Essay lesen
Non Dubito

Das Zhuangzi neu aufschlagen · 31 · Radmacher Bian

‚Was Ihr lest, ist der Bodensatz der Alten‘

Bian kann nicht alles in die Hände seines Sohnes übertragen. Trotzdem gibt er Gründe – vor einem Herrscher, der bei fehlender Begründung mit dem Tod droht.

Han Qin ·

Oben ein Buch, unten ein Stück Holz

Herzog Huan liest oben in der Halle, Radmacher Bian arbeitet darunter an einem Rad. Einer schaut auf die Worte der Weisen, der andere auf das Holz vor sich. Die beiden könnten einfach ihren Tätigkeiten nachgehen. Doch der Handwerker legt Hammer und Meißel beiseite und geht hinauf. Was lest Ihr? Die Worte der Weisen, antwortet der Herzog. Leben die Weisen noch? Sie sind schon tot. Dann sei das Gelesene, sagt Bian, nur der Bodensatz, den die Alten zurückgelassen hätten. Er berührt damit nicht nur das Buch, sondern auch die Grenze zwischen oben und unten. Die Antwort des Herzogs drängt zwei Ärgernisse zusammen: Ich lese – was hat ein Radmacher darüber zu sagen? Und: Du musst Gründe nennen; kannst du es nicht, stirbst du.

Ich lese ein Buch. Wie darf ein Radmacher darüber urteilen? Hast du eine Erklärung, mag es hingehen; hast du keine, musst du sterben.

Nach Gründen zu fragen kann einen Streit offenhalten. Wer dem anderen für den Fall, dass er keine Gründe nennen kann, den Tod androht, bittet ihn nicht mehr als Gleichberechtigten um eine Erklärung. Was Bian nun sagt, sagt er unter dieser Drohung.

Er nennt tatsächlich Gründe

Bian zieht sich nicht zurück. Er sagt auch nicht bloß, man müsse es eben innerlich erfassen. Er bringt die Erfahrung seiner Radarbeit nach oben:

Ist es zu gelöst, gleitet es leicht und hält nicht fest; ist es zu heftig, sperrt es sich und geht nicht hinein. Weder zu gelöst noch zu heftig: Die Hand erlangt es, das Herz antwortet darauf. Der Mund kann es nicht aussprechen, und doch liegt darin ein Maß.

Die Wörter xu und ji werden hier oft als langsam und schnell wiedergegeben. Man kann sie auch über einen gelösten oder drängenden Krafteinsatz verstehen. Bevor wir daraus eine genaue Arbeitsanweisung machen, bleibt zumindest ein Gegensatz deutlich: Auf der einen Seite gleitet etwas locker, hält aber nicht; auf der anderen sperrt es sich und passt nicht hinein. Das rechte Maß findet sich weder durch beliebige Wahl eines Extrems noch durch das arithmetische Mittel zweier Wörter. Die Hand trifft es, das Herz kann darauf antworten. Dem Mund lässt sich das vollkommen Treffende dennoch nicht vollständig übergeben. Es gibt ein Maß; es geht nicht um reinen Zufall. Aber den Namen des Maßes auszusprechen legt es noch nicht in die Hand eines anderen.

Man kann also nicht behaupten, Bian habe überhaupt keinen Gedanken begründet. Er argumentiert mit einem Vergleich: Meine Fertigkeit enthält etwas, das sich auch durch Sprechen nicht erschöpfend weitergeben lässt. Könnte das bei der Einsicht der Alten ähnlich sein? Wie weit dieser Schluss trägt, ist diskutierbar. Ein begründeter Gedankengang ist er trotzdem. Die Kraft der Geschichte besteht nicht darin, jede Erklärung abzuschaffen. Sie stellt ein Stück Holz daneben, an dem die Erklärung sich messen lässt.

Mit siebzig steht er noch hier

Bian sagt, er könne seinem Sohn diese Fertigkeit nicht hinreichend erklären; der Sohn könne sie auch nicht von ihm übernehmen. Deshalb mache er mit siebzig noch immer Räder. Das Nicht-Weitergeben-Können bleibt so kein bloß schönes Wort. Wir sehen einen noch arbeitenden Menschen und eine Übertragung, die zwischen diesem Vater und diesem Sohn nicht gelungen ist. Der Text sagt allerdings nicht, wie oft der Sohn geübt hat, wie der Vater lehrte oder ob es weitere Schüler gibt. Er beweist weder, dass sich Fertigkeiten grundsätzlich nicht lehren lassen, noch schließt er mögliche Probleme der Lehrmethode aus. Ob Bian verbittert, ergeben oder stolz ist, können Leser verschieden hören. Sein Inneres hat die Geschichte nicht für uns vermessen.

