Das Zhuangzi neu aufschlagen · 33 · Shun fragt Yao
‚Gut ist es schon. Nur noch nicht groß genug.‘
Eine weiterführende Idee muss das bereits Gute nicht entwerten. Vielleicht macht gerade das den nächsten Schritt möglich.
Nehmen wir ihm das bereits Gute nicht gleich wieder weg
Jemand erzählt, wie er für andere sorgt. Sein Zuhörer bereitet bereits die Antwort vor: Das reicht noch nicht. Am leichtesten geht dabei verloren, was schon gelungen ist. Eilig wird die größere Wahrheit ausgepackt, als dürften die kleinen Fürsorgen vor uns nicht mehr zählen, sobald nur die Richtung höher läge. In Der Weg des Himmels fragt Shun Yao, worauf er als Himmelssohn sein Herz richte. Yaos Antwort ist konkret.
Ich verachte nicht, wer sich an niemanden wenden kann; ich lasse die Menschen in Not nicht im Stich. Ich trauere um die Toten, bin den Kindern zugetan und habe Mitgefühl mit den Frauen. Darauf richtet sich mein Herz.
Menschen ohne Anlaufstelle nicht geringachten, Bedürftige nicht verlassen, um die Toten trauern, Kinder lieben und mit Frauen mitfühlen: Hier sprechen Begriffe und Stellungen einer alten Gesellschaft. Wir können nicht alle genannten Menschen schlicht derselben sozialen Schicht zurechnen. Yaos Aufmerksamkeit gilt aber tatsächlich denen, die leicht leiden und Fürsorge brauchen. Das ist kein verifizierter Bericht über Regierungserfolge, sondern die Selbstbeschreibung, welche die Geschichte Yao in den Mund legt. Trotzdem behandelt Shun sie nicht sofort als einen Haufen leerer Worte.
Das Noch-nicht bleibt stehen
Shun sagt:
Schön ist es wohl, aber noch nicht groß.
Gut ist es, nur noch nicht groß genug. Der Satz enthält Anerkennung und Verneinung. Das ‚noch nicht groß‘ bestreitet ausdrücklich, dass ein bestimmter Grad bereits erreicht sei. Um seine Sanftheit zu betonen, dürfen wir nicht so tun, als enthalte er überhaupt keine Verneinung. Wertvoll ist, dass die zweite Hälfte die erste nicht vollständig zurücknimmt. Auch eine falsche Zählung der Zeichen brauchen wir nicht, als hinge die Genauigkeit davon ab, dass der Satz eine bestimmte Kürze erreichte. Es genügt, ihn zu hören: Das Gute, das du beschreibst, erkenne ich an. Und dennoch dürfen wir fragen, ob dies die einzige Weise ist, etwas gut zu tun.
Eine solche Antwort kann weiterhin wehtun. Ob Yao sich einen Augenblick schämt, erfahren wir nicht. Erzählt wird seine nächste Frage: ‚Wie dann?‘ Wie sollte es also sein? Um ihre Bedeutung zu sehen, müssen wir ihn nicht erst zu einem ewig offenen Menschen ohne jede Abwehr machen. Dass er das Gespräch weitergehen lässt, geschieht hier bereits.
Sonne und Mond müssen nicht an jeder Haustür Bescheid sagen
Shuns Antwort ergänzt nicht bloß weitere Gruppen von Hilfsbedürftigen. Er spricht von der Wirkkraft des Himmels, von Ruhe, Sonne und Mond, den Jahreszeiten, Tag und Nacht, ziehenden Wolken und fallendem Regen.
Aus der Wirkkraft des Himmels geht Ruhe hervor. Sonne und Mond leuchten, die vier Jahreszeiten gehen ihren Gang; wie Tag und Nacht ihre Ordnung haben, ziehen die Wolken, und der Regen fällt.
Mit den Bewegungen der Natur löst er Yao ein wenig vom einzelnen Eingreifen und Wohltun. Es können nicht nur dann Menschen leben, wenn ich unablässig auftauche und meine Hand ausstrecke. Ein zugänglicher Gedanke in diesem Bild wäre, das Leben zu stützen, ohne die Unterstützung ständig zum Auftritt des Gebenden zu machen. Regen fällt, Wasser kommt auf die Felder; nicht jeder Halm muss sich zuerst dafür bedanken. Ein Naturbild ist allerdings noch keine fertige Institution. Sonne und Regen entscheiden nicht von selbst über die Verteilung von Mitteln oder darüber, wer bei einem Übergriff eingreifen soll. ‚Wie Himmel und Erde‘ in ein ‚Kümmere dich um nichts‘ zu verwandeln ließe gerade Menschen ohne Anlaufstelle wieder ohne eine solche zurück.
Zunächst verschiebt sich die Weise, Aufmerksamkeit aufzubringen. Wie daraus ein Handeln werden kann, muss sich wieder an den tatsächlichen Begegnungen des Lebens zeigen.
Jeden Notfall lösen – oder weniger Notfälle nötig machen
Stell dir einen Verantwortlichen vor, der jeden Tag die kurzfristigen Krisen im Team auffängt. Hängt jemand in einem Genehmigungsverfahren fest, drängt er auf die Freigabe. Muss jemand dauernd länger arbeiten, bringt er Essen. Kann jemand körperlich nicht mehr, springt er selbst ein. Diese Hilfe ist wirklich. Sie muss nicht ausgelöscht werden, weil er noch geschickter handeln könnte. Kehren aber Woche für Woche dieselben Krisen zurück, darf eine Frage hinzukommen: Weshalb kann normale Arbeit nur durch seine spontane Güte weitergehen? Befugnisse zu klären, unnötige Aufgaben einzustellen und verlässlich planbare Erholung zu ermöglichen ist womöglich weniger auffällig als die nächste ergreifende Rettung. Es lässt die Menschen aber leben, ohne ständig auf einen Helden warten zu müssen.
Damit hat Shun noch kein modernes Managementkonzept entworfen. Wir verwenden vielmehr das Bild von Sonne, Mond, Wolken und Regen, um einen Unterschied im eigenen Leben zu sehen: jedes Mal umsorgt zu werden oder Bedingungen für ein ruhiges Leben zu haben ist nicht völlig dasselbe. Im Notfall bleibt die helfende Hand selbstverständlich nötig. Eine langfristige Verbesserung darf nicht zum Vorwand werden, gegenwärtige Hilfe zu verweigern. Die größere Richtung sollte das konkret Gute aufnehmen können, statt sich auf dessen Kosten darüberzustellen.
Die Reihenfolge lässt einen Platz frei
Die Abfolge dieses Gesprächs verdient Aufmerksamkeit. Shun erkennt zuerst an, dann nennt er das Ungenügende. Erst als Yao nachfragt, führt er seine Antwort aus. Am Ende sagt Yao selbst: ‚Wie verstrickt und unruhig! Du bist mit dem Himmel im Einklang; ich mit den Menschen.‘ Das Unruhige spricht Yao am Gesprächsende aus. Es ist nicht Shuns Etikett zu Beginn. Der Beratene darf selbst sprechen und muss nicht bloß nicken. Allerdings verrät die Reihenfolge auf dem Papier nicht, wie lange Shun absichtlich gewartet hat. Ein geprüftes Training in vier Schritten zum Nachmachen ist sie erst recht nicht. Von seinem Unterrichtsplan erzählt das Original nichts.
Eine Haltung lässt sich daraus lernen: Das spätere Verständnis muss die frühere Mühe nicht hastig verschlingen. Dem anderen darf Raum bleiben, nachzufragen, seine Worte zu ändern oder sogar nicht einverstanden zu sein. Muss seine letzte Antwort haargenau dem vorbestimmten Ergebnis des Lehrers entsprechen, um als eigenes Verstehen zu gelten, ist der freie Platz womöglich bloß aufgemalt.
Auch ohne Nachfrage darfst du erklären
Übertragen wir die Stelle auf Rückmeldungen, müssen wir besonders vor einem neuen Verbot aufpassen: Wenn der andere nicht fragt, darfst du nicht erklären; gibst du eine Methode, nimmst du ihm sein Wachstum. Wirkliche Menschen wissen manchmal nicht, wie sie fragen sollen, oder brauchen gerade eine klare Folge von Schritten. Ein neuer Kollege übernimmt zum ersten Mal eine Aufgabe. Sagst du absichtlich nur ‚Noch nicht groß genug‘ und wartest, bis er selbst dahinterkommt, schiebst du ihm womöglich nur Verantwortung zu. Methoden können Standfestigkeit ermöglichen und zur Kontrolle verwendet werden. Der Unterschied liegt nicht allein darin, ob eine Methode gegeben wird. Sind ihre Gründe besprechbar, ist ihr Vorgehen veränderbar, darf der andere sagen, dass es für ihn nicht passt?
Du kannst fragen: ‚Möchtest du es zuerst selbst versuchen, oder soll ich dir meine Vorgehensweise erklären?‘ Du darfst auch direkt auf eine klare Gefahr hinweisen und anschließend die Gründe erläutern. Bei einem Schaden, der sofort gestoppt werden muss, brauchst du erst recht nicht auf die passende Nachfrage zu warten. Respekt verlangt nicht, jede Hilfe auf Umwegen anzubieten. Nach der Erklärung muss der andere noch als Mensch zählen und darf nicht bloß auf die Rolle reduziert sein, deine Vorstellungen auszuführen.
Das Lob darf kein falsches Polster sein
Manche Rückmeldung klingt höflich: Am Anfang stehen immer zwei lobende Sätze, am Ende wird der andere vollständig verworfen. Nach einiger Zeit kündigt schon ein ‚Das hast du gut gemacht‘ die schlechte Nachricht an. Das ‚Schön ist es wohl‘ darf deshalb nicht bloß zur Eröffnungsformel werden. Anerkennung muss etwas Bestimmtes anerkennen: welches Urteil zuverlässig war, welche Fürsorge wirklich geholfen hat, welche Mühe bewahrt werden sollte. Anschließend ist zu sagen, was sich ändern soll und warum es nicht genügt. Vielleicht bestehen Grenzen, die du nicht gesehen hast. Wer ständig Brände löscht, weiß möglicherweise längst, dass sich der Ablauf verbessern müsste, hatte aber nie die Befugnis dazu.
Wer in einer Rückmeldung nur Verantwortung nach unten reicht und die Bedingungen nicht gemeinsam ansehen will, lässt den anderen trotz allen sanften Tones mit dem Noch-nicht-groß allein. Bewahren möchten wir nicht eine angenehmer klingende Kritik, sondern ein Gespräch, in dem beide noch Tatsachen ergänzen können.
Eine gute Stelle macht ihre Nachbarn nicht unecht
In Der Weg des Himmels steht das kurze Gespräch neben längeren Erörterungen der Regierung. Mir gefällt, dass Yaos Fürsorge nicht verspottet wird und das Problem dennoch einen Schritt weitergeht. Das abstrakte Nicht-Handeln tritt in die Abfolge der Worte zweier Menschen ein. Das erlaubt einen Vergleich beim Lesen, aber noch keine Prüfung der Autoridentität. Auch Shun erklärt, urteilt und gibt eine Richtung an. Er verzichtet nicht gänzlich auf Gründe. Andere Stellen, die unmittelbar erörtern, widerlegen sich nicht zwangsläufig schon deshalb, weil sie handelnd vom Nicht-Handeln sprechen.
Zudem folgt dem Gespräch in der geläufigen Fassung noch eine Zusammenfassung zu Himmel, Erde und Regierung. Nach Yaos Worten bleibt keineswegs nur noch Schweigen. Dass uns der vorherige Rhythmus gefällt, dürfen wir sagen; missfällt uns die nachfolgende Zusammenfassung, dürfen wir Gründe nennen. Nur sollten wir sie nicht verbergen, um unsere bevorzugte Schreibweise zu beweisen. Wir unterscheiden, wie Wörter das Lesen beeinflussen. Für weitere Aussagen über Entstehungsschichten sind weitere Belege nötig.
Das Gute darf mitkommen
Nach der Lektüre brauchst du nicht sofort einen Satz zu finden, der einen anderen Menschen erleuchtet. Vielleicht hilft es mehr, an ein bevorstehendes Gespräch zu denken. Was hat der andere schon geleistet? Was möchtest du weiter befragen? Kannst du die offene Frage klar aussprechen, ohne das bereits Geleistete damit vollständig zu entwerten? Yaos Antwort ist nicht ungültig geworden. Shuns Antwort ist auch kein neues Blatt, auf dem sämtliche Einzelheiten schon gelöst wären. Dazwischen öffnet sich eine Richtung, in der die Aufmerksamkeit weitergehen kann. Manchmal macht nicht das endlich gehörte ‚Du liegst vollständig falsch‘ einen nächsten Schritt möglich.
Sondern das Wissen, dass das bereits Geleistete auf dem Weg nach vorn nicht als lächerliche Vergangenheit zurückgelassen werden muss.
Text und Lesart
Diese vollständige deutsche Leserfassung ist auf Grundlage des chinesischen Essays eigenständig geschrieben. Die vorhandene englische Fassung wurde unabhängig verfasst; die vereinfachte und die traditionelle chinesische Fassung enthalten den vollständigen Essay. Klassische Zitate werden auf Deutsch wiedergegeben, nicht als vollständige Übersetzung des Zhuangzi. Gegenwärtige Vergleiche sind Lesarten des Autors, keine zusätzlichen Ereignisse. Yaos Selbstbeschreibung ist kein geprüfter Regierungsbericht; die Reihenfolge des Dialogs ist kein Nachweis eines absichtlich eingesetzten, allgemein gültigen Unterrichtsprogramms. Die weiterführende Erörterung der überlieferten Fassung wird nicht verborgen. Die vier theoretischen Begleitbände sind über die vorhandene englisch-chinesische Forschungsübersicht erreichbar.
Hinweise zur Lektüre
Text und Lesart: Der Weg des Himmels · Tian dao.
Die chinesische Seite bewahrt die klassischen Zitate; die englische Erzählung wurde für diese Ausgabe neu geschrieben. Gegenwärtige Vergleiche und weiterführende Überlegungen gehören zur Lesart des Autors, nicht zu zusätzlichen Ereignissen, die das Original berichtet.