erklärt, er habe eben das ‚Muster der Erde‘ gezeigt. Vermutlich habe Jixian die Seite gesehen, auf der sich die Lebenskraft verschließt und verbirgt. Damit sagt er nicht, die Vorhersage des Todeszeitpunkts sei bereits richtig gewesen.
Eine bestimmte Erscheinung wahrzunehmen ist etwas anderes, als die gesamte Zukunft dieses Menschen genau zu kennen. Hier trennt die Erzählung zwei Schritte: Was hat jemand vor sich gelesen, und wie viel hat er anschließend daraus abgeleitet?
Beim zweiten Mal kommt auch der eigene Verdienst hinzu
Am nächsten Tag ändert Jixian sein Urteil: Zum Glück sei Liezis Lehrer ihm begegnet; nun gebe es Rettung, die Lebenskraft zeige sich schon wieder. Er ändert damit nicht nur eine Vorhersage, sondern bezieht die Besserung auf sein eigenes Wirken. Wir haben aber nichts von einer tatsächlichen Behandlung gelesen. Es besteht kein Grund, ihm seiner Wortwahl folgend eine Rettung gutzuschreiben. Huzi erklärt auch diesmal, was er getan hat. Er habe ‚Himmel und Erde‘ gezeigt und damit die Seite hervortreten lassen, auf der die Lebenskraft sich in Bewegung setzt. ‚Vermutlich sah er den Ansatz meines Guten‘, sagt er. Das ist eine Einschätzung dessen, was Jixian wohl gesehen hat, kein Gütesiegel für alles, was dieser behauptet.
Der Text sagt nicht, Jixian betrüge absichtlich. Er garantiert aber auch nicht, dass jeder seiner Sätze wahr ist. Vielleicht ist es nützlicher, nicht sofort eine Schublade für ihn zu finden, sondern einer Bewegung zu folgen: Wie wird aus einem wahrgenommenen Anzeichen erst ein vorausgesagtes Ergebnis und dann ein beanspruchter Verdienst?
Beim dritten Mal sagt er endlich: So kann ich nicht lesen
Am dritten Tag sagt Jixian:
Der Zustand deines Lehrers ist nicht im Gleichmaß. Ich finde nichts, woran ich ihn lesen könnte. Lass ihn erst ins Gleichmaß kommen; dann werde ich ihn erneut lesen.
Der Lehrer sei nicht in einem geordneten Zustand, deshalb könne er ihn nicht lesen; er wolle später wiederkommen. Noch immer liegt das Problem damit beim Beobachteten. Wenigstens erzwingt Jixian aber kein Ergebnis. Sein ‚Ich finde nichts, woran ich ihn lesen könnte‘ ist ein Innehalten. Wir müssen es nicht streichen, um sein späteres Scheitern hervortreten zu lassen. Huzi erklärt, diesmal habe er die ‚große Leere, in der nichts überwiegt‘ gezeigt, und spricht dann von verschiedenen Tiefen des Wassers. Wasser kann still sein oder fließen und sich verschieden zeigen. Keine einzelne Erscheinung hat es deshalb schon zu Ende beschrieben. Die alten Wörter für die innere Übung bleiben dabei anspruchsvoll. Wir sollten sie nicht vollständig gegen eine moderne Persönlichkeitstheorie austauschen.
Beim vierten Besuch steht Jixian noch kaum fest, da flieht er schon verstört. Huzi lässt Liezi hinterherlaufen, doch der holt ihn nicht ein. Warum Huzi ihn verfolgen lässt, wird nicht erklärt. Wir müssen ihm weder Siegeswillen noch Mitgefühl noch ein anderes Motiv zuschreiben.
Weglaufen heißt nicht, verstanden zu haben
Zum Schluss sagt Huzi, er habe sich gezeigt, bevor er je seinen Ursprung verlassen habe: leer und antwortend, wie niederfallend und wie Wellen fließend. Jixian finde keine feste Gestalt mehr, an der er sein Urteil anbringen könne, und fliehe. Das lässt sich als Begegnung einer Kunst, Menschen zu lesen, mit einem nicht zu fassenden Gegenüber verstehen. Eine nachträgliche Einsicht Jixians dürfen wir aber nicht dazuerfinden: Er habe nun endlich die Grenzen seines Verfahrens erkannt. Er kommt nicht zurück und erklärt, was er verstanden hat. Die Flucht mag voller Angst sein; zu Wissen muss sie noch nicht geworden sein.
Ebenso wenig erfahren wir, Huzi habe früher alle Stufen durchlaufen, auf denen Nüyu Buliang Yi begleitet hat. Mehrere Geschichten nebeneinander zu lesen kann sie gegenseitig erhellen. Es erlaubt nicht, die Lerngeschichte einer Figur auf eine andere zu übertragen. Wir können die wichtige Frage behalten, ohne die nicht gegebenen Antworten nachzuliefern: Wie weit trägt ein Urteil, wenn du bisher nur diese eine Seite gesehen hast?
Ein Messwert ist nicht der ganze Mensch
Im Alltag begegnet uns diese Frage oft. Jemand ist im Bewerbungsgespräch nervös und gilt deshalb als nicht belastbar. Ein Kind spricht vor Fremden nicht und soll damit schon bewiesen haben, dass es sich nie gut ausdrücken kann. Nervosität und Schweigen können tatsächlich vorliegen. Zur Situation gehören jedoch auch Ort, Beziehung, Vorbereitung und körperliche Verfassung. Auch gewöhnliche Menschen haben nicht nur eine einzige, unveränderliche Erscheinungsweise. Sie müssen nicht erst zu Meistern werden, um sich unter anderen Bedingungen anders zeigen zu können. Ein Einwand muss deshalb nicht immer mit ‚Du hast dich verguckt‘ beginnen. Er kann auch lauten: Was du gesehen hast, ist wirklich geschehen. Es erklärt aber noch nicht alles, was du im nächsten Satz behauptest.
Noch einmal hinzusehen kann helfen, ebenso ein anderer Anlass, die Erklärung des Betroffenen oder der Vergleich mit Beispielen, die nicht zur Erwartung passen. Nicht weil viermaliges Nachsehen von selbst zum Dao führte. Sondern weil Belege Gelegenheit bekommen müssen, ein Urteil zu verändern.
Manches dürfen wir durchaus direkt anzweifeln
Die Geschichte sollte uns nicht verpflichten, bei jeder einschüchternden Behauptung zuerst ehrerbietig ihren Anwendungsbereich zu würdigen. Manche Aussagen haben überhaupt keine verlässlichen Belege. Manche Schlüsse verwechseln zeitliche Folge und Ursache. Andere fordern ausdrücklich Geld, indem sie Angst erzeugen. Hier dürfen wir direkt nach Gründen fragen oder ablehnen. Ein einzelner eingetroffener Satz garantiert nicht das gesamte Verfahren. Dass jemand überwältigt ist, verpflichtet uns auch nicht, die Wirksamkeit einer Kunst anzuerkennen. Umgekehrt kann eine verlässliche Methode sagen, wann sie etwas nicht weiß. Ein Werkzeug muss nicht immer eine Antwort erzwingen; ein fachliches Urteil beweist sich nicht durch absolute Unbeirrbarkeit.
‚Hier kann ich nicht urteilen‘ verdient manchmal mehr Vertrauen als noch eine kategorische Behauptung. Bewahren möchten wir nicht Verachtung für jede Methode, sondern deren Fähigkeit, sich selbst an einem bestimmten Punkt anzuhalten.
Zum Schluss geht er nach Hause und kocht
Nach Jixians Fortgang ist die Geschichte nicht zu Ende. Liezi meint, mit dem wirklichen Lernen noch gar nicht begonnen zu haben. Er geht heim, tritt drei Jahre nicht hervor, kocht für seine Frau und füttert die Schweine so sorgfältig, als gäbe er Menschen zu essen. ‚Von Schnitzerei und Zier zum Schlichten zurückkehren‘: Von einer ausgearbeiteten Erscheinung führt der Weg zurück in die Einfachheit. So holt das Ende die wunderbaren Vorgänge ins Leben zurück. Als Nächstes zeigt Liezi weder eine noch verblüffendere Fähigkeit noch zieht er aus, um den Sieg des alten über den neuen Lehrer zu verkünden. Er kocht und versorgt Lebewesen, die etwas zu essen brauchen.
Drei Jahre sind die Zeit der Geschichte, kein vorgeschriebener Rückzug für uns Leser. Was Liezi an jedem Tag gedacht hat, wissen wir ebenfalls nicht. Aus der kurzen Erzählung wird kein vollständiges pädagogisches Experiment. Eine Wendung ist aber klar zu sehen: Seine Aufmerksamkeit kreist nicht mehr nur darum, wer der Höchste und Wunderbarste ist. Es muss noch eine Mahlzeit gelingen. Menschen und Dinge unmittelbar vor ihm brauchen nicht erst zu einer Leistung zu werden, bevor sie Sorgfalt verdienen.
Das Staunen ein wenig verlangsamen
Huzi lässt den Schüler hinsehen und erklärt ihm zugleich etwas. Anschauung und Sprache sind keine Feinde, und Erklären wird nicht automatisch zur Eintrichterung. Die Frage ist, ob der Schüler danach selbst besser sehen kann oder nur noch stärker darauf angewiesen ist, dass der Lehrer den Sieger verkündet. Denk nach dieser Begegnung vielleicht an ein Erklärungssystem, das dich zuletzt hingerissen hat. Was hat es tatsächlich erklärt? Was nicht? Ändert es sich angesichts widersprechender Tatsachen, oder schiebt es das Problem immer den erklärten Menschen zu? Solche Fragen müssen dich nicht davon wegführen. Vielleicht helfen sie dir, genauer damit umzugehen. Entscheidend ist: Eine Fähigkeit zu bewundern verlangt nicht, ihr gleich das ganze eigene Leben zu übergeben.
Nach dem Staunen kannst du noch einmal hinsehen.
Text und Lesart
Diese vollständige deutsche Leserfassung ist auf Grundlage des chinesischen Essays eigenständig geschrieben. Die vorhandene englische Fassung wurde unabhängig verfasst; die vereinfachte und die traditionelle chinesische Fassung enthalten den vollständigen Essay. Klassische Zitate werden auf Deutsch wiedergegeben, nicht als vollständige Übersetzung des Zhuangzi. Die heutigen Vergleiche sind Lesarten des Autors, keine zusätzlichen Vorgänge des alten Textes. Die Fähigkeiten des Schamanen gehören zur Einrichtung einer Fabel, nicht zum Nachweis wirklicher Vorhersagen; weder eine Täuschungsabsicht noch eine abschließende Einsicht Jixians oder Huzis ungenannte Motive werden ergänzt. Die vier theoretischen Begleitbände sind über die vorhandene englisch-chinesische Forschungsübersicht erreichbar.
Hinweise zur Lektüre
Text und Lesart: Den Herrschern begegnen · Ying di wang.
Die chinesische Seite bewahrt die klassischen Zitate; die englische Erzählung wurde für diese Ausgabe neu geschrieben. Gegenwärtige Vergleiche und weiterführende Überlegungen gehören zur Lesart des Autors, nicht zu zusätzlichen Ereignissen, die das Original berichtet.