Alter und geleistete Arbeit verleihen seinen Worten Gewicht. Daraus folgt keine Regel, nach der jemand, der sich nicht klar erklären kann, allein wegen seines Leidens glaubwürdig wäre. Wer viel gelitten hat, kann sich dennoch irren. Wer bisher keinen sichtbaren Preis bezahlt hat, kann eine wirkliche Schwierigkeit benennen. Zu prüfen bleibt, worin die angesprochene Schwierigkeit liegt und ob sich die Sache anders fortsetzen lässt.

Der Bodensatz hat einen Stachel

Am Ende treibt Bian den Gedanken weit: Mit den Alten sei auch das Unübertragbare gestorben; die Bücher, die bleiben, seien Bodensatz. Das ist kein sanftes ‚Bücher haben gewisse Grenzen‘. Die Worte setzen ausdrücklich herab, was Herzog Huan verehrt. Wir müssen ihnen den Stachel nicht nehmen und so tun, als sei Bodensatz lediglich eine wertneutrale Ablagerung. Ebenso wenig heißt das Fehlen einer ausdrücklichen Aufforderung, das Lesen einzustellen, dass Bian den Wert des Buches überhaupt nicht bezweifle.

Der Leser muss den scharfen Satz aber nicht bis zum äußersten Ende annehmen. Dass ein Handwerker Schwierigkeiten mit der Weitergabe hat, beweist nicht die Nutzlosigkeit aller Schrift. Bücher bewahren Fragen, Arbeitsschritte, Fehler und die Auseinandersetzungen früherer Menschen. Manchmal bewahren sie einen Hinweis, den jemand erst später versteht. Nicht jede Erfahrung ersetzen zu können heißt nicht, Erfahrung nicht verändern zu können. Zudem begegnen wir Bian heute gerade deshalb, weil diese Geschichte aufgeschrieben wurde. Die kleine Spannung darf bleiben: Schrift bringt uns die Einsicht nahe, dass Schrift vielleicht nicht alles Verstehen vermittelt. Damit muss sie nicht scheitern. Vielleicht tut sie gerade eine begrenzte Sache sehr genau.

Erklärungen können besser werden, Hände müssen trotzdem mitmachen

Stell dir vor, du brätst zum ersten Mal Fisch nach einem Rezept. Hitze und Zeit stehen darin, du hast aufmerksam gelesen, und trotzdem fällt das Ergebnis anders aus. Beim nächsten Mal kannst du eine klarere Anleitung suchen oder jemanden neben dich bitten: Ist die Pfanne schon zu heiß? Zögert die Hand? Unterscheiden sich die wirklichen Zutaten von der Vorführung? Sprache, Vormachen, Werkzeuge und eigene Versuche können gemeinsam helfen. Es bleibt nicht nur blindes Herumprobieren mit geschlossenen Augen. Aber auch hundertmaliges Lesen erspart nicht zwangsläufig den ersten eigenen Handgriff.

Manches Detail lässt sich heute nur unklar beschreiben und später durch Vergleiche, Messungen oder bessere Beispiele genauer sagen. Das ist ein möglicher Weg des Lernens. Eine unablässig wandernde Wissensgrenze hat das Original damit nicht bewiesen. Bian lässt uns auf zwei vorschnelle Gleichsetzungen achten: Ich habe verstanden, also kann ich es; ich kann es wiederholen, also besitze ich schon Urteilskraft. Verstehen ist selbstverständlich ein Fortschritt. Der nächste Schritt liegt aber vielleicht nicht auf der nächsten Seite, sondern in einer Handlung, auf die eine Rückmeldung möglich ist.

Das Unsagbare darf Nachfragen nicht verschließen

Auch auf der anderen Seite liegt eine Gefahr. Ein Lehrer sagt, Fragen nützten nichts, solange du diesen Zustand nicht erreicht hast. Eine Verantwortliche erklärt, das sei alles Erfahrung, du solltest zunächst einfach folgen. Nach dem Fehlschlag trägt dann der vermeintlich einsichtslose Schüler sämtliche Schuld. Bian benennt immerhin zwei überprüfbare Extreme: Zu viel und zu wenig führen zu unterschiedlichen Schwierigkeiten. Wir dürfen auch von Lehrenden verlangen, das Sagbare auszusprechen, etwas vorzuführen und zu kennzeichnen, was unsicher bleibt. Die Berufung auf das Unsagbare darf Lehrende nicht gleich von jeder Verantwortung entbinden.

Nicht jede Sache erlaubt freilich dieselben Versuche. Andere dürfen nicht für unsere Übung die Gefahr tragen, nur damit wir ein Gefühl für etwas bekommen. Sichere Grenzen, Aufsicht, Korrektur und nötigenfalls das Anhalten gehören ebenfalls zum Lernen. Gibt es wiederholt keinen Fortschritt, können wir neben mehr Übung auch Material, Bedingungen und Lehrweise befragen. Die Geschichte ist kein weiterer Antrieb nach dem Motto: Du hast nur noch nicht oft genug Fehler gemacht.

Auch die Erörterung davor verdient eine Lektüre

Die Geschichte steht am Ende von Der Weg des Himmels. Unmittelbar davor wird über Bücher, Sprache, Bedeutung und das gesprochen, dem Bedeutung folgt und das sich nicht vollständig durch Worte mitteilen lässt. Die beiden Schreibweisen sind erkennbar verschieden. Einmal wird unmittelbar erörtert, einmal geraten Herrscher und Handwerker in einen Konflikt. Ich lese lieber von der Geschichte her, weil die Drohung in der Halle, die Werkzeuge in der Hand und der siebzigjährige Handwerker das Problem über ein bloßes ‚Sprache hat Grenzen‘ hinausheben. Leser fragen zugleich, wer die Worte der Weisen erklären und wer einen lesenden Herrscher unterbrechen darf.

Eine bevorzugte Schreibweise beweist jedoch nicht, dass die andere Stelle später eingefügt wurde. Sprachgrenzen zu erklären ist auch nicht automatisch widersprüchlich. Zu sagen, eine Landkarte sei nicht das ganze Gebirge, behauptet nicht, man habe das ganze Gebirge bereits durchwandert. Die entschiedeneren Sätze des vorangehenden Abschnitts bleiben befragbar – Satz für Satz, nicht nach ihrer Länge in echt und unecht sortiert. Der Weg des Himmels spricht auch von Rangordnung und Regierung. Seine Spannungen sind erforschbar. Kapitelname, Anrede oder ‚allzu klare Erklärung‘ reichen aber nicht, um einen bestimmten Satz dem historischen Zhuang Zhou zuzuschreiben. Der erste Schritt dieser Prüfung lässt die verschiedenen Stimmen zunächst auf dem Tisch.

Die Antwort des Herzogs ist nicht überliefert

Bian spricht zu Ende; die Geschichte endet. Ob Huan zornig wird, ihn verschont oder das Buch weiterliest, wissen wir nicht. Sein ‚Ohne Erklärung stirbst du‘ hängt deshalb noch in der Luft. Wir dürfen kein Ende ergänzen, in dem Weisheit die Macht rührt. Ebenso wenig beweist die Tatsache, dass Bian lebend zu Ende sprechen konnte, er dürfe künftig frei sprechen. Was wir anschließend tun können, ist bescheidener. Legen wir unsere gegenwärtige Lektüre neben eine konkrete Sache. Wo macht sie etwas sichtbar? Wo braucht es andere Menschen, Erfahrung und eine neue Frage?

Das Buch darf vorläufig zugeklappt werden; weggeworfen werden muss es nicht. Öffnest du es nach einem eigenen Versuch wieder, hat derselbe Satz vielleicht ein Gewicht, das er vorher nicht hatte.

Text und Lesart

Diese vollständige deutsche Leserfassung ist auf Grundlage des chinesischen Essays eigenständig geschrieben. Die vorhandene englische Fassung wurde unabhängig verfasst; die vereinfachte und die traditionelle chinesische Fassung enthalten den vollständigen Essay. Klassische Zitate werden auf Deutsch wiedergegeben, nicht als vollständige Übersetzung des Zhuangzi. Die gegenwärtigen Beispiele sind Lesarten des Autors, keine zusätzlichen Ereignisse. Aus der Schwierigkeit dieser Übertragung folgt weder die Unlehrbarkeit aller Fertigkeiten noch der gesicherte Nachweis eines später eingefügten Absatzes. Die Geschichte berichtet nicht, wie Herzog Huan nach Bians Erklärung handelt. Die vier theoretischen Begleitbände sind über die vorhandene englisch-chinesische Forschungsübersicht erreichbar.

Hinweise zur Lektüre

Text und Lesart: Der Weg des Himmels · Tian dao.

Die chinesische Seite bewahrt die klassischen Zitate; die englische Erzählung wurde für diese Ausgabe neu geschrieben. Gegenwärtige Vergleiche und weiterführende Überlegungen gehören zur Lesart des Autors, nicht zu zusätzlichen Ereignissen, die das Original berichtet.

Zu Radmacher Bian und den Grenzen sprachlicher Weitergabe: Gesammelte Erläuterungen zum Zhuangzi · Der Weg des Himmels.