Das Zhuangzi neu aufschlagen · 34 · Bole und die Pferde
Es heißt gute Behandlung – doch mehr als die Hälfte der Pferde ist tot
Wird eine Fertigkeit bewundert, dürfen die Verluste hinter ihrem Ergebnis trotzdem nicht verschwinden.
Schon vor Boles Ankunft haben die Pferde ein Leben
Am Anfang von Pferdehufe steht kein Pferd, das tausend Li zurücklegt, kein Wettkampf und kein Genie, das auf den entdeckenden Blick wartet. Da sind nur Hufe, Fell, Gras und Wasser.
Die Hufe der Pferde können über Reif und Schnee gehen, ihr Fell hält Wind und Kälte ab. Sie fressen Gras, trinken Wasser, heben die Füße und laufen umher. Das ist die wahre Natur der Pferde.
Die Pferde gehen über Reif und Schnee, schützen sich mit ihrem Fell gegen die Kälte, fressen, trinken und setzen ihre Füße voreinander. Ein Leben ist schon vorhanden. Es bekommt seinen Inhalt nicht erst dadurch, dass Menschen ihm einen Zweck zuweisen. Das alte Bild ist selbstverständlich keine heutige Anleitung zur Pferdehaltung. Es beweist auch nicht, dass Pferde in jeder Umgebung ohne Versorgung auskommen. Zunächst trifft der Text eine Entscheidung für unser Lesen: Bevor der Fachmann auftritt, sollen wir sehen, wie die Lebewesen, die er gleich behandeln wird, bereits leben. Anschließend heißt es, auch hohe Terrassen und große Häuser nützten den Pferden nicht. Was Menschen als stattliche Gabe ansehen, muss nicht das sein, was dem anderen gerade fehlt.
Erinnern wir uns an diesen Anfang, hören wir bei ‚Ich mache es besser‘ nicht mehr so leicht nur auf den späteren Plan.
Hinter dem Können stehen zwei Zahlen
Bole kommt und erklärt, er verstehe sich auf die Behandlung von Pferden. Dann folgen Brennen, Scheren, Schneiden, Kennzeichnen und Fesseln sowie die Einordnung in Futterplätze und Ställe. Wie die einzelnen alten Tätigkeitswörter genau zu erklären sind, lässt sich in den Kommentaren nachlesen. Bei aller Unterscheidung bleibt die unmittelbar anschließende Zahl stehen:
Zwei oder drei von zehn Pferden sind schon gestorben.
Zwei bis drei Zehntel sind tot. Danach werden sie hungrig und durstig gehalten, zum Laufen getrieben und in Reihen geordnet, vorn mit Fesseln, hinten mit der Peitsche. Eine zweite Zahl folgt:
Und schon ist mehr als die Hälfte der Pferde gestorben.
Nicht genau die Hälfte, sondern bereits mehr. Das sind Zahlen einer Fabel, keine Statistik, aus der sich die Sterblichkeit beim alten Pferdetraining errechnen ließe. Sie stellen hinter jede neue Ordnung einen Verlust, der nicht aus dem Ergebnis gestrichen werden darf. Jetzt sind sie ordentlich – und dann? Gut verwendbar – und dann? Wie viele Pferde leben noch?
Wer nennt die Behandlung gut?
Weil Bole kulturell als Pferdekenner bekannt ist, darf nicht jeder seiner Schritte in dieser Geschichte schon als richtige fachliche Maßnahme gelten. Damit würden wir dem Text eine technische Beglaubigung hinzufügen, die er nicht liefert. ‚Ich verstehe mich auf Pferde‘ ist zunächst die Selbstaussage einer Figur. Später heißt es auch, Generationen hätten sein gutes Behandeln gelobt. Gerade die Nachbarschaft von Ruf und Tod lässt das Wort ‚gut‘ fraglich werden.
Das Original beweist weder, dass das Beschneiden der Hufe Risse verhindert habe, noch zählt es die Vorteile jedes Eingriffs auf. Es sagt auch nicht, Bole handle sicher aus guter Absicht. Wir können nach Schaden im Namen der Fachkunde fragen, dürfen aber nicht erst jeden Schritt rechtfertigen und den Tod anschließend zum unerklärlichen Unfall machen. Später nennt der Text ausdrücklich Boles Schuld. Ihn verantwortlich zu machen widerspricht der Passage also nicht. Ihn nur zum bösen Menschen zu erklären liest sie vielleicht nicht weit genug. Zu behaupten, sie verbiete jede Kritik an ihm, verengt sie aber ebenfalls. Schwieriger ist die Frage: Wenn etwas allgemein als Können gilt, wer darf dann noch fragen, wem es eigentlich dient?
Ton und Holz führen die Frage weiter
Ein Töpfer bringt Ton in regelmäßige Formen, ein Zimmermann richtet Holz nach Maß krumm oder gerade. Der Text fragt jedoch:
Verlangt die Natur von Ton und Holz etwa danach, Zirkel, Winkelmaß, Haken und Richtschnur zu entsprechen?
Wollen Ton und Holz von sich aus diese Formen annehmen? Damit ist kein menschlicher Wunsch des Holzes bewiesen. Eine Gegenfrage trennt vielmehr das Ziel des Handwerkers vom vorherigen Zustand seines Materials. Ein passendes Ergebnis zeigt, dass eine Bearbeitung erfolgreich war. Es zeigt nicht, dass das Bearbeitete vorher schon eben diese Eignung erstrebte. Bei Menschen wird der Unterschied noch wichtiger. Wer als Schüler die Vorlage ausgeführt hat, kann dabei etwas gelernt haben. Vielleicht hat er aber auch nur gelernt, Vorwürfen auszuweichen. Gleich aussehende Ergebnisse müssen nicht dasselbe innere Geschehen enthalten.
Von außen zu kommen bedeutet trotzdem nicht automatisch Unterdrückung. Ein Mensch kann sich selbst für eine Fertigkeit entscheiden, gemeinsame Regeln annehmen und das Gelernte zur eigenen Fähigkeit machen. Es geht um Raum für Verstehen, Wahl, Rückmeldung und Änderung – nicht darum, schon jeden Maßstab für schuldig zu erklären.
Was sagt die zweite Hälfte?
Pferdehufe hört nach den beiden Todeszahlen nicht auf. Es erklärt ausdrücklich, darin liege der Fehler derer, die die Welt regieren. Dann entwirft es eine Welt selbstgenügsamen Ackerns und Webens, in der Menschen mit den anderen Wesen zusammenleben, und kritisiert, wie Riten, Musik, Menschlichkeit und Gerechtigkeit das Leben verzerren. Das ist scharfe Zivilisationskritik, nicht bloß ein ‚Bitte sanfter ausbilden‘. Sogar die Herstellung von Geräten und die rituelle Ordnung werden mit der Beschädigung des Einfachen verbunden. Wir können dem Gedankengang nicht in allem folgen und fragen, ob wir selbst das Bild eines Lebens ohne Straßen und Brücken erstreben. Dass es keinerlei Gründe enthalte, lässt sich aber nicht behaupten.
Im Gegenteil: Der Text zeigt die Pferde und erklärt zugleich, wie wir sie mit Politik zusammendenken sollen. Geschichte, Bild und Erörterung setzen einander hier fort. Ich möchte damit andere Texte betrachten, weil das gute Regieren darin an seinen Folgen geprüft werden muss. Dieses Argument trägt besser als ‚Es erklärt nie etwas, also muss es echt sein‘. Der Name des historischen Autors lässt sich mit der bevorzugten Schreibweise allein nicht besiegeln.
Ein Widerstand, den die Ausbildung erst hervorbringt
Eine weitere Schicht wird häufig übersehen. Die Pferde fressen und trinken ursprünglich, suchen einander in der Freude und schlagen oder wehren ab, wenn sie zornig sind. Unter menschlich gesetzter Kontrolle lernen sie dann nach dem Text verschiedene Weisen, damit umzugehen, Widerstand zu leisten und Fesseln loszuwerden. Er bezeichnet diese Fertigkeiten sogar als Dieberei. Nun geht es nicht nur um die Zahl der Toten, sondern auch darum, was aus den Überlebenden geworden ist. Ist manches später als Unart verzeichnete Verhalten vielleicht gerade durch die Ausbildungsweise entstanden?
Ein heutiger Vergleich wäre ein Team, das nur gute Nachrichten melden darf. Mit der Zeit lernen alle, Fortschritte zu schönen und Schwierigkeiten auszuweichen. Die Leitung beklagt dann die mangelnde Ehrlichkeit, fragt aber nie, was mit Menschen geschah, die früher die Wahrheit aussprachen. Damit wird persönliche Verantwortung nicht bei jeder Täuschung abgeschafft. Sie darf nur nicht bei demjenigen enden, der zuletzt den sichtbaren Schritt tat. Eine Anordnung ist auch danach zu beurteilen, wozu sie fortwährend ermutigt und was sie bestraft.
Kosten müssen ausgesprochen werden dürfen
Einarbeitung, Kompetenzmodelle und bewährte Verfahren können wirklich helfen. Ein klarer Ablauf schützt Neue mitunter davor, von Dienstalter und Privatbeziehungen beherrscht zu werden. Eine Sicherheitsregel kann Menschen schützen, die sich nicht zu widersprechen trauen. Wir dürfen daher nicht aus jeder heutigen Übung nach dem alten Text Boles Peitsche machen. Ebenso wenig beendet das Wort ‚Entwicklung‘ im Zweckfeld die Frage nach dem wirklichen Vorgehen. Konkrete Fragen sind möglich: Werden die Lernenden selbständiger im Urteilen? Lässt sich die Methode nach einer benannten Schwierigkeit ändern? Erhalten Menschen, die etwas noch nicht schaffen, Hilfe oder gelten sie bloß als Last? Ist der Ausstieg oder ein anderer Weg mit Demütigung verbunden?
Erfolg und Kosten sollen beide in die Diskussion eingehen. Das Original zeichnet keine Tabelle, in der Tote fehlen; dieses Bild gehört zu unserem heutigen Vergleich. Auch eine bessere Tabelle löst nicht automatisch alles. Betroffene sprechen zu lassen bringt uns jedoch näher an die Tatsachen als bloß ordentliche Zahlen. Manche Verluste kann ein besseres Ergebnis der nächsten Runde nicht ausgleichen. Erst wenn das anerkannt wird, ist ein wirkliches Anhalten möglich.
Fürsorge muss sich nicht durch Nichtstun rechtfertigen
Wird jemand verletzt, dürfen wir nicht aus Angst vor Übergriffen jede Hilfe verweigern. Notwendige Versorgung, Erklärung von Risiken und gemeinsames Besprechen sind etwas anderes, als den anderen bequem für den eigenen Gebrauch umzuformen. Beides kann sich allerdings vermischen. Ein Training kann Fähigkeiten und Lasten zugleich vermehren. Ein Maßstab kann schützen und Menschen ausschließen, die ihm nicht entsprechen. Wir können nicht im Voraus jede Maßnahme der reinen Güte oder dem reinen Bösen zuordnen und danach keine Veränderungen durch die Anwendung mehr ansehen.
Eine Sicherheitsliste für heutige Fürsorge liefert der alte Text nicht. Er hinterlässt eine Frage: Hast du mit deinem ‚Zu seinem Besten‘ gehört, wie der andere gerade lebt? Wenn die Methode geändert werden muss, erkennst du dann auch die Grenze deines Könnens an? Bei Menschen gilt das besonders. Sie ertragen nicht nur das Ergebnis der Ausbildung. Sie können ihre eigenen Zwecke erläutern, bestimmte Kosten ablehnen und Möglichkeiten vorschlagen, an die du noch nicht gedacht hast.
Noch einmal zu Gras und Wasser
Nach der Lektüre haben die unscheinbaren Dinge am Anfang Gewicht bekommen. Gras fressen, Wasser trinken und die Füße voreinandersetzen sind keine leere Vorstufe vor dem Erfolg. Darin geschieht schon Leben. Möchten wir einem Menschen helfen, könnten wir zuerst sehen, was er bereits schätzt und was er trägt. Lassen wir den ausgebreiteten Plan des Besseren das nicht ganz verdecken. Können ist kostbar. Wenn es aber gerade sein Gegenüber verschwinden lässt, ist das wichtigste Können vielleicht, anzuhalten und das Hinsehen neu zu lernen.
Text und Lesart
Diese vollständige deutsche Leserfassung ist auf Grundlage des chinesischen Essays eigenständig geschrieben. Die vorhandene englische Fassung wurde unabhängig verfasst; die vereinfachte und die traditionelle chinesische Fassung enthalten den vollständigen Essay. Klassische Zitate werden auf Deutsch wiedergegeben, nicht als vollständige Übersetzung des Zhuangzi. Gegenwärtige Vergleiche sind Lesarten des Autors, keine zusätzlichen Ereignisse. Die Todeszahlen gehören zur Fabel, nicht zu einer historischen Statistik der Pferdeausbildung. Weder technische Rechtfertigungen der einzelnen Eingriffe noch Boles gute Absicht werden hinzuerfunden; die weitergehende Zivilisationskritik wird nicht auf sanfteres Training verkürzt. Die vier theoretischen Begleitbände sind über die vorhandene englisch-chinesische Forschungsübersicht erreichbar.
Hinweise zur Lektüre
Text und Lesart: Pferdehufe · Ma ti.
Die chinesische Seite bewahrt die klassischen Zitate; die englische Erzählung wurde für diese Ausgabe neu geschrieben. Gegenwärtige Vergleiche und weiterführende Überlegungen gehören zur Lesart des Autors, nicht zu zusätzlichen Ereignissen, die das Original berichtet.