Das Zhuangzi neu aufschlagen · 32 · Auch Tiger und Wölfe kennen Menschlichkeit
Höchste Menschlichkeit kennt keine Bevorzugten
Nähe ist kein Fehler. Sie beantwortet aber nicht schon die Frage, wie wir die Menschen außerhalb unseres vertrauten Kreises behandeln.
Plötzlich landet die Menschlichkeit bei Tigern und Wölfen
Der hohe Beamte Dang fragt Zhuangzi nach ren, der Menschlichkeit. Die Himmelsumwälzung nennt ihn ‚Großverwalter Dang von Shang‘; alte Kommentare verstehen Shang hier als Song. Ein Beamter kommt mit einer ernsthaften Frage und erhält diese Antwort:
Tiger und Wölfe sind menschlich.
Wie ist das gemeint, fragt er nach. Väter und Kinder seien einander zugetan, erwidert Zhuangzi; weshalb sollte das keine Menschlichkeit sein? Die Antwort legt einen hochgeachteten Begriff absichtlich weniger hochgeachteten Tieren bei. Bei ‚Menschlichkeit‘ waren wir vielleicht schon auf Weise, Bildung und die besondere Würde des Menschen eingestellt. Mit Tiger und Wolf sind wir bei etwas Gewöhnlicherem: der Sorge für die Nahestehenden. Das ist kein zoologischer Bericht über jedes Verhalten sämtlicher Tiger und Wölfe. Zunächst verwendet der Text die von seiner Geschichte zugestandene Elternliebe für eine Frage an uns: Wenn dein ganzer Stolz allein darin liegt, worin ist deine Menschlichkeit dann eigentlich besonders?
Vier Zeichen führen die Frage weiter
Dang fragt nun nach der höchsten Menschlichkeit.
Höchste Menschlichkeit kennt keine Angehörigen.
Das stößt gegen die erste Antwort. Eben noch waren Väter und Kinder einander nahe und deshalb menschlich. Warum gibt es ganz oben plötzlich keine besondere Nähe mehr? Verstehen wir Menschlichkeit als Gefühl für Angehörige, klingt der Satz verkehrt. Genau so fragt Dang weiter: Ohne Nähe gebe es keine Liebe, ohne Liebe keine Ehrerbietung und Fürsorge gegenüber den Eltern. Sei die höchste Menschlichkeit also ohne diese Pflichterfüllung? Darüber dürfen wir nicht einfach lächelnd hinweggehen. Die Nachfrage holt einen leicht bewunderten Merksatz ins Leben zurück: Was wird dann aus den Eltern? Was aus den Menschen, die wirklich Hilfe brauchen? Vielleicht hat Dang Zhuangzis Sinn noch nicht erfasst. Mit der Frage schützt er für uns aber etwas, das nicht leichtfertig verloren gehen darf.
Nicht jedes Noch-nicht-Verstehen ist bloß ein niedrigerer Entwicklungsstand. Hält ein Satz solcher Nachfrage nicht stand, ist er manchmal einfach noch nicht gut genug erklärt.
Nähe ist keine Schuld, aber auch nicht das Ganze
Folgen wir zunächst einer Lesart: Das ‚keine Angehörigen‘ verlangt nicht, jedes Gefühl einzufrieren. Es fordert ein Leben heraus, das Nähe und Bevorzugung zum höchsten Maßstab erhebt. Du merkst dir, was dein Kind gern isst, weißt, wann ein Freund Gesellschaft braucht, und hörst schneller als Fremde, wenn bei einem Angehörigen etwas nicht stimmt. Diese Beziehungen sind kein Mangel. Sie verletzen auch nicht schon durch ihr Bestehen die Menschen außerhalb. Weniger Zuwendung zu bekommen ist nicht dasselbe wie ungerecht behandelt zu werden. Ein Tag hat begrenzte Stunden, bestimmte Beziehungen bringen besondere Verantwortung mit. Das Kind, das von dir abhängt, nicht zu versorgen, um völlige Gleichbehandlung vorzuführen, muss keine größere Weite sein.
Das Problem liegt anderswo: Machen wir aus ‚Er steht mir näher‘ unbemerkt ein ‚Nur er verdient, ernst genommen zu werden‘? Werden für die eigenen Leute die Möglichkeiten, Erklärungsansprüche und die Sicherheit anderer gleichgültig? Aus der Nähe folgt nicht, dass man zwangsläufig nach außen unmenschlich handelt. Sie garantiert aber auch nicht sämtliche eigenen Handlungen.
Die Menschen außerhalb einer Liste
Stellen wir uns eine Verantwortliche vor, die Mittel für ihr Team beantragt. Sie kennt die durchgearbeiteten Nächte, weiß, wer zusätzliche Aufgaben getragen hat, und möchte diesen Einsatz sichtbar machen. Daran ist nichts falsch. Beschreibt sie aber das andere Team als eine Ansammlung arbeitsscheuer Menschen, damit ihr Antrag leichter durchgeht? Nimmt sie Plätze in Anspruch, die anderen schon zugesagt waren, und erklärt das nur mit ‚Ich muss für meine Leute einstehen‘? Sind Mittel wirklich knapp, lassen sich Aufgaben und Bedürfnisse vergleichen, Reihenfolgen besprechen und Gründe aussprechen. Einmal nicht zum Zuge zu kommen muss für einen Menschen nicht schon Geringschätzung bedeuten.
Anhalten müssen wir vor allem dann, wenn dieser Satz keine weitere Frage mehr zulässt. Die Mühen der Eigenen werden in allen Einzelheiten erzählt, fremde Schwierigkeiten mit einem ‚Darum sollen sie sich selbst kümmern‘ abgetan. Die höchste Menschlichkeit kann hier etwas tun, ohne sämtliche Teams abzuschaffen: Sie lässt Menschen außerhalb der Liste wieder erscheinen. Sie mögen dir nicht nahestehen; ein eigenes Leben haben sie ebenfalls.
Danach hört der Text keineswegs auf
Zitieren wir nur die vier Zeichen und tun so, als hätte der Text dem Beamten die Frage überlassen und sich dann still zurückgezogen, lesen wir eine selbst zurechtgeschnittene Kurzgeschichte. In der geläufigen Fassung folgt eine lange Antwort. Sie führt vom Respekt und der Liebe für die Eltern zum Vergessen der Eltern und dazu, sie einen selbst vergessen zu lassen, dann zum gegenseitigen Vergessen mit der Welt. Am Ende steht ein Zustand, dessen Wohltaten spätere Generationen erreichen, ohne dass die Welt davon weiß. Zugleich wird bezweifelt, ob man sich gezwungen unter moralische Namen stellen sollte. Das geht weiter als ein ‚Alle Menschen gerecht umsorgen‘. Selbst das ständige Bewusstsein, gerade menschlich oder den Eltern gegenüber pflichtgetreu zu handeln, soll sich samt den daran haftenden Namen und Spuren lösen. Unparteilichkeit ist ein möglicher Zugang, nicht der gesamte alte Gedankengang.
Die Eltern zu vergessen heißt deshalb nicht schlicht, ihre Adresse zu vergessen oder die Versorgung aufzugeben. Im Zusammenhang könnte es bedeuten, dass eine Beziehung nicht unablässig die Selbstbeobachtung ‚Ich erfülle gerade meine kindliche Pflicht‘ braucht. Das Essen ist fertig, der Mensch versorgt, ohne dass jede Fürsorge auf einem eigenen Verdienstausweis gesammelt wird. Auch das ist eine Erklärung, kein Satz, der allen Familien die richtige Handlungsweise vorschreibt.
Wird eine Erklärung durch ihre Länge schon schlecht?
Ich mag die Kraft, mit der die höchste Menschlichkeit ohne Bevorzugte einen plötzlich anhält. Kein Katalog einzelner Anweisungen liegt vor; bevor der Leser Ordnung schaffen kann, stehen zwei vertraute Wörter nicht mehr sicher zusammen. Die lange Antwort danach hat tatsächlich einen anderen Rhythmus. Man darf fragen, ob sie zu eilig eine Richtung festlegt oder eine vieldeutige Frage in höhere und niedrigere Stufen einordnet. Dass noch einige Sätze erklärt werden, beweist aber keinen Wechsel des Autors. Die erste Behauptung kann verwirren, die anschließende Erklärung vor einer grausamen Lesart schützen. Mehr Worte nehmen nicht notwendig das Denken weg; wenige Worte geben nicht notwendig Freiheit.
Wer seine Familie seit Jahren versorgt, braucht nach ‚Höchste Liebe macht keinen Unterschied zwischen Nah und Fern‘ vielleicht gerade die deutliche Auskunft: Deine Sorge wird hier nicht verspottet. An einer solchen Stelle Klarheit zu schaffen ist Verantwortung gegenüber dem Leser. Für diesen Essay gilt das ebenfalls. Erkläre ich die vier Zeichen über viele Absätze, kann ich nicht zugleich jede Erklärung zur minderwertigen Schreibweise erklären.
Unparteilichkeit verlangt nicht, sich ganz aufzubrauchen
Eine weitere Umkehr liegt nahe. Nach der Lektüre meint jemand, die Sorge um die eigenen Angehörigen sei nicht rein genug, solange noch ein Fremder ohne Hilfe bleibt. So wird aus einem Hinweis, der Enge lösen sollte, eine nie tilgbare Schuld. Zeit, Körperkraft und Können haben Grenzen. Übernommene Verantwortung darf zuerst erfüllt werden, und wir dürfen zugeben, nicht alles zu schaffen. Den Umfang des eigenen Handelns zu begrenzen erklärt nicht alle Übrigen der Fürsorge für unwürdig.
Wer nicht weiter helfen kann, kann das klar sagen und, soweit möglich, nach jemandem suchen, der übernimmt. Wer ein öffentliches Amt bekleidet, muss außerdem private Nähe und faire Amtsführung unterscheiden. Verschiedene Stellungen verlangen verschiedene Urteile; eine einzige Maxime erledigt sie nicht alle. Weite bedeutet hier nicht, jeden Menschen in den eigenen Kalender aufzunehmen. Sie lässt auch Hilfe von anderer Seite zu, die nicht immer durch einen selbst laufen muss.
Jemand, der eine Angelegenheit erledigen lässt, muss nicht erst dein Freund werden, um die verfahrensmäßig zugesagte Antwort zu erhalten. Du kannst eine Person besser kennen, ohne deshalb jemanden, den du weniger gut kennst, eine Runde länger warten zu lassen. Der Unterschied ist klein und klingt nicht nach der höchsten Wahrheit. Aber in einer Handlung wird tatsächlich sichtbar: Außerhalb des vertrauten Kreises steht jemand.
Ein Zeugnis höchster Menschlichkeit brauchen wir dafür nicht
Dang fragt nach der höchsten Menschlichkeit. Die Geschichte stellt ihm zuerst Tiger und Wölfe vor Augen. Dieser Umschwung erschwert die Beruhigung durch einen schönen Namen: Ich liebe meine Angehörigen, also ist mein gesamtes Handeln bereits menschlich. Es braucht aber auch nicht das umgekehrte Selbstgericht: Sobald ich jemanden bevorzuge, bin ich gar nichts mehr wert. Für einen Menschen vor uns zu sorgen ist etwas konkret Gutes. Daneben kann ein nächstes Hinsehen stehen. Sprechen wir das nächste Mal für die eigenen Leute, können wir den Satz vervollständigen. Worin bestehen ihre Schwierigkeiten, worin die der anderen? Suchst du angemessene Fürsorge oder sollen bestimmte Menschen aus der Diskussion verschwinden?
Die Entscheidung muss sich dadurch nicht zwangsläufig ändern. Nur hat sie dann nicht mehr allein eine vertraute Namensliste für dich getroffen. Außerhalb der Liste ist jemand. Geben wir ihm zunächst die Gelegenheit, seine Gedanken zu Ende auszusprechen.
Text und Lesart
Diese vollständige deutsche Leserfassung ist auf Grundlage des chinesischen Essays eigenständig geschrieben. Die vorhandene englische Fassung wurde unabhängig verfasst; die vereinfachte und die traditionelle chinesische Fassung enthalten den vollständigen Essay. Klassische Zitate werden auf Deutsch wiedergegeben, nicht als vollständige Übersetzung des Zhuangzi. Gegenwärtige Vergleiche sind Lesarten des Autors, keine zusätzlichen Vorgänge. Der längere Fortgang des alten Dialogs bleibt ausdrücklich Teil der Prüfung: Die eröffnende Lesart der Unparteilichkeit erschöpft ihn nicht. Besondere Fürsorge, begrenzte Kräfte und öffentliche Aufgaben werden nicht zu einer einzigen Pflichtformel zusammengezogen. Die vier theoretischen Begleitbände sind über die vorhandene englisch-chinesische Forschungsübersicht erreichbar.
Hinweise zur Lektüre
Text und Lesart: Die Himmelsumwälzung · Tian yun.
Die chinesische Seite bewahrt die klassischen Zitate; die englische Erzählung wurde für diese Ausgabe neu geschrieben. Gegenwärtige Vergleiche und weiterführende Überlegungen gehören zur Lesart des Autors, nicht zu zusätzlichen Ereignissen, die das Original berichtet.
Zur alten Erklärung von Shang als Song: Gesammelte Erläuterungen zum Zhuangzi · Die Himmelsumwälzung